Oktober-Experiment: Mit’m Hund raus

von Christine Winter

28.10.2021

Die Idee:

"Du musst jeden Tag raus - das tut gut und ist gesund."
Der Gedanke begleitet mich permanent.
Mit der Umsetzung ist es... bestenfalls "so na ja - manchmal".

Da bietet es sich an, das zum Monatsexperiment zu machen.

Und weil "geh endlich wieder mal raus" so wenig reizvoll ist (wenn ich es mit der Stimme meiner Mutter direkt in meinem Ohr höre), werde ich den Gedanken in ein Gedankenspiel verwandeln.

Meine Regeln:

Für einen Monat tue ich so, als ob ich Hundebesitzerin wäre.

Der Hund muss zweimal täglich raus, um zu erledigen, was er zu erledigen hat. (Wenn ich dabei auch Erledigungen erledige - um so besser.)

Wenn ich den Hund nicht rausbringe, kackt er mir in die Wohnung. Ich brauche nicht viel Phantasie, um mir auszumalen, dass ich das nicht haben will.

Ansonsten ist alles erwünscht, was sich an Ideen und Erkenntnissen zeigt. Schließlich ist es ein Experiment und jedes gewünschte Resultat ist genauso wertvoll wie jedes unerwünschte, um meinem alten "Jeden-Tag-Raus"-Thema neue Aspekte hinzuzufügen

Hinweis

Für dieses Experiment ist kein reales Tier zu Schaden gekommen. Es ist nur ein Gedankenspiel - mit dem Ziel, mich selbst ein wenig besser zu durchschauen.

Tag 0

Was für eine verrückte Idee. Ich denke mir einen Hund aus, mit dem ich dann raus muss, weil ich mir sonst ausdenken würde, dass er mir in die Wohnung kackt.

Funktioniert aber. Ich habe das Gefühl, dass ich innerhalb der nächsten halben Stunde raus sollte. Nicht dass da noch ein Malheur passiert.

Tag 1

Gestern war ich abends noch draußen - zu einer Uhrzeit, die ich sonst eher nicht zu meinen Spaziergeh-Zeiten gezählt hätte. Das war interessant, weil ich auf diese Weise das Abendrot, die letzte Dämmerung und die hereinbrechende Dunkelheit erleben konnte. Und ich bin an anderen Menschen mit (realen) Hunden vorbeigelaufen, die mir zuvor noch nie begegnet waren.

Heute morgen war ganz klar: Bevor ich an den Schreibtisch gehe, muss der Hund raus. Es waren nur gut zwanzig Minuten. Danach war ich wach, kreativ - und mit frischen Brezen für die Brotzeit später am Tag versorgt.

Jetzt müsste der Hund nochmal raus. Und ich verspüre ein leises: "Muss das sein? Ich schreibe gerade!" Aber wenn der Hund muss...

Tag 2

Morgens eine kleine Runde. Mittags eine große Runde.

Summa summarum waren das 12.134 Schritte. Die Smartphone-App vermeldet, dass das der Rekord der letzten drei Monate ist. Sie verleiht mir ein Abzeichen dafür. Nett von ihr.

Tag 3

Nebel. Kalt. Ist das etwa Nieselregen???

Ich will nicht mit dem Hund raus. Aber ich muss zum Briefkasten. Das sind nur 25 Meter. Muss sich der Hund eben mit dem Beet vor dem Haus zufriedengeben.

Tag 4

Okay - Hunderunde und Erledigungen miteinander zu verbinden macht Sinn. Also, auf zum Wertstoffhof, mit einem Leinenbeutel voll Altglas (das ich eigentlich jetzt nicht extra rübertragen würde - aber wenn der Hund den Auslauf braucht...)

Tag 5

Wenn der Hund echt wäre, hätten wir jetzt echte Sauerei in der Wohnung.

Ich hatte Termine. Ich hatte Stress. Ich hatte keine Lust, rauszugehen. Der blöde Hund soll sich nicht so haben. Er ist ja meine Erfindung!

Tag 6

Ich lasse mich nicht von einem imaginären Hund dazu zwingen, rauszugehen. Punkt.

Tag 10

Ich war in den letzten Tagen draußen, wenn ich etwas erledigen musste. Der Hund war mir da nicht so wichtig. Folglich habe ich die Wohnung bestenfalls einmal am Tag verlassen - oder gar nicht.

