Mutismus

Was fehlt dir denn?

Wenn mein Opa kränkelte und jemand ihn fragte, was ihm fehlt, dann sagte er: “Die Gesundheit”.

Mein Opa war kein Mann der großen oder der vielen Worte. Er war ein ausgesprochen stiller Mensch. Aber wenn er etwas sagte, dann traf er damit den Nagel auf den Kopf.

Wenn man krank ist, dann fehlt einem die Gesundheit.

Wenn ich in einer Sprechblockade war, hätte ich nicht so präzise sagen können, was mir fehlte. (Schon deswegen nicht, weil die Blockade es verhindert hat – aber auch, weil ich keine Ahnung hatte, was mir fehlte…)

Was fehlt dir in einer Sprechblockade?

Sprache

Im Allgemeinen ist die deutsche Sprache nicht das entscheidende Problem. Denn wenn du nicht sprechen würdest, weil du die Sprache gar nicht kannst, dann wäre das keine psychisch bedingte Sprechblockade, sondern nur ein Mangel an passenden Vokabeln.

Deine Muttersprache hast du schon extrem früh gelernt – tatsächlich bereits, als du noch im Bauch deiner Mutter warst. Du bist also bereits mit einem Gefühl für die Sprache, die in deiner Familie gesprochen wurde, zur Welt gekommen. Und ab deiner Geburt hast du immer und immer wieder geübt, wie du mit den Familienmitgliedern in Kontakt kommst und wie du sie dadurch dazu bewegen kannst, auf deine Bedürfnisse einzugehen.

Vielleicht liegt es an dieser unermüdlichen Übung von Geburt an, dass Sprechblockaden im engsten Familienkreis sehr selten eine Rolle spielen…

Kann sein, dass du mehrsprachig aufgewachsen bist – aber auch dann fehlt es dir nicht an Sprachkenntnissen. Im Gegenteil, du hast sogar mehr Vokabeln zur Verfügung, wenn du in unterschiedlichen Sprachen denken kannst.

Ganz sicher fehlt dir nicht “die Sprache”, wenn du eine Blockade hast.

Sprechen

Du hast direkt nach der Geburt mit nonverbalen Mitteln die Kommunikation mit den Menschen um dich herum aufgenommen und sie seither nie wieder verlernt. Schon in den ersten Wochen nach der Geburt hast du angefangen, gezielt unterschiedliche Töne zu produzieren – der Fachmann bezeichnet das als “vokale Kommunikation”. Und mit der Zeit sind aus den Tönen Wörter, aus den Wörtern Sätze, aus den Sätzen immer umfassendere Geschichten geworden.

Wenn wir hier von Sprechblockaden (und medizinisch ausgedrückt vom Selektiven Mutismus) reden, dann hast du das Sprechen während der ersten fünf Lebensjahre weitgehend normal erlernt.

(Wenn du nie altersangemessen sprechen gelernt hättest, dann wäre es falsch, von Selektivem Mutismus auszugehen. Und dann würde ich auch nicht von psychisch bedingten Sprechblockaden reden, weil dein Problem in dem Fall ziemlich sicher ganz anders gelagert wäre.)

Wir halten also fest: Du kannst sprechen. Du hast es als Kleinkind gelernt und nie wieder verlernt.

Begegnung

Zunächst einmal bist du vermutlich deiner Mama begegnet. Das war im günstigsten Fall schon, als die Geburt noch gar nicht ganz abgeschlossen war.
(Allerdings ist diese allererste Begegnung manchmal in der Krankenhaus-Situation nicht entspannt zu bewerkstelligen und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese allererste Begegnung nicht ganz optimal verlaufen ist.)

Später hast du immer mal wieder neue Leute gesehen und nach und nach gelernt, wie Begegnungen ablaufen.

Wahrscheinlich hast du auch viel beobachtet, wie die Großen auf einander zugehen und dabei unendlich viel darüber erfahren, welche Ähnlichkeiten und Unterschiedlichkeiten es bei Kontakten zwischen Menschen gibt.

Und egal, wie häufig oder selten du zwischenmenschliche Kontakte gesehen oder erfahren hast… An Wissen über Begegnung mangelt es dir sicher nicht.

Positive Erfahrung

Beobachten ist das Eine. Selber machen ist etwas ganz anderes.

Möglicherweise hast du lieber von weitem gekuckt und nicht so oft ganz direkt den Kontakt gesucht.
Oder du hattest dich auf sehr wenige “Lieblingsmenschen” festgelegt und hast daher nicht so viele Erfahrungen mit neuen Leuten gemacht.
Oder es gab in deinem Umfeld gar nicht so sehr viele Menschen für das Üben von Begegnungen.

Dann hast du vielleicht tatsächlich einen Mangel an der positiven Erfahrung, dass dir Kontakt immer wieder gut gelingt.

Wahrscheinlicher ist aber, dass du durchaus als kleines Kind einige Erfahrungen gemacht hast. Viele davon waren positiv und du hattest ein Erfolgserlebnis. Manche waren “normal kompliziert” und du hast daraus gelernt.

Und dann waren höchstwahrscheinlich einige Situationen dabei, in denen du nicht reagieren konntest, weil die Blockade es verhindert hat. Du hast die Erfahrung gemacht, dass du nicht kontrollieren kannst, wie du im Kontakt mit anderen reagierst – und aus dieser Erfahrung hast du gelernt, dass es Situationen gibt, die du nicht so bewältigen kannst, wie es andere Kinder können (und wie es von den Erwachsenen erwartet wird).

Wenn du mit mutistischen Blockaden aufgewachsen bist, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass du noch einiges an positiven Erfahrungen nachholen musst, bevor du darauf vertrauen kannst, dass du heute jeder Situation angemessen begegnen kannst.

Sicherheit

In Momenten, in denen Sprechen nicht möglich ist, fehlt uns Sicherheit. Aber ganz konkret sagen, woher dieses Unsicherheits-Gefühl kommt, kann man meist nicht. Denn die Situation ist ja nicht gefährlich und noch nicht mal ungewöhnlich – die allermeisten Sprechblockaden betreffen ganz normale Alltagssituationen.

Ich nehme an, dass sich dieses Gefahr-Gefühl überhaupt nicht auf tatsächliche, reale Gefahren bezieht. Und es sind auch oft keine konkreten, greifbar-nachvollziehbaren Ängste im Spiel. Vielmehr wird blitzschnell eine Wechselwirkung aus Körperfunktionen und Gehirnwindungen aktiviert, die sich jeder Logik entzieht. 

Wenn irgendein Signal den “Unsicherheits-Alarm” auslöst, sind Gehirn (oder genauer gesagt: das Nervensystem) und Körper innerhalb von Sekundenbruchteilen im Notfall-Modus. Und das, was sich dabei nach außen zeigt, nenne ich die mutistische Blockade. Man könnte sie vergleichen mit einem “Not-Aus-Schalter” für uns Menschen.

Egal, was den Notfall-Modus ausgelöst hat: Es dauert danach eine ganze Weile, bis sich alles wieder normalisiert. Das kann, wenn nur ganz selten ein Notfall (bzw. eine Blockade) auftritt, eine Stunde dauern und wenn es in kurzem Abstand immer wieder passiert auch einen halben Tag oder noch viel länger anhalten.

Das Problem ist: Ein Nervensystem, das die letzte mutistische Blockade noch nicht richtig “verdaut” hat, ist ganz besonders aufmerksam für das kleinste Anzeichen eines erneuten Unsicherheitsmoments – und daher reagiert es sofort auf alles, was schon mal im Zusammenhang mit einer Blockade erlebt wurde (egal ob es sich um Signale aus der Umwelt oder aus dem eigenen Körper handelt).

Wenn du Blockaden hast, musst du nicht das Sprechen lernen

Du kannst sprechen.

Das hast du schon gelernt, als du ganz klein warst. Und du hast es seither nie wieder vergessen.

Was dir fehlt, ist eine grundlegende Sicherheit und Ruhe für dein Nervensystem. Du brauchst die Erfahrung, dass du im Alltag ohne Notfall-Modus prima klar kommst.

Und darüber hinaus brauchst du immer wieder neue Gelegenheiten, die du ohne Gefahr-Gefühl bewältigst – so kommt in deinem Gehirn (und von da aus mit der Zeit auch in deinem Nervensystem und deinem Körper) die Erfahrun an, dass du ganz normale Kommunikation ganz ohne Probleme erledigst.

Wenn du Blockaden hast, solltest du lernen, keine Blockaden mehr zu haben.

Du meinst, dass das logisch ist?
Das meine ich auch.

Leicht ist es aber dennoch nicht. Denn die Blockaden begleiten dich schon sehr lang und sie sind so blitzschnell, dass das relativ langsame logische Denken sie nicht bremsen oder verhindern kann.

Eine Blockade macht ihren Job: Sie blockiert.
Das erledigt sie zuverlässig und vorhersehbar jedes Mal wieder, sobald dein Gehirn meldet, dass du in einen nicht sicheren Zustand geraten wirst. (Und weil das Gehirn solche Alarmsignale viel schneller sendet, als dein Denken denken kann, kannst du daran auch mit noch so viel Nachdenken nichts ändern.)

Es fehlt also an Sicherheit im Nervensystem

Wenn diese grundlegende Sicherheit da ist, dann sind auch Begegnungen in neuen Situationen und mit neuen Menschen möglich. Und daraus folgt die positive Erfahrung mit Kommunikation und Kontakt. Dann ist das Sprechen, das du bereits kannst, auch in ungewohnten Situationen kein Problem mehr – und die Sprache schon gar nicht.

Aber mein Opa, der altersweise Mann, hatte trotzdem nicht unrecht:
Auch bei meinen mutistischen Blockaden fehlte mir genau genommen “die Gesundheit”.

Was “Gesundheit” genau ist…

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“.

Laut dieser Definition geht es also gar nicht unbedingt um konkrete Krankheiten, sondern vor allem um das eigene (also subjektive) Empfinden und Erleben. Wenn das “Befinden” vollständig angenehm und positiv ist, dann ist der Mensch gesund.

Wenn du “die Gesundheit” hast, dann

  • fühlst du dich wohl in deinem Körper,
  • erlebst du dich mit deinem Geist als stimmige Einheit,
  • bist du in einem sozialen Umfeld angenehm eingebunden.

Was für dich persönlich zum Wohlfühlen, Einssein und Eingebundensein gehört, liegt ganz bei dir. Wenn du Wohlbefinden auf allen Ebenen empfindest, bist du laut WHO gesund.

Nun sag, was fehlt dir denn?

Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Und ich wünsche dir Gesundheit mit allem, was dazu gehört.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Mutismus

Wie erlebst du dich und die Welt um dich herum, wenn du in einer Sprechblockade steckst?

Selektiven Mutismus im Erwachsenenalter verstehen – Teil 2

“Wie ist das denn, wenn du nicht sprechen kannst?”
“Hmmm?! Weiß ich auch nicht.”
“Aber du musst doch wissen, warum du nichts sagst.”
“Nö. Weiß ich nicht. Geht eben nicht.”
“Aber wenigstens, wie du dich dabei fühlst, musst du doch wissen.”
“Nö. Keine Ahnung. Irgendwie anders halt…”
“Und wie soll ich dir dann helfen, wenn du nicht weißt, was mit dir los ist?”

