Leserthemen

Stille Stärken – ein Gedicht

Ich freue mich sehr darüber, dass Antje Bothin ein Gedicht und das dazu passende Bild als Gastbeitrag für den Blog zur Verfügung gestellt hat.

Ihr Angebot, auf diese Weise ihre Erfahrungen mit
anderen zu teilen, um noch mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Sprechblockaden zu lenken, habe ich sehr gerne angenommen.

Antje Bothin

Stille Stärken

Manche Menschen sind einfach still
Und das ist nicht unbedingt schlecht
Etwas sagen wann immer man will 
So ist es meistens ganz recht.

Im Zuhören und Beobachten
Da sind sie richtig toll
Sie können gut Dinge betrachten
Und zuverlässig sind sie meist voll.

Sehr aufmerksam an allen Tagen
hochkonzentriert und tiefgründig
Interesse an so manchen Fragen
Führungsstark und ordentlich.

Ein bisschen Perfektionismus
Und dazu ein Schuss Kreativität
Schreiben steigert ihren Energiefluss
Sie mögen das Computer-Gerät.

Liebenswert und fürsorglich 
Oft wird das Alleinsein gewählt
Lernfreudig und gut zu sich
So dass der Spaß nicht fehlt.

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Persönliche Entwicklung

Wie ich beinahe keinen Podcast gestartet hätte…

Warum ich die Geschichte mit dir teile, wie ich fast gescheitert wäre beim Versuch, einen Podcast zu machen?

Zwei Gründe:

  1. Weil es sehr gut zeigt, warum man Sprechblockaden längst komplett hinter sich gelassen haben kann - um dann festzustellen, dass einem trotzdem noch hin und wieder die Worte fehlen.
  2. Weil es (mir) mal wieder gezeigt hat, wie schnell ein Problem aus der Welt geschafft werden kann, wenn jemand (mir) die richtigen Fragen stellt.

Die Geschichte vom Scheitern

Da war diese Idee...

Jemand müsste mal zusammenhängend und in einfachen Worten erklären, was mutistische Blockaden sind und was für die ganzen Missverständnisse rund um die ungewollte Sprachlosigkeit sorgt.

Müsste echt mal jemand machen. Ein Podcast wäre super dafür - weil dann jeder genau dann reinhören könnte, wenn er Zeit hat oder nebenbei den Haushalt macht oder Auto fährt oder...

Eigentlich könnte ich mal einen Mutismus-Podcast starten...

Seit ungefähr 2018...

Seit mehr als zwei Jahren dachte ich ganz regelmäßig: Ich sollte endlich meinen Mutismus-Podcast an den Start bringen.

Und jedes Mal dachte ich sofort: "Jetzt nicht. Keine Zeit..."

Klar. Gerade am Anfang dauert das alles und kostet einige Nerven. Da fand ich es besser, es nochmal für ein paar Wochen aufzuschieben.

Corona machte den Kalender leer - und meine beste Ausrede ist weg

"Keine Zeit" kann ich jetzt nicht mehr behaupten. Denn durch die Verlagerung aller Arbeit ins Home-Office kann ich mir Zeit dann nehmen, wenn ich sie mir nehmen möchte. Bis Mitte 2021 sind alle meine Seminare durch Online-Veranstaltungen ersetzt oder auf unbestimmte Zeit verschoben worden - also habe ich keine Reisezeiten und Auswärts-Übernachtungen mehr und keine Wochen im Seminarraum, nach denen ich völlig erschöpft bin.

"Ich müsste endlich den Mutismus-Podcast starten."

Alle Hindernisse ausgeräumt. Jetzt müsste ich wirklich nur noch starten!

Einige Wochen waren mit Vorbereitungen und Technik-Gedöns ins Land gegangen.

Dann war alles so weit vorbereitet, dass ich nur noch die Folgen einsprechen musste.

"Ähöööm. Hust. Hüstel."

...dass ich nur noch die Folgen HÄTTE einsprechen müssen.

Weil: Als ich mich hinstellte und das Mikrofon vor der Nase hatte, waren die Worte plötzlich weg.

Ich konnte keinen vollständigen Satz in dieses Mikrofon sprechen...

Ich konnte genau genommen nicht mal unfallfrei einen Satz ablesen, während ich da stand mit dem Mikrofon vor der Nase.

Dass man Podcasts im Stehen aufnehmen soll, hatte mir übrigens eine Sprech-Trainerin empfohlen. Weil dann die Atmung tiefer und die Stimme angenehmer ist und weil der Körper sich freier bewegen kann, was sich wiederum auf den Stimmklang positiv auswirkt.

Also stellte ich mich hin, Mikrofon im Abstand von einer Handbreite vor dem Gesicht (wegen dem guten Klang) und...

Nix.

Monatelang. Nix.

Von Juli bis Mitte September habe ich erst regelmäßig probiert, etwas aufzunehmen. Dann immer seltener - schließlich war längst klar: Geht nicht.

Ich habe mich so geschämt.

Vor allem, weil ich schon einigen Kolleginnen erzählt hatte, dass ich ab 1. September einen Podcast haben werde.

Boah. Das war so peinlich - erst hatte ich große Töne gespuckt und nun konnte ich wegen einem dämlichen Mikrofon nicht sagen, was ich sagen wollte.

Dann kam sie - DIE Frage...

"Sag mal, wie geht's dir denn eigentlich mit dem Podcast?"

Die Coach-Kollegin hatte es ganz beiläufig gefragt. Ich hätte mit einem entspannten "Keine Zeit" reagieren und das Thema beiseite wischen können.

Aber ich fühlte mich ertappt und habe sofort angefangen, mich zu rechtfertigen.

Glücklicherweise sind Coaches aber darin geübt, mit solchen Situationen umzugehen. Und meine Kollegin hat mich gefragt, ob sie kurz aus der Kolleginnen-Rolle in die Coach-Rolle schlüpfen dürfte.

Das Coaching

Mir war dieser Moment so peinlich. Aber ich habe doch zugestimmt, dass wir den Kolleginnen-Tratsch spontan zum Coaching-Termin umfunktionierten.

Und meine Coach - es gibt dafür keine weibliche Bezeichnung - hat ganz übergangslos ihre Frage gestellt:

"Was ist anders, wenn du am Mikrofon stehst und dich nicht ausdrücken kannst?
Wodurch unterscheidet sich dieser eine Moment von all den anderen Momenten, in denen du sprechen kannst - im Seminar, im Webinar, in Video-Aufzeichnungen, Gesprächen, Interviews...?"

Ich wusste innerhalb eines Sekundenbruchteils, was sie meinte.

Es gibt diesen einen Unterschied, der den Unterschied macht zwischen Sprechblockade und Drauflosquatschen.

Bezogen auf diese Podcast-Mikrofon-Situation blitzte bei mir spontan ein Bild im Kopf auf:

Ich bin in der dritten Klasse - erste Reihe, ganz vorne. In einem geringen Abstand vor mir der Lehrer, der mich auffordert, aufzustehen und das Gedicht aufzusagen. Die ganze Klasse schaut und hört zu, aber ich kann keinen sehen, weil ich ja ganz vorne stehe. Ich soll da stehen und den vorbereiteten Text aufsagen, während alle hinter meinem Rücken darüber urteilen und der Lehrer eine Note gibt.

Und es geht nicht.

Die zweite Coach-Frage war nur noch der Vollständigkeit halber - ich hätte sie eigentlich gar nicht mehr gebraucht:

"Was müsste anders sein, damit du den Podcast aufzeichnen kannst und dich dabei wohl fühlst?"

Die Geschichte vom Erfolg

Ich mach die Aufnahmen jetzt im Sitzen.

Ganz einfach - und ich wäre allein im Leben nicht drauf gekommen, dass mich die Vorstellung vom Aufstehen und vor einem unsichtbaren Publikum sprechen wieder zur Grundschülerin mit Sprechblockade gemacht hat.

Insgesamt hat dieses Coaching weniger als fünf Minuten gedauert. Seitdem nehme ich meine Podcast-Folgen auf, eine nach der anderen.

Die ersten Aufnahmen fühlten sich unentspannt an. Das kann ich nicht leugnen. 

Aber sprechen ging jetzt und nach einigen Anläufen hatte ich auch Tonmaterial, das ich gerne und selbstsicher veröffentlichen konnte.

Es war halt etwas, was ich so noch nie zuvor gemacht hatte.

Aber die Blockade war weg.

Mein Mutismus-Podcast ist am 1. Oktober an den Start gegangen und hat bereits bemerkenswert viele Hörer. Ich habe auch eine Menge Rückmeldungen bekommen und alle haben mir positives Feedback gegeben.

Jetzt bin ich also endlich Podcasterin. 🙂

Was ich daraus gelernt habe...

1.

Wenn's nicht geht, geht's nicht.

Das hat sich nicht geändert - und wenn es mir mal wieder passiert, dann nenne ich das augenzwinkernd "Aufschieberitis".


Aber im Grunde ist es eben doch eine Blockade.


Eine Blockade, wie sie vermutlich jeder in einem oder mehreren Bereichen seiner Arbeit bzw. seines Lebens kennt.

2.

Die Lösung ist simpel - aber allein kommt man nicht drauf.

Für mich war das Problem riesig. Ich muss mich ans Mikrofon stellen und dann kann ich nicht denken und nicht sprechen. Katastrophe!!!


Niemals hätte ich gedacht, dass das, was den Unterschied macht, soooo banal wäre.


Vielleicht hätte ich mein restliches Leben lang gedacht, dass ich halt einfach zu blöd zum podcasten bin - und mich die ganze Zeit unsagbar dafür geschämt.

3.

Gute Fragesteller sind das Beste, was einem im Leben passieren kann

Ich hatte mich ja selber schon monatelang gefragt, warum...

Und was ich falsch mache...

Und was die Leute sagen werden...

Und was die insgeheim denken und mir nicht sagen werden...

Ist dir aufgefallen, dass meine Coach sowas überhaupt nicht gefragt hat?
Die Frage hat angefangen mit:
Was ist anders, wenn du KEIN Problem hast?

Ich glaube, sowas fragt dich nur ein Coach.
Solche Fragen fallen einem nicht einfach so ein - die hat man vorher schon gelernt.

Lustig dabei: Ich bin ja auch gelernter Coach. Aber wenn's um mich selber geht, bin ich nicht schlauer als alle anderen.

Notiz an mich selber: Geh öfter zum Coaching!
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Persönliche Entwicklung

Was mir Corona über mich beigebracht hat

Falls du das C-Wort und das K-Wort schon nicht mehr hören kannst...

Tut mir leid. Dann ist der nachfolgende Text nichts für dich. Und es wäre mir lieb, wenn du ihn nicht liest, denn ich möchte dir mit "Corona" und "Krise" ganz bestimmt keinen zusätzlichen Stress machen.

Aber für mich selbst ist es Zeit, jetzt - genau sechs Monate, nachdem der Freitag der 13. (März) meine Welt umgekrempelt hat - nochmal auf meine persönlichen Erkenntnisse dieser ungewöhnlichen Zeit schauen.

Stress entsteht nicht im Außen

Klar hatte (und habe) ich Momente, in denen mir "Corona" ziemlich zusetzt und mein Körper ganz unmittelbar mit Stress reagiert. Dann wird mein Atem flacher, meine Muskeln (vor allem im Nacken) starrer, mein Haltung vorneübergebeugter und mein Blutdruck höher. Daraus schließt mein Nervensystem, dass ich in großer Gefahr bin und macht mit Hormonen und Botenstoffen in meinem Gehirn lauter Gedanken und Gefühle, bei denen es nur noch ums blanke Überleben geht.

Dabei ist "Corona" nur ein Gedanke. Ein flüchtiger Geistesblitz. Oder ein Medienbeitrag. Oder die Durchsage im Supermarkt. Oder der Mensch mit Mund-Nasen-Schutz, der draußen vor meinem Fenster vorbei läuft...

Der Stress hat gar nichts damit zu tun, ob ich in irgendeiner Weise wirklich in Gefahr bin. Die Gedanken, die mir durch den Kopf flitzen, erzeugen ihn - und wenn sich so ein Stress-Gedanke in einer Endlosschleife in meinem Hirn verknäuelt, dann reagiert mein Körper so, als ob ich in ganz konkreter akuter Lebensgefahr bin.

Das fühlt sich dann an wie Angst. Und es ist definitiv eine Überforderung. Manchmal entsteht daraus ein Gefühl von Panik. (Und weil mein Organismus gewöhnt ist, mich davor zu schützen, lande ich dann unvermittelt in einer Blockade. Denn so spüre ich die Panik-Symptome nicht mehr... Und mein Körper tut alles, um mich zu schützen.)

Alles, weil ein Gedanke mir zusetzt.

Das C-Wort ist (egal in welchem Zusammenhang) ein solcher "Trigger" für Stress, der wieder und wieder mein nervliches Notfall-Programm startet.

Nun hatte ich ein halbes Jahr Zeit, um einen besseren Umgang mit meinen Trigger-Gedanken zu lernen. (Und ich bin längst noch nicht zufrieden mit dem Ergebnis - aber ich lerne immer weiter...)

Was ich bisher gelernt habe, ist:

  • Wenn ich weiter gleichmäßig atme, dann merkt mein Körper, dass "wir" - also mein automatisch reagierender Körper und mein bewusst denkendes Ich - in Sicherheit sein müssen. Denn wenn wirklich mein Leben bedroht wäre, würde ich nicht in aller Ruhe ausatmen.
  • Je seltener ich mich mit meinem Gedanken-Trigger konfrontiere, desto geringer ist mein Stress-Level. Also achte ich darauf, nur einmal am Tag bewusst und konzentriert Nachrichten zu hören. Das reicht, um informiert zu sein, aber es gibt mir 23 Stunden Zeit pro Tag, um meine Gedanken mit etwas anderem zu beschäftigen.
  • Falls ich mich mal doch sehr viel mit Sachen beschäftigt habe, die mich überhaupt nicht persönlich bedrohen, und dadurch eine leise Angst in mir spüre, mache ich mir bewusst, dass mein Gefahren-Sensor auf etwas reagiert, das nicht real (für mich) ist. Und danach achte ich auf die Dinge, die für mich real sind LINK mit der 54321-Methode.
Der Köper reagiert unbewusst und ziemlich drastisch auf Stress. Das ist von der Natur so eingerichtet, um im Falle einer Bedrohung mein Leben um jeden Preis zu schützen. Damit der Körper nicht im Dauer-Ausnahmezustand bleibt, kann ich aber bewusst Entscheidungen treffen, die den Stress reduzieren.

Krise ist, wenn sich ein Thema am Wendepunkt zuspitzt

In der öffentlichen Diskussion sind wir in einer immerwährenden "Krise". Nicht erst seit CoViD-19 - irgendwo auf der Welt war immer in irgendeine "Krise", solange ich mich zurückerinnern kann.

Und mir scheint, dass durch den ständigen Gebrauch des Wortes mittlerweile die Bedeutung von "unendlicher Katastrophe ohne Ausweg" auf diesen Begriff übertragen wurde.

