Stille.

Sie steht da.

Alle blicken auf sie.

Schweigen im Raum.

Abwartend.

Sie nimmt die Menschen nicht wahr. Schaut ins Nichts.

Die Leute ihr gegenüber reagieren mit Spannung. Dann mit Anspannung.

Fest und regungslos steht sie da. Räuspert sich.

Nimmt Blickkontakt auf. Langsam. Ruhig.

Atmet durch. Richtet sich auf.

Ein langer Atemzug. Ausatmen…

Dann fängt sie an zu sprechen.

Über sich. Über den Grund, aus dem sie heute spricht.

Über das Thema, das sie zu ihrem Thema gemacht hat.

Über ihr Leben. Über das, was zu ihrer Lebensaufgabe geworden ist.

Still ist es im Raum.

Angenehm still.

Die Menschen fühlen sich verbunden.

Mit ihr. Miteinander.

Immer noch erzählt sie ruhig, aber voller Energie.

Sie spricht über Stille. Über Erfahrungen. Über kleine Wunder.

Und sie genießt die Worte, die sie hat – während alle, die ihr zuhören, die Nähe und Beziehung genießen, die aus den Worten entsteht.

 


 

Stille, die der Mensch ist

Da war vor ein paar Tagen diese Überschrift, und sie stand über einem Facebook-Link.

„Stille, die der Mensch ist“

Ich wusste: Das ist ein Thema. Für mich. Für diesen Blog.

Dass es kein humorvoll-leichter Text werden würde, war mir schnell klar.

Sperrig ist er, dieser kurze Satz. Und er weckt in mir ganz tief drinnen einen Widerspruch, für den ich ganz schwer Worte finde.

Stille – ist sie gut? Oder nicht?

Für mich war mein eigenes Stillseinmüssen ein Makel. Ein Fehler, an dem ich viel zu lange nichts ändern konnte.

„Zu still“ war das Urteil der Menschen über mich.

„Zu still“ war eine Kritik. Unwiderlegbar. Und dadurch besonders schmerzhaft.

Dabei war es in mir nicht still. Nicht einen Augenblick.

Ich hörte meine Gedanken. Laut und unfreundlich.

Wie sie mich kritisierten. Meine Fehler aufdeckten. Mich verurteilten.

Ich hatte einen Wirbel an Emotionen in mir. Einen Strom von Hilflosigkeit, der sich nicht eindämmen ließ.

Lieber weg sein als in diesem Aufruhr bleiben

Wenn ich verschwinden*) konnte, dann war es schlagartig ruhiger.

Die Emotionen waren weg. Die Hilflosigkeit wurde zu einem weit entfernten Nachklang von etwas, das mich nicht mehr berühren konnte.

Die Gedanken wurden zu einem Tagtraum. Langsamer. Ruhiger. Friedlicher.

Was mich zuvor betroffen hatte, spielte keine Rolle mehr. Phantasie wurde zum Realitätsersatz. Und ich war unberührt, unberührbar. Abwesend.

Doch still war es nicht in mir. Nicht einen Augenblick.

Ich kannte keine Stille

Stille kannte ich nicht. Nicht innerhalb der Blockade. Und auch nicht außerhalb.

Der Unterschied war: Mal war es sehr weit entfernt laut, mal viel zu nah.

Stille, die der Mensch ist

Wenn der Mensch Stille ist – was war ich dann in meiner Sprachlosigkeit?

Stumm, hilflos, allein.

Ohne Worte, ohne meinen Platz in der Welt.

Nein, kein Mensch sollte das erleben müssen.

 


 

Stille

Am Ende meines Vortrages stehe ich da.

Sehe die Menschen, die mir zuhörten, während ich über Stille Stärken sprach.
Über die Menschen, die „zu ruhig“ sind – und die allesamt ganz wunderbare Stärken haben, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Weil niemand sie sieht. Weil niemand sie hört.

Weil ihnen niemand das Gefühl gibt, richtig zu sein, so wie sie sind.

Meine Zuhörer sind mir jetzt ganz nah. So interessiert. So offen und so berührt.

Wir reden über Stille Stärken. Und ich merke, dass sie zuvor nie daran gedacht hatten, wie viel Wunder und wie viel Zweifel Menschen in sich tragen, die nicht viel sagen.

 


 

Der Mensch ist nicht Stille. Der Mensch ist Beziehung.

Wir sind nicht zum still bleiben gedacht.

Still sein trennt uns von den Menschen.

Zur Ruhe gekommen bin ich in meinem Leben erst, nachdem ich darauf vertrauen konnte, dass ich jederzeit Worte finden und aussprechen konnte. Und nachdem ich über diese Verbindung die Erfahrung machen konnte, dass es immer Menschen gibt, die bereit sind, meine Wege zu begleiten.

„Sprechenden wird geholfen“ klingt sehr platt, sehr banal.

Es ist wahr.

Wenn ich heute vor Menschen spreche – und wenn ich spüre, dass sie mir dabei ganz nah kommen – dann empfinde ich Ruhe, wie ich sie früher nicht kannte.

Ich bin Mensch geworden, als mein Schweigen vorbei war.

„Stille, die der Mensch ist“ war das Thema einer Blogparade auf stille-die-der-mensch-ist.com.

Meine Gedanken dazu sind anders als viele andere Beiträge von Bloggerkollegen, die sich Stille wünschen. Das hängt mit meiner ganz eigenen Geschichte zusammen.

Ich glaube, dass „Mensch = Stille“ eine Formel ist, die nicht aufgeht.

Jedenfalls nicht, wenn sie zu viel Raum bekommt.

Und ganz sicher nicht, wenn die Stille nicht selbst gewählt werden kann.

*) Mit „verschwinden“ meine ich die Wirkung einer psychischen Blockade, die mich unwillkürlich – während ich in der Situation blieb – abwesend werden ließ. Sie schaffte eine Distanz zwischen meinem Erleben und den Menschen um mich herum, die von keiner Seite überbrückbar war. Diese Sprech-/Kommunikationsblockade ist das Hauptsymptom vom Selektiven Mutismus.

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Christine,
    der Mensch ist Stille ist – so glaube ich – kein Widerspruch zu der Mensch ist Beziehung. Stille ist nicht notwendigerweise ein anderes Wort für stumm. Obwohl es sicherlich diese Wahrnehmungs-Perspektive gibt.
    Aus meiner Erfahrung ist Stille auch der Raum für Worte ohne Worte zu brauchen. Stille ist auch der Raum der Beziehung, den man teilen kann. Stille ist auch die Freiheit zu schweigen, die entsteht, wenn Beziehung verlässlich ist. Stille ist eine Qualität, die jeder Klang mit sich trägt und die wirksam wird, fühlbar wird, wenn der innerer Frieden mit ihr in Resonanz geht, wenn der Mensch Stille wird.

    • Ich finde es schön, dass du diese Erfahrung hast, liebe Sabine. 🙂

      „Der Raum für Worte ohne Worte zu brauchen“ begegnet mir von Zeit zu Zeit – und für mich ist er nicht mit Stille, sondern mit Nähe verbunden.

      Und wie das mit Worten nun mal so ist, könnte es sein, dass wir exakt das Gleiche meinen und empfinden – und dass wir dafür unterschiedliche Begriffe haben. Das macht für mich die Möglichkeit, mich auszutauschen und dadurch mehr zu verstehen, so wertvoll.

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