Du fühlst dich im Stich gelassen. Das ist verständlich.
Und auf die eine oder andere Weise gibt’s solche Dialoge immer wieder, wenn Leute Unterstützung anbieten möchten, aber nicht wissen, was sie tun sollen.

Die Person, die wissen möchte, was sie für dich tun kann, fühlt sich unbeholfen. Sie würde gerne auf dich eingehen, aber sie hat keine Ahnung davon, was in dir vorgeht. Und sie fühlt sich hilflos – das ist ebenfalls verständlich.

Du fühlst dich auch hilflos. Und das ist nicht weniger verständlich. Denn wenn du es erklären könntest, wäre vieles um einiges leichter.

Damit du jemandem sagen oder zeigen oder schreiben kannst, wie es dir geht, müsstest du es erst mal für dich selbst in Worte fassen können. Denn “verständnisvoll” kann nur jemand reagieren, der – zumindest ansatzweise – versteht, was los ist. Und wenn du dir selbst Verständnis entgegenbringen willst, ist ebenfalls ganz wesentlich, dass du dich selbst verstehst.

Das Problem ist: Für dich ist es einfach nur normal, dass die Blockade kommt und geht. Das war schon immer ein Teil deines Lebens. Alltag eben. Schwer zu beobachten, weil du gar keine Idee hast, worauf du achten könntest…

Ich habe ein paar Aspekte gesammelt, die du bei dir selbst beobachten kannst, um dahinter zu kommen, was bei dir anders ist, wenn die Blockade da ist.

Sei neugierig. Sei ForscherIn in eigener Sache. Sei interessiert an dem, was du erlebst.
Aber sei nicht zu perfektionistisch dabei. Dich selbst zu beobachten ist nichts, was du “perfekt” oder auch nur “richtig” machen kannst. Das einzige Ziel ist, dass du dich etwas besser verstehst. Und vielleicht ein paar Worte für das findest, was du erlebst, während du schweigst.

Vorab: Im folgenden Text teile ich meine eigenen Erfahrungen als Erwachsene, die bis vor ein paar Jahren Sprechblockaden hatte, mit anderen Erwachsenen, die das Problem auch haben.
Falls du als Elternteil mit dem Selektiven Mutismus deines Kindes konfrontiert bist, ist es sicher sehr nützlich für dich, diese Erfahrungen zu lesen und dann zu überprüfen, ob sie bei deinem Kind eine Rolle spielen (könnten). Manches stellt sich bei Kindern anders dar – nimm meine Gedanken einfach als Ideen für deine nächsten Beobachtungen…

Die Symptom-Sichtweise

Im Teil 1 ging es um die diagnostische Herangehensweise an Sprechblockaden im Allgemeinen und Selektiven Mutismus im Speziellen.

Diese “Kategorisierung” ist vor allem wichtig für die Krankenkasse. Und deswegen ist sie auch wichtig für Ärzte und Therapeuten. Die Diagnose ist die Voraussetzung, um eine Therapie anzufangen.

In der Therapie sollte es dann aber nicht um Symptome gehen, sondern um dich und um das, was du erlebst und ändern möchtest. Und die Menschen um dich herum können allein schon mit dem Wort “Symptom” nicht so viel anfangen, weil das zu dem Mediziner-Kauderwelsch gehört, über das ich im vorigen Artikel schon einiges geschrieben habe.

Für die Menschen um dich herum ist der “Blick durch die Symptom-Brille” auf deine Sprechblockaden überhaupt nicht hilfreich. Denn die wollen wissen, was mit dir los ist, während du nicht sprichst, und wie sie dann mit dir umgehen sollen.

Die “Außenansicht” einer mutistischen Blockade

Für Außenstehende wirkt jemand, der in einer mutistischen Blockade steckt, vor allem starr. Und er ist stumm. Und man kann ihn nicht so spüren, wie man Menschen sonst spürt, wenn man in ihrer Nähe ist…

Das führt dazu, dass sich die Menschen nicht so verhalten, wie sie sich in Kontakt-Situationen sonst (ganz unbewusst und automatisch) verhalten würden. Sie sind gehemmt, verunsichert – man könnte fast sagen: Sie sind blockiert.

Und dass sie dann ihre eigenen Hypothesen für diese ganz und gar ungewöhnliche Situation aufstellen, ist eine durchaus normale Reaktion auf diesen Unsicherheitsmoment.

Daher kommen Menschen, die dich in der Blockade erleben, zu Schlussfolgerungen, die mehr mit ihren Erfahrungen als mit deinen zu tun haben. Die naheliegendste Erklärung für Beobachter ist: „Hat Angst und macht deswegen nix mehr.“ Denn Angst kennt jeder aus eigener Erfahrung.

Eine wesentlich konkretere Beobachtung wäre: “Man kann sehen (und spüren), dass die Person gerade abwesend ist.” Aber dafür fehlen den meisten Menschen die eigenen Erfahrungen und daher können sie damit nichts anfangen.

Eine noch bessere Sichtweise wäre: “Die Situation überfordert gerade. Daher unterbreche ich jetzt erst mal die Überforderung.” Aber darauf muss jemand erst mal kommen…

Wichtig: Deine mutistische Blockade ist für dich völlig anders als sie für Außenstehende aussieht.

Deine inneren Wahrnehmungen

Wenn du dich mit deinen eigenen Wahrnehmungen in der Blockade befasst, dann bist du auf einer “Forschungs-Reise” – und daher suchst du nicht nach Problemen, sondern nach interessanten Entdeckungen. Was du entdeckst, ist nicht neu. Du hast nur bisher nie darauf geachtet. Und jetzt, wo du es beobachtest, ist es nicht problematischer als zuvor, sondern nur bewusster.

Wenn du an deinen Wahrnehmungen etwas ändern möchtest, wäre das ein Thema für eine Therapiesitzung. Wobei sich nicht selten allein dadurch etwas ändert, dass du bewusst merkst und benennst, was da ist…

1. Körperwahrnehmung

Typische körperliche Wahrnehmungen von Leuten, die Blockaden umschreiben, sind
“wie am Hals abgeschnitten“ oder
„außer sich“ oder auch
„in sich gefangen“ sein.

Das beschreibt ein Gefühl, nicht die Realität – aber wenn wir unsere Körperwahrnehmungen in Worte fassen wollen, brauchen wir solche Vergleiche und Umschreibungen. Viele dieser Metaphern sind als Sprichwörter oder feststehende Begriffe in unserer Sprache verankert: “Etwas auf dem Herzen haben” und “einen dicken Hals kriegen” oder “die Laus, die über die Leber gelaufen ist” kann man einfach so ansprechen und alle nicken verständnisvoll und scheinen genau zu wissen, was damit gemeint ist.

Auch Zittern oder stockender Atem oder ein heftig schlagendes Herz sind Körperwahrnehmungen. Für solche körperlichen Reaktionen können wir leichter konkrete Worte finden. Und oft fassen wir diese Sorte von Wahrnehmungen in einer recht pauschalen Begrifflichkeit zusammen und nennen sie “Angst”.

Angst ist allerdings KEINE Körperwahrnehmung, sondern eine Schlussfolgerung.

Spannend finde ich in dem Zusammenhang, dass ein Zittern in der Magengegend, ein Gefühl der Atemlosigkeit und heftiges Herzklopfen auch durchaus anders gedeutet werden kann. Wer jemals “Schmetterlinge im Bauch” hatte und wem mit Blick auf den “Herzensmenschen” plötzlich “die Luft weggeblieben” ist, weiß, was ich meine.

Körperwahrnehmungen sind weder gut noch schlecht. Sie sind uns nur manchmal bewusster als in anderen Momenten – und erst durch die (Be-)Deutung, die wir ihnen geben, werden sie positiv oder negativ.

Es kann sein, dass du innerhalb einer mutistischen Blockade wenig bewusste Wahrnehmungen für die Vorgänge in deinem Körper hast. Oder es kann sein, dass du einzelne Körper-Informationen besonders intensiv wahrnimmst und alles andere dadurch unbewusst bleibt.

2. Wahrnehmung mit den Sinnesorganen

Aktuell geht man davon aus, dass Menschen fünf Sinne haben, mit denen sie Wahrnehmungen aus der Umwelt aufnehmen. Könnte sein, dass wir darüber hinaus auch einen sechsten oder sogar den sprichwörtlichen “siebten Sinn” haben – aber bisher hat die Wissenschaft das dazu passende Sinnesorgan noch nicht gefunden.

Spannend ist nun, zu beobachten, ob es Unterschiede gibt, wie die Sinnesorgane arbeiten, wenn du entspannt bist im Vergleich zu Blockaden…

Beobachtungen von mir in Blockade- oder Stress-Situationen sind

  • beim Sehen:
    Ich schiele leicht und ich sehe in der Nähe weniger scharf. Offenbar haben meine Augenmuskeln während einer Blockade eine andere Spannung und dadurch sehe ich die Welt tatsächlich deutlich anders als im entspannten Zustand. (Unter anderem fehlt mir dann komplett das räumliche Sehen, so dass ich Sachen umstoße oder beim Laufen öfter gegen Dinge und Menschen remple oder stolpere…)
  • beim Hören:
    Meine Ohren machen auch Unterschiede.
    Ich kann mit dem rechten Ohr sehr schwer zuhören, wenn jemand spricht. Es kommt mir vor, als würde ich nur den Ton, aber nicht die Worte hören – und das fällt besonders auf, wenn ich mal beim Telefonieren den Hörer am rechten Ohr habe. (Logischerweise telefoniere ich – wenn überhaupt – ausschließlich “mit links”. Da macht das Verstehen weniger Probleme…)
    Außerdem habe ich am rechten Ohr zeitweise ein Ohrgeräusch, das von zu hoher Anspannung im Innenohr zu kommen scheint (und das Hinhören auch nicht leichter macht).
  • beim Riechen:
    Der Geruchssinn macht Pause, wenn ich in einer Blockade bin. Dann braucht es schon extreme Düfte, damit ich etwas wahrnehme.
  • beim Schmecken:
    Essen schmeckt nicht während einer Blockade.
    Dummerweise mampfe ich trotzdem alles Essbare in mich hinein, bis mein Magen vor Überfüllung nicht mehr kann…
  • bei Wahrnehmungen über die Hautoberfläche:
    Ich hasse Berührt-Werden, wenn ich in einer Blockade bin. Es fühlt sich an wie ein “Übergriff” – als ob ich keine richtige Abgrenzung nach außen hätte.
    Außerdem fühlt sich alles “dumpf” an. Es ist nichts so richtig real, obwohl ich es mit Händen greifen kann. Und sogar, wenn ich mich selbst anfasse, fühle ich mich, als ob ich dicke Fausthandschuhe tragen würde…

Das sind nur Beispiele. Alle habe ich bei mir selbst in Stress- und Blockade-Situationen entdeckt – und womöglich machst du ganz andere Entdeckungen, wenn du dich mit deinen Sinneswahrnehmungen befasst…

Dass unsere Sinne “zustandsabhängig” unterschiedliche Informationen weitergeben, ist übrigens ganz normal. Jeder Mensch hat in unterschiedlichen Situationen bzw. Emotionen unterschiedliche Wahrnehmungen. Und alle die Erfahrungen, die ich beschreibe, sind nicht “der Mutismus”, sondern meine Wahrnehmungen innerhalb von bestimmten Zuständen, die ich als “Blockaden” erlebt habe.