Aber genau genommen ist eine Krise kein Zeitraum, sondern ein Moment. Und zwar genau der Moment, in dem sich klärt, wie eine schwierige Situation ausgehen wird. Der Wendepunkt der Geschichte, sozusagen.

Wenn ich diese eine konkrete Krise, zu der mich das Corona-Virus (ganz individuell und persönlich) gebracht hat, betrachte, dann liegt die nun schon einige Wochen hinter mir.

Denn mein persönlicher Wendepunkt war der Moment, als ich akzeptiert hatte, dass das Virus für eine unbestimmte Zeit bleiben wird (mit all den offiziellen und individuellen Einschränkungen) und dass ich gerade deswegen vieles in meinem Leben verändern kann.

Von der Arbeit als Kommunikationstrainerin, wie ich sie bis Februar gemacht hatte, ist auf unbestimmte Zeit nichts mehr übrig. Im ganzen Hochschuljahr 2020/2021 wird es für mich höchstwahrscheinlich kein einziges Kommunikationsseminar in einem Seminarraum geben - und dadurch habe ich viel Zeit, um an ganz anderen Dingen zu arbeiten, die in dieser Zeit jetzt Sinn ergeben.

Im Moment der Krise - also dem Wendepunkt zwischen schwieriger Situation und konkreten Ideen für einen Ausweg - hatte ich nicht die allerleiseste Ahnung, was ich noch tun kann. Und DAS ist die Krise.

Unmittelbar danach haben sich Aufgaben einfach so ergeben. Manche wurden bezahlt (und eine wird sogar sehr gut bezahlt), andere waren ohne finanzielle Gegenleistung, aber in meinen Augen unendlich sinnvoll (und daher vielleicht sogar wertvoller als die bezahlten Sachen).

An all diese neuen Aufgaben hätte ich vor der Krise im Traum nicht gedacht. Sie erschienen mir völlig undenkbar. Nach der Krisen-Wendung sind sie nicht nur möglich geworden, sondern völlig logisch und ganz normal.

Die beste Erkenntnis für mich persönlich ist aber: Ich hatte überhaupt keine individuelle Katastrophe - in meinem eigenen Leben ist gar nichts katastrophales passiert. Ich hatte nur eine Krise, die mich gezwungen hat, neu festzulegen, was jetzt gerade dran ist.

Mein Learning zum Thema "Krise": Das ist der Moment, der das Leben in ein vergangenes "Früher" und ein neues "Jetzt" unterteilt. Und sobald ich im Jetzt angekommen bin, ist die Krise vorbei. Vielleicht sollten wir alle genau jetzt im Jetzt ankommen...

Neubeginn ist einfach(er), wenn niemand Schuld ist

Niemand kann etwas dafür, dass die Welt eine Pandemie erlebt. (Wenngleich es Menschen gibt, die zwanghaft "den Schuldigen" benennen müssen, weil sie die Angst nicht aushalten können, die es ihnen macht, wenn die Welt sich plötzlich und ohne konkreten Verursacher ändert.)

Niemand kann etwas dafür. ICH kann nichts dafür.

Es ist also so, wie es ist.

Kein Grund, in die Vergangenheit zu schauen, denn in der Vergangenheit gibt es keine Lösung und keine geeigneten Verhaltensweisen und keine bereits erprobten Erfahrungswerte.

Es ist irgendwie paradox. Aber für mich ist es jetzt leichter, Entscheidungen zu treffen, weil ich die aktuellen Rahmenbedingungen nicht selbst verursacht habe.

Ein Beispiel: Ich hatte bis zum Lockdown einen Auftraggeber für Seminare, der mich ganz ordentlich bezahlt hat. Aber ich habe mich bei diesen Aufträgen nie hundertprozentig wohl gefühlt. Die Teilnehmer waren nur mäßig interessiert, die Seminarräume ungemütlich, die Themenauswahl nicht so ganz mein Ding, die Organisatoren nicht besonders herzlich und manchmal außerdem noch ziemlich umständlich.

Ich war da nie gerne. Aber ich hatte zugesagt, dass ich das mache. Ich hatte mich bereit erklärt, dort zu arbeiten und ich hatte keinen konkreten Grund, damit aufzuhören. Denn ich hatte ja selbst diese Aufträge ausgewählt.

Seit mehr als drei Jahren war nach jedem Seminar der Gedanke da: "Mir wär's am liebsten, wenn ich da nicht wieder hin müsste." Und der andere Gedanke war immer: "Ich habe denen zugesagt und die verlassen sich auf mich."

Dann kam der Lockdown. Und mein Auftraggeber musste alles absagen. Und in dem Moment war mir völlig klar: Ich möchte dort nie wieder einen Auftrag annehmen. Jetzt ist genau der richtige Moment, um damit aufzuhören - denn jetzt hat niemand Schuld an der Veränderung.

Die Situation hat sich geändert. Daran ist kein Mensch schuld. Und genau das macht es leicht, jetzt die längst fälligen Entscheidungen zu treffen und dann unbelastet die neuen Wege zu erkunden, die sich eröffnen, sobald die alten Hindernisse nicht mehr im Weg sind.

Eine gute Zeit, um mal über Nähe, Distanz und Beziehung nachzudenken

Ein-Meter-Fünfzig.

Näher soll man möglichst niemand Fremden an sich ran lassen. Corona-Regel.

Ein-Meter-Fünfzig ist für mich ein Abstand, in dem ich mich - selbst mit Personen, die mir nahe stehen - sehr wohl fühle.

Für manche Menschen ist der gefühlt richtige Mindestabstand ein paar Zentimeter kleiner - so ungefähr Ein-Meter-Zwanzig. Alles was noch näher ist, wird von allen Menschen in unserem Kulturkreis als aufdringlich und unhöflich empfunden. (Die einzige Ausnahme bilden Liebespaare und Familienmitglieder - aber die dürfen ja trotz CoViD kuscheln, so eng und so lange sie mögen.)

Wenn mir jemand näher als Ein-Meter-Fünfzig kommt, merke ich nach wenigen Sekunden, dass mich das sehr stresst. Ich kann mich dann mit bewusster Anstrengung dazu bringen, nicht auszuweichen. Aber meine eigentliche instinktive Reaktion wäre, zwei Schritte zurückzutreten, um meinen Wohlfühl-Abstand wieder herzustellen.

Eine kleine von Herzen kommende Umarmung kann ich mittlerweile schon genießen - aber es gibt nur eine Handvoll Menschen, bei denen mir diese Nähe länger als drei Sekunden angenehm ist.

Fehlt mir physische Nähe...? Nö. Da hat sich wenig für mich verändert. Ich war noch nie gerne zu nah an Fremden dran.

Fehlt mir soziale Nähe? Also ein Treffen mit interessanten Menschen, die meinen Wunsch nach körperlichem Abstand respektieren und die mir trotzdem das Gefühl geben, dass wir uns gegenseitig tief berühren...

Ja, das fehlt mir manchmal. Die Gelegenheiten dafür sind seltener geworden.

Und dann verabrede ich mich mit diesen Menschen in einem Online-Meeting. Oder draußen bei einem Spaziergang. Bei mir daheim. Oder sogar in einem Cafè (wo es trotz Hygiene-Gedöns sehr gemütliche Begegnungen geben kann). Oder ich führe ein langes Telefongespräch mit jemandem.

Auch Schreiben ist ein Weg, um soziale Distanz aufzuheben und in eine enge persönliche Beziehung zu gehen. Oder die Gedanken zu lesen, die eine andere Person geschrieben hat...

Wenn die ganze Welt in Aufruhr ist, darf ich meine eigene Welt klein und überschaubar halten

Meine kleine Welt besteht aus meinem Home-Office, meinem Wohnzimmer, meinem Balkon und dem Dorf drumherum.

Corona ist hier nur etwas, das sich im Supermarkt, der Apotheke, der Arztpraxis durch Hygiene-Regeln auswirkt. Einen offiziellen positiv auf Corona getesteten Einwohner hat es in dieser Gemeinde in den letzten Wochen nicht gegeben. Dennoch bleibt es wichtig, dass wir uns an die Regeln halten - sie sind unsere persönliche Möglichkeit, der Krankheit entgegenzutreten.

In meiner kleinen Welt ist Corona eher eine Randnotiz. Spielt keine reale Rolle, ist aber zweifelsfrei dennoch da.

Die große Welt hat durch die Pandemie hingegen jede Menge große Probleme. In Brasilien und Indien und den USA gibt es unzählige (ganz unterschiedliche) schwierige Situationen, die Millionen von Menschen in deren kleiner Welt herausfordern. Und wenn ich online durch den Nachrichten-Ticker der Tagesschau scrolle oder die Abendnachrichten im Fernsehen kucke, dann scheint die ganze große Welt eine einzige Katastrophen-Zone zu sein.

Aber jeder einzelne Mensch auf der Welt lebt vor allem in seiner eigenen kleinen Welt. Und hat dort seine eigenen Probleme zu lösen, die nicht von der Tagesschau gemeldet werden. Für die allermeisten von den knapp acht Milliarden Menschen der großen Welt ist jetzt gerade ganz normaler Alltag, der keine Meldung wert ist.

Wenn ich keine Welt-Nachrichten lese oder kucke, sondern nur das betrachte, was mich persönlich und unmittelbar angeht, dann ist meine kleine überschaubare Welt sehr gut, sicher und entspannt. Und Corona ist hier natürlich ein Fakt, aber keine Katastrophe.

Urlaub ist ein Zustand, kein Ort

Reisen ist anstrengend - das habe ich immer schon so empfunden. Und ich fand es immer der Mühe wert, weil es mich so sehr bereichert und meinen Blick auf den Alltag weitet. Trotzdem waren neue Orte und fremde Situationen immer auch eine Herausforderung für mich.

CoViD-19 hat zu den normalen Anstrengungen des Reisens noch eine riesige Unsicherheit hinzugefügt. Damit meine ich jetzt gar nicht das Ansteckungsrisiko, sondern vor allem die verschiedenen Regeln in unterschiedlichen Regionen und überhaupt im öffentlichen Raum. Das ist anstrengend. Und daher fiel mir die Entscheidung sehr leicht: Urlaub woanders kommt in diesem Jahr nicht in Frage.

Dann habe ich überlegt, was für mich "Urlaub" eigentlich bedeutet.

Für mich ist Urlaub...

  • erst Aufstehen, wenn ich wirklich ausgeschlafen habe,
  • Frühstücken, so lang ich mag,
  • in einem Liegestuhl Zeit mit einem Buch verbringen, bis ich nicht mehr lesen will oder liegen kann,
  • einen kleinen Spaziergang machen (aber nur so lang, dass ich mich nicht erschöpfe),
  • nach dem Abendessen ein Glas Wein genießen, am liebsten im Freien in der Abenddämmerung.

Und genau diesen Urlaub habe ich in diesem Sommer gemacht. Zweimal. Für jeweils zwei Wochen. Ohne zu verreisen.

Ich fühle mich erholt wie lange nicht. Obwohl (oder gerade weil) ich nie weiter als zehn Kilometer von meinem eigenen Balkon entfernt gewesen bin.

Was ich daraus gelernt habe, ist: Wenn ich mir die Zeit nehme, um meine wirklichen Bedürfnisse zu klären, dann kann ich mir genau das erfüllen, was ich brauche - und alles weglassen, was nervt oder stresst. DAS ist Urlaub. 🙂

Sehe ich das zu positiv?

Falls du dir jetzt denkst: "Das klingt alles ziemlich absichtlich durch die rosarote Brille betrachtet..."

Dann muss ich dir recht geben.

Warum sollte ich es denn durch die grau-in-graue Brille anschauen, wenn ich mir doch jede Farbe aussuchen kann, die mir gefällt?

Ich bin gesund, munter und guter Dinge. Meine kleine Welt ist sicher nicht perfekt, aber absolut in Ordnung. Ich bin nach einem Sommer mit vielen Urlaubs-Momenten gut erholt. Und es gibt aktuell keine Krise und keine Katastrophe in meinem Leben.

Wie ist das bei dir? Was siehst du, wenn du die grau-in-graue Brille mal absetzt und deine kleine, persönliche Welt wohlwollend betrachtest?

Lass mir gerne einen Kommentar da.
Und dann: Tu dir gut.

Deine

Christine


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Sonst so...

Was mir Corona über wissenschaftliche Forschung beigebracht hat

Das Leben ist der beste Lehrer - ob wir das wollen oder nicht

Man kann aus allem etwas lernen, was das Leben uns als Hürde vor die Füße schiebt - auch (oder vielleicht sogar ganz besonders) aus den Erfahrungen, die man nicht unbedingt hätte machen wollen.

Zum Beispiel aus diesem Corona-Shutdown. Der hat sich an einem Freitag dem 13. in mein Leben gedrängt, ohne zu fragen, ob es mir gerade passt. Und die plötzlichen Veränderungen haben ziemlich viel auf den Kopf gestellt - oder auf unbestimmte Zeit in die stille Ecke…

Daran war (und ist) nicht viel zu ändern.

Ich habe seit dem 13. März 2020 enorm viele und intensive neue Erfahrungen gesammelt - das habe ich wohl zuletzt als Kleinkind erlebt. Alles neu, alles anders, alles muss hinterfragt und experimentiert und neu herausgefunden werden.

Nach einem Vierteljahr kann ich nun mal ein erstes Fazit in einem Teilbereich meiner Experimente und Erkenntnisse ziehen.
Corona fordert mich weiterhin in vielerlei Hinsicht heraus und stellt mein Denken immer noch in einigen Bereichen auf den Kopf - aber im Hinblick auf Wissenschaft und den Nutzen von Forschung kann ich mittlerweile einige meiner “Learnings” benennen.

Corona lässt mich wissenschaftliche Forschung neu betrachten

Ich hatte in einem früheren Text schon erwähnt, dass meine Lieblingsquelle für Informationen über CoViD-19 das Corona-Virus-Update als Podcast des NDR war und ist.

Und aus der Tatsache, dass ich mir mit jeder neuen Podcast-Folge eine Stunde lang zutiefst wissenschaftliche Inhalte anhöre und es kaum erwarten kann, bis die nächste Folge kommt, habe ich schon eine ganze Menge über mich (und über mein Informationsbedürfnis) gelernt.

1) Lernen braucht Ausführlichkeit - und Neugier

Nein, ein Podcast macht mich nicht zur Virologin.

Ich gebe gern zu, dass ich manchmal mit Faszination zuhöre, obwohl ich im Detail kaum etwas verstehe. Was mich fesselt, ist vor allem diese mir völlig fremde Art des Denkens.  (Weil ich ja generell alle Menschen spannend finde, die deutlich anders sind als ich.)

Würde ich wirklich KÖNNEN wollen, was Professor Drosten lehrt, würde ich ein Medizinstudium plus Praxiserfahrung plus Forschungserfahrung plus eine wissenschaftliche Sicht auf die Welt im Ganzen und den Forschungsgegenstand im Detail brauchen.

Da habe ich überhaupt keine Lust drauf.

