Unsicherheitsmomente mal weitergedacht…

von Christine Winter

09.05.2016

Letzte Woche habe ich behauptet: Unsicherheitsmomente sind menschlich.

Da hat mir niemand widersprochen – schließlich kennt doch jeder diese Momente, in denen man nur für einen Sekundenbruchteil unschlüssig ist und damit beim Gegenüber eine blitzschnelle Verwirrung auslöst, die wiederum eine Art Kurzschluss im eigenen Hirn verursacht.

Die Frage, die nun dick und fett im Raum steht, ist:
Kann man damit begründen, wieso in manchen Situationen „nichts mehr geht“?

Kann man damit Sprechblockaden erklären?

Sprechblockaden als Kurzschlussreaktion

Sagen wir‘s mal so: Wenn ich in eine peinliche oder irritierende oder komplexe Situation gerate und wenn ich dadurch momentan nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, weil das Verhalten, das ich gewohnheitsmäßig abspulen könnte, nicht zu passen scheint… Dann fühlt sich das verdammt ähnlich wie eine Blockade an.

Was ich heute kann und früher nicht konnte:

Ich kann mich auch in der augenblicklichen Hilflosigkeit noch bewusst und absichtlich entscheiden, zu reagieren.

Früher ging in dem Moment, indem diese Hilflosigkeit mich erfasst hatte, nichts mehr. Und mit „nichts“ meine ich, dass ich weder mein Verhalten noch meine Gedanken steuern konnte – von Sprechen oder angemessenem nonverbalen Ausdruck mal ganz zu schweigen.

Und wie ein echter Kurzschluss nun mal ist – er passiert blitzschnell, ist nicht aufzuhalten und legt alles lahm. Nur, weil irgendetwas nicht so läuft wie vorgesehen. Das ist in der Elektrizität nicht anders als in der Kommunikation.

Ein elektrischer Kurzschluss führt dazu, dass die Sicherung rausfliegt. Das ist wichtig, weil so der Stromnachschub abgeriegelt und eine Gefahrenquelle entschärft wird. Man geht anschließend einfach zum Sicherungskasten, drückt die Sicherung wieder rein und hofft, dass das Problem damit aus der Welt ist. Manchmal war‘s das auch schon und das Leben geht ungehindert weiter. Manchmal fliegt die Sicherung aber auch sofort wieder raus. Oder es läuft für eine Weile alles scheinbar problemlos, und dann gibt‘s wieder „einen Kurzen“.

Die Sicherung hat jedenfalls eine enorm wichtige Funktion. Wenn irgendwo im elektrischen Leitungssystem eine Störung oder Gefahrenquelle sein könnte, nimmt die Sicherung sicherheitshalber den Strom raus. Und das ist gut so – obwohl es schon nervt, wenn aus unerfindlichen Gründen ständig die Sicherung rausfliegt.

Mal angenommen, der Kommunikations-Kurzschluss hätte eine ähnliche Funktion: Wenn diese spezielle Form der Hilflosigkeit auftritt, nimmt er „den Strom raus“, um die Situation zu entschärfen. Die Blockade hat demnach den Nutzen, eine momentan oder generell unlösbare Aufgabe oder Situation zu unterbrechen.

Es ist aber nicht vorgesehen, dass jemandem bei einer ganz normalen Begegnung (wie ich sie im vorigen Artikel beschrieben hatte) die Sicherung rausfliegt und eine Blockade einsetzt.

Deswegen ist der gute Rat von Leuten, die nie in eine solche Situation kommen:

„Du musst dich eben überwinden, trotzdem so zu reagieren, wie es sich gehört. Verhalte dich doch einfach ganz normal…“

Das wäre ungefähr so, als wenn du mit Klebeband die Sicherungen im Sicherungskasten festklebst, damit sie nicht mehr rausfliegen können. Damit ist ja vermeintlich die Normalität wiederhergestellt und auf Dauer „gesichert“.
Und, ob du‘s glaubst oder nicht, es gibt Leute, die machen sowas wirklich – und wundern sich hinterher, wenn der Heizlüfter die Wohnung in Brand gesetzt hat. Dabei hätte der sich liebend gerne abgeschaltet, als es ihm zu heiß wurde. Die „Reparatur“ am Sicherungskasten hat es ihm unmöglich gemacht.