3. Das eigene Denken

Eine spannende Frage beim Beobachten der eigenen Blockaden ist: Ist Denken möglich? Wenn ja – mit welchen Einschränkungen?

(Das ist ein Bisschen verquer: Wenn du in der Blockade darüber nachdenkst, wie du in einer Blockade denkst, dann beobachtest du unter Umständen das Denken, das anders ist, als es wäre, wenn du das gleiche außerhalb der Blockade denken würdest… – Auch hier gilt: Sei neugierig auf das, was da zu beobachten ist. Du bist ForscherIn in eigener Sache und kannst spannende Phänomene erkunden. Aber hör bitte rechtzeitig auf damit, bevor du dich selbst irre machst.)

Mit “Einschränkungen im Denken” meine ich beispielsweise, dass manche Leute in einer Blockade

  • nur noch logisch denken können oder
  • nur noch an einem einzigen Denk-Inhalt festhängen oder
  • nur funktional denken, aber keinen Zugriff auf ihre Emotionen haben oder
  • ihr Denken als auffällig langsam oder schnell oder wirr oder ungeordnet erleben…

Auch hier gilt: Dass das Denken in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich ist, ist ganz normal. Jeder erlebt manchmal, dass der Denkprozess in einer Situation anders als sonst ist. (Bei Prüfungen ist das besonders unangenehm und bleibt als – tatsächlicher oder befürchteter – Black-Out lange in Erinnerung.)

4. Wahrnehmung der Zeit

Das klingt jetzt vermutlich erst mal seltsam. Wir haben schließlich gelernt, dass die Zeit in Stunden, Minuten, Sekunden vergeht – und daraus schließt man schnell mal, dass Zeit immer und für alle gleich vergeht.

Was für die Physik ziemlich schlüssig ist, gilt für die Psyche nicht. Denn wie jeder von uns Zeit innerlich wahrnimmt ist ganz und gar nicht für alle gleich. Es hängt von der Situation ab und vom psychisch-emotionalen Zustand.

Es gibt Büro-Tage, an denen schaue ich alle paar Minuten auf die Uhr – und stelle fest, dass die Uhr sich nur sehr mühsam vorwärts bewegt. Und es gibt Seminar-Tage, da flutscht die Zeit nur so dahin – und meine TeilnehmerInnen müssen mich bremsen, damit sie zwischendurch auch mal eine Kaffeepause bekommen.

Wenn ich mich ins Musizieren, Schreiben oder Lesen vertiefe, dann spielt Zeit überhaupt keine Rolle für mich. Wenn ich Wäsche bügeln oder Geschirr abwaschen muss, schon.

Die Wahrnehmung der Zeit ist aber nochmal ganz anders, wenn ich in einer Blockade stecke. Genau genommen würde ich wohl, wenn mich jemand nach der Zeit fragt, reagieren mit: “Häh? Was??? Zeit…?”

Es ist ein Bisschen so, als ob da gar keine Zeit wäre. Es gibt nur “Jetzt” für mich – und das dauert gefühlt eine Ewigkeit, während es zugleich überhaupt nicht vergeht.

(Während ich das aufschreibe, merke ich selbst, wie unverständlich und schräg das klingt. Kein Wunder, dass mich niemand versteht, wenn ich in so einer Zeitschleife stecke…)

So eine Zeit-Blockade führt dazu, dass ich keine Pläne habe und keine Ziele nennen kann. Die Zukunft ist ja unerreichbar weit weg – also, genauer gesagt, mein Gefühl für zukünftige Zeiten ist in dem (endlos langen) Moment unerreichbar für mich.

Ohne die Blockade bin ich eine ziemlich gut organisierte Planerin.
Dumm nur, dass ich mich in der Blockade an die Pläne, die ich zuvor gemacht habe, nicht erinnern kann – oder schlicht nicht mehr weiß, warum ich sie umsetzen wollte oder sollte.

5. Räumliche Wahrnehmung

Wenn die bisherigen Wahrnehmungen schon schwer zu beobachten waren, ist die räumliche Wahrnehmung nochmal eine andere Kategorie für sich. Denn wann denkt man schon mal darüber nach, wie man sich selbst in der Umgebung – fühlt???

Klar ist, dass jeder von uns eine Vorstellung von dem hat, was um ihn herum ist.

Überraschend ist wahrscheinlich, dass sich das je nach Situation oder Stress-Level oder Tageszeit verändert. Weil wir es ja gewöhnt sind. Weil wir davon ausgehen, dass eine Umgebung, die nicht lebt, sich auch nicht verändert.

Ich mache manchmal die Augen zu und spüre, wie ich gerade da sitze. Und dann lasse ich die Augen geschlossen und versuche zu spüren, wie weit die Wand hinter mir von mir entfernt ist. Und dann die Wand vor mir. Und dann die Wände links und rechts neben mir. Und die Zimmerdecke.
Dann versuche ich zu erspüren, wie viel Raum um mich herum ist.

Jedesmal, wenn ich die Augen wieder öffne, bin ich überrascht. Meine innere Vorstellung von dem Platz, den ich um mich herum habe, ist oft ganz anders als das, was meine Augen sehen. Wenn ich gestresst bin, sind die Wände sehr nah und erdrückend. Wenn ich entspannt bin, spüre ich viel Raum um mich und die Wände spielen gar keine große Rolle.

In einer Blockade habe ich das Gefühl, ich säße in einer Ecke. Und ich fühle mich sehr klein. Der Raum vor mir ist sehr groß – aber ganz nah bei mir fühle ich eine Art “Glasscheibe”, die mich von allem, was dahinter ist, trennt.

Früher nannte ich diese Wahrnehmung “mein Aquarium”. Und ich habe sehr viel Zeit in diesem Aquarium verbracht, das in meiner räumlichen Vorstellung “meine Blockade” dargestellt hat.

Im allgemeinen Sprachgebrauch gibt’s einige Bezeichnungen für solche räumliche Wahrnehmungen in Überforderungs-Momenten: “In die Ecke gedrängt”, “mit dem Rücken zur Wand”, “im Mauseloch verkrochen”, “neben sich stehen”, “daneben sein”…

Wie beschreibst du es, wenn du “weg bist”, weil “die Überforderungsfalle zuschnappt”?

Übrigens hat mich erst kürzlich jemand gefragt, ob ich aus meinem Aquarium nicht einfach raussteigen könnte. Ich musste eine Weile überlegen, weil die Frage für mich erst mal ganz und gar neu war – und dann habe ich festgestellt: Ja. Ich kann in meiner Vorstellung aufstehen und über die Glasscheibe drübersteigen. Und ohne Blockade weitergehen…

6. Gefühle und Emotionen

Zunächst mal: Alles, was ich bis hierher beschrieben habe, verursacht Gefühle. Jede Wahrnehmung (ob von außen über die Sinnesorgane oder von innen als Gedanke) löst eine Mischung von Gefühlen aus. Und Gefühle sind wichtig, damit wir uns in der Welt orientieren können – es gibt daher keine “schlechten Gefühle”.

Wenn Gefühle stören, dann ist es nicht das Gefühl an sich. Sowas wie “links über meinem Zwerchfell ist ein Muskel ein wenig mehr gespannt als vorhin” ist eine Information aus dem Inneren. Und die ist zwar interessant, aber nicht schlimm.

Erst im zweiten Schritt entscheidet sich, was das Gefühl mit dir macht. Denn dann kommt ein Gedanke wie: “Oh Gott, da beim Herz in der Gegend fühlt es sich komisch an – ich kriege bestimmt gleich eine Angstattacke. Und als ich das schon mal hatte, da wurde daraus eine richtige Panik… Und jetzt geht das schon wieder los!!!”

Das ist NICHT das Gefühl. Das sind Gedanken über das Gefühl.

Emotionen sind auch Gedanken über das, was der Körper mitteilt. Im Grunde ist so eine Emotion die Beschreibung von mehreren Körperwahrnehmungen in einem einzigen Wort.

“Angst” ist die Überschrift für eine ganze Sammlung von körperlichen Erscheinungen.
“Traurigkeit” steht für eine andere Gefühls-Ansammlung.
“Wut” drückt sich nochmal in ganz anderen körperlichen Wahrnehmungen aus.
Oder “Freude”…

Wie ist denn bei dir die Körperwahrnehmung für “Freude”? Wie fühlt es sich im Bauch an, wenn du dich freust? Wie gespannt sind die Muskeln im Nacken und in den Schultern? Wie ist es dir ums Herz? Und wie ist es für den linken großen Zeh, wenn du Freude hast?

In Blockaden kann es sein, dass diese Körperwahrnehmungen sehr “verwaschen” sind oder sich weit entfernt anfühlen. Unter Umständen sind sie auch für eine Weile ganz “weg” – also gar nicht bewusst wahrnehmbar.

Das erklärt auch, warum es schier unmöglich ist, die Emotionen zu benennen, die zu einer Blockade gehören.

Und weil es für dieses “Nichts” an Körperwahrnehmung kein passendes umgangssprachliches Wort gibt, taucht dann immer schnell der Begriff “Angst” auf.

Angst ist eine Emotion, die jeder Mensch kennt. Und daher ist “Angst” ein Wort, mit dem jeder etwas anfangen kann. Es wird ziemlich häufig gebraucht, um zu begründen, warum man sich auf eine bestimmte Art verhalten hat oder warum man sich nicht auf eine erwartete Art verhalten kann – und alle nicken dann wissend und verständnisvoll.

“Nichts” zu spüren ist vielen Menschen fremd – und sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn da nichts ist. Es ist mit Worten nur sehr schwer zu beschreiben.

Aber wenn wir über Emotionen und Blockaden reden, ist das enorm wichtig:
“Nichts” hat absolut nichts mit Angst gemeinsam. Wer nichts in seinem Körper wahrnimmt, hat keine Angst, sondern eine Blockade.

Die Welt ist anders, wenn die Blockade nicht da ist

Alle diese unterschiedlichen Wahrnehmungen von Emotionen, Denken, Sinnes-Informationen, Raum und Zeit verändern sich, wenn du entspannt bist.

Die Welt zeigt sich anders, wenn du ihr ohne Blockade begegnest.

Genau genommen ändert sich natürlich nicht die Welt um dich herum, sondern die Informationen, die bei dir über die Welt um dich herum ankommen.

Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich Situationen, in denen bis dahin immer die Blockade alles von mir ferngehalten hat, zum ersten Mal ungefiltert “das wahre Leben” wahrnehmen konnte. Hui, das war eine mächtige Überforderung – und es hat sich für mich alles andere als normal angefühlt, als ich in immer mehr Umgebungen “normal” geworden bin.

Im Nachhinein denke ich mir, dass es viel leichter gewesen wäre, wenn ich jemanden gehabt hätte, der mich auf dem Weg in diese vielfältigen Wahrnehmungen begleitet hätte. Wenn jemand mir gesagt hätte, dass diese vielen unterschiedlichen Informationen zum Alltag ohne Blockaden dazugehören – und dass es gut ist, sie zu haben.

Damals dachte ich manchmal, dass sich “normal werden” sehr wie verrückt werden anfühlt.