Was mir Spaß macht (und im Bezug auf CoViD-19 auch viel Sicherheit und Ruhe gibt) ist ein völlig laienhafter Einblick in eine Denk- und Arbeitsweise, von der ich vor Corona absolut keine Ahnung hatte. Mit einem kleinen Bisschen Ahnung wird es spannender und fühlt sich weniger bedrohlich an. Ich kann mir inzwischen mit ein wenig Hintergrundwissen meine eigenen Gedanken dazu machen und eigene Schlussfolgerungen für mein persönliches Verhalten ziehen.

Noch interessanter ist allerdings, dass ich beim Hören des Podcasts ganz viele Ideen gewonnen habe, die mit dem Inhalt der Sendungen gar nichts zu tun haben. Ich habe mich inspirieren lassen und Gedankenfragmente in meine eigenen Gedankenwelten aufgenommen und dort weitergedacht…

So funktioniert Lernen.

So macht Lernen auch unglaublichen Spaß - und die Frage “Wann bin ich denn fertig mit dem Lernen?” führt immer zur gleichen Antwort: “Hoffentlich nie!”

Ich habe auch etwas über das Lernen erkannt. Der Klugscheißer in mir sagt, dass man das als “Meta-Lernen” bezeichnet. Also sage ich es mal auf Klugscheißerisch:

Mein “Meta-Learning” ist, dass ich nichts lerne, wenn ich in den Nachrichten irgendwelche Info-Schnipsel am laufenden Band und ohne Zusammenhang über mich hereinbrechen lasse. Da komme ich nicht zum Mit-Denken.

Mein Lernen braucht Zeit. Ungestörte Gedankengänge - gerne eine ganze Stunde lang zum gleichen Thema. Ein interessanter Gedanke kann gar nicht zu lang dauern.

2) Dass es ein Problem geben wird, ist vorher nicht unbedingt planbar - obwohl es irgendwie schon vorhersehbar ist, dass ein Problem kommen wird

Mich hat Corona komplett unvorbereitet getroffen.

Dich wahrscheinlich auch.

Meine ersten Überlegungen, nachdem ich in voller Fahrt gestoppt worden war, gingen in Richtung “Das hat ja auch kein Mensch ahnen können. Sowas hat es noch nie gegeben - da sind jetzt alle gleichermaßen überrascht worden.”

Ich habe mit der Zeit gelernt, dass ziemlich viele Spezialisten ziemlich unüberrascht waren. Dass es für alle möglichen Szenarien bereits seit langem vorbereitete Pläne gegeben hat. Dass man durchaus Vergleiche zu bereits erforschten historischen Problemen anstellen kann. Und dass es Experten für alle erdenklichen Details gibt…

In der Forschung hat man durchaus für möglich gehalten, dass etwas passieren würde, was dann auch passiert ist.

Und ich habe fasziniert gelernt:

Wer genauer und mit geschultem Expertenblick durch die Brille der eigenen Expertise hinschaut, kann Dinge erkennen, die für Laien nicht nur unsichtbar, sondern auch undenkbar sind.

3) Veränderungen können linear ablaufen. Oder exponentiell. Oder völlig chaotisch.

Ich gestehe, dass mein Denken am Anfang der Corona-Zeit nicht besonders flexibel war.

“Es gibt EIN Problem”, dachte ich. “Also gibt es EINE Lösung”, dachte ich weiter.

Dann habe ich mit dem Denken erst mal aufgehört und auf DIE Lösung gewartet.

Mein Lernen dauerte ein wenig. 😉

Aber mit der Zeit wurde überdeutlich, dass im Bezug auf Corona keine schnelle, einfache, eindimensionale Lösung kommen wird. Sondern dass unendlich viele kleine Schrittchen aufeinander folgen, die im günstigsten Fall die Situation besser machen. Aber etliche von den kleinen Schrittchen führen auch auf Umwege oder Irrwege - was man aber erst später im Rückblick wirklich feststellen kann, weil mitten in den Schrittchen jeder kleine Schritt vorwärts führt. Irgendwie. Irgendwohin.

(Deswegen ist hinterher auch leicht klugscheißen - dann kann man ja deutlich sehen, welche Schritte zu brauchbaren Ergebnissen geführt haben. Und wo man sich verlaufen hat oder in eine Sackgasse geraten ist. Als man noch mitten im Dickicht stand, war nur klar, dass man vorangehen muss - um dann später zu sehen, wo man damit gelandet ist.)

Ich würde immer am liebsten lineare und logische Lösungen haben. Wer “A” gesagt hat, sagt als nächstes “B”. Und selbstverständlich ist “B” ohne jeden Zweifel vollkommen richtig.
Setzen. Eins. Toll gemacht.

So hat man mir das in der Schule beigebracht. Da gibt es auf jede Frage DIE richtige Antwort. (Im Zweifelsfall ist es immer die, die der Lehrer hören möchte. Das kriegt man als Schüler schnell raus.)

Das wirkliche Leben hat nicht ein “A” als Aufgabe für uns, sondern unzählige Alphabete. Also gibt es nicht ein “B”, sondern unvorstellbar viele verschiedene Buchstaben.

Und was dann damit passiert, ist nur selten linear-logisch.

Das mit den “exponentiellen Entwicklungen” kann mein Kopf allerdings immer noch nicht so richtig fassen. Mit dem Gedanken muss ich in einer ruhigen Minute (oder vielleicht auch in exponentiell mehr werdenden Stunden) nochmal spielen…

Zur Zeit lernt mein Kopf noch zusätzlich, dass auch die allerbeste Theorie vom ganz realen Chaos immer wieder neu auf die Probe gestellt werden kann. 

Aber wie heißt es so schön:

Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln können.

4) Studien sind dafür da, Probleme zu erfassen und Beobachtungen zusammenzufassen - sie lösen das Problem deswegen noch lange nicht

Der (verständliche) Wunsch von uns Laien ist, dass es irgendwen gibt, der DIE Lösung hat und damit DAS Problem ausräumt.

Die Wissenschaft sieht sich aber für DIE Lösung weder als zuständig noch als kompetent an.

Wissenschaftler denken in dieser Hinsicht ganz anders als Laien.

In der wissenschaftlichen Arbeit werden Annahmen getroffen und daraus Fragen abgeleitet. Im günstigsten Fall kommen dabei neue Erkenntnisse zusammen, die die bisherigen Antworten in Frage stellen. Und dieses Frage-Antwort-Spiel wird von Wissenschaftlern innerhalb der Fachleute-Community immer und immer wieder gespielt - damit alle durch die Ideen der anderen auf neue Ideen kommen können.

Der Praktiker denkt sich: “Sag mir einfach entweder 'A' oder 'B'!”

Aber das muss der Praktiker anhand der wissenschaftlich ausgewerteten Beobachtungen schlussendlich selber entscheiden. Wissenschaft entlässt niemanden aus der Pflicht, sich über die Lösung (s)eines konkreten Problems seine eigenen Gedanken zu machen.

5) Forschung, die eine bisherige Überzeugung neu denkt, ist kein Fehler, sondern ein Erfolg

Gar nicht so einfach für uns Laien, wenn eine plötzlich komplett neue Ansicht als Fortschritt angesehen wird.

Mit unserer von der Schulausbildung geprägten Haltung “entweder ist etwas richtig oder es ist falsch” kommen wir da ganz schnell zur Schlussfolgerung: “Dann müsste es ja vorher die ganze Zeit falsch gewesen sein, wenn die Forschung jetzt sagt, dass es ganz anders als gedacht ist.”

Der Forscher schüttelt leicht verständnislos den Kopf.

Sinn von Forschung ist nicht, etwas als ein-für-alle-mal-richtig zu definieren. Es geht darum, immer wieder auf’s neue in frage zu stellen, was man schon weiß, um daraus neue Ideen für neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Wenn etwas “schon immer so gewesen” ist, ist es höchste Zeit, es mal zu hinterfragen.

Was nicht unbedingt bedeutet, dass es immer falsch gewesen war. Aber eben auch nicht, dass es immer richtig gewesen sein muss.

6) Und manche wissenschaftliche Erkenntnisse sind auch einfach immer Quatsch gewesen. Aber das sieht man erst im Rückblick…

Es gibt legendäre Denkfehler, bei denen man mit wissenschaftlichen Methoden einen Zusammenhang beweist, der in Wirklichkeit reiner Zufall ist.

Zum Beispiel die Beweisführung, dass Störche die Kinder bringen. Statistisch "nachgewiesen", tatsächlich natürlich (wie wir mittlerweile wissen) völliger Quatsch.

Hinterher kann man leicht klugscheißen - natürlich ist nachher (!) völlig klar, dass die Überlegung von Anfang an Unfug war. Am Anfang stand aber eine offene Frage und da war noch gar nichts klar.

Daneben gibt es auch Resultate von Studien, die in der auf wenige Zeiten eingedampften Zusammenfassung ziemlich plakativ klingen (und im gesamten Zusammenhang gelesen etwas völlig anderes aussagen - oder manchmal auch gar nichts konkretes).

Die Idee, dass zu viel Fett in unserem Essen für Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ursächlich sein soll, ist ein mittlerweile ziemlich bekannt gewordenes Beispiel dafür. Da hat man einfach in der Kurzfassung nicht erwähnt, dass in der Mehrzahl der Beobachtungen überhaupt kein solcher Zusammenhang beobachtet wurde...

Ein Ärgernis ist, dass solche Studien-Kurzfassungen von einigen nichtwissenschaftlichen Zeitschriften und Zeitungen dann zu einem langen spannenden Artikel aufgeblasen werden. Falls man sich dann die Mühe macht, die Studie im Ganzen zu lesen, kann man zum Teil gar keinen richtigen Zusammenhang mehr zwischen der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit und der drumherumgedrechselten journalistischen Arbeit erkennen.

Wir Laien sind aber darauf angewiesen, dass uns jemand die wissenschaftlichen Ergebnisse erklärt, denn zu den Studien bekommen häufig nur Wissenschaftler Zugang. Und selbst wenn wir ausnahmsweise die vollständige Studie im Internet zur Verfügung gestellt bekommen ist sie fast immer auf Englisch und in Wissenschaftlersprache verfasst - und wir sind darauf angewiesen, dass sie uns jemand erklärt...

7) Studien ändern nichts am individuellen Problem - aber ohne Studien bleibt jedes Problem ein individuelles

Ziel einer Forschungsarbeit ist nicht, dass ein einzelner Problembesitzer nachher die Lösung für sein konkretes Problem hat.

Wissenschaft arbeitet abstrakt und zielt nicht auf Lösungen, sondern auf Erkenntnisse ab. Daher wird in den meisten Wissenschaftsbereichen auch extrem viel mit Statistiken und Berechnungen gearbeitet. Wie zum Beispiel in der Corona-Forschung. Und in der psychologischen Forschung ebenfalls.

In den Studien werden möglichst große Datensammlungen von möglichst gezielt gewählten Beobachtungsgruppen nach allen Regeln der Statistik-Kunst bewertet und gewichtet und in verschiedenen Diagramm-Varianten dargestellt.

Das Ziel ist dabei, einen breiten Blick auf Zusammenhänge, Wahrscheinlichkeiten oder bisher übersehene Bezüge zwischen Datensätzen herzustellen.

Der einzelne Problembesitzer spielt für den Wissenschaftler nur als Datenquelle eine Rolle - und er hat hoffentlich für die Lösung seines Problems einen Umsetzungsexperten an seiner Seite. 

Bei CoViD-19 ist für die Umsetzung der Forschungserkenntnisse der behandelnde Arzt zuständig, der sich im besten Fall aktuell über die wissenschaftlichen Veröffentlichungen schlau gemacht hat und dann ganz individuell für den einzelnen Patienten die nach dem Stand der Forschung bestmögliche Behandlung festlegt. Oder auch der Politiker, der vom Robert-Koch-Institut über den Stand der Wissenschaft und die Datenlage informiert eine Entscheidung über Maßnahmen treffen muss.


Was hat MIR nun Corona über die Wissenschaft beigebracht?

  • Ich finde unglaublich spannend, zu erfahren, wie Wissenschaftler auf Probleme gucken.
  • Studien sind immer Vereinfachungen - allerdings auf einem ziemlich komplexen Niveau (das mein Laien-Hirn manchmal nicht erfassen kann).
  • Wissenschaft ist in vielen Bereichen vor allem Statistik und Berechnung - das individuelle Problem einer Einzelperson spielt da nur insofern eine Rolle, als es als Datensatz erfasst wird.
  • Zum Forschen gehört es, alle bisherigen Überzeugungen (die eigenen und die von anderen Forschern) zu hinterfragen und neue Überlegungen zu generieren.
    Das heißt weder, dass die früheren Annahmen falsch waren, noch dass die Forscher sich nie konkret festlegen wollen. Es ist einfach die Art, wie man wissenschaftlich arbeitet.
  • Die Wissenschaft löst am Ende nicht das Problem - das ist einfach überhaupt nicht ihr Job.
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Leserthemen

Gedicht zum Frühling

Die Zeiten sind speziell.
Das C-Wort kann man längst nicht mehr hören - und doch ist es auch in diesem Jahr Frühling geworden. Wie immer.

Die Natur macht, was eben gerade dran ist. Wir können uns daran gerne ein Beispiel nehmen. Schließlich gibt es immer etwas, das wir schaffen können.

Janne Jesse schreibt Gedichte. Du kennst vielleicht ihre gereimten Mutismus-Bücher für Kinder: Aurelia sagt nie Danke oder Der stille Ritter Tom. Sie hat aber auch einen Gedichtband für Erwachsene unter dem Titel Tintenstimme: Gedichte aus der Stille herausgebracht (Links zu Amazon, unentgeltliche Werbung).

Und ganz aktuell hat sie das folgende Gedicht geschrieben, das den Frühling mit CoViD-19 zum Thema hat.

© Janne Jesse

Frühling im Zeichen von…

Alles wartet - auf dem Sprung,
nur ein letzter Sonnenstrahl,
bis ein neues Reich gedeiht,
auf dem alten es gebahrt.

Glänzend, prall die runden Knospen,
ihr Korsett schon längst zu stramm,
bald gesprengt die engen Ketten,
nicht mehr lang' es dauern kann.

Wischt fort die Tränen jüngster Sorgen,
und den Sand der dunklen Nacht,
zuversichtlich nicken Blümchen,
aus dem Winterschlaf erwacht.

Streckend ihre schlanken Glieder,
zu den Wolken - hoch hinaus,
emsig lockt die grelle Zierde
in ihr warmes Sonnenhaus.

Heimgekehrt die bunten Vögel,
lösen ab die Krähenschar,
fröhlich klingt es durch die Lande,
eben noch es anders war.

So schien dem Tode unsere Welt,
unser Chaos sie nicht schert,
höhnisch dreht sie einfach weiter,
jeglich Anstand ihr entbehrt.

Möchte heilen unsere Wunden,
möchte trösten unser Herz,
schickt den Frühling zu verkünden,
dass kein Leid auf ewig währt.

