Wie ich beinahe keinen Podcast gestartet hätte…

1 Kommentare

von Christine Winter

20.10.2020

Warum ich die Geschichte mit dir teile, wie ich fast gescheitert wäre beim Versuch, einen Podcast zu machen?

Zwei Gründe:

  1. Weil es sehr gut zeigt, warum man Sprechblockaden längst komplett hinter sich gelassen haben kann - um dann festzustellen, dass einem trotzdem noch hin und wieder die Worte fehlen.
  2. Weil es (mir) mal wieder gezeigt hat, wie schnell ein Problem aus der Welt geschafft werden kann, wenn jemand (mir) die richtigen Fragen stellt.

Die Geschichte vom Scheitern

Da war diese Idee...

Jemand müsste mal zusammenhängend und in einfachen Worten erklären, was mutistische Blockaden sind und was für die ganzen Missverständnisse rund um die ungewollte Sprachlosigkeit sorgt.

Müsste echt mal jemand machen. Ein Podcast wäre super dafür - weil dann jeder genau dann reinhören könnte, wenn er Zeit hat oder nebenbei den Haushalt macht oder Auto fährt oder...

Eigentlich könnte ich mal einen Mutismus-Podcast starten...

Seit ungefähr 2018...

Seit mehr als zwei Jahren dachte ich ganz regelmäßig: Ich sollte endlich meinen Mutismus-Podcast an den Start bringen.

Und jedes Mal dachte ich sofort: "Jetzt nicht. Keine Zeit..."

Klar. Gerade am Anfang dauert das alles und kostet einige Nerven. Da fand ich es besser, es nochmal für ein paar Wochen aufzuschieben.

Corona machte den Kalender leer - und meine beste Ausrede ist weg

"Keine Zeit" kann ich jetzt nicht mehr behaupten. Denn durch die Verlagerung aller Arbeit ins Home-Office kann ich mir Zeit dann nehmen, wenn ich sie mir nehmen möchte. Bis Mitte 2021 sind alle meine Seminare durch Online-Veranstaltungen ersetzt oder auf unbestimmte Zeit verschoben worden - also habe ich keine Reisezeiten und Auswärts-Übernachtungen mehr und keine Wochen im Seminarraum, nach denen ich völlig erschöpft bin.

"Ich müsste endlich den Mutismus-Podcast starten."

Alle Hindernisse ausgeräumt. Jetzt müsste ich wirklich nur noch starten!

Einige Wochen waren mit Vorbereitungen und Technik-Gedöns ins Land gegangen.

Dann war alles so weit vorbereitet, dass ich nur noch die Folgen einsprechen musste.

"Ähöööm. Hust. Hüstel."

...dass ich nur noch die Folgen HÄTTE einsprechen müssen.

Weil: Als ich mich hinstellte und das Mikrofon vor der Nase hatte, waren die Worte plötzlich weg.

Ich konnte keinen vollständigen Satz in dieses Mikrofon sprechen...

Ich konnte genau genommen nicht mal unfallfrei einen Satz ablesen, während ich da stand mit dem Mikrofon vor der Nase.

Dass man Podcasts im Stehen aufnehmen soll, hatte mir übrigens eine Sprech-Trainerin empfohlen. Weil dann die Atmung tiefer und die Stimme angenehmer ist und weil der Körper sich freier bewegen kann, was sich wiederum auf den Stimmklang positiv auswirkt.

Also stellte ich mich hin, Mikrofon im Abstand von einer Handbreite vor dem Gesicht (wegen dem guten Klang) und...

Nix.

Monatelang. Nix.

Von Juli bis Mitte September habe ich erst regelmäßig probiert, etwas aufzunehmen. Dann immer seltener - schließlich war längst klar: Geht nicht.

Ich habe mich so geschämt.

Vor allem, weil ich schon einigen Kolleginnen erzählt hatte, dass ich ab 1. September einen Podcast haben werde.

Boah. Das war so peinlich - erst hatte ich große Töne gespuckt und nun konnte ich wegen einem dämlichen Mikrofon nicht sagen, was ich sagen wollte.

Dann kam sie - DIE Frage...

"Sag mal, wie geht's dir denn eigentlich mit dem Podcast?"

Die Coach-Kollegin hatte es ganz beiläufig gefragt. Ich hätte mit einem entspannten "Keine Zeit" reagieren und das Thema beiseite wischen können.

Aber ich fühlte mich ertappt und habe sofort angefangen, mich zu rechtfertigen.

Glücklicherweise sind Coaches aber darin geübt, mit solchen Situationen umzugehen. Und meine Kollegin hat mich gefragt, ob sie kurz aus der Kolleginnen-Rolle in die Coach-Rolle schlüpfen dürfte.