Daher bitte ich dich, bei deinen Experimenten auf dem Weg zum “normal werden” ganz ganz behutsam mit dir umzugehen. Sei neugierig, aber mach deine Schritte so klein, dass du nicht mal in die Nähe einer Überforderung kommst. Beobachte erst mal, ohne etwas verändern zu wollen. Finde heraus, was dein Unterschied zwischen Entspannung und Anspannung ist – und dann mach so viel Entspannung, wie du ohne Überforderung genießen kannst.

Ich möchte, dass du keine Blockaden hast – aber vor allem möchte ich, dass du das, was da ist, wenn die Blockade nicht da ist, ganz vorsichtig und respektvoll erkundest.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Mutismus

Du hast also Sprechblockaden – aber was, bitteschön, bedeutet das ganze “Fachchinesisch”?

Selektiven Mutismus im Erwachsenenalter verstehen -Teil 1

Machen wir uns nichts vor. Die medizinische Sprache IST schwierig. Schon allein deswegen, weil sie ausschließlich aus Fremdwörtern besteht – und weil diese Fremdwörter immer irgendwelche ganz speziellen Bedeutungen haben, auf die man von selber niemals kommen würde…

Darum rede ich am liebsten ganz unmedizinisch von “Sprechblockaden”. Ich denke, was das bedeutet, weißt du genau so gut wie ich. Darunter verstehen wir das Still-Sein, das wir eigentlich nicht wollen, aber mit dem Willen nicht verhindern können.

Trotzdem ist “Mutismus” ein Wort, an dem kein Weg vorbei führt, wenn dich deine Sprechblockaden stören und du dir Hilfe deswegen suchst. Denn sobald deine Störung therapeutisch behandelt wird, kommt das medizinische Fachchinesisch auf dich zu.

Wir sollten also einige Fachbegriffe klären…

Vorab: Ich schreibe diesen Artikel für Erwachsene, die wissen oder vermuten, dass sie selbst Sprechblockaden aufgrund von Selektiven Mutismus haben. Da diese Art von Sprechblockaden in sehr jungen Jahren entstanden ist, findest aber du im Text auch viele Infos, die dir weiterhelfen, wenn du als Elternteil mit dem Problem bei deinem Kind konfrontiert bist.

Der Begriff „Mutismus“

Im Lateinischen gibt es das Wort so nicht. Es ist abgeleitet von “mutus” – dem Eigenschaftswort für “stumm”.

Medizinisch wird es als “Namenwort” verwendet. Der Mutismus bedeutet dann “Stummheit”.

Aus dem Medizin-Wörterbuch:
„Mutismus (Substantiv, m, kein Plural) Absichtliches oder psychisch bedingtes Verstummen einer Person, die ihre Muttersprache beherrscht, auf Zeit oder auf Dauer, ohne dass dafür organische Ursachen erkennbar sind.“

Auf Deutsch: Die Person sagt nichts, obwohl sie die Sprache kann und alle Sprechorgane funktionieren.

Es ist egal, wie viel Absicht hinter dem Schweigen steckt.
Es ist egal, ob immer und überall oder begrenzt und zeitweise geschwiegen wird.
Es ist auch egal, ob man eine Ursache dafür kennt (wenn geklärt ist, dass organisch alles okay ist).

Der Arzt und der Therapeut sagt “Mutismus” zu jedem Schweigen, das keine konkrete organische Ursache hat. (Wenn es eine konkrete organische Ursache hat, sagt er möglicherweise immer noch “Mutismus”, aber er ergänzt ein “… aufgrund von …” und nennt das körperliche Problem.)

Sprechblockaden = Mutismus,
aber nicht jedes Schweigen ist gleich Selektiver Mutismus

Mehr Therapeuten-Fachchinesisch – möglichst kurz erklärt

  • DIAGNOSE


    Die genaue Zuordnung von Befunden zu einer im “Krankheiten-Katalog” (der heißt ICD als Abkürzung für “International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems” – ich erzähle dir weiter unten noch etwas mehr darüber…) aufgelisteten Krankheit
  • ANAMNESE


    Irgendwo müssen die Befunde ja herkommen. Daher erfragt der Diagnostiker die Vorgeschichte einer Krankheit im Gespräch mit dem Kranken oder, wenn das nicht geht, mit den Angehörigen.
  • SYMPTOM


    Alle Anzeichen für Krankheit werden als Symptome bezeichnet. Daraus ergibt sich dann der Befund, der dann der passenden Diagnose zugeordnet wird, damit schließlich feststeht, wie das Problem (medizinisch) korrekt heißt.
    Daraus folgt, dass zunächst mal alles, was irgendwie relevant sein könnte, gesammelt wird. Man weiß ja zu Anfang noch gar nicht, was letztlich wichtig sein könnte (und was einfach nur so nebenbei auffällt). Die Auffälligkeiten werden bei der Befunderhebung in verschiedenen Bereichen gesucht:
    • Körperliche Krankheitsanzeichen (einschließlich Labor und körperlicher Untersuchung)
    • Psychische Krankheitsanzeichen (einschließlich Tests und Fragebögen)
    • Lebenssituation und Lebensgeschichte
    • Frühere Erkrankungen
    • Persönliche Entwicklung (einschließlich Intelligenz), innere Überzeugungen
  • Du siehst schon: Wenn man das sorgfältig macht, dann kommt da ungemein viel Material zusammen – und zwar noch bevor überlegt wird, um welche Krankheit es sich handeln könnte.
  • DIFFERENZIALDIAGNOSTIK


    Fast immer bei psychischen Problemen ist nach der Symptom-Sammlung ein begründeter Verdacht da, der in mehrere Richtungen weist. Dann ist der nächste Schritt, alle möglichen Erklärungen für die vorgefundenen Krankheitszeichen nebeneinander zu betrachten. Manche Ideen können an der Stelle sicher ausgeschlossen werden. Andere bleiben erstmal “im Rennen”, während schon mit der Therapie begonnen wird.
  • VERDACHTSDIAGNOSE


    Solange noch mehrere Möglichkeiten offen sind, darf keine abschließende Diagnose gestellt werden.
    In dem Moment, in dem sich schon klar eine Option abzeichnet, aber die anderen noch sorgfältiger betrachtet werden müssen, damit man sie sicher ausschließen kann, wird ein “Verdacht auf …” notiert.
    Diese Verdachtsdiagnose bleibt manchmal während der ganzen Therapie so, weil eben andere theoretisch vorhandene Möglichkeiten nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden können. Macht aber nichts. Eine Therapie bei “Verdacht auf …” ist nicht weniger wirksam – das “V. a.” ist in erster Linie medizinisch-bürokratische Wortklauberei.
  • THERAPIE


    Wenn hinreichend geklärt ist, worum es geht, dann beginnt die Therapie.
    Nochmal: Die Diagnostik muss überhaupt nicht endgültig abgeschlossen sein, um mit der Behandlung anzufangen.
    Bei einem körperlichen Problem – nehmen wir mal eine schlimme bakterielle Infektion – wird ja auch nicht abschließend geklärt, wie das ursächliche Bakterium mit zweitem Vornamen heißt. Wenn es dir schlecht geht, kriegst du nach einer vorläufigen Befunderhebung erst mal ein Breitband-Antibiotikum. Wenn das wirkt, kann man davon ausgehen, dass irgendeine Bakterie Ärger macht. Und hoffentlich sind deine ärgsten Beschwerden schon gelindert, bis das Labor endlich den exakten Erreger festgestellt hat.
    Therapie ist jede Behandlung mit dem Ziel, die Krankheit positiv zu beeinflussen.
  • PSYCHOEDUKATION (BERATUNG, PATIENTEN-COACHING)


    Weil du nicht nur willst, dass der Therapeut an deiner Krankheit arbeitet, sondern auch selbst mithelfen möchtest, brauchst du noch mehr Informationen darüber.
    Der Austausch mit dem Therapeuten ist dafür ganz wichtig (und sollte – gerade bei der Beratung zu Sprechblockaden – auch schriftlich ablaufen können, wenn reden nicht geht).
    Wenn du besondere Beratungs- oder Coaching-Termine bekommst, dann wird der Therapeut das als Psychoedukation bezeichnen und meint damit, dass er Wissen über das Problem und Möglichkeiten für den Alltag an dich weitergibt.

Wie die Diagnose „Selektiver Mutismus“ definiert ist

Bei Erwachsenen mit Sprechblockaden ist der wahrscheinlich wichtigste Teil der Definition:

Selektiver Mutismus ist eine Störung, die schon in der Kindheit vorhanden war.

Wenn du also im Erwachsenen-Alter Sprechblockaden hast, aber als Kind überhaupt nie welche hattest, dann müssen (!) wir differenzialdiagnostisch den “Selektiven Mutismus” schon mal ausschließen.
Dann würden also alle anderen Möglichkeiten, die Mutismus (also das Schweigen ohne ersichtliche organische Ursache, siehe oben) beinhalten können, genauer unter die Lupe nehmen.

Die Symptome, die für Selektiven Mutismus ALLE zutreffen müssen, damit die Diagnose gestellt werden darf, sind:

  • Störung sozialer Funktionen mit Beginn in Kindheit/Jugend
    Dass die Kommunikation durch das Schweigen gestört wird, liegt auf der Hand. Das zieht dann auch andere soziale Einschränkungen nach sich.
  • Sprachausdruck und Sprachverständnis ist altersentsprechend vorhanden
    Bei Kindern ist das Wörtchen “altersentsprechend” besonders wichtig. Als Erwachsener kannst du es durch “normal” ersetzen.
  • Unfähigkeit, in bestimmten „normalen“ Situationen zu sprechen
    Es geht um alltägliche Situationen und nicht um einen Auftritt vor x-tausend Leuten oder eine Fachdiskussion zu einem Thema, von dem du noch nie zuvor gehört hast.
  • In allen anderen Situationen ist Sprechen möglich
    Es muss auf jeden Fall Lebensbereiche oder Alltagssituationen geben, in denen die Blockaden nicht da sind. Sonst kann man nicht von “selektiven” Sprechblockaden sprechen.
  • Beständige Dauer mindestens vier Wochen
    Einmal ist keinmal. Es dürfte klar sein, dass du nicht krank bist, wenn dir nur einmal die Worte fehlten.
  • Nicht wegen fehlender Sprachkenntnisse oder weil die Situation unbekannt ist
    Klar. Wenn du nichts sagst, weil du eine Sprache nicht kannst, ist das keine Krankheit. Wenn du nichts sagst, weil du die Situation, in die du da geraten bist, nicht kennst, auch nicht. Beides kann man lernen – und die Entscheidung, ob du es lernen möchtest, liegt bei dir.
  • Es liegt keine tiefgreifende Entwicklungsstörung (insbes. Autismus) vor
    Wenn bereits eine Störung aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert wurde, dann wird nicht zusätzlich Selektiver Mutismus diagnostiziert.
    Das sagt nichts darüber aus, ob jemand Autismus UND Sprechblockaden HAT.
    Die Sprechblockaden werden dann aber dem Autismus zugerechnet und sind keine eigenständige Krankheit.

Wenn du weißt (oder wenn Familienmitglieder, die du danach fragst, sich daran erinnern können), dass du als Kind schon Sprechblockaden hattest, die dich seither ein Leben lang begleitet haben, dann kann die Diagnose “Selektiver Mutismus” in jedem Alter in Betracht kommen, obwohl sie eigentlich zu den psychiatrischen “Kinderkrankheiten” gezählt wird.