Ihr dürft lachen, wieder hoffen,
lehrt sie uns an jedem Tag,
um zu trauern und zu weinen
einst sie uns den Winter gab.

Wir werden's nie vergessen,
was heute nicht mehr ist,
doch müssen weiter wachsen,
wie Bäume hoch zum Licht.

Zu Ehren alter Zeiten
erblüht in schönster Pracht,
was Wandel und Gezeiten
als Gaben uns gebracht.

Janne Jesse

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Persönliche Entwicklung

Musst du dir Sorgen machen?

Das Corona-Virus ist in den letzten Tagen offiziell zur Pandemie – also einer weltweiten Gesundheitskrise – erklärt worden.

Das war überhaupt nicht (mehr) überraschend. Es hatte sich schon vor Wochen abgezeichnet.

Gleichzeitig mit dem offiziellen Entschluss, dass die Welt nun ein globales Problem hat, sind aber auch eine ganze Menge Dinge entschieden worden, mit denen dieser zunächst ganz unsichtbare und dadurch nicht (be-)greifbare COVID-19-Virus unseren ganz persönlichen Alltag direkt und ziemlich heftig betrifft.

Ich werde jetzt hier nicht schreiben, wie du dich im Hinblick auf das Virus verhalten sollst. Dafür gibt es die offiziellen Quellen wie beispielsweise das Bundesgesundheitsministerium.

Ich werde auch nicht schreiben, wie das ganze weitergehen wird. Auch dafür gibt es eine hervorragende von Montag bis Freitag täglich aktualisierte Quelle, nämlich den Podcast „Corona Virus Update“ vom NDR.

Sondern ich will den Anlass nutzen, um mal ganz allgemein über das Sorgen machen nachzudenken.

Sorgen kommen aus dir heraus und nicht von draußen in dich rein

Wenn du dir Sorgen machst, dann kommt es dir so vor, als ob du gar nicht anders könntest – da sind diese Sorgen und sie gehen auch nicht wieder weg, sondern werden umso intensiver, je länger du sie im Kopf hast.

Und du kannst ja auch nichts dafür. Es gibt ein Ereignis, eine Krise, eine Nachricht oder irgendeinen anderen Auslöser, auf den dein Gehirn mit Sorge reagiert.

Aber, ob du es glaubst oder nicht: Die Sorge kommt nicht von außen.

Du MACHST dir Sorgen

Unsere Sprache ist da ganz klar: Im Deutschen „kriegt“ man keine Sorgen, sondern „man macht sich Sorgen“. Selber. Von sich aus.

Das ist korrekt beschrieben.

Die Sorge ist das, was du selbst in dir erzeugst, wenn es irgendeinen Auslöser gibt, der dir Gefahr signalisiert. (Es ist dabei völlig egal, wie wahrscheinlich oder real oder konkret diese Gefahr ist – für das Sorgen-Machen reicht eine ganz abstrakt irgendwie gefährliche Situation.)

Das Sorgen-Machen passiert nicht bewusst

Du hättest definitiv etwas besseres zu tun, als dir deinen Kopf mit Sorgen vollzustopfen. Aber du wirst ja gar nicht gefragt, ob du Sorgen haben willst. Das Sorgen machen passiert einfach – so ist dein Gehirn „programmiert“.

Denn in einer Zeit (die noch gar nicht lange her ist) als es keine News-Apps auf Smartphonen und Internet-Nachrichtenportale und Endlos-Liveberichterstattungen im Fernsehen und Radio gab, war eine Gefahr, wenn man sie erst mal bemerkt hatte, schon ziemlich konkret.

Anders ausgedrückt: Wenn vor hundert Jahren der Nachbar erzählt hat, dass alle im Dorf krank sind, dann konnte man davon ausgehen, dass es ein ernstes Gesundheitsproblem direkt am eigenen Wohnort gibt.

Heute ist das anders. Heute kriegen wir die Information nicht von unserem Nachbarn über das, was hier in unmittelbarer Nähe passiert, sondern über Geschehnisse auf der ganzen Welt, die mit dem konkreten Leben hier vor Ort überhaupt keinen direkten Zusammenhang haben.

Für das Gehirn macht das keinen Unterschied. Es reagiert auf jede Nachricht von drohender Gefahr genau so, als ob das Problem genau hier auf der Türschwelle der eigenen Wohnung lauert. Und weil das gar nicht bewusst passiert, sondern im Gehirn-Betriebssystem als automatische Sicherheits-Maßnahme festgelegt ist, kannst du dieser Reaktion auch mit Logik ganz schlecht beikommen.

„Neu“ und „irgendwie gefährlich“ ist Sorgen-Futter

Weil das Gehirn dein Leben schützen will und nicht berücksichtigt, dass es eine Rolle spielt, wo die Gefahr stattfindet, reagiert es auf zwei Auslöser besonders heftig:

1. Es gibt eine Neuigkeit.

Was neu ist, hat immer Priorität vor dem, was du bereits kennst.

Daher reagierst du auf „Breaking News“ instinktiv mit deiner vollen Aufmerksamkeit und bist – egal was es ist – sofort alarmiert.

2. Irgendwie könnte das gefährlich werden.

Wie genau die Gefahr drohen könnte, das wird sich dein Gehirn relativ schnell (und nicht unbedingt besonders sachlich oder logisch) zusammenreimen.

Und dann ist es recht wahrscheinlich, dass deine Kreativität zu Hochform aufläuft und sich Sachen ausmalt, auf die die Realität nie im Leben kommen würde.

Wenn wir also festhalten, dass neue und irgendwie gefährliche Infos die Sorgen füttern, ist die unendliche Verfügbarkeit von Nachrichten (aber auch von Thrillern, Dramen und Reality-TV „zur Unterhaltung) eine enorme Sorgen-Falle.

Problem dabei: Dein (Steinzeit-)Gehirn bringt dich durch stimulierende Botenstoffe dazu, dass du auf jede Gefahr sofort besorgt reagierst. Denn in früheren Jahrtausenden war das ein echter ßberlebens-Vorteil. Heute macht diese Stimulation allerdings News-Abhängigkeit und Dauerstress. Denn was dein Gehirn dir gibt, ist keine „Belohnung“, die dir Freude bereitet. Was du permanent durch die Gehirn-Reaktion auf News erneuerst ist deine hohe Sensibilität für die leisesten Vorboten von noch mehr Bedrohungen.

Was lässt du alles rein, obwohl es dir NUR Sorgen macht und nichts bringt?

Ich gebe dir mal eine Checkliste von möglichen Sorgen-Futter-Quellen:

  • Nachrichten im Fernsehen
  • Nachrichten-Apps (womöglich auch noch mit Push-Benachrichtigungen)
  • Nachrichten im Radio, auch wenn du sie nur nebenbei laufen lässt
  • Nachrichten-Internetportale
  • Kommentarbereiche unter Nachrichtenmeldungen
  • Twitter-Nachrichten
  • Diskussionen über Nachrichten in sozialen Netzwerken
  • Zeitschriften und Zeitungen mit reißerischen und dramatisierenden Artikeln
  • Überschriften ohne tiefere Information (z. B. auf Monitoren in der U-Bahn oder am Bahnhof)
  • Schock-Fotos aller Art
  • Fiktive Geschichten (Filme, Serien, Bücher) mit emotional schwierigen Inhalten

Gibt es Medien, die dich dazu bringen, sie immer wieder in kurzem Abstand zu kucken? Oder gibt es etwas, das dich in einen Sog von immer mehr News hineinzieht? Wirst du nervös, wenn die Neuigkeiten-Quelle für ein paar Minuten versiegt? Fühlst du dich abgeschnitten von der Welt, wenn du für eine Weile konzentriert bist, ohne News zu bekommen?

Dann ist dein Gehirn in einem Dauerstress, der dich nicht mehr auf reale Gefahr reagieren lässt, sondern jegliche Information als bedrohlich (und gefühlt lebensgefährlich) darstellt. Und um am Leben zu bleiben, musst du noch mehr Neuigkeiten konsumieren.

Lass es uns beim Namen nennen: Du bist News-süchtig.

Aber man muss doch informiert bleiben…

Irgendwie ist in den letzten paar Jahren in allen Menschen der westlichen Welt die ßberzeugung entstanden, dass alles, was es als Nachricht in die Medien schafft, von jedem einzelnen Menschen konsumiert werden muss.

Das wäre so, als wenn alles, was es in die Regale eines Supermarktes schafft, von jedem einzelnen Menschen konsumiert werden müsste.

Seien wir ehrlich: Von den 60.000 Produkten, die große Einzelhandelsgeschäfte zu verkaufen haben, kaufst du vielleicht so um die fünfzig Artikel regelmäßig – weil sie dir gut tun und schmecken und in deinen Alltag und dein Leben passen. Denn natürlich kaufst du nach deinem Bedarf und deinen Vorlieben ein. Was da nicht reinpasst, wird bestenfalls einmal probiert – und dann hast du gute Gründe, es nächstes mal wieder oder nie mehr wieder zu kaufen.

Bei Nachrichten ziehst du dir alles rein, was der Markt hergibt.

Nachrichten-Junkfood und schnelle inhaltsleere Snacks und Sachen, die dir ewig im Magen liegen… Alles durcheinander. Von Zeit zu Zeit ist auch mal etwas nahrhaftes dabei – aber…

Die erste Frage ist: Welche Information brauchst du?

Die zweite Frage ist: Welche Information brauchst du wirklich – jenseits von „aber man muss doch…“?

Die dritte Frage: Welche Art, dich zu informieren tut dir gut? Wo ist die Grenze, die dir nicht mehr gut tut? Wie schaffst du es, diese Grenze einzuhalten?

Die vierte Frage ist dann: Was machst du nun mit den Informationen – wie finden sie ihren Raum in deinem konkreten Leben?

Wenn du Verantwortung trägst, ist das Sich-Sorgen nicht überflüssig

Menschen in Verantwortungs-Positionen sind für’s (Vor-)Sorgen für andere und sich selbst da. Das betrifft Vorgesetzte ebenso wie Eltern. Es betrifft jeden Teilnehmer am Straßenverkehr und jeden, der eine gefährliche Maschine bedient. Und es betrifft Lehrpersonal genauso wie Medizinpersonal oder Sicherheitspersonal oder… oder… oder…

Das heißt aber nicht, dass sich jeder in einer verantwortlichen Position rund um die Uhr von Sorgen dir Ruhe rauben lassen soll.

Verantwortungs-Profis machen sich mit der Gefahr (und den Sicherheitsmaßnahmen) vertraut. Sie versorgen sich angemessen mit allen nötigen Informationen, halten sich auf dem Laufenden und verlassen sich auf die eigene Kompetenz.

Wenn Information aber nur noch Sorgen macht und keine Verbesserung mehr bringt, dann handelt es sich um bloßes Sorgen-Futter (siehe oben). Davon dürfen sich die Verantwortlichen niemals die wertvolle Zeit rauben lassen.

Wenn da eine reale und konkrete Gefahr für DICH ist, ist Gefahr-Bewusstsein lebenswichtig

Das ist dir sonnenklar: Du bist in Gefahr und handelst.

Ob du dir zunächst Sorgen machst oder ob du den Teil ganz überspringst und sofort zu den Maßnahmen übergehst, hängt davon ab, was das Problem ist.

Wenn jemand, für den du Verantwortung übernimmst, in realer und konkreter Gefahr ist, ist Handeln angesagt

Den Schritt mit dem Sorgen machen kannst du in dem Fall komplett weglassen.

Dein Kind, Partner, Elternteil, Freund oder Nachbar ist in Schwierigkeiten und du kannst helfen? – Dann tu es.

Unser Informations-Dilemma: Wir wissen mehr als uns gut tut

Wir hatten noch nie so schnell, leicht und vielfältig Zugang zu Nachrichten, Informationen und Wissen.

Und wir hatten noch nie so viel Mühe und Stress, mit dieser Vielfalt und Geschwindigkeit klarzukommen.

Drei Lösungsansätze

  1. Die Siebe des Sokrates sowohl für Output als auch für Input anwenden

    Es gibt da diese Geschichte über den Philosophen Sokrates. Die bezieht sich darauf, was wir jemandem erzählen.

    – Wenn etwas nicht (überprüfbar) wahr ist, sollten wir es nicht weitertratschen.
    – Wenn etwas nichts Gutes bringt, sollten wir es für uns behalten.
    – Wenn es nicht notwendig ist, jemanden damit zu belasten, dann sollten wir denjenigen damit nicht belasten.

    Das nennt man die „Drei Siebe des Sokrates“.
    Und ich denke, die Fragen kann man auch als Siebe für alle Informationen anwenden, die man bekommt:
    – Ist es (überprüfbar) wahr?
    – Ist es für irgendetwas gut?
    – Ist es notwendig, sich damit zu beschäftigen?

    Drei mal „Nein“? – Dann hast du bestimmt etwas sinnvolleres zu tun…
  2. Regelmäßige Zeiten ohne fremde Ideen

    Es wird nicht ganz ohne Informationen gehen – schließlich kannst du nur entscheiden, was du wissen musst, wenn du weißt, was es zu wissen gibt.

    Aber das muss nun wirklich nicht rund um die Uhr sein.

    Du kannst zum Beispiel morgens aufstehen und mit einem Blick aus dem Fenster feststellen, dass die Welt über Nacht nicht untergegangen ist. Und du kannst diese erste Zeit des Tages nachrichtenfrei verbringen, während du ganz entspannt in deinen Tag startest.

    (Ich halte mittlerweile eine Nachrichtensperre bis 11 Uhr ein und stelle fest, dass ich dadurch überhaupt nichts verpasse.)

    Und du kannst dir auch den Abend freihalten, indem du einige Zeit vor dem Schlafengehen alle News aussperrst und dich auf angenehmere Sachen fokussierst.

    (Für mich ist spätestens 20:15 Uhr Schluss mit Problem-Themen – was auch den Fernseh-Krimi und die Polit-Talkshows umfasst. Da verpasse ich auch nichts wichtiges – und wenn doch, gibt es ja die Mediathek zum Nachkucken am nächsten Tag zwischen 11 Uhr und 20:15 Uhr.)
  3. Ein Informations-Experiment während des ganzen Tages

    Bleib zu jeder Tageszeit einen Moment länger, als es dir angenehm ist, von News und Medien fern.

    Zähl bis zehn und atme dabei ruhig aus und wieder ein – dann entscheide, ob du jetzt News brauchst.

    Und wenn du dich dafür entschieden hast, dann überprüfe unbedingt hinterher, ob sie dich wirklich vorangebracht haben.

    Die kritische Frage „War das jetzt wirklich nötig?“ kann sehr interessante Ergebnisse bringen…

Und musst du dir denn nun Sorgen machen?

Ich kann dir darauf keine Antwort geben – denn es hängt davon ab, ob du Verantwortung trägst und etwas ändern kannst und dadurch für dich und andere etwas verbesserst.

Wenn du dreimal mit einem klaren „Ja“ oder einem einigermaßen klaren „Ich denke schon“ antworten kannst, dann gehört es in diesem speziellen Fall für dich dazu, die Sorgen, die du hast, ernst zu nehmen und daraus die bestmöglichen Entscheidungen abzuleiten.