„Normal“ weiterzumachen, obwohl ein Kurzschluss droht, führt zu einer Überlastung. Beim Menschen nennt man sie „nur“ Stress – aber wie beim Heizlüfter ist im schlimmsten Fall ein „Burn-Out“ die Konsequenz.

Meine Hilflosigkeits-Blockaden fühlen sich sehr wie ein Kurzschluss an.

Leider habe ich lange gebraucht, bis ich herausgefunden habe, dass ich mich selber mit einer schnellen Entspannung „vom Netz nehmen“ kann, wenn mir mein Stress zu intensiv wird…

Durch eigenes Verhalten ausgelöst?

Im vorigen Artikel hatte ich angedeutet, dass bei einer Begegnung nicht selten die Person, die anschließend die Blockade erlebt, selber die Verwirrung ausgelöst hat.

Das würde erklären, warum alle anderen sich immer nur gegenüber dieser einen Person „so doof verhalten“, so dass die sich hilflos fühlt und blockiert. Zwischen allen anderen Leuten scheint es nie zu solchen Problemen zu kommen.

Im Beispiel mit dem Aufzug – du erinnerst dich – war mein unwillkürliches Zögern beim Anblick der vielen Menschen in der engen Aufzugkabine der Anlass für eine Gruppe von Leuten, sich besonders um mich zu bemühen. Das fand ich peinlich und ich fühlte dabei mich fremdgesteuert, unwohl und dazu gezwungen, trotzdem „mitzuspielen“.

Natürlich habe ich brav mitgespielt, während ich mich „nicht mehr wie ich“ fühlte und mich „nicht wie normal“ verhalten habe. Es war mir ja gar nicht bewusst, wie ich gerade in ein Missverständnis hineingeraten war, das ich (unbewusst und unabsichtlich) selbst verursacht hatte.

Das macht alles noch schlimmer – und noch peinlicher für alle Beteiligten.

Offen gestanden bin ich mittlerweile überzeugt, dass ich selber solche Abfolgen von Reaktionen auslöse – weil ich (noch bevor mir das bewusst ist) ein Verhalten zeige, das beim Gegenüber (bevor es ihm bewusst ist) ein ungewöhnliches Verhalten anstößt.

Konsequenz: Beide fühlen sich unwohl, gehemmt bis blockiert – und beiden ist es nachher peinlich, dass sie sich so „unnormal“ verhalten haben.

Familiäre Rituale als Unsicherheitsfaktor

Ich finde ja, dass es der Lösung egal ist, woher ein Problem ursprünglich gekommen ist. Viel wichtiger als die Ursachenforschung finde ich, dass man mit einem Problem für die Zukunft möglichst gut umgehen kann. Aber dazu komme ich gleich noch in der Umsetzungsaufgabe für dich.

Ein paar Gedanken zum „Warum“ kann ich mir heute dennoch nicht verkneifen:

Eine Hypothese zu meinen Unsicherheitsmomenten, über die ich bei meinen Begegnungen in Tirol – im letzten Artikel – nachgedacht hatte, war:
Vielleicht ist die Verunsicherung, die ich auslöse, dadurch zu begründen, dass ich gewisse Rituale anders gewöhnt bin. Oder dass mir manche Situation einfach ganz und gar fremd ist, so dass ich auf keine alte Gewohnheit zurückgreifen kann.