Die Diagnose von Selektivem Mutismus betrifft immer das JETZT

Wenn du schon als Kind Sprechblockaden hattest, die immer geblieben sind, dann sind über die Jahre weitere Themen hinzugekommen. Das geht quasi gar nicht anders. Zu wissen, dass in scheinbar ganz normalen Alltagssituationen die Sprache wegbleibt, macht einen buchstäblich krank.

Und so muss bei Erwachsenen in der Differentialdiagnose sorgfältig aussortiert werden, ob die Symptome nicht eher zu Depressionen, zu Angststörungen, zu Zwangsstörungen, zu Suchterkrankungen undsoweiter gezählt werden müssen.

Denn: Eine Diagnose ist immer die Feststellung, was jetzt – also genau HEUTE! – das Problem ist.

Wenn du heute mit heftigen Halsschmerzen zum Arzt gehst, sagt der auch nicht: “Mit drei Jahren hatten Sie schlimme Verdauungsbeschwerden. Die sollten wir jetzt erst mal behandeln und dann arbeiten wir uns langsam bis zum heutigen Problem vor…”
Er schaut dir in den Hals, schickt einen Abstrich ins Labor und entscheidet dann, was du jetzt gerade hast und wie die bestmögliche Behandlung aussehen muss, damit du schnellstens wieder völlig okay bist.

Bei psychischen Problemen ist das kein Bisschen anders.

Und: Je älter du wirst, desto eher kommen zu den psychischen Themen auch noch körperliche “Zipperlein” auf, die sich durchaus auch auf’s Verhalten auswirken könnten. Wenn der Stoffwechsel Zicken macht oder der Blutdruck seinen eigenen Willen auslebt, dann macht das etwas mit dir – und zwar auch psychisch. Falls du beispielsweise schon mal mit der Schilddrüse zu tun hattest, weißt du, was ich meine.

Körper, Psyche, Verhalten, Erleben, Empfinden… Das bist alles DU. Das gehört alles zusammen. Und daher gehört es auch zusammen betrachtet, bevor es eine Diagnose gibt.

Durch die Symptom-Brille betrachtet

Ich finde es nicht gut, wenn Menschen von (durchaus wohlmeinenden) Fachleuten nur wie ein “Symptomträger” gesehen – und behandelt – werden.

“Der Blinddarm von Zimmer 338 hat schon wieder die Klingel gedrückt” ist zwar ein alter Krankenschwestern-Witz, aber der ist überhaupt nicht witzig. Denn ein so beschriebener Patient fühlt sich mit der Zeit tatsächlich so, als wäre er “der Blinddarm”. Und das macht schlechte Laune, die ganz und gar nicht heilsam ist.

“Der Mutist” oder “der Schweiger” oder “der Stumme” zu sein, ist nicht viel anders.

Klartext: Du BIST nicht dein Symptom. Niemals. Never ever!

Das Symptom ist nur ein Symptom, ein Anzeichen für eine Erkrankung. Und es stört – das ist der Grund, warum es sich so sehr in den Vordergrund spielt. Genau aus diesem Grund spricht man bei psychischen Symptomen eher von “Störung” als von “Krankheit”. Weil es halt stört.

ES ist nicht DU.

DU bist nicht ES.

Ihr habt euch irgendwann mal irgendwie getroffen. Wie, ist jetzt egal. Und weil ihr euch bisher nicht klar voneinander getrennt habt, seid ihr eben immer noch zusammen. Das Symptom und du.

Du solltest dich niemals selbst als Symptom-Träger sehen. Denn – ich wiederhole mich – DU – BIST – NICHT – DEIN – SYMPTOM.
Punkt.

So.

Nachdem wir das geklärt haben, muss ich doch nochmal auf den Krankenschwestern-Spruch zurückkommen:

“Der Blinddarm…”

Solche Bezeichnungen sind gedankenlos. Dummes Zeug. Schnell dahergesagt.

Aber sie sind nicht selten. In Krankenhäusern nicht und auch nicht in Arztpraxen. Bei Psychotherapeuten leider auch nicht, obwohl die es wirklich besser wissen müssten…

Solche Zuschreibungen haften. Sie haften auch dann noch an den Patienten, wenn das Problem schon vorbei ist.

Ich kenne Erwachsene, die früher mit Sprechblockaden konfrontiert waren und heute längst sehr erfolgreich im Beruf, in ihrer Beziehung und im Leben überhaupt sind. Sie haben natürlich nicht vergessen, dass sie über die Jahre eine Menge Erfahrungen mit Blockaden gemacht haben. Aber sie kommen damit zurecht, haben ihren Alltag und die Momente, in denen Blockaden früher aufgetreten sind, im Griff.

Und wenn man sie fragt, was sie als Mensch ausmacht, dann sagen sie:
“Ich bin Mutist.”
Oder: “Ich bin ein Schweiger. Immer schon gewesen.”
Oder bestenfalls: “Ich bin Ex-Mutistin und komme mittlerweile zurecht.”

Ist das nicht traurig?

Tu mir bitte einen Gefallen:
Schau dich selbst nicht länger durch die Symptom-Brille an.
DU – BIST – KEIN – SYMPTOM.

Im „Symptom-Wegmach-Modus“ – …man nennt es auch Therapie

Die Diagnose ist das Resultat einer Checkliste. Wenn bestimmte Symptome gleichzeitig da sind, dann hat der Patient diese Krankheit.
Check.

Daraus könnte man nun den Umkehrschluss ziehen: Wenn nicht mehr alle Symptome da sind, die auf der Diagnose-Checkliste stehen, dann hat der Patient die Krankheit nicht mehr.

Der einzige Punkt beim Selektiven Mutismus, den man therapeutisch ändern kann, ist die “Unfähigkeit, in bestimmten Situationen zu sprechen” – und irgendwie erscheint es logisch, dass die Krankheit geheilt ist, wenn der Patient in allen (vom Therapeuten) bestimmten Situationen spricht.

Daraus ergeben sich Übungen wie z. B.
auf bestimmte Fragen von bestimmten Personen bestimmte Antworten geben,
mit dem Therapeuten ein immer wiederkehrendes Begrüßungsritual machen,
irgendwo anrufen und irgendeine vorher festgelegte Auskunft einholen,
Passanten auf der Straße ansprechen und nach der Uhrzeit fragen,
in Begleitung des Therapeuten ein Eis kaufen…

Das ist gut.
Ohne Übung kannst du Kommunikation nicht lernen.
Und mit dem Therapeuten zu üben macht die Sache viel einfacher als wenn du allein experimentierst.
Jede positive Kommunikations-Erfahrung macht es dir leichter, mehr eigene Experimente zu machen – um noch mehr positive Erfahrungen zu sammeln.

Nur…
Du bist nicht geheilt, wenn du wunschgemäß auf das Therapeuten-Begrüßungs-Ritual reagierst. Denn alle anderen Menschen, die dir über den Weg laufen, sind nicht wie deine Therapeutin und daher werden sie andere Begrüßungs-Gewohnheiten haben.
Du bist auch nicht geheilt, wenn du Passanten zu Übungszwecken auf der Straße anquatschst. Und mal ehrlich – es gibt immer irgendeine Möglichkeit, auf einem anderen Weg die Uhrzeit herauszufinden.
Es reicht auch nicht, wenn du gewohnheitsmäßig in wiederkehrenden Situationen reagieren kannst…

Das ist alles super. Es gibt dir die Möglichkeit, noch mehr für dich neue Sachen mit anderen Personen auszuprobieren.

Aber ich weiß, dass du dich dabei völlig unwohl fühlst und nicht du selbst bist und daher auch nicht das Gefühl hast, dass du jetzt keine Sprechblockaden mehr hast.

Ich nenne das “funktionales Sprechen” – denn du sagst etwas, aber es fühlt sich nicht normal für dich an, sondern es erfüllt den Zweck der Übung.

Gesund werden kommt danach. Und es fängt damit an, dass funktionales Sprechen funktioniert.

Und wann ist man dann gesund?

Die Definition für Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation WHO lautet:

„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Vollständiges soziales Wohlbefinden.

Das ist viel mehr, als zu antworten, wenn man gefragt wird.
Oder irgendwo anzurufen und eine vorher einstudierte Frage zu stellen.
Oder ein gewohntes Ritual abzuspulen.

Vollständiges soziales Wohlbefinden heißt, dass du schlichtweg vergessen hast, was überhaupt eine Kommunikations-Blockade ist. Weil du nämlich keine hast. Nirgends.

Wenn du sprechen möchtest, sprichst du.
Wenn nicht, dann nicht.
Beides ist okay.
Du entscheidest. Nicht die Krankheit.

Das sollte von Anfang an dein Ziel für deine Therapie sein.

Alle Experimente, Übungen, Herausforderungen während der Therapiezeit sind dann Schritte zu deinem vollständigen sozialen Wohlbefinden.

Jeder deiner Erfolge macht mehr Wohlbefinden. (Und es ist ganz egal, ob ein Therapeut als Zeuge dabei ist oder ob du ganz für dich allein feierst, dass dein Alltag wieder ein Stück leichter geworden ist.)

Du erweiterst dein soziales Wohlbefinden.

Und nach einer Weile wirst du merken, dass der Alltag funktioniert. Und dass der Stress geringer wird, weil du handlungsfähiger wirst.

Viel später wirst du dann zurückdenken, wie es früher mit dein Sprechblockaden war. Und du wirst feststellen, dass alle Einschränkungen in deinem sozialen Wohlbefinden längst weg sind. Dass “normal reden” und “normal leben” jetzt so normal für dich ist, dass du daran keinen Gedanken mehr verschwendest.

Das ist gesund.

Das ist das Ziel von Therapie.

Zusammengefasst…

Es gibt eine Menge „fachchinesische“ Medizin-Fremdwörter. Und spätestens wenn du dir Hilfe von einem Arzt oder Therapeuten holst, wirst du ein paar von den Fachbegriffen hören.

Wichtig ist dann, dass du daran denkst: „Mutismus“ heißt erst mal nur „Schweigen“ – und Schweigen ist ein Symptom, das in verschiedenen Diagnosen eine Rolle spielt.

„Selektiver Mutismus“ ist eine von diesen Diagnosen. Und da bei Erwachsenen immer auch andere Probleme eine Rolle spielen, wird der Arzt oder Therapeut mit Differenzialdiagnostik schauen, was davon JETZT, am Tag der Diagnosestellung, das Problem ist.

Das ist für den Arzt, die Therapeuten und die Krankenkasse wichtig.

Für dich ist viel wichtiger, dass du die Sprechblockaden los wirst. Zunächst durch bestimmte Übungen mit dem Therapeuten und dann durch ganz viel ausprobieren und experimentieren in deinem Alltag.

Dein Ziel ist von Anfang an Gesundheit: Wohlbefinden in allen sozialen Situationen.

Egal, wie schnell du auf deinem Weg voran kommst: Das Ziel ist, dass du nie wieder einen Gedanken an Sprechblockaden verschwenden musst, weil du eben keine mehr hast.

Und dann:

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

Das war der erste Teil der Mini-Serie
"Selektiven Mutismus im Erwachsenenalter verstehen"

Teil 2 behandelt die Frage:

Wie erlebst du dich und die Welt um dich herum, wenn du in einer Sprechblockade steckst?