Wenn du nicht die Verantwortung hast – was hast du davon, dich zu sorgen?

Wenn du nichts ändern kannst – was bringen dir die Sorgen?

Wenn niemand einen Nutzen daraus haben wird – warum verschwendest du deine Aufmerksamkeit auf das, was sein könnte?

Generell glaube ich, dass die allermeisten unserer Sorgen die Energie verschwenden, die wir für konkrete Aktivitäten bräuchten.

Wenn du hier und heute Lust hast, dir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen und zu genießen, dass in deiner kleinen konkret beeinflussbaren Welt alles in Ordnung ist – dann musst du dir keine Sorgen machen.

​Tu dir gut und sei so liebevoll zu dir selbst, wie du nur kannst.
Deine

Christine
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Persönliche Entwicklung

Bewusste Veränderung ist super …anstrengend

Es gibt da was, das würdest du liebend gerne an dir ändern.

Oder genauer gesagt wäre es dir am liebsten, wenn es einfach anders wäre. Von jetzt auf gleich - oder, falls das nicht geht, zumindest über Nacht.

Beispielsweise hättest du überhaupt nichts dagegen, wenn du nicht mehr zu still wärst, sondern einfach ganz normal. So wie alle anderen eben.

Tja, ich erzähle dir vermutlich nichts Neues, wenn ich sage, dass du dich nicht über Nacht änderst. Wenn es so laufen würde, hättest du längst alle gewünschten Änderungen nachtschlafenderweise erledigt.


Weil es im Schlaf nicht klappt - jedenfalls nicht von einem Tag auf den anderen - gibt es ein paar (wenig hilfreiche) Überzeugungen über persönliche Veränderungen, die außerordentlich weit verbreitet sind.

 

Die üblichen Tipps für Verhaltensänderungen

  • Mach dir einen guten Vorsatz.
  • Setz dir einen Termin, ein Ultimatum.
  • Verhalte dich ab morgen völlig anders als bisher - nämlich so, dass du deinem Vorsatz gerecht wirst.
  • Wenn es dir schwer fällt, streng dich mehr an.
    Wenn es dir dadurch noch schwerer fällt, beklag dich still und heimlich über deine mangelnde Willensstärke und streng dich demonstrativ noch mehr an.
  • Wenn du nach kurzer Zeit nicht noch mehr Anstrengung aufbringen kannst, sag, dass der Vorsatz
    a) eh nicht so wichtig war oder
    b) der ganze Plan menschenunmöglich und daher unerreichbar war oder
    c) für einen so willensschwachen Menschen diese Veränderung einfach zu viel verlangt war.

Insgeheim denkst du dir dann natürlich: "Wenn es nicht klappt, obwohl ich es mir vorgenommen habe, dann habe ich mich zu wenig angestrengt."

 

Und das ist...
Quatsch mit Soße!

Willkommen bei den Psychischen Blockaden

Jemand (und gar nicht so selten bist dieser Jemand sogar ausschließlich du selbst) erwartet ein bestimmtes Verhalten oder Ergebnis von dir.

Eigentlich ist diese Erwartung für dich jetzt gerade viel zu groß und du fühlst dich von Anfang an davon überfordert.
Trotzdem strengst du dich an - je schwerer es dir fällt, desto mehr Druck baust du auf.

Dazu sagst du dir selbst immer wieder: "Nun stell dich doch nicht so an. Mach es einfach!"
Je mehr (und öfter) du dich anstrengst, desto weniger geht es.

Eine psychische Blockade ist eine Reaktion auf eine Überforderung.

 

Und ich glaube, dass von den LeserInnen hier im Stille-Stärken-Blog fast alle damit immer wieder zu tun haben. Deswegen konzentrieren wir uns für diesen Blogartikel auf die Blockaden.

Nur der Vollständigkeit halber: Andere mögliche Reaktionen sind "Lass-mich-bloß-in-Ruh" (Aggression) oder "Mir-doch-völlig-egal" (Flucht) oder "Hat-ja-eh-keinen-Sinn" (Depression).


Wir Blockaden-SpezialistInnen reagieren auf Überforderung mit "Ich-will-ja-unbedingt-aber-es-geht-nicht". Das ist ein uraltes Muster, das wir schon als ganz kleine Kinder verinnerlicht haben. Und es ist die Art, mit Überforderung umzugehen, die wir in unserem Leben mit Abstand am Häufigsten geübt haben.

 

Warum "Streng-dich-mehr-an" Quatsch ist

1. Wenn du wüsstest, wie, hättest du dich längst verändert

Es ist ja nicht so, dass du es nicht versuchst. Ganz im Gegenteil.

Dass du dich nicht anstrengst, kann dir nun wirklich niemand vorwerfen.

Hey, du liest diesen Text - das würde jemand, der sich nicht verändern will, nie im Leben machen.

Du denkst viel darüber nach, was von dir erwartet wird und was du selbst von dir erwartest. Vermutlich denkst du außerdem viel darüber nach, was nicht so funktioniert, wie du dir das wünschen würdest...

Was fehlt, ist das Wissen, wie eine Veränderung für dich konkret funktioniert.

Kleiner Hinweis vorab: Noch mehr anstrengen ist es nicht. 🙂

2. Der Willenskraft-Irrtum

Du hast nicht weniger Willenskraft als andere.

Du brauchst auch nicht mehr Willenskraft.

Möglicherweise ist dein Wille sogar bereits überdurchschnittlich stark, weil du ihn sehr oft und sehr intensiv beanspruchst.

Die Sache mit der Kraft deines Willens ist ziemlich gut mit der Kraft deiner Muskeln vergleichbar.

Die Muskeln bringen dich prima durch den Alltag. Und wenn du gut für sie sorgst, dann sind sie auch zuverlässig da, wenn du mal mehr Körperkraft benötigst. Allerdings geht dir bei konstanter Muskelspannung doch relativ schnell die Kraft aus.

Glaubst du nicht? Dann nimm mal eine Wasserflasche und halte sie mit seitlich waagerecht ausgestrecktem Arm eine Weile fest.

Glaubst du nicht? Dann nimm mal eine Wasserflasche und halte sie mit seitlich waagerecht ausgestrecktem Arm eine Weile fest.

(Weil du einen ordentlich starken Willen hast, gibst du vermutlich erst auf, nachdem die Muskeln zittern und brennen - und wahrscheinlich bist du dennoch überrascht, wie schnell die Muskeln von dem kleinen Gewicht vollständig erschöpft waren.)

Muskelkraft ist nicht unendlich. Und wenn wir sie verbrauchen, braucht die Muskulatur Zeit zur Entspannung und Regeneration.

Willenskraft ist auch nicht unendlich. Und die beste Regeneration dafür ist eine tief verschlafene Nacht. Die meisten Menschen haben die größte Willenskraft-Reserve am Morgen beim Aufwachen.

Jetzt kommt der wichtige Punkt: Durch Studien wurde festgestellt, dass Menschen im Durchschnitt Willenskraft für etwa eine Viertelstunde zur Verfügung haben. Pro Tag!

Das zeigt: Unsere Willenskraft ist irgendwann im Laufe eines Tages erschöpft und aufgebraucht. Je mehr wir uns für alltägliche Vorhaben anstrengen und überwinden, desto eher ist der Zeitpunkt erreicht.

Und dann verfallen wir in die Verhaltens-Gewohnheiten, die wir schon lange und oft eingeübt haben - also genau in das Verhalten, das wir eigentlich ändern wollten. Der Autopilot übernimmt, weil die absichtliche bewusste Willensentscheidung bereits erschöpft ist.

Man kann die Willenskraft genau wie die Muskelkraft in einem gewissen Umfang stärken - aber nicht, wenn sie bereits komplett erschöpft ist. Für das Kraft-Training braucht man Kraft-Reserven. Und daher dürfen deine Willenskraft-Anstrengungen nur winzigklein sein, damit du sie über den Tag verteilt immer mal wieder einüben kannst.

Kleine Schritte, immer mal wieder - so klein, dass sie dir lächerlich winzig vorkommen...

Dann reicht deine Willenskraft deutlich länger (aber wahrscheinlich dennoch nicht bis zum späten Abend)...

3. Eine Veränderung braucht viele (erfolgreiche!) Wiederholungen

Wie viele Wiederholungen du genau brauchst, bis du nicht mehr merkst, dass etwas in deinem Verhalten neu und ungewohnt ist?

Darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Sie reichen von "21 Tage hintereinander ohne Unterbrechung" über "66 Tage mit einem gelegentlichen freien Tag dazwischen" bis zu "90 Tage - dann wirst du es garantiert dein Leben lang beibehalten".

Die ehrliche Antwort ist: Wie lange eine Veränderung geübt werden muss, hängt davon ab, auf welche Weise du dir das neue Verhalten vorgenommen hast und wie schwer es dir fällt, es zu wiederholen.

Kleine Schritte, bei denen die Wiederholung gar keine Mühe macht, werden schnell zur Gewohnheit - überwältigend große Vorhaben eher nicht.

Ein wesentlicher Punkt, wenn nicht sogar der entscheidende Punkt ist, dass du mit jeder Wiederholung ein persönliches (kleines) Erfolgserlebnis hast.

Durch die Erfahrung, dass dein Vorhaben klappt, wirst du unbewusst immer veränderungs-kompetenter und zugleich bewusst immer selbst-bewusster.

4. Das Unbewusste lässt sich nicht belügen

So eine Veränderung muss auf zwei Ebenen funktionieren: Als bewusste Entscheidung, für die du bewusst die Fortschritte beobachten kannst. Und als unbewusste Anpassung deiner Überzeugungen, Denkmuster und Gewohnheiten.

Was dir bewusst ist, ist dir bewusst. Du kannst Notiz davon nehmen (und diese Notiz sogar aufschreiben) und hinter deine Erfolge einen dicken Haken setzen.

Was unterdessen im Unbewussten passiert, ist dir - tja, unbewusst eben. Davon kriegst du nichts mit. Aber glaub mir: Während du dich änderst, ändert sich eine ganze Menge in dir drin und stellt sich auf die Neuerungen ein.

Dir selbst einzureden, dass du von jetzt an erfolgreich bist und mühelos deine Ziele erreichst und nie wieder überfordert sein wirst... Kannst du probieren.

Bringt aber nicht viel, wenn du nicht gleichzeitig Erlebnisse hast, die das beweisen.

Unbewusst weißt du genau, was möglich ist und wo du dir selbst etwas vormachst. Um das Unbewusste zu einer Veränderung zu bewegen, brauchst du mehr als einen Motivationsspruch.

Du brauchst Fortschritte. Einen nach dem anderen. So winzig wie möglich, aber dafür sehr regelmäßig.

Das Unbewusste ist voll auf deiner Seite, wenn du es ihm (und dir) leicht machst.

Das geht so mühelos... Es wird dir gar nicht bewusst!

Wie geht die Veränderung leicht?

  • Vergiss die Willenskraft. Wenn sie verbraucht ist, bist du eine leichte Beute für deine alten ungeliebten Gewohnheiten.
  • Stell dir eine Sammlung von konkreten Wenn-Dann-Ideen zusammen. Und zwar bevor du das nächste mal in die Situation kommst, die du auf neue Weise meistern möchtest.
    "Wenn ich wieder mal an der Supermarktkasse stehe und die Kassiererin zu mir herschaut, nicke ich ihr freundlich zu."
    Ganz einfach. Und wenn nicht, dann eben nicht. 🙂
  • Mach die Pläne klein. Und mit "klein" meine ich: WINZIGKLEIN!
    Ein Nicken an der Supermarktkasse ist super.
    Haken dahinter.
    Nächste Winzigkeit ausprobieren.
    Spar dir deine Kraft, wo du kannst.
  • Mach jeden Tag eine Winzigkeit.
    Eine.
    Jeden Tag.
    Wenn du dich überhaupt nicht zurückhalten kannst vor lauter unbezähmbarer Willenskraft, dann darfst du auch noch eine zweite... Mehr aber nicht!
  • Lass dir von deinem Unbewussten helfen.
    Während die bewussten Entscheidungen in kurzer Zeit dein Kraftkonto leerräumen, ist das Unbewusste (man kann auch Unterbewusstsein dazu sagen) extrem energieeffizient unterwegs. Denn Veränderungen aus dem Unbewussten heraus passieren (zumeist ganz und gar unbewusst) in Schrittchen, die genau die richtige Größe haben, um nicht zu überfordern.

 

Unbewusst statt Willensstark

Das Unbewusste funktioniert absolut zuverlässig.

Es kümmert sich um all die Routinen, Gewohnheiten, Körperfunktionen, Überzeugungen, Lebensregeln... - kurz gesagt um alles, was in deinem Alltag funktioniert und dir gar nicht bewusst ist.

Es ist aber ausgesprochen zurückhaltend, was plötzliche "kopfgesteuerte" Veränderungen angeht - und nicht selten fühlt es sich durch plötzliche Vorsätze sogar provoziert, zu zeigen, wer den längeren Atem hat.

Das Bewusstsein mit dem überschaubaren Willenskraftkonto ist es nicht...

Um Veränderungen im Unbewussten zu verankern, braucht es keine Kraft, sondern Leichtigkeit, Neugier, Beobachtungsfreude - und Vertrauen, dass in kleinen Schrittchen, die genau die richtige Größe haben, um nicht zu überfordern, eine Veränderung "wie von ganz allein" entstehen kann.

 Das eigene Unbewusste selbst gezielt zu beeinflussen ist ziemlich schwierig. Du müsstest dazu erst mal genau wissen, was dir nicht bewusst ist...

Wenn du eine konkrete und zielgerichtete Veränderung machen möchtest, dann ist es sinnvoll, dich dabei von einem Hypnosetherapeuten - also dem Fachmann für Veränderungen mit Hilfe des Unbewussten - unterstützen zu lassen.

Hör auf, dich immer wieder selbst zu hauen

Hör auf, dich selbst innerlich zu ohrfeigen, weil du an deine Blockaden stößt.

Sie sind dafür da, dich vor Überforderung zu schützen.

Und hör auf, dich selbst zu bestrafen, weil deine Willensanstrengungen scheitern.

Kraft ist nun mal begrenzt und du musst damit sparsam umgehen, damit sie über den ganzen Tag zur Verfügung steht.

Fang lieber an, deinem Unbewussten zu vertrauen. Denn in dir drin gibt es diese extrem energieeffiziente Steuerung, die deinen Alltag regelt, während der Wille samt allen bewussten Entscheidungen Pause macht.

Sei neugierig, was passiert, wenn mal nicht das passiert, was bisher immer passiert ist. Das ist eine Veränderung!

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Mutismus

Was fehlt dir denn?

Wenn mein Opa kränkelte und jemand ihn fragte, was ihm fehlt, dann sagte er: “Die Gesundheit”.

Mein Opa war kein Mann der großen oder der vielen Worte. Er war ein ausgesprochen stiller Mensch. Aber wenn er etwas sagte, dann traf er damit den Nagel auf den Kopf.