Aber heute ist schönes Wetter draußen. Eine kleine Runde vor dem Frühstück...? Los geht's!

Tag 11

Okay, das Wetter ist wieder so schön - da wäre ich auch ohne Hund bei einem laaaaangen Spaziergang draußen gewesen. Erstes Herbstlaub unter den Füßen und erstaunlich warme Sonnenstrahlen. So könnte es die nächsten Monate bleiben, bevor's wieder Sommer wird.

Nochmal raus (weil ja so ein imaginärer Hund mit einem einzige Spaziergang am Tag nicht zufrieden ist) ist aber dann schon nicht mehr so attraktiv. Ich gehe zum Briefkasten - nicht dem von der Post in 25 Metern Entfernung, sondern dem an meiner Haustür - und denke mir, dass der Hund ja alleine zum Grünstreifen könnte, wenn er müsste...

Tag 12

Rausgehen, nur um draußen gewesen zu sein???

So langsam aber sicher zweifle ich, dass meine Selbstüberlistungs-Idee Sinn macht.

Und es tauchen Fragen auf:

Woher kommt die Vorstellung, dass man jeden Tag raus muss?

Was befürchte ich, wenn ich drinnen bleibe?

Wie wäre es, wenn rausgehen keine Pflichtübung, sondern eine rundum erfreuliche Abwechslung wäre?

Was in aller Welt hat mich auf die "Zwei-Mal-Täglich-Regel" gebracht, die mir den Spleen mit dem unsichtbaren Hund in den Kopf gesetzt hat?

Tag 13

Ich lasse mich nicht zwingen. Punkt.

Tag 14

Der Hund, der in meiner Phantasie bei mir vor zwei Wochen eingezogen war, hat heute beschlossen, wieder auszuziehen. Ich bin ihm einfach viel zu undiszipliniert.

Er hat recht. Ich mag es nicht, wenn ich gezwungen werde. Und sobald ich unter (aus meiner eigenen Phantasie entstandenem) Druck bin, ist es unendlich mühsam, an einem Plan festzuhalten.

Der Hund ist also weg - er wird sich wohl jetzt bei jemandem einquartieren, dessen Phantasie zuverlässiger in reale Spaziergänge umgesetzt wird als meine.

Tag16

Das Hunde-Gedankenexperiment ist zwar vorzeitig durch Verlust des Hundes zuende gegangen, aber es hat viel Experimentier-Material zurückgelassen.

Ein Teil-Experiment, das entstanden ist, als der imaginäre Hund "nicht mehr gezogen hat", ist:

Was zieht mich eigentlich wirklich ins Freie?

Denn eine feste Routine dafür habe ich nicht - und trotzdem kommt immer irgendwann der Impuls für einen Spaziergang.

Aber woher kommt der Impuls - oder experimenteller formuliert: Welche Faktoren begünstigen einen Rausgeh-Impuls, welche machen ihn unwahrscheinlicher?

Tag 17

Ein Faktor, der wesentlich (oder sogar entscheidend???) für einen Spaziergang ist: Ich habe mehr als genug Zeit, um ohne Uhr und ohne schlechtes Gewissen zu laufen, so lang oder so kurz und so schnell oder so gemütlich wie ich will.

"Ich hab zwanzig Minuten bis zum nächsten Termin" führt bei mir nur dazu, dass ich zwanzig Minuten mit Zeit-Überbrückungs-Ritualen totschlage. Also Tee kochen, Notizzettel durchschauen, Mails checken, Facebook checken, kurze private Nachrichten schreiben oder die öffentlich-rechtlichen Nachrichten hören/kucken und überprüfen ob Google noch funktioniert.

Nie im Leben würde ich zwischen all den Ablenkungs-Methoden einen Impuls für einen Spaziergang wahrnehmen. (Ich möchte aber nicht ausschließen, dass da ein unwahrgenommener Rausgeh-Gedanke unter all dem "muss-erst-noch" zu finden wäre...)

Tag 18

Was macht einen Rausgeh-Impuls unwahrscheinlicher? hatte ich mich an Tag 16 gefragt...

Wetter! Ganz eindeutig.

Nieselregen und kalt vernichtet jegliches Interesse daran, einen Rausgeh-Gedanken zu Ende zu denken. Dummerweise ist Herbst, was zwangsläufig dazu führt, dass es ständig kalt und meistens für meinen Geschmack zu feucht draußen ist.