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Mutismus

Du bist nicht einfach nur “still” in einer Sprechblockade

Vielleicht hast du den Spruch auch schon mal gelesen (oder sogar selbst auf Facebook mit deinen Freunden geteilt):

Wenn du still bist, verstehen dich nur Menschen, die dich fühlen.

Das ist gut beobachtet.

Beispiel:
Du unterhältst dich bestens in einer geselligen Runde mit allen um dich herum. Ihr habt richtig Spaß miteinander. Alles passt.
Und während du dich pudelwohl fühlst, entscheidest du dich, eine Weile nichts zu sagen.
Dann liegt es an den anderen, ob sie sich empathisch in dich hineinfühlen möchten oder nicht.
Wer dann mit Empathie hinspürt, der kann in so einer kommunikativen Situation eine Menge von dir erfahren, ohne dass es dafür Worte braucht.

Oder:
Du sitzt deinem Herzensmenschen gegenüber und ihr könntet stundenlang entspannt miteinander plaudern. Ihr seid euch richtig nah – also vom Gefühl her. (Und körperlich womöglich auch.)
Wenn ihr dann für einen besonders innigen Moment in stiller Übereinkunft auf’s Reden verzichtet, dann könnt ihr wahrscheinlich in diesem Schweigen mehr von einander wahrnehmen, als ihr euch mit vielen Worten sagen könntet. Dann versteht ihr euch still, weil ihr euch fühlt.

Aber der gleiche Spruch ist völliger Quatsch, sobald eine Sprechblockade die Ursache für das Still-Sein ist. Die von der Blockade erzwungene Sprachlosigkeit können andere Menschen nicht verstehen – und es ist völlig egal, wie empathisch sie sind und wie sehr sie hinspüren möchten.

Denn in einer mutistischen Blockade bist du nicht einfach nur "still". Du bist "weg".

In der Sprechblockade sind nicht nur die Worte weg.

Die Sprechblockade betrifft alle Elemente von Kommunikation, also

  1. verbale Informationen
  2. vokale Informationen
  3. nonverbale Informationen
  4. "spürbare" Informationen

1. Verbale Information

"Verbal" kommt vom lateinischen "verbum" – und das bedeutet "Wort" oder "Ausspruch".

Verbale Informationen sind also die Worte oder (noch genauer gesagt) das, was ausgesprochen wird.

Diese Worte haben eine Bedeutung. Und die Bedeutung, die jedes einzelne Wort für dich hat, hast du gelernt, als du das Sprechen gelernt hast. Das werden auf Deutsch so ungefähr 10.000 Wörter oder auch mehr sein. (Fremdsprachen, die du beherrschst, kommen noch dazu.)

Wörter in einer Sprache, die du nicht kennst, sind auch Informationen. Sie sind aber für dich nicht mit der zugehörigen Bedeutung verbunden. Und daher bringen dich diese verbalen Informationen nicht weiter.

Für die Kommunikation ist es immens hilfreich, wenn die, die sich miteinander unterhalten wollen, viele Worte verwenden UND den Wörtern die gleiche Bedeutung geben. Wenn nicht, gibt's bestenfalls Missverständnisse – oder gar keinen verbalen Austausch.

In einer Sprechblockade sagst du kein Wort (oder nur wenige, die nicht viel preisgeben). Somit gibt’s keine verbalen Informationen für dein Gegenüber.

2. Vokale Information

"Vokal" kommt von lateinisch "vox". Und das heißt "Stimme" oder auch "Klang". Wenn du also nichts sagst, dann klingt da auch nichts. Keine vokalen Informationen für dein Gegenüber…

Vokale Informationen sind die, die du über die Melodie, die Lautstärke, die Geschwindigkeit, die Vibration in der Sprache bekommst – und zwar sogar dann, wenn du von dem, was gesprochen wird, kein Wort verstehst.

Zum Ausprobieren: Such dir ein beliebiges Video im Internet, das in einer Sprache ist, die dir völlig unbekannt ist. Und dann achte darauf, was du über die Stimme und den Tonfall und den Klang des Gesprochenen wahrnimmst.

3. Nonverbale Information

"Nonverbal" ist das Gegenteil von "verbal" – und es heißt schlicht "ohne Worte".

Alles, was du wahrnehmen kannst, wenn der Ton aus ist, ist nonverbal. Dazu gehört die Körperhaltung und alles was die Hände machen (Gestik) und alles, was das Gesicht macht (Mimik). Aber auch subtilere sichtbare Informationen wie Atmung, Hautfärbung (wie rote Ohren oder blasse Augenpartie), Muskelspannung, Zittern, etc. sind nonverbale Zeichen.

Solange es etwas zu hören gibt, kriegst du die "wortlose Sprache" in der Regel nur im Unbewussten mit. Das heißt aber nicht, dass sie keine Rolle spielt. Im Gegenteil.

Wenn du über sympathisch/unsympathisch entscheidest, ist der unbewusst wahrgenommene nonverbale Ausdruck wesentlich wichtiger als die Worte.

Wenn Menschen über "glaub ich" oder "glaub ich nicht" nachdenken, gehen die allermeisten nicht nach dem Gesprochenen, sondern nach den nicht gesagten Ausdrucksweisen.

Ausprobieren?

Such dir ein beliebiges Video im Internet und mach den Ton aus. (Ich mag Talk-Shows ganz gern für diese Übung – am liebsten welche mit Politikern.)

Bei der Beschreibung von Menschen, die in einer Blockade stecken, ist meist vom „Erstarrt-Sein“ die Rede. Dein Körper drückt dann in allen möglichen Arten aus, dass er nichts sagen will. Und daher kann dein Gegenüber mit der nonverbalen Information nichts anfangen.

4. "Spürbare" Information

Es ist noch nicht lang her, als man sich einig darüber war, dass Kommunikation aus verbalen, vokalen und nonverbalen Informationen besteht – und nichts weiter.

Menschen, die "über"s Gefühl kommunizieren" wurden belächelt und nicht ernst genommen. Klingt ja auch mächtig esoterisch, wenn jemand sagt: "Ich spür" da so "ne Schwingung zwischen uns…"

Dann wurde immer mehr mit Geräten in die Gehirne geschaut und es wurde natürlich auch untersucht, was im Hirn-Scanner während der Kommunikation zu beobachten ist.

Bei Untersuchungen mit Affen wurde festgestellt, dass ein Affengehirn in einem bestimmten Hirnbereich immer die gleiche Aktivität zeigt, egal der Affe selbst eine bestimmte Tätigkeit macht und ob er einem anderen Affen dabei zuschaut. Daraus entstand die Erkenntnis, dass so ein Primaten-Gehirn mit einem anderen Primaten-Wesen mitfühlen kann.

Und weil wir Menschen auch nichts anderes als Primaten sind, war die Schlussfolgerung, dass auch wir über die sogenannten Spiegelneuronen (so nennt man die "mitfühlenden" Nervenzellen in unseren Gehirnen) mit anderen Menschen-Wesen mitfühlen können. Die Gehirn-Scanner-Untersuchungen haben dafür mittlerweile mehr als genug Beweise geliefert.

Für mutistische Blockaden gibt’s – so weit ich weiß – keine Gehirn-Scanner-Aufnahmen. Dabei wären die vermutlich ziemlich interessant…

Kommunikation auf allen Kanälen

Am leichtesten fällt der Kontakt, wenn alle Elemente der Informationsübermittlung gleichzeitig vorhanden sind.

Logisch.

Wenn sowohl Worte als auch Klang als auch Verhalten sowie Mitfühlen als Quellen zur Verfügung stehen, sind beide Kommunikations-Partner mit Informationen bestens versorgt.

Daher solltest du in wichtigen Momenten das direkte, persönliche Gespräch jeder anderen Kommunikations-Option vorziehen – und alle verfügbaren Signale einbeziehen.

Sobald Teilbereiche nicht zur Verfügung stehen, wird es mühsamer. (Und je nach bevorzugtem Informationskanal kann es durchaus sein, dass du dann echte Schwierigkeiten hast, dich verständlich zu machen oder andere zu verstehen).

Wenn du am Telefon ohne nonverbale Informationen auskommen musst, dann kommst du vermutlich trotzdem klar, solange du ein Gefühl für den Gesprächspartner hast und die Worte samt den zugehörigen Tönen nachvollziehen kannst.

Wenn du beim schriftlichen Austausch auch auf verbale Signale verzichten musst, geht das zumeist noch halbwegs gut. Denn beim Lesen ergänzt du wahrscheinlich im Kopf den Klang der Worte und du gibst dem "Sprecher" eine Stimme.

Wenn schließlich noch die verbalen Infos (also die Wörter) ausbleiben , wird es schwierig – und dann bist du ganz vom "Gefühl für den Anderen" abhängig, um dennoch den Kontakt zu halten.

Das kann klappen. Oder auch nicht.

Blockade heißt: Da ist KEINE Kommunikation

Ein Mensch, der in einer mutistischen Blockade ist, "schweigt" auf allen vier Kanälen:

  • Keine oder nur minimale verbale Informationen
    Kein Wort. Nichts.
    Oder ein paar Geräusche, die für niemanden zu verstehen sind.
    Maximal ein paar Silben, ein "Ja", ein "Nein" oder ein "Weiß nicht".
    Verglichen mit der allgemein üblichen verbalen Ausdrucksweise sind die Möglichkeiten in der mutistischen Blockade gleich null.
  • Keine vokalen Informationen
    Entweder, die Person sagt gar keinen Ton, oder sie drückt sich extremst kurz ("einsilbig") und tonlos aus. Schwer zu beschreiben – man könnte sagen, dass jeglicher Klang komplett fehlt, selbst wenn die Stimme benutzt wird.
  • Keine normale nonverbale Information
    Mimik und Gestik werden in jedem Kontakt als selbstverständlich vorausgesetzt. Schließlich steuern wir sie zumeist gar nicht bewusst. Sie ist einfach immer da – aber während der mutistischen Blockade ist nur eine unnatürliche Leere bzw. Starre zu beobachten.
    Der Blick geht ins Leere, wirkt unfokussiert und hohl. An einen Blickkontakt, wie wir ihn sonst in der Kommunikation unwillkürlich suchen und finden, ist nicht zu denken.
    Die Körperhaltung ist entweder unbeteiligt oder abweisend – der Körper zeigt, dass Kommunikation jetzt keine Option ist.
    Selbst die Atmung und Muskelspannung, die uns permanent unbewusste Informationen darüber gibt, wie es dem Gegenüber gerade geht, ist "unlesbar" und passt nicht zur Situation.
  • Und auch die Spiegelneuronen scheinen unerreichbar
    Während eine Person in der mutistischen Blockade ist, ist sie nicht in der gleichen Weise spürbar, wie sie es nicht blockierten Kontakt wäre. Es gibt nicht diesen "Draht" zueinander, bei dem sich Kommunikationspartner gegenseitig spüren und verstehen können. Das ist schwer zu beschreiben, weil wir für dieses "auf gleicher Wellenlänge schwingen" und "die Emotionen auf dem Radar haben" zu wenig passende Worte haben.
    Jedenfalls ist jemand in einer Kommunikationsblockade auch für diese gefühlte Beziehung, die auf geteilten Emotionen beruht, nicht erreichbar.
    Es fühlt sich an, als ob da niemand wäre.

Wie andere Menschen mit dieser Nicht-Kommunikation umgehen

Menschen kommen nicht gut damit zurecht, dass im Kontakt alle Kommunikations-Kanäle "aus" sind. So etwas ist uns extrem fremd und wirkt daher sehr verunsichernd oder sogar beängstigend.

Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich:

  1. Du wirst übersehen.
    Andere Menschen nehmen dich nicht wahr. Sie sehen dich nicht, sie hören dich nicht und sie haben kein Gefühl dafür, dass du im Raum bist.
    Das ist keine böse Absicht und auch keine bewusste Entscheidung.
    Das Gehirn spielt ihnen einen Streich, weil es die üblichen Kommunikations-Anreize überhaupt nicht entdecken kann und daher deine Anwesenheit nicht zur Kenntnis nimmt – das passiert komplett unbewusst und ist daher für diese Menschen genauso wenig zu beeinflussen wie deine Kommunikationsblockade es für dich ist.
  2. Menschen fühlen sich von deinem ungewöhnlichen Verhalten verunsichert bis ängstlich. Sie gehen dir aus dem Weg.
    Nicht jeder Mensch kommt damit klar, dass die "normalen Kommunikationssignale" bei dir komplett fehlen. Es gibt eine Menge Menschen, die darauf mit großer Unsicherheit reagieren. Und es gibt auch einige, die Angst bekommen, weil sie eine solch ungewöhnliche Situation überhaupt nicht einschätzen können.
    Möglicherweise gehen dir diese Personen aus dem Weg, weil sie nicht wissen, wie sie anders damit umgehen sollen. Sie haben ja keine Ahnung davon, was mit dir los ist. Dass das ein Ausdruck deiner Sprechblockade ist, ist ihnen wahrscheinlich überhaupt nicht klar – und daher beziehen sie das, was sie bei dir wahrnehmen, auf sich selbst.
  3. Sie versuchen, dich zu normalen Reaktionen zu "motivieren".
    Wir haben die halb-bewusste Idee, dass unnahbare Menschen "normaler" reagieren, sobald sie emotionaler werden. Und bei Menschen, die sich zurückhalten, aber keine Blockade haben, ist das auch so: Je engagierter oder ärgerlicher oder betroffener sie sich fühlen, desto besser kann man ihre Gefühle "lesen".
    Da du in der Blockade für alle Anderen komplett "unlesbar" bist, versuchen sie also, dich – ohne dass sie bewusst darüber nachgedacht haben – emotionaler zu machen.
    Sie provozieren dich. Sie ärgern dich. Sie machen dich lächerlich. Sie fordern deine Ängste heraus. Aber du – du reagierst darauf immer gleichbleibend, nämlich gar nicht. Und daher machen sie immer mehr, um dich endlich "aus der Reserve zu locken".
    Sie wollten dich ursprünglich nicht mobben. Sie wollten eigentlich nur spüren, dass du emotional reagierst. Leider bekommt das schnell eine Eigendynamik, die unweigerlich im Mobbing endet.

Die Anderen reagieren auf dich so wie du bist

Wenn Andere dich in einer Blockade erleben, dann reagieren sie – unwillkürlich – auf das, was sie wahrnehmen. Sie haben gar keine andere Möglichkeit, weil ihr Kommunikations-Verhalten weitestgehend unbewusst gesteuert wird. Erst wenn sie nachher jemand fragen würde, warum sie sich so verhalten, wie sie sich immer verhalten, (er-)finden sie eine Begründung dafür.

Menschen, die ohne Kommunikations-Probleme aufgewachsen sind, machen sich kaum jemals Gedanken über Kommunikation. Und wenn sie doch nachdenken, dann setzen sie voraus, dass alle anderen genau so denken und funktionieren wie sie selbst. Daher sagen sie auch oft Dinge wie: "Mach's doch einfach so wie ich das immer mache. Bei mir funktioniert das doch auch."

Tja. In einer Sprechblockade ist das eben nicht so. Da ist alles das, was sonst die Kommunikation zum Funktionieren bringt, nicht vorhanden. Oder ganz anders als normal.

Das ist nicht deine Schuld. Du kannst die Blockade ja nicht verhindern. Sie kommt unwillkürlich, obwohl du das nicht willst.

Das ist auch nicht die Schuld der anderen. Die können weder deine Blockade verhindern, noch können sie ihre Reaktion ändern. Sie kommt unwillkürlich, obwohl sie es nicht wollen.

Und was nun?

Die gute Nachricht ist: Das Kommunikations-Problem löst sich, sobald du nicht mehr in die Kommunikations-Blockade gerätst.

Es ist allerdings ziemlich schwierig, alleine aus den Blockaden herauszufinden. (Mal ehrlich: Wenn du wüsstest, wie das geht, hättest du schon seit Ewigkeiten keine Blockaden mehr, oder?)

Mit einem Begleiter, der dich dabei unterstützt und mit dir gemeinsam den Überblick behält, ist es deutlich leichter. Und nachdem du den ersten Schritt gemacht hast, um dir Hilfe zu holen, wird es immer einfacher, neue erste Schritte zu machen. Versprochen.

Wenn dann die Blockaden seltener werden und du immer leichter in Kontakt kommst, kannst du jede Menge Experimente mit den verschiedenen Kommunikations-Ebenen machen.


Ich wünsche dir, dass der Spruch in einer kleinen Abwandlung in Zukunft ganz ohne Einschränkungen für dich gilt:

Falls du dich entscheidest, zwischendurch mal still zu werden, können dich die Menschen fühlen, die dich verstehen möchten.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

PS:
Erzähl mir von den Gedanken, die du dir jetzt gerade über "Still-sein" und "Weg-sein" machst.
Lass mir einen Kommentar da.
Gleich hier drunter.

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Mutismus

Nur ein Wort

Wir alle sind „Wortbesitzer“.

Manche Wörter gehören einfach so sehr zum Ich-Sein dazu, dass uns gar nicht in den Sinn kommt, es könnte anders sein.

Mein Wort war „still“

Es war schon immer da… Jedenfalls so lange ich mich erinnern kann.

„Still“ und ich – das habe ich viele Jahre lang als untrennbare Einheit empfunden. Deswegen konnte ich mir auch sehr lange nicht vorstellen, wie ich daran etwas ändern könnte.

Wenn ich mich in meinen ältersten Erinnerungen sehe, sehe ich mich still. Und ich habe das Gefühl, dass ich damit sehr zufrieden gewesen bin.

Meine Eltern hatten nichts gegen mein selbst-genügsames Still-Sein. Sie waren stolz auf ihr Kind, das immer brav und unauffällig war – ganz besonders dann, wenn fremde Leute in der Nähe waren.

Später wurde das Wort unangenehm: „Zu still“ sagten die Lehrer in der Grundschule. Und im Laufe der Jahre sagten Lehrer, Ausbilder, Kollegen, Chefs noch einiges mehr darüber…

Das kleine Wörtchen „still“ wurde zum großen Problem meines Lebens. Es blieb – das wirst du dir vermutlich schon gedacht haben – nicht das einzige.

Worte machen Wirklichkeit

An sich ist „still“ weder positiv noch negativ – es ist einfach ein anderes Wort für „ohne Geräusch“.

Wenn ich darüber erzähle, wie ich zuerst „still“ und dann „zu still“ war, machst du dir ein Bild davon, wie das war. (Das geht überhaupt nicht anders – denn ohne deine eigene Vorstellung von meinen Worten würdest du kein Wort verstehen.) Und indem du es mit deinen Erfahrungen ausfüllst, gibst du ihm (d)eine Bedeutung.

Das ist okay. Das ist normal in jeder Kommunikation. Dazu sollten wir aber dennoch jederzeit im Hinterkopf behalten: Nicht das Wort an sich ist gut oder schlecht. Wir können ihm immer eine Bedeutung geben. Und weil sie uns gehört, diese Bedeutung, können wir sie auch anders deuten, wenn wir wollen.

(Pst. Ganz unter uns gesagt: Heute bin ich sehr zufrieden mit meiner Fähigkeit, still zu sein. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich selbst entscheide, wann ich es sein möchte. Für mich hat „still-sein“ eine sehr positive Bedeutung bekommen. Deswegen gibt es Stille Stärken.)

Heute bin ich als „Wortbesitzerin“ mit meinem Wort wieder sehr im Reinen, denn ich habe ihm eine Bedeutung gegeben, die mein Leben schöner macht.

Was macht man, wenn man Worte „besitzt“, die nicht hilfreich sind?

ERSTENS:

Du kannst das Wort durch ein anderes ersetzen und schauen, was das ändert.

„Mutismus“ ist ein Wort für unwillkürliches Schweigen, das ich nur dann verwende, wenn der medizinische Fachausdruck wichtig ist. Im ganz normalen Gespräch oder wenn mich jemand um Rat fragt, rede ich viel lieber über „Sprechblockaden“.

Was ist der Unterschied?

Für mich fühlt sich das lateinische Wortgebilde unverständlich und verunsichernd an. Ich habe kein klares Bild davon, was damit gemeint ist – und meine Gesprächspartner haben zumeist auch keines. Darum entsteht in so einem Gespräch über diesen nicht konkret vorstellbaren „Selektiven Mutismus“ schnell eine Stimmung von „das muss ganz arg schlimm sein“ und „da kann man eh nichts ändern“ entsteht.

Wenn ich mit jemandem über „Sprechblockaden“ rede, dann haben wir beide ein Bild davon im Kopf, wie etwas dem Sprechen im Weg steht. Je nach Vorerfahrung ist das Bild von dem, was da blockiert, unterschiedlich. Aber wir sind (oder werden) uns meistens einig, dass man das wegräumen kann. Und dann können wir darüber nachdenken, wie das gehen könnte. Und was der sinnvollste erste Schritt dafür ist.

ODER ZWEITENS:

Du kannst das Wort behalten und es fragen, was es für dich tun kann.So habe ich es mit „still“ gemacht.

Dieses Wort fühlt sich für mich völlig zutreffend an. Und es führt auch im Gespräch nicht zu Hilflosigkeit oder Missverständnissen. Da wäre es doch Unfug, ein anderes Wort zu verwenden.

Ich habe nach dem gesucht, was ich am Still-Sein mag. Und die Liste ist lang geworden.

(Auf das, was ich früher am Still-Sein nicht mochte, habe ich dabei gar nicht geachtet. Und während ich mich über meine lange Liste von positiven Ideen freute, hat es bald auch gar keine Rolle mehr gespielt.)

Und jetzt bist du hier, weil du Stille Stärken interessant findest. Wenn das mal kein angenehmes Ergebnis ist. 

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
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Christine
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Mutismus

Und plötzlich war er nicht mehr da…

Diese kleine Geschichte widme ich allen, die gestern auf der Jahrestagung der Mutismus Selbsthilfe Deutschland e. V. dabei waren – egal, ob wir nun miteinander sprechen konnten oder nicht.

Und allen, die sich schon mal gefragt haben, wie es ist, wenn Kinder plötzlich schweigen.


Neulich war ich im Freibad. Ich saß unweit des Planschbeckens auf einer Bank.

Im Kinderbecken waren zwei Jungs, so ungefähr fünf oder sechs Jahre alt, und hatten Spaß mit dem Wasser. Der Springbrunnen in der Mitte hatte es ihnen angetan, denn damit konnte man prima um sich spritzen, wenn man die Düsen mit der Hand zuhielt. Manchmal wurden die Jungs dabei ordentlich nassgespritzt. Und ich von Zeit zu Zeit auch.