Wenn man krank ist, dann fehlt einem die Gesundheit.

Wenn ich in einer Sprechblockade war, hätte ich nicht so präzise sagen können, was mir fehlte. (Schon deswegen nicht, weil die Blockade es verhindert hat – aber auch, weil ich keine Ahnung hatte, was mir fehlte…)

Was fehlt dir in einer Sprechblockade?

Sprache

Im Allgemeinen ist die deutsche Sprache nicht das entscheidende Problem. Denn wenn du nicht sprechen würdest, weil du die Sprache gar nicht kannst, dann wäre das keine psychisch bedingte Sprechblockade, sondern nur ein Mangel an passenden Vokabeln.

Deine Muttersprache hast du schon extrem früh gelernt – tatsächlich bereits, als du noch im Bauch deiner Mutter warst. Du bist also bereits mit einem Gefühl für die Sprache, die in deiner Familie gesprochen wurde, zur Welt gekommen. Und ab deiner Geburt hast du immer und immer wieder geübt, wie du mit den Familienmitgliedern in Kontakt kommst und wie du sie dadurch dazu bewegen kannst, auf deine Bedürfnisse einzugehen.

Vielleicht liegt es an dieser unermüdlichen Übung von Geburt an, dass Sprechblockaden im engsten Familienkreis sehr selten eine Rolle spielen…

Kann sein, dass du mehrsprachig aufgewachsen bist – aber auch dann fehlt es dir nicht an Sprachkenntnissen. Im Gegenteil, du hast sogar mehr Vokabeln zur Verfügung, wenn du in unterschiedlichen Sprachen denken kannst.

Ganz sicher fehlt dir nicht “die Sprache”, wenn du eine Blockade hast.

Sprechen

Du hast direkt nach der Geburt mit nonverbalen Mitteln die Kommunikation mit den Menschen um dich herum aufgenommen und sie seither nie wieder verlernt. Schon in den ersten Wochen nach der Geburt hast du angefangen, gezielt unterschiedliche Töne zu produzieren – der Fachmann bezeichnet das als “vokale Kommunikation”. Und mit der Zeit sind aus den Tönen Wörter, aus den Wörtern Sätze, aus den Sätzen immer umfassendere Geschichten geworden.

Wenn wir hier von Sprechblockaden (und medizinisch ausgedrückt vom Selektiven Mutismus) reden, dann hast du das Sprechen während der ersten fünf Lebensjahre weitgehend normal erlernt.

(Wenn du nie altersangemessen sprechen gelernt hättest, dann wäre es falsch, von Selektivem Mutismus auszugehen. Und dann würde ich auch nicht von psychisch bedingten Sprechblockaden reden, weil dein Problem in dem Fall ziemlich sicher ganz anders gelagert wäre.)

Wir halten also fest: Du kannst sprechen. Du hast es als Kleinkind gelernt und nie wieder verlernt.

Begegnung

Zunächst einmal bist du vermutlich deiner Mama begegnet. Das war im günstigsten Fall schon, als die Geburt noch gar nicht ganz abgeschlossen war.
(Allerdings ist diese allererste Begegnung manchmal in der Krankenhaus-Situation nicht entspannt zu bewerkstelligen und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese allererste Begegnung nicht ganz optimal verlaufen ist.)

Später hast du immer mal wieder neue Leute gesehen und nach und nach gelernt, wie Begegnungen ablaufen.

Wahrscheinlich hast du auch viel beobachtet, wie die Großen auf einander zugehen und dabei unendlich viel darüber erfahren, welche Ähnlichkeiten und Unterschiedlichkeiten es bei Kontakten zwischen Menschen gibt.

Und egal, wie häufig oder selten du zwischenmenschliche Kontakte gesehen oder erfahren hast… An Wissen über Begegnung mangelt es dir sicher nicht.

Positive Erfahrung

Beobachten ist das Eine. Selber machen ist etwas ganz anderes.

Möglicherweise hast du lieber von weitem gekuckt und nicht so oft ganz direkt den Kontakt gesucht.
Oder du hattest dich auf sehr wenige “Lieblingsmenschen” festgelegt und hast daher nicht so viele Erfahrungen mit neuen Leuten gemacht.
Oder es gab in deinem Umfeld gar nicht so sehr viele Menschen für das Üben von Begegnungen.

Dann hast du vielleicht tatsächlich einen Mangel an der positiven Erfahrung, dass dir Kontakt immer wieder gut gelingt.

Wahrscheinlicher ist aber, dass du durchaus als kleines Kind einige Erfahrungen gemacht hast. Viele davon waren positiv und du hattest ein Erfolgserlebnis. Manche waren “normal kompliziert” und du hast daraus gelernt.

Und dann waren höchstwahrscheinlich einige Situationen dabei, in denen du nicht reagieren konntest, weil die Blockade es verhindert hat. Du hast die Erfahrung gemacht, dass du nicht kontrollieren kannst, wie du im Kontakt mit anderen reagierst – und aus dieser Erfahrung hast du gelernt, dass es Situationen gibt, die du nicht so bewältigen kannst, wie es andere Kinder können (und wie es von den Erwachsenen erwartet wird).

Wenn du mit mutistischen Blockaden aufgewachsen bist, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass du noch einiges an positiven Erfahrungen nachholen musst, bevor du darauf vertrauen kannst, dass du heute jeder Situation angemessen begegnen kannst.

Sicherheit

In Momenten, in denen Sprechen nicht möglich ist, fehlt uns Sicherheit. Aber ganz konkret sagen, woher dieses Unsicherheits-Gefühl kommt, kann man meist nicht. Denn die Situation ist ja nicht gefährlich und noch nicht mal ungewöhnlich – die allermeisten Sprechblockaden betreffen ganz normale Alltagssituationen.

Ich nehme an, dass sich dieses Gefahr-Gefühl überhaupt nicht auf tatsächliche, reale Gefahren bezieht. Und es sind auch oft keine konkreten, greifbar-nachvollziehbaren Ängste im Spiel. Vielmehr wird blitzschnell eine Wechselwirkung aus Körperfunktionen und Gehirnwindungen aktiviert, die sich jeder Logik entzieht. 

Wenn irgendein Signal den “Unsicherheits-Alarm” auslöst, sind Gehirn (oder genauer gesagt: das Nervensystem) und Körper innerhalb von Sekundenbruchteilen im Notfall-Modus. Und das, was sich dabei nach außen zeigt, nenne ich die mutistische Blockade. Man könnte sie vergleichen mit einem “Not-Aus-Schalter” für uns Menschen.

Egal, was den Notfall-Modus ausgelöst hat: Es dauert danach eine ganze Weile, bis sich alles wieder normalisiert. Das kann, wenn nur ganz selten ein Notfall (bzw. eine Blockade) auftritt, eine Stunde dauern und wenn es in kurzem Abstand immer wieder passiert auch einen halben Tag oder noch viel länger anhalten.

Das Problem ist: Ein Nervensystem, das die letzte mutistische Blockade noch nicht richtig “verdaut” hat, ist ganz besonders aufmerksam für das kleinste Anzeichen eines erneuten Unsicherheitsmoments – und daher reagiert es sofort auf alles, was schon mal im Zusammenhang mit einer Blockade erlebt wurde (egal ob es sich um Signale aus der Umwelt oder aus dem eigenen Körper handelt).

Wenn du Blockaden hast, musst du nicht das Sprechen lernen

Du kannst sprechen.

Das hast du schon gelernt, als du ganz klein warst. Und du hast es seither nie wieder vergessen.

Was dir fehlt, ist eine grundlegende Sicherheit und Ruhe für dein Nervensystem. Du brauchst die Erfahrung, dass du im Alltag ohne Notfall-Modus prima klar kommst.

Und darüber hinaus brauchst du immer wieder neue Gelegenheiten, die du ohne Gefahr-Gefühl bewältigst – so kommt in deinem Gehirn (und von da aus mit der Zeit auch in deinem Nervensystem und deinem Körper) die Erfahrun an, dass du ganz normale Kommunikation ganz ohne Probleme erledigst.

Wenn du Blockaden hast, solltest du lernen, keine Blockaden mehr zu haben.

Du meinst, dass das logisch ist?
Das meine ich auch.

Leicht ist es aber dennoch nicht. Denn die Blockaden begleiten dich schon sehr lang und sie sind so blitzschnell, dass das relativ langsame logische Denken sie nicht bremsen oder verhindern kann.

Eine Blockade macht ihren Job: Sie blockiert.
Das erledigt sie zuverlässig und vorhersehbar jedes Mal wieder, sobald dein Gehirn meldet, dass du in einen nicht sicheren Zustand geraten wirst. (Und weil das Gehirn solche Alarmsignale viel schneller sendet, als dein Denken denken kann, kannst du daran auch mit noch so viel Nachdenken nichts ändern.)

Es fehlt also an Sicherheit im Nervensystem

Wenn diese grundlegende Sicherheit da ist, dann sind auch Begegnungen in neuen Situationen und mit neuen Menschen möglich. Und daraus folgt die positive Erfahrung mit Kommunikation und Kontakt. Dann ist das Sprechen, das du bereits kannst, auch in ungewohnten Situationen kein Problem mehr – und die Sprache schon gar nicht.

Aber mein Opa, der altersweise Mann, hatte trotzdem nicht unrecht:
Auch bei meinen mutistischen Blockaden fehlte mir genau genommen “die Gesundheit”.

Was “Gesundheit” genau ist…

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“.

Laut dieser Definition geht es also gar nicht unbedingt um konkrete Krankheiten, sondern vor allem um das eigene (also subjektive) Empfinden und Erleben. Wenn das “Befinden” vollständig angenehm und positiv ist, dann ist der Mensch gesund.

Wenn du “die Gesundheit” hast, dann

  • fühlst du dich wohl in deinem Körper,
  • erlebst du dich mit deinem Geist als stimmige Einheit,
  • bist du in einem sozialen Umfeld angenehm eingebunden.

Was für dich persönlich zum Wohlfühlen, Einssein und Eingebundensein gehört, liegt ganz bei dir. Wenn du Wohlbefinden auf allen Ebenen empfindest, bist du laut WHO gesund.

Nun sag, was fehlt dir denn?

Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Und ich wünsche dir Gesundheit mit allem, was dazu gehört.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Bist du wirklich zu still?
Zu still, zu zurückhaltend

Bist du „zu still“? Oder bildest du dir das nur ein?

Ich kannte mal eine junge Frau, die hatte eine ziemlich geschwätzige innere Stimme. Und diese innere Stimme wiederum führte pausenlos ungefähr folgenden inneren Monolog:

“…wenn du nur so wärst wie alle anderen, dann wärst du genau richtig.
Aber weil du nicht so bist wie die… Da muss doch etwas mit dir nicht stimmen.
Du bist eben zu still. Geradezu peinlich, wie du stundenlang zuhörst, ohne auch mal was zu sagen..
Alle sind gesprächig, wenn du sie triffst. Manche sind sogar ziemlich nervtötend in ihrer Gesprächigkeit. Und oft auch irgendwie übertrieben gut drauf.
Nur du, du bist immer so bedächtig. Zu langsam. Und laaangweilig.
Bis du mal etwas sagst, musst du es dreimal durchdacht haben. Mindestens. Und in einer Gesprächsrunde ist längst wieder ein anderes Thema dran, bis du endlich weißt, was du beitragen könntest.
Dann ärgerst du dich über mich selbst. Und kriegst eine Weile gar nicht mehr mit, worüber eigentlich gesprochen wird. Das ärgert dich dann noch viel mehr. Lieber Himmel…!
Wenn du anders wärst, wärst du genau richtig. Aber so, wie du bist, wird das nie mehr was mit dir.
Du denkst aber auch oft so einen Quatsch. Wenn die anderen wüssten, was in deinem Kopf alles vorgeht, dann würden sie erst recht denken, dass etwas mit mir nicht stimmt.
Meine Güte! Wenn die wüssten, wie viel Unsinn dir jeden Tag durch den Kopf geht… Wahrscheinlich ist es echt besser, dass du so wenig von dir sprichst.
Kein Wunder, dass in deinem Leben nichts so ist, wie du es dir in deinen heimlichen Träumen ausmalst.
Wenn du nur ganz anders wärst. Dann wäre alles ganz einfach.
Aber so…”

Die innere Stimme war sehr überzeugend. Also war sich die junge Frau in einem Punkt völlig sicher:

“Anders” ist besser. Egal wie – sie müsste ganz anders werden, damit sie sich selbst mögen könnte.
(Und damit die innere Stimme endlich mal die Klappe halten würde.)

Es gab dabei ein Problem: Die junge Frau hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie “Anders” wirklich war. (Und ihre innere Stimme auch nicht.)
Und so blieb “anders werden” ein unerreichbares Hirngespinst. Jahrelang.

Wenn ich anders wäre, wäre ich richtig

Diese junge Frau war ich.
Als ich fünfzehn war – und als ich zwanzig war – und als ich fünfundzwanzig war immer noch.

Dann, endlich, habe ich etwas geändert. Ich habe nicht mehr nur davon phantasiert, wie toll ich “Anders” sein könnte. Sondern ich habe angefangen, Fragen zu stellen. Ganz konkret. An echte andere Menschen.

Ich habe zum Beispiel Menschen gefragt, ob sie sich selbst für “genau richtig” halten. Und, große Überraschung: Niemand findet sich selbst rundum richtig, so wie er/sie ist.

Oder ich habe gefragt, was “die Anderen” am liebsten an sich selbst ändern würden. Und Leute, die sich selbst für “zu still” hielten, wünschten sich, weniger still zu sein. Wohingegen Leute, die sich für “zu aktiv” hielten, gerne mehr Ruhe und Bedächtigkeit ausgestrahlt hätten. Alle wollten anders sein als sie sind.

Oder ich habe gefragt, was Leute an sich nicht mögen. Und sie nannten meistens genau den Charakterzug, der sie am meisten als Person ausmachte. Also das, was mir als “ganz typisch” in Erinnerung geblieben war, wenn ich jemanden länger nicht getroffen hatte.

Stell doch mal dein „zu still sein“ in Frage

Fragst du dich auch dauernd: “Warum in aller Welt bin ausgerechnet ich so zurückhaltend? Warum bin ich nicht so, wie die anderen sind?”

Das kenne ich.

Ich habe mich das viele Jahre lang gefragt – bis ich endlich akzeptiert habe, dass diese Art von Fragen mich nicht weiterbringen.

Irgendwann habe ich den Spruch “Sei du selbst, lass die anderen anders sein” zu meinem Lieblingsspruch gemacht. Denn wenn die Anderen nicht anders als ich wären, wären sie ja nicht “die Anderen”.

Möchtest du die Überzeugung „Ich bin zu still“ mal in alle Einzelteile zerpflücken?