Tag 20

Vielleicht ist es gar nicht so sehr das Wetter. Es könnte ja immerhin sein, dass "Wetter" für mich eine Begründung ist, die ich seit 45 Jahren standardmäßig verwende, wenn "Rausgehen" gerade nicht dran ist.

(Solche Gewohnheits-Argumentationen müssen keinerlei realen Grund beinhalten - sie sind einfach schneller als jede andere Idee. Das habe ich bei früheren Experimenten schon für mich nachweisen können. In unsicheren Momenten nehme ich den allerersten Gedanken und es ist völlig egal, wie viel Sinn er macht. Denn einen zweiten Gedanken verschwende ich dann nicht mehr auf die Frage.)

Wenn ich mir Zeit geben würde, um ein Gefühl dazu zu entwickeln, wie ich bei Mitte-Oktober-Witterung zu der Idee, für eine Weile rauszugehen, stehe... Und noch ein wenig mehr Zeit... Und wenn ich in der Zeit wirklich hinspüren würde... Also, wirklich spüren würde, dass ich einen Körper habe, der sowohl Bewegung als auch frische Luft durchaus nicht unsinnig findet... Und wenn ich dann noch länger bei dieser Idee bleiben würde, bis mein Körper alle zugehörigen Gefühle in mein Bewusstsein bringen könnte, damit ich mir DARÜBER so zwei oder drei oder fünf ruhige Gedanken zusammenreimen würde...

Ich glaube, dann würde ich viel öfter am offenen Fenster tief durchatmen.

Und dabei würde ich vielleicht merken, dass die Luft draußen total angenehm ist.

...und es gar nicht soooo krass kalt ist - wenn ich mich angemessen anziehe.

Und dass ich gerade reichlich terminfreie Zeit habe, um ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, mitten am Vormittag einfach mal eine Weile rauszugehen.

(Ich kann es mir ja dadurch logisch verargumentieren, dass ich auf dem Rückweg zur Wohnung den Brief einwerfen kann, der dringend zur Post muss. Denn es gibt immer für jede Entscheidung gute, logische Argumente. Sowohl dafür, als auch dagegen.)

Tag 22

Die kurze Hunde-Runde zweimal täglich ist nicht, was ich brauche. (Ich bin, was die Haustier-Vorlieben angeht, eh mehr der Katzen-Typ...)

Aber ich brauche schon auch Auslauf von Zeit zu Zeit. Und öfter, als ich gedacht hätte. Jeden zweiten Tag passt für mich ganz gut - und es darf dann auch gern ein wenig länger sein.

Tag 23

Ich experimentiere schon seit ein paar Tagen herum, ob ich lieber mit oder lieber ohne "etwas auf den Ohren" laufe.

Die erste Frage war: Welche Kopfhörer. Denn die kabelgebundenen In-Ears nerven. Der klobige Bluetooth-Over-Ear geht gar nicht. Aber jetzt habe ich die richtigen Earbuds gefunden, die mich weder von den Geräuschen um mich herum abschirmen noch die Bewegungsfreiheit einschränken.

Die zweite Frage: Was hören?

Musik finde ich unangenehm - sie zwingt mich in einen Rhythmus, der nicht meiner ist. Da bevorzuge ich Ruhe.

Hörbücher sind ebenfalls nicht meins. Obwohl sie meist hochprofessionell eingesprochen werden, finde ich sie fast ausschließlich einschläfernd und stereotyp präsentiert. Dafür können die Sprecher nichts - die machen ja nur ihren Job. Und genau das macht es mir so schwer, ihnen längere Zeit zuzuhören...

Aber Podcasts finde ich sehr angenehm, während ich spazieren gehe. Fast ein wenig so, als ob ich jemanden dabei hätte, um in ein tiefes Gespräch einzutauchen... Wenn dann ein Podcast-Gedanke bei mir die Lust auslöst, alleine weiterzudenken, dann stoppe ich die Folge und laufe eine Weile mit meinen eigenen Ideen weiter, bis ich mich wieder daran erinnere, dass ich ja dem Podcaster zuhören wollte.

Noch schöner finde ich, wenn wirklich jemand neben mir läuft und wir uns in ein Gespräch vertiefen. Aber das ist eher selten der Fall. Fast immer höre ich nichts oder Podcasts.

Tag 25

Ist "Rausgehen" wirklich so ein wichtiges Thema?