Ein Beispiel: Wenn ich in meiner Familie jemandem die Hand gebe – sagen wir mal bei der Geburtstags-Gratulation – dann machen wir das auf eine bestimmte Weise.
Ich habe im Berufsleben mittlerweile Hunderte von Händen geschüttelt – und mit diesen fremden Menschen ist das Gruß-Ritual immer deutlich zielstrebiger abgelaufen als in meiner Familie.
Sprich: Ich hatte „von Haus aus“ ein leichtes Zögern beim Händeschütteln gelernt, das in meiner Familie ganz normal ist und das mir bei beruflichen Gelegenheiten als Unschlüssigkeit/Unbeholfenheit ausgelegt wurde. (Was es ja genau genommen auch war – nur hatte ich das daheim eben nie anders kennengelernt.)
Du kannst dir vorstellen, dass meine beruflichen Gespräche nach dieser unabsichtlich und unbewusst zögerlichen Begrüßung oft viel holpriger verliefen, als es nötig gewesen wäre…

Nicht nur Familien haben ihre eingeschliffenen Verhaltensweisen, die sich von anderen Familien in Nuancen unterscheiden können.
Es gibt auch regionale Unterschiede, die verunsichern können. Von interkulturellen Begegnungen ganz zu schweigen.

Unternehmen folgen auch oft ganz eigenen Ritualen und Umgangsformen – wer jemals den Job gewechselt hat, kann sich bestimmt an die ersten Wochen erinnern, in denen man neu lernen muss, wie die Firma tickt.
Und nichts anderes gilt für andere Institutionen: Kindergärten, Schulen, Vereine, …

Man muss sich halt eingewöhnen. Normalerweise ist das eine kurze Phase der Unsicherheit und dann klappt‘s im neuen Umfeld mühelos.

Bei Menschen, die ihr Leben lang psychische Blockaden in Unsicherheitsmomenten erlebt haben, funktioniert das nicht, weil jede Begegnung, die noch nicht gut läuft, die nächste Blockade noch schlimmer macht. Man fängt also an, die potenziell schwierigen Situationen zu vermeiden und setzt viel Energie ein, um erst gar nicht in eine Kurzschluss-Falle zu geraten. Und damit ist jede Möglichkeit verbaut, sich „ganz normal“ einzugewöhnen.

Jeder möchte Sicherheit

Das Problem mit den Blockaden ist, dass du nichts dazulernen kannst, wenn du alles vermeidest, was möglicherweise schiefgehen könnte. Und weil es für dich eine beinahe unerträgliche Vorstellung ist, dass ein erster Versuch in einer Irritation oder auch nur einem unguten Gefühl enden könnte, kommt es überhaupt nicht dazu, dass du eine Chance bekommst, ein stimmiges Verhalten einfach mal auszuprobieren.

Hilft aber nichts: Lernen kannst du nur, indem du ausprobierst, was funktioniert. Dann machst du immer mehr davon und lässt nach und nach alles weg, was nicht funktioniert.

Es gibt kein Lernen ohne immer wieder Ausprobieren.

„Kann ich aber nicht!“ denkst du dir.

„Ähm. Doch. Kannst du.“ sage ich.

Mach deine Übungsschrittchen so klein, dass du überhaupt nicht daran denkst, dass sie schwierig sein könnten. Mach so kleine Experimente, dass du darüber lachen musst. Mach es dir – wirklich! – lächerlich einfach.

Dann mach Pause.

Und dann übe ein weiteres mal. EINmal.

Dann: Pause.

Lernen und Ausprobieren macht riesigen Spaß – wenn du in der Sicherheit lernst, dass du jederzeit mehr schaffen könntest und es ABSICHTLICH nicht machst, weil winzige Schritte viel leichter und sicherer, aber genauso wirkungsvoll sind.

Und hier ist nun endlich deine Umsetzungsaufgabe

Mach in einer Situation, was du immer machst – und mach es, bevor du dich durch Grübeln blockierst.
Überprüfe hinterher den Erfolg.
Wenn – und nur wenn – das Ergebnis optimierungswürdig war: Optimiere es in Gedanken.
Dann: Hake es für diesmal ab.
Und mache selbstbewusst die optimierte Variante, wenn du das nächste Mal in eine ähnliche Situation kommst.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

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