Ich gebe dir einige Fragen – und ich bin fast sicher, dass dir an einigen Stellen eine neue Sichtweise ins Bewusstsein fallen wird. Ein „Einfall“ im allerbesten Sinne des Wortes…

„Ich bin zu still“ – für wen? Für wen nicht?
„Ich bin zu still“ – in welcher Situation? In welcher Situation nicht?
„Ich bin zu still“ – für was? Für was nicht?
Im Vergleich wozu bist du „zu still“?
Im Vergleich mit wem bist du „zu still“?
Warum änderst du es nicht? Warum bist du „zu still“, obwohl du es lieber nicht wärst?
Wie wärst du denn, wenn du nicht mehr „zu still“ wärst?
Wer wärst du, wenn du anders wärst?
Wie würdest du einer anderen stillen Person erklären, was du unter „zu still“ verstehst? Wie würdest du es einer sehr direkten, aufbrausenden Person erklären?
„Du bist zu still“ – hat dir das schon jemand so gesagt? Oder ist es etwas, das von deiner inneren Stimme gesagt wird?
Gibt es Themen, Momente, Situationen oder Personen, bei denen du nicht „zu still“ bleiben kannst?
Magst du es, wenn andere Menschen zurückhaltend sind? Warum? Oder warum nicht?
Magst du es, bei intensiven Diskussionen dabei zu sein? Warum? Oder warum nicht?
Was gefällt dir an Menschen, die im direkten Kontakt intensiv und wortgewaltig sind? Was nicht?
Bedeutet „zu still“ immer etwas negatives?
Wer wärst du, wenn „zu still“ sein kein Teil deines Wesens wäre?

Was genau empfindest du als ZU still?

Es gibt ja keine Vorschrift, die besagt, wie sehr du dich bemerkbar machen musst, damit du nicht zu still bist. Und es gibt auch keine “Zeig-Dich-Polizei”, die überwacht, dass niemand zu unscheinbar wird. Es gibt nicht mal konkrete Regeln, um festzustellen, wann jemand als zurückhaltend, ruhig oder introvertiert bezeichnet werden kann.

1. IST MAN ZU STILL, WENN MAN NICHTS SAGT?

Es gibt erstaunlich viele Zitate, die in den sozialen Medien gerne geliked und häufig geteilt werden und davon handeln, dass Schweigen besser ist als Reden.

Ein paar Beispiele:

Der Leise hat eine starke Stimme.

Aus China

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Deutsches Sprichwort

Aus der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren.

Thomas Carlyle (1795 – 1881)

Das klingt nicht unbedingt so, als ob es verkehrt wäre, still zu sein.

(Zugegeben: Es gibt mindestens ebenso viele gern geteilte Zitate, die das Gegenteil propagieren. Es ist halt – wie alles im Leben – Geschmackssache…)

2. IST MAN ZU STILL, WENN MAN NICHTS DENKT?

Meditation – also das gezielte Still-Werden der Gedanken – ist ein großer Trend. Wenn erfolgreiche Menschen nach ihren Erfolgsgeheimnissen befragt werden, ist die Meditation ein sehr häufig genanntes Rezept.

Es scheint also nicht verkehrt zu sein, wenn die Gedanken still sind.

3. IST MAN ZU STILL, WENN MAN NICHTS MACHT?

Es gibt einige Modewörter, die den Zustand von “nichts machen” beschreiben.
Rumhängen.
Abhängen.
Relaxen.
Chillen.
Chillaxen.
Kann ja alles nicht so verkehrt sein…

4. IST MAN ZU STILL, WENN MAN EINFACH NUR GERNE DABEI IST, STATT MITTENDRIN ZU SEIN?

Wenn du mich fragst, war “Mittendrin statt nur dabei” vor zwanzig Jahren ein netter Werbespruch eines Fernsehsenders.
Als Lebensweisheit taugt er aber nicht.

Es gibt immer Menschen, die gerne dabei sind und ungerne im Mittelpunkt stehen. Und das ist überhaupt kein Problem, weil im Mittelpunkt eh nicht für alle Platz ist.

Da es keinen allgemeingültigen Maßstab gibt, findet letztlich jeder sein eigenes Maß.
Das kann durchaus von Situation zu Situation und von Tag zu Tag anders sein.

TATSACHE IST:

Man ist nicht entweder still oder nicht.
Wir alle sind mal mehr und mal weniger ruhig.

Und weil wir alle bei uns selbst viel kleinlicher und mäkeliger sind als bei allen anderen Menschen, frage ich jetzt mal so:

Was ist dein persönliches Maß für “zu still” bei den Menschen um dich herum?
Wann findest du, dass eine andere Person wirklich “mehr aus sich herausgehen” müsste?
Was müsste diese Person machen, damit sie dich mit ihrem “zu still sein” so richtig auf die Palme bringt?

Ich weiß, was du an dir „zu still“ findest

Du vergleichst dich mit einer Persönlichkeit, die so ganz anders ist als du. Immer mittendrin, immer in Action, immer scharfsinnig und charismatisch und am Diskutieren, immer wortgewandt und unterhaltsam.

Es gibt solche Menschen. Sie sind vergleichsweise selten, aber sehr speziell und daher ziemlich auffällig. Denn sie sprühen vor Energie und Esprit und überhaupt… Und sie sind definitiv unüberhörbar.

Aber mal angenommen, du müsstest die nächsten 24 Stunden in einem geschlossenen Raum ununterbrochen mit einem Menschen zusammen sein, der genau so ist…

Wie fändest du das?

Weißt du, was ich glaube?

Du bist nicht „zu still“, sondern genau richtig. Einfach nur, weil du du bist.
Aber deine Idee davon, wie du „genau richtig“ bist, könnte ein Update vertragen.

Du hast so viele Stärken. Die sind alle bereits da. Und dein zurückhaltendes Wesen ist ein Teil davon. Denn genau diese Kombination aus deinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Eigenheiten hat kein Anderer. Nur du!

Wenn du anders wärst, wärst du nicht mehr du!

Und das wäre ganz enorm schade.

Das heißt nun nicht, dass du dich nicht weiterentwickeln darfst. Das ganze Leben ist ja im Grunde nur dazu da, dass du immer mehr von deinen Stärken zeigst, damit die Bereiche, in denen du noch keine Stärken entwickelt hast, eine geringere Rolle spielen.

Stärken (die schon da sind, aber noch mehr Potenzial mitbringen) weiterzuentwickeln ist eine großartige Idee. Und ich bin überzeugt, …

Nein, ich bin nicht nur überzeugt. Ich weißt ganz genau, dass du auf deine stille Weise unendlich viele Stärken und Potenziale besitzt.

Also:

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Mutismus

Wie erlebst du dich und die Welt um dich herum, wenn du in einer Sprechblockade steckst?

Selektiven Mutismus im Erwachsenenalter verstehen – Teil 2

“Wie ist das denn, wenn du nicht sprechen kannst?”
“Hmmm?! Weiß ich auch nicht.”
“Aber du musst doch wissen, warum du nichts sagst.”
“Nö. Weiß ich nicht. Geht eben nicht.”
“Aber wenigstens, wie du dich dabei fühlst, musst du doch wissen.”
“Nö. Keine Ahnung. Irgendwie anders halt…”
“Und wie soll ich dir dann helfen, wenn du nicht weißt, was mit dir los ist?”

Du fühlst dich im Stich gelassen. Das ist verständlich.
Und auf die eine oder andere Weise gibt’s solche Dialoge immer wieder, wenn Leute Unterstützung anbieten möchten, aber nicht wissen, was sie tun sollen.

Die Person, die wissen möchte, was sie für dich tun kann, fühlt sich unbeholfen. Sie würde gerne auf dich eingehen, aber sie hat keine Ahnung davon, was in dir vorgeht. Und sie fühlt sich hilflos – das ist ebenfalls verständlich.

Du fühlst dich auch hilflos. Und das ist nicht weniger verständlich. Denn wenn du es erklären könntest, wäre vieles um einiges leichter.

Damit du jemandem sagen oder zeigen oder schreiben kannst, wie es dir geht, müsstest du es erst mal für dich selbst in Worte fassen können. Denn “verständnisvoll” kann nur jemand reagieren, der – zumindest ansatzweise – versteht, was los ist. Und wenn du dir selbst Verständnis entgegenbringen willst, ist ebenfalls ganz wesentlich, dass du dich selbst verstehst.

Das Problem ist: Für dich ist es einfach nur normal, dass die Blockade kommt und geht. Das war schon immer ein Teil deines Lebens. Alltag eben. Schwer zu beobachten, weil du gar keine Idee hast, worauf du achten könntest…

Ich habe ein paar Aspekte gesammelt, die du bei dir selbst beobachten kannst, um dahinter zu kommen, was bei dir anders ist, wenn die Blockade da ist.

Sei neugierig. Sei ForscherIn in eigener Sache. Sei interessiert an dem, was du erlebst.
Aber sei nicht zu perfektionistisch dabei. Dich selbst zu beobachten ist nichts, was du “perfekt” oder auch nur “richtig” machen kannst. Das einzige Ziel ist, dass du dich etwas besser verstehst. Und vielleicht ein paar Worte für das findest, was du erlebst, während du schweigst.

Vorab: Im folgenden Text teile ich meine eigenen Erfahrungen als Erwachsene, die bis vor ein paar Jahren Sprechblockaden hatte, mit anderen Erwachsenen, die das Problem auch haben.
Falls du als Elternteil mit dem Selektiven Mutismus deines Kindes konfrontiert bist, ist es sicher sehr nützlich für dich, diese Erfahrungen zu lesen und dann zu überprüfen, ob sie bei deinem Kind eine Rolle spielen (könnten). Manches stellt sich bei Kindern anders dar – nimm meine Gedanken einfach als Ideen für deine nächsten Beobachtungen…

Die Symptom-Sichtweise

Im Teil 1 ging es um die diagnostische Herangehensweise an Sprechblockaden im Allgemeinen und Selektiven Mutismus im Speziellen.

Diese “Kategorisierung” ist vor allem wichtig für die Krankenkasse. Und deswegen ist sie auch wichtig für Ärzte und Therapeuten. Die Diagnose ist die Voraussetzung, um eine Therapie anzufangen.

In der Therapie sollte es dann aber nicht um Symptome gehen, sondern um dich und um das, was du erlebst und ändern möchtest. Und die Menschen um dich herum können allein schon mit dem Wort “Symptom” nicht so viel anfangen, weil das zu dem Mediziner-Kauderwelsch gehört, über das ich im vorigen Artikel schon einiges geschrieben habe.

Für die Menschen um dich herum ist der “Blick durch die Symptom-Brille” auf deine Sprechblockaden überhaupt nicht hilfreich. Denn die wollen wissen, was mit dir los ist, während du nicht sprichst, und wie sie dann mit dir umgehen sollen.

Die “Außenansicht” einer mutistischen Blockade

Für Außenstehende wirkt jemand, der in einer mutistischen Blockade steckt, vor allem starr. Und er ist stumm. Und man kann ihn nicht so spüren, wie man Menschen sonst spürt, wenn man in ihrer Nähe ist…

Das führt dazu, dass sich die Menschen nicht so verhalten, wie sie sich in Kontakt-Situationen sonst (ganz unbewusst und automatisch) verhalten würden. Sie sind gehemmt, verunsichert – man könnte fast sagen: Sie sind blockiert.

Und dass sie dann ihre eigenen Hypothesen für diese ganz und gar ungewöhnliche Situation aufstellen, ist eine durchaus normale Reaktion auf diesen Unsicherheitsmoment.

Daher kommen Menschen, die dich in der Blockade erleben, zu Schlussfolgerungen, die mehr mit ihren Erfahrungen als mit deinen zu tun haben. Die naheliegendste Erklärung für Beobachter ist: „Hat Angst und macht deswegen nix mehr.“ Denn Angst kennt jeder aus eigener Erfahrung.

Eine wesentlich konkretere Beobachtung wäre: “Man kann sehen (und spüren), dass die Person gerade abwesend ist.” Aber dafür fehlen den meisten Menschen die eigenen Erfahrungen und daher können sie damit nichts anfangen.

Eine noch bessere Sichtweise wäre: “Die Situation überfordert gerade. Daher unterbreche ich jetzt erst mal die Überforderung.” Aber darauf muss jemand erst mal kommen…

Wichtig: Deine mutistische Blockade ist für dich völlig anders als sie für Außenstehende aussieht.

Deine inneren Wahrnehmungen

Wenn du dich mit deinen eigenen Wahrnehmungen in der Blockade befasst, dann bist du auf einer “Forschungs-Reise” – und daher suchst du nicht nach Problemen, sondern nach interessanten Entdeckungen. Was du entdeckst, ist nicht neu. Du hast nur bisher nie darauf geachtet. Und jetzt, wo du es beobachtest, ist es nicht problematischer als zuvor, sondern nur bewusster.

Wenn du an deinen Wahrnehmungen etwas ändern möchtest, wäre das ein Thema für eine Therapiesitzung. Wobei sich nicht selten allein dadurch etwas ändert, dass du bewusst merkst und benennst, was da ist…

1. Körperwahrnehmung

Typische körperliche Wahrnehmungen von Leuten, die Blockaden umschreiben, sind
“wie am Hals abgeschnitten“ oder
„außer sich“ oder auch
„in sich gefangen“ sein.

Das beschreibt ein Gefühl, nicht die Realität – aber wenn wir unsere Körperwahrnehmungen in Worte fassen wollen, brauchen wir solche Vergleiche und Umschreibungen. Viele dieser Metaphern sind als Sprichwörter oder feststehende Begriffe in unserer Sprache verankert: “Etwas auf dem Herzen haben” und “einen dicken Hals kriegen” oder “die Laus, die über die Leber gelaufen ist” kann man einfach so ansprechen und alle nicken verständnisvoll und scheinen genau zu wissen, was damit gemeint ist.

Auch Zittern oder stockender Atem oder ein heftig schlagendes Herz sind Körperwahrnehmungen. Für solche körperlichen Reaktionen können wir leichter konkrete Worte finden. Und oft fassen wir diese Sorte von Wahrnehmungen in einer recht pauschalen Begrifflichkeit zusammen und nennen sie “Angst”.

Angst ist allerdings KEINE Körperwahrnehmung, sondern eine Schlussfolgerung.

Spannend finde ich in dem Zusammenhang, dass ein Zittern in der Magengegend, ein Gefühl der Atemlosigkeit und heftiges Herzklopfen auch durchaus anders gedeutet werden kann. Wer jemals “Schmetterlinge im Bauch” hatte und wem mit Blick auf den “Herzensmenschen” plötzlich “die Luft weggeblieben” ist, weiß, was ich meine.

Körperwahrnehmungen sind weder gut noch schlecht. Sie sind uns nur manchmal bewusster als in anderen Momenten – und erst durch die (Be-)Deutung, die wir ihnen geben, werden sie positiv oder negativ.

Es kann sein, dass du innerhalb einer mutistischen Blockade wenig bewusste Wahrnehmungen für die Vorgänge in deinem Körper hast. Oder es kann sein, dass du einzelne Körper-Informationen besonders intensiv wahrnimmst und alles andere dadurch unbewusst bleibt.