Das Coaching

Mir war dieser Moment so peinlich. Aber ich habe doch zugestimmt, dass wir den Kolleginnen-Tratsch spontan zum Coaching-Termin umfunktionierten.

Und meine Coach - es gibt dafür keine weibliche Bezeichnung - hat ganz übergangslos ihre Frage gestellt:

"Was ist anders, wenn du am Mikrofon stehst und dich nicht ausdrücken kannst?
Wodurch unterscheidet sich dieser eine Moment von all den anderen Momenten, in denen du sprechen kannst - im Seminar, im Webinar, in Video-Aufzeichnungen, Gesprächen, Interviews...?"

Ich wusste innerhalb eines Sekundenbruchteils, was sie meinte.

Es gibt diesen einen Unterschied, der den Unterschied macht zwischen Sprechblockade und Drauflosquatschen.

Bezogen auf diese Podcast-Mikrofon-Situation blitzte bei mir spontan ein Bild im Kopf auf:

Ich bin in der dritten Klasse - erste Reihe, ganz vorne. In einem geringen Abstand vor mir der Lehrer, der mich auffordert, aufzustehen und das Gedicht aufzusagen. Die ganze Klasse schaut und hört zu, aber ich kann keinen sehen, weil ich ja ganz vorne stehe. Ich soll da stehen und den vorbereiteten Text aufsagen, während alle hinter meinem Rücken darüber urteilen und der Lehrer eine Note gibt.

Und es geht nicht.

Die zweite Coach-Frage war nur noch der Vollständigkeit halber - ich hätte sie eigentlich gar nicht mehr gebraucht:

"Was müsste anders sein, damit du den Podcast aufzeichnen kannst und dich dabei wohl fühlst?"

Die Geschichte vom Erfolg

Ich mach die Aufnahmen jetzt im Sitzen.

Ganz einfach - und ich wäre allein im Leben nicht drauf gekommen, dass mich die Vorstellung vom Aufstehen und vor einem unsichtbaren Publikum sprechen wieder zur Grundschülerin mit Sprechblockade gemacht hat.

Insgesamt hat dieses Coaching weniger als fünf Minuten gedauert. Seitdem nehme ich meine Podcast-Folgen auf, eine nach der anderen.

Die ersten Aufnahmen fühlten sich unentspannt an. Das kann ich nicht leugnen. 

Aber sprechen ging jetzt und nach einigen Anläufen hatte ich auch Tonmaterial, das ich gerne und selbstsicher veröffentlichen konnte.

Es war halt etwas, was ich so noch nie zuvor gemacht hatte.

Aber die Blockade war weg.

Mein Mutismus-Podcast ist am 1. Oktober an den Start gegangen und hat bereits bemerkenswert viele Hörer. Ich habe auch eine Menge Rückmeldungen bekommen und alle haben mir positives Feedback gegeben.

Jetzt bin ich also endlich Podcasterin. 🙂

Was ich daraus gelernt habe...

1.

Wenn's nicht geht, geht's nicht.

Das hat sich nicht geändert - und wenn es mir mal wieder passiert, dann nenne ich das augenzwinkernd "Aufschieberitis".


Aber im Grunde ist es eben doch eine Blockade.


Eine Blockade, wie sie vermutlich jeder in einem oder mehreren Bereichen seiner Arbeit bzw. seines Lebens kennt.

2.

Die Lösung ist simpel - aber allein kommt man nicht drauf.

Für mich war das Problem riesig. Ich muss mich ans Mikrofon stellen und dann kann ich nicht denken und nicht sprechen. Katastrophe!!!


Niemals hätte ich gedacht, dass das, was den Unterschied macht, soooo banal wäre.


Vielleicht hätte ich mein restliches Leben lang gedacht, dass ich halt einfach zu blöd zum podcasten bin - und mich die ganze Zeit unsagbar dafür geschämt.

3.

Gute Fragesteller sind das Beste, was einem im Leben passieren kann

Ich hatte mich ja selber schon monatelang gefragt, warum...

Und was ich falsch mache...

Und was die Leute sagen werden...

Und was die insgeheim denken und mir nicht sagen werden...

Ist dir aufgefallen, dass meine Coach sowas überhaupt nicht gefragt hat?
Die Frage hat angefangen mit:
Was ist anders, wenn du KEIN Problem hast?

Ich glaube, sowas fragt dich nur ein Coach.
Solche Fragen fallen einem nicht einfach so ein - die hat man vorher schon gelernt.

Lustig dabei: Ich bin ja auch gelernter Coach. Aber wenn's um mich selber geht, bin ich nicht schlauer als alle anderen.

Notiz an mich selber: Geh öfter zum Coaching!

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