Und, wenn ja - warum eigentlich?

Klar liest man immer und überall, was einem alles an unschöner Zukunft bevorsteht, wenn man nicht auf "Bewegung" und auf "Gesundheit" achtet. Um glücklich und gesund bis ins höchste Alter zu bleiben, stehen "Sport", "Ernährung" und "Aufenthalt in der Natur" ungefähr gleichrangig ganz an der Spitze der permanenten To-Dos.

Das füllt also Zeitschriften und Internet, weil es sich gut verkauft.

Und wenn sich etwas im Internet mit hohen Klickzahlen und im Zeitschriftenhandel mit hohen Auflagen verkauft, bin ich immer skeptisch.

Trotzdem falle ich aufs "täglich rausgehen, weil man sonst krank und unglücklich wird" rein. Es ist eine Idee, die von meiner Mutter stammt, die sie ihrerseits von ihrer Mutter übernommen hatte - eine unhinterfragte Weisheit der Kindererziehung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und es ist vermutlich kein Tag zwischen dem fünften und zwanzigsten Lebensjahr für mich vergangen, an dem ich das vehement auffordernde "Kind, geh raus an die Luft" nicht gehört hätte.

Vor dem fünften Lebensjahr hatte es das wohl nicht gebraucht. Da war ich gerne und freiwillig stundenlang draußen. Nach dem zwanzigsten Lebensjahr war ich von zuhause ausgezogen - aber die Stimme meiner Mutter ist mir im Ohr geblieben. "Kind, geh raus an die Luft!"

Abgesehen davon ist es eigentlich völlig egal, ob ich rausgehe oder nicht. Wenn mir drinnen die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich unaufgefordert raus. Wenn ich keinen Anlass habe, rauszugehen, bleibe ich ebenso unaufgefordert drinnen.

Vielleicht ist es in Wirklichkeit gar kein wichtiges Thema...?

Tag 26

Der Herbst ist echt herbstelig geworden. Mit Nebel und Kalt und Allem...

Ich habe mir die ersten Lebkuchen zu einem gemütlichen Haferl Kaffee gegönnt und dabei darüber nachgedacht, warum ich mir so einen Druck damit mache, ins Freie zu gehen. Und dann bin ich meinen Gedanken nachgegangen in Richtung: Was würde passieren, wenn ich diesen Druck komplett aufgebe. (Also nicht nur weniger, sondern NULL Erwartungsdruck an mich selbst!)

Ich würde stinkfaul werden.

Ich würde immer dicker und unbeweglicher werden.

Ich würde krank werden.

Ich würde keiner Arbeit mehr nachgehen können.

Ich würde unter der Brücke landen. (Würde das wohl als "draußen" gelten, wenn ich da wohne?)

Ich würde sterben.

...

Echt jetzt???

Was, wenn ich mir das alles nur ausgedacht habe und nichts davon passieren wird. (Na ja, außer dem Sterben - aber das ist eher erst in vierzig, fünfzig Jahren zu erwarten... Und es hat nichts damit zu tun, ob ich heute einen Spaziergang mache oder nicht.)

Ich habe die letzten Lebkuchenkrümel mit dem Finger aufgestippt und den Nebel durchs Fenster genossen...

Wohl wissend, dass ich manchmal ganz schönen Unsinn denke.

Fazit nach 28 Tagen:

Mit'm Hund raus war eine Schnapsidee. Aber die Idee, dass ich FÜR MICH rausgehen darf, die fasziniert mich. Und zwar, weil ich NICHT MUSS, sondern möchte.

Und wenn ich jetzt gerade nicht möchte... ist das prima. Es wird einen Grund haben, aber den muss ich weder verstehen noch abwehren. "Jetzt nicht" ist ein vollständiges Argument, um mit dem weiterzumachen, was ich eigentlich gerade wirklich will (während meine Gedanken mir Horrorideen darüber in den Kopf setzen, was alles zukünftig passieren wird, wenn ich jetzt nicht rausgehe).

Jetzt entsteht aber in meinen Gedanken ein neues Experiment, denn meine Lieblings-Argumentation gegen Rausgeh-Zeit ist "keine Zeit". Und daher ist der nächste Monat dem "Eigenzeit-Experiment" gewidmet - was soviel heißt wie: Wie kann ich meine Bedürfnisse mit der Zeit in Einklang bringen...

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