2. Wahrnehmung mit den Sinnesorganen

Aktuell geht man davon aus, dass Menschen fünf Sinne haben, mit denen sie Wahrnehmungen aus der Umwelt aufnehmen. Könnte sein, dass wir darüber hinaus auch einen sechsten oder sogar den sprichwörtlichen “siebten Sinn” haben – aber bisher hat die Wissenschaft das dazu passende Sinnesorgan noch nicht gefunden.

Spannend ist nun, zu beobachten, ob es Unterschiede gibt, wie die Sinnesorgane arbeiten, wenn du entspannt bist im Vergleich zu Blockaden…

Beobachtungen von mir in Blockade- oder Stress-Situationen sind

  • beim Sehen:
    Ich schiele leicht und ich sehe in der Nähe weniger scharf. Offenbar haben meine Augenmuskeln während einer Blockade eine andere Spannung und dadurch sehe ich die Welt tatsächlich deutlich anders als im entspannten Zustand. (Unter anderem fehlt mir dann komplett das räumliche Sehen, so dass ich Sachen umstoße oder beim Laufen öfter gegen Dinge und Menschen remple oder stolpere…)
  • beim Hören:
    Meine Ohren machen auch Unterschiede.
    Ich kann mit dem rechten Ohr sehr schwer zuhören, wenn jemand spricht. Es kommt mir vor, als würde ich nur den Ton, aber nicht die Worte hören – und das fällt besonders auf, wenn ich mal beim Telefonieren den Hörer am rechten Ohr habe. (Logischerweise telefoniere ich – wenn überhaupt – ausschließlich “mit links”. Da macht das Verstehen weniger Probleme…)
    Außerdem habe ich am rechten Ohr zeitweise ein Ohrgeräusch, das von zu hoher Anspannung im Innenohr zu kommen scheint (und das Hinhören auch nicht leichter macht).
  • beim Riechen:
    Der Geruchssinn macht Pause, wenn ich in einer Blockade bin. Dann braucht es schon extreme Düfte, damit ich etwas wahrnehme.
  • beim Schmecken:
    Essen schmeckt nicht während einer Blockade.
    Dummerweise mampfe ich trotzdem alles Essbare in mich hinein, bis mein Magen vor Überfüllung nicht mehr kann…
  • bei Wahrnehmungen über die Hautoberfläche:
    Ich hasse Berührt-Werden, wenn ich in einer Blockade bin. Es fühlt sich an wie ein “Übergriff” – als ob ich keine richtige Abgrenzung nach außen hätte.
    Außerdem fühlt sich alles “dumpf” an. Es ist nichts so richtig real, obwohl ich es mit Händen greifen kann. Und sogar, wenn ich mich selbst anfasse, fühle ich mich, als ob ich dicke Fausthandschuhe tragen würde…

Das sind nur Beispiele. Alle habe ich bei mir selbst in Stress- und Blockade-Situationen entdeckt – und womöglich machst du ganz andere Entdeckungen, wenn du dich mit deinen Sinneswahrnehmungen befasst…

Dass unsere Sinne “zustandsabhängig” unterschiedliche Informationen weitergeben, ist übrigens ganz normal. Jeder Mensch hat in unterschiedlichen Situationen bzw. Emotionen unterschiedliche Wahrnehmungen. Und alle die Erfahrungen, die ich beschreibe, sind nicht “der Mutismus”, sondern meine Wahrnehmungen innerhalb von bestimmten Zuständen, die ich als “Blockaden” erlebt habe.

3. Das eigene Denken

Eine spannende Frage beim Beobachten der eigenen Blockaden ist: Ist Denken möglich? Wenn ja – mit welchen Einschränkungen?

(Das ist ein Bisschen verquer: Wenn du in der Blockade darüber nachdenkst, wie du in einer Blockade denkst, dann beobachtest du unter Umständen das Denken, das anders ist, als es wäre, wenn du das gleiche außerhalb der Blockade denken würdest… – Auch hier gilt: Sei neugierig auf das, was da zu beobachten ist. Du bist ForscherIn in eigener Sache und kannst spannende Phänomene erkunden. Aber hör bitte rechtzeitig auf damit, bevor du dich selbst irre machst.)

Mit “Einschränkungen im Denken” meine ich beispielsweise, dass manche Leute in einer Blockade

  • nur noch logisch denken können oder
  • nur noch an einem einzigen Denk-Inhalt festhängen oder
  • nur funktional denken, aber keinen Zugriff auf ihre Emotionen haben oder
  • ihr Denken als auffällig langsam oder schnell oder wirr oder ungeordnet erleben…

Auch hier gilt: Dass das Denken in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich ist, ist ganz normal. Jeder erlebt manchmal, dass der Denkprozess in einer Situation anders als sonst ist. (Bei Prüfungen ist das besonders unangenehm und bleibt als – tatsächlicher oder befürchteter – Black-Out lange in Erinnerung.)

4. Wahrnehmung der Zeit

Das klingt jetzt vermutlich erst mal seltsam. Wir haben schließlich gelernt, dass die Zeit in Stunden, Minuten, Sekunden vergeht – und daraus schließt man schnell mal, dass Zeit immer und für alle gleich vergeht.

Was für die Physik ziemlich schlüssig ist, gilt für die Psyche nicht. Denn wie jeder von uns Zeit innerlich wahrnimmt ist ganz und gar nicht für alle gleich. Es hängt von der Situation ab und vom psychisch-emotionalen Zustand.

Es gibt Büro-Tage, an denen schaue ich alle paar Minuten auf die Uhr – und stelle fest, dass die Uhr sich nur sehr mühsam vorwärts bewegt. Und es gibt Seminar-Tage, da flutscht die Zeit nur so dahin – und meine TeilnehmerInnen müssen mich bremsen, damit sie zwischendurch auch mal eine Kaffeepause bekommen.

Wenn ich mich ins Musizieren, Schreiben oder Lesen vertiefe, dann spielt Zeit überhaupt keine Rolle für mich. Wenn ich Wäsche bügeln oder Geschirr abwaschen muss, schon.

Die Wahrnehmung der Zeit ist aber nochmal ganz anders, wenn ich in einer Blockade stecke. Genau genommen würde ich wohl, wenn mich jemand nach der Zeit fragt, reagieren mit: “Häh? Was??? Zeit…?”

Es ist ein Bisschen so, als ob da gar keine Zeit wäre. Es gibt nur “Jetzt” für mich – und das dauert gefühlt eine Ewigkeit, während es zugleich überhaupt nicht vergeht.

(Während ich das aufschreibe, merke ich selbst, wie unverständlich und schräg das klingt. Kein Wunder, dass mich niemand versteht, wenn ich in so einer Zeitschleife stecke…)

So eine Zeit-Blockade führt dazu, dass ich keine Pläne habe und keine Ziele nennen kann. Die Zukunft ist ja unerreichbar weit weg – also, genauer gesagt, mein Gefühl für zukünftige Zeiten ist in dem (endlos langen) Moment unerreichbar für mich.

Ohne die Blockade bin ich eine ziemlich gut organisierte Planerin.
Dumm nur, dass ich mich in der Blockade an die Pläne, die ich zuvor gemacht habe, nicht erinnern kann – oder schlicht nicht mehr weiß, warum ich sie umsetzen wollte oder sollte.

5. Räumliche Wahrnehmung

Wenn die bisherigen Wahrnehmungen schon schwer zu beobachten waren, ist die räumliche Wahrnehmung nochmal eine andere Kategorie für sich. Denn wann denkt man schon mal darüber nach, wie man sich selbst in der Umgebung – fühlt???

Klar ist, dass jeder von uns eine Vorstellung von dem hat, was um ihn herum ist.

Überraschend ist wahrscheinlich, dass sich das je nach Situation oder Stress-Level oder Tageszeit verändert. Weil wir es ja gewöhnt sind. Weil wir davon ausgehen, dass eine Umgebung, die nicht lebt, sich auch nicht verändert.

Ich mache manchmal die Augen zu und spüre, wie ich gerade da sitze. Und dann lasse ich die Augen geschlossen und versuche zu spüren, wie weit die Wand hinter mir von mir entfernt ist. Und dann die Wand vor mir. Und dann die Wände links und rechts neben mir. Und die Zimmerdecke.
Dann versuche ich zu erspüren, wie viel Raum um mich herum ist.

Jedesmal, wenn ich die Augen wieder öffne, bin ich überrascht. Meine innere Vorstellung von dem Platz, den ich um mich herum habe, ist oft ganz anders als das, was meine Augen sehen. Wenn ich gestresst bin, sind die Wände sehr nah und erdrückend. Wenn ich entspannt bin, spüre ich viel Raum um mich und die Wände spielen gar keine große Rolle.

In einer Blockade habe ich das Gefühl, ich säße in einer Ecke. Und ich fühle mich sehr klein. Der Raum vor mir ist sehr groß – aber ganz nah bei mir fühle ich eine Art “Glasscheibe”, die mich von allem, was dahinter ist, trennt.

Früher nannte ich diese Wahrnehmung “mein Aquarium”. Und ich habe sehr viel Zeit in diesem Aquarium verbracht, das in meiner räumlichen Vorstellung “meine Blockade” dargestellt hat.

Im allgemeinen Sprachgebrauch gibt’s einige Bezeichnungen für solche räumliche Wahrnehmungen in Überforderungs-Momenten: “In die Ecke gedrängt”, “mit dem Rücken zur Wand”, “im Mauseloch verkrochen”, “neben sich stehen”, “daneben sein”…

Wie beschreibst du es, wenn du “weg bist”, weil “die Überforderungsfalle zuschnappt”?

Übrigens hat mich erst kürzlich jemand gefragt, ob ich aus meinem Aquarium nicht einfach raussteigen könnte. Ich musste eine Weile überlegen, weil die Frage für mich erst mal ganz und gar neu war – und dann habe ich festgestellt: Ja. Ich kann in meiner Vorstellung aufstehen und über die Glasscheibe drübersteigen. Und ohne Blockade weitergehen…

6. Gefühle und Emotionen

Zunächst mal: Alles, was ich bis hierher beschrieben habe, verursacht Gefühle. Jede Wahrnehmung (ob von außen über die Sinnesorgane oder von innen als Gedanke) löst eine Mischung von Gefühlen aus. Und Gefühle sind wichtig, damit wir uns in der Welt orientieren können – es gibt daher keine “schlechten Gefühle”.

Wenn Gefühle stören, dann ist es nicht das Gefühl an sich. Sowas wie “links über meinem Zwerchfell ist ein Muskel ein wenig mehr gespannt als vorhin” ist eine Information aus dem Inneren. Und die ist zwar interessant, aber nicht schlimm.

Erst im zweiten Schritt entscheidet sich, was das Gefühl mit dir macht. Denn dann kommt ein Gedanke wie: “Oh Gott, da beim Herz in der Gegend fühlt es sich komisch an – ich kriege bestimmt gleich eine Angstattacke. Und als ich das schon mal hatte, da wurde daraus eine richtige Panik… Und jetzt geht das schon wieder los!!!”

Das ist NICHT das Gefühl. Das sind Gedanken über das Gefühl.

Emotionen sind auch Gedanken über das, was der Körper mitteilt. Im Grunde ist so eine Emotion die Beschreibung von mehreren Körperwahrnehmungen in einem einzigen Wort.

“Angst” ist die Überschrift für eine ganze Sammlung von körperlichen Erscheinungen.
“Traurigkeit” steht für eine andere Gefühls-Ansammlung.
“Wut” drückt sich nochmal in ganz anderen körperlichen Wahrnehmungen aus.
Oder “Freude”…

Wie ist denn bei dir die Körperwahrnehmung für “Freude”? Wie fühlt es sich im Bauch an, wenn du dich freust? Wie gespannt sind die Muskeln im Nacken und in den Schultern? Wie ist es dir ums Herz? Und wie ist es für den linken großen Zeh, wenn du Freude hast?

In Blockaden kann es sein, dass diese Körperwahrnehmungen sehr “verwaschen” sind oder sich weit entfernt anfühlen. Unter Umständen sind sie auch für eine Weile ganz “weg” – also gar nicht bewusst wahrnehmbar.

Das erklärt auch, warum es schier unmöglich ist, die Emotionen zu benennen, die zu einer Blockade gehören.

Und weil es für dieses “Nichts” an Körperwahrnehmung kein passendes umgangssprachliches Wort gibt, taucht dann immer schnell der Begriff “Angst” auf.

Angst ist eine Emotion, die jeder Mensch kennt. Und daher ist “Angst” ein Wort, mit dem jeder etwas anfangen kann. Es wird ziemlich häufig gebraucht, um zu begründen, warum man sich auf eine bestimmte Art verhalten hat oder warum man sich nicht auf eine erwartete Art verhalten kann – und alle nicken dann wissend und verständnisvoll.

“Nichts” zu spüren ist vielen Menschen fremd – und sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn da nichts ist. Es ist mit Worten nur sehr schwer zu beschreiben.

Aber wenn wir über Emotionen und Blockaden reden, ist das enorm wichtig:
“Nichts” hat absolut nichts mit Angst gemeinsam. Wer nichts in seinem Körper wahrnimmt, hat keine Angst, sondern eine Blockade.

Die Welt ist anders, wenn die Blockade nicht da ist

Alle diese unterschiedlichen Wahrnehmungen von Emotionen, Denken, Sinnes-Informationen, Raum und Zeit verändern sich, wenn du entspannt bist.

Die Welt zeigt sich anders, wenn du ihr ohne Blockade begegnest.

Genau genommen ändert sich natürlich nicht die Welt um dich herum, sondern die Informationen, die bei dir über die Welt um dich herum ankommen.

Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich Situationen, in denen bis dahin immer die Blockade alles von mir ferngehalten hat, zum ersten Mal ungefiltert “das wahre Leben” wahrnehmen konnte. Hui, das war eine mächtige Überforderung – und es hat sich für mich alles andere als normal angefühlt, als ich in immer mehr Umgebungen “normal” geworden bin.

Im Nachhinein denke ich mir, dass es viel leichter gewesen wäre, wenn ich jemanden gehabt hätte, der mich auf dem Weg in diese vielfältigen Wahrnehmungen begleitet hätte. Wenn jemand mir gesagt hätte, dass diese vielen unterschiedlichen Informationen zum Alltag ohne Blockaden dazugehören – und dass es gut ist, sie zu haben.

Damals dachte ich manchmal, dass sich “normal werden” sehr wie verrückt werden anfühlt.

Daher bitte ich dich, bei deinen Experimenten auf dem Weg zum “normal werden” ganz ganz behutsam mit dir umzugehen. Sei neugierig, aber mach deine Schritte so klein, dass du nicht mal in die Nähe einer Überforderung kommst. Beobachte erst mal, ohne etwas verändern zu wollen. Finde heraus, was dein Unterschied zwischen Entspannung und Anspannung ist – und dann mach so viel Entspannung, wie du ohne Überforderung genießen kannst.

Ich möchte, dass du keine Blockaden hast – aber vor allem möchte ich, dass du das, was da ist, wenn die Blockade nicht da ist, ganz vorsichtig und respektvoll erkundest.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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