Dann schaute mich der kleine „Anspritzer“ frech an. Ich grinste zurück und gab ohne Worte mein Okay dafür, wieder nassgespritzt zu werden. Zwischendurch riefen die beiden lautstark: „Mama, schaauuuuu!“, wenn sie einen besonders bemerkenswerten Trick gefunden hatten, und bekamen von Mama einen Hinweis wie „Nicht so wild!“ oder „Nicht die Leute nassspritzen!“

Die Zwei machten mir Spaß und sie machten sich ihren Spaß mit mir.

Ich wurde auf die allerfreundlichste Weise angeflirtet, wie nur kleine Kinder das können. Ich durfte sozusagen mitspielen, obwohl ich mit meinem Buch am Rande des Geschehens saß und eigentlich vorgehabt hatte, ein wenig zu lesen.

Die Mama kannte mich vom Sehen. Sie setzte sich zu mir und wir kamen ins Gespräch. Sie wusste auch, dass ich für Stille Stärken schreibe und dass ich früher Sprechblockaden hatte.

Wir plauderten, die Jungs plantschten und spritzten uns nass, die Mama mahnte und ich grinste.

Dann erfuhr ich: Die beiden haben Selektiven Mutismus.

Ich war verblüfft. Vor allem einer von den zweien hatte mich – schweigend zwar, aber durchaus kontaktfreudig – in sein Spiel mit einbezogen. Und zwar auf eine total charmante, unwiderstehliche Art, so dass ich mein Buch beiseitelegte und – ebenfalls ohne Worte – mitspielte.

Die Mama erzählte mir von den Alltagsproblemen, die man als Mama von zwei Jungs mit Sprechblockaden hat. Und irgendwann kam mein neuer junger Freund zu uns rüber. Er grinste mich an – auf eine Weise, die man einfach nur „frech“ nennen kann – und ich lächelte zurück und zwinkerte.

Der Junge erzählte voller Begeisterung seiner Mama die besten Springbrunnen-Spritz-Tricks. Immer mit einem verschmitzten Seitenblick auf mich. Ich fand ihn super aufgeschlossen.

Dieser kleine Charmeur soll Selektiven Mutismus haben?

Die Mama hörte eine Weile zu und sagte dann: „Du, schau mal, die Frau, mit der ich mich gerade unterhalte, hatte früher auch dieses Problem mit dem Nicht-Sprechen.“

Ich bekam noch einen einzigen Blick, der voller Misstrauen und Skepsis war, und wurde von Kopf bis Fuß gescannt.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils war mein junger Freund verschwunden. Was vor mir stand, war die Silhouette eines sechsjährigen Jungen. Kein Kontakt mehr, keine Beziehung. Die Augen sahen mich nicht mehr. Das Lächeln war verschwunden und der ganze kleine Kerl damit.

Kaum zu glauben. Das gleiche Kind, und doch ein völlig anderes.

Ich machte noch einen Versuch, ihn anzusprechen. Doch er war „weg“.

Selektiver Mutismus. Die Situation entscheidet, welches Kind ich sehe.

Ich war früher auch so. Ich weiß, dass eine Blockade nicht zu verhindern oder zu durchbrechen ist, wenn sie kommt.
Und doch hat es mich verletzt, dass unsere Beziehung so abrupt abgebrochen war.

Ich gebe es zu. Ich hatte Gedanken wie: „Mann, du kannst doch sprechen. Gerade eben hast du es noch getan. Und zwar grinsend und flirtend.“

Und ich hatte Gedanken wie: „Das arme, arme Kind. Was kann ich denn nur tun, damit es wieder so ist wie zuvor.“

Und: „Es muss doch schlimm sein, so plötzlich ‚weg‘ zu sein.“

Mein Kopf sagte mir, dass ich nichts ändern kann. Die Blockade kommt unwillkürlich und lässt sich auch nicht ändern. Und sie ist in dem Moment, in dem sie auftritt, für Außenstehende unangenehmer als für den Betroffenen.

Mama und die beiden Jungs gingen nach Hause.

Und ich…?

Noch nie hatte ich bei jemand anderem diesen Moment des „Verschwindens“ in einer Blockade derartig deutlich gesehen.

Ich frage mich: Hätte ich es verhindern können?

Und gleichzeitig weiß ich: Falsche Frage! Ich hatte die Gelegenheit, als Fremde von zwei kleinen Jungs in ihr Wasserspiel einbezogen zu werden. Und wir waren für eine kleine Weile sowas wie Freunde. Wir hatten Spaß zusammen. Das ist es, was ich als Erinnerung an diese Begegnung behalten möchte.

Die zwei bekommen Unterstützung von einer sehr einfühlsamen und erfahrenen Therapeutin und werden in Kürze in die Schule kommen. Ich bin ganz sicher, dass dann die neue Umgebung helfen wird, dass sie noch seltener in Blockaden geraten – bis sie eines Tages ganz normale, ziemlich freche und sehr aktive Jungs sind.

Denn eines weiß ich: Man kann die Sprechblockaden hinter sich lassen. Und mit Hilfe geht es leichter. Es muss nicht so bleiben – auch dann nicht, wenn es sich im Moment anfühlt, als ob es unabänderlich wäre. Und es gibt großartige Leute, die engagiert helfen – ein paar davon habe ich gestern auf der Mutismus-Tagung kennengelernt.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
(Und erlaube es den anderen, dich auf deinem Weg zu unterstützen.)
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Christine
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Mutismus

Man muss nicht alles glauben was stimmt

Kürzlich hörte ich von einem anerkannten Mutismus-Experten: Selektiver Mutismus ist überwindbar, aber nicht heilbar.“

„Mhm,“ dachte ich mir, „gut, dass ich das bis heute nicht wusste. Sonst hätte ich bestimmt immer noch Mutismus.“

Spezialistenmeinung

Mir ist mal sowas ähnliches passiert, als ich mit Anfang Dreißig eines Morgens nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte. Ich hatte tierische Schmerzen vom unteren Rücken bis zum kleinen Zeh des linken Fußes.
Im Bett umdrehen? – Vergiss es.
Schuhe anziehen??? – No chance.
Die Treppe runter? – Oh mein Gott!

Ich schleppte mich zum Hausarzt. Der ist nur vier Häuser weiter – glücklicherweise im Erdgeschoss. Er meinte: „Vermutlich Bandscheibenvorfall am 5. Lendenwirbel. Das wird schon wieder, keine Sorge.“
Dann schickte er mich zur Abklärung zum Radiologen.

Der schaute lange mit trauriger Miene auf die MRT-Bilder „aus der Röhre“.

Dann meinte er: „Prolaps an L4/5. Das ist irreversibel. L3/4 ist auch bereits kritisch. Der Wirbelkanal ist verstopft. Es gibt einen Eingriff, um den Wirbelkanal wieder zu öffnen. Andernfalls wird ziemlich sicher eine Nervenschädigung zurückbleiben.“

Ich habe ihn sprachlos und entgeistert angesehen. Das, was ich verstanden hatte (oder jedenfalls meinte, verstanden zu haben) machte mir eine Höllenangst. „Irreversibel!“

Ich habe wortlos den Kopf geschüttelt.

„Sie können es natürlich auch konservativ versuchen. Viel Glück.“

Weg war die Koryphäe der Radiologie.

Ich schleppte mich nach Hause. Es war irreversibel. Ich würde eine neue Wohnung brauchen – die drei Etagen von der Tiefgarage ohne Aufzug in die Wohnung würde ich nie wieder schaffen. Einen Treppenlift, eine abgesenkte Duschwanne, am besten keine Türschwellen in der Wohnung – Rollstuhlgerecht und mit so Haltegriffen am Klo… Oh mein Gott.
Ein neues Auto… Und meinen Büroberuf könnte ich auch vergessen… Alle meine Schuhe würde ich wegschmeissen müssen…

„Irreversibel.“ Das heißt, doch: „Da kann man nichts mehr machen.“

Nach ein paar Tagen voller Horrorgedanken habe ich mir ein Buch in der Leihbücherei gesucht. (Die hat einen Aufzug und ist auch sonst barrierefrei.  🙂 )

„Das große Hobbythek-Rückenbuch“ – die Älteren werden sich erinnern an die Fernsehreihe mit Jean Pütz und die meistens etwas außergewöhnlichen „Hobbytipps“ (also „Life-Hacks“ irgendwo zwischen Tine Wittler und Mac Gyver).

Jedenfalls habe ich mir dieses schon arg angestaubte Buch geholt. Da war genau erklärt, was „Prolaps L4/5“ heißt. Da gab es Zeichnungen, in denen ich sehen konnte, was in meiner Wirbelsäule eigentlich „kaputt“ war. Da waren einige ganz simple Hilfen genau beschrieben, mit denen man die ersten Tage bewältigen konnte. Da stand auch, was man „konservativ“, also ohne Operation tun kann.

Und da stand sinngemäß: „Eine Bandscheibe, die einmal geplatzt ist, regeneriert sich nicht wieder. Die gute Nachricht ist: Damit kann man bestens leben. Denn mit einigen gezielten Übungen sorgt die Muskulatur dafür, dass die Wirbelsäule trotz „Platten“ stabil ist.“

Da stand auch sinngemäß: „In weit über 90 Prozent der Fälle löst Körper das, was momentan den Wirbelkanal blockiert, von selbst wieder auf. Das kann bis zu zwei Jahren dauern – aber wenn innerhalb der ersten zwei Wochen eine deutliche Besserung eintritt, braucht es keine Operation“

Das klang für mich ganz anders als „Irreversibel“.

Nach zwei Wochen konnte ich mich nachts (mit der speziellen rückenschonenden Methode aus dem Hobbythek-Buch) umdrehen, konnte mit der Hobbythek-Methode aus dem Bett aufstehen, mehr schlecht als recht Treppen steigen – und stundenweise im Büro arbeiten.

Nach zwei Jahren mit mehr Bewegung als früher und mit einem Stehpult im Büro und mit allerlei kleinen Gymnastikübungen blieb ein klitzekleines Nervenkribbeln am kleinen Zeh zurück.

„Irreversibel? – Pah!“

(Natürlich hatte der Radiologe in seiner Fachsprache recht: Die Bandscheibe ist immer noch platt. Das kann ich fühlen, wenn ich mit den Fingern die Wirbel entlangfahre. Das dadurch verursachte Problem ist für mich trotzdem gelöst – ich habe keine Schmerzen und kann alles tun, was jeder andere auch tut. Und darum geht‘s doch…)

Spezialistenmeinung über Selektiven Mutismus

Meine eigene Erfahrung mit den Sprechblockaden ist: Klar kann ich heute in jeder Lebenslage entscheiden, ob ich spreche. Und manchmal tue ich es dennoch nicht.

Die Erfahrung von Therapeuten ist: Auch nach erfolgreicher Therapie sprechen (ehemalige) Mutisten manchmal nicht.

Die Schlussfolgerung der „Profis“ ist: Man kann es nie ganz heilen.
Die Schlussfolgerung von mir ist: Ich muss nicht alles machen, auch wenn ich alles machen könnte.

Der Experte erklärte mir letzte Woche, wie er zu der Auffassung kommt, dass Selektiver Mutismus nicht heilbar sei. Er meint, dass es nie auszuschließen ist, dass ein Mutist nach der Therapie in einer späteren Lebensphase wieder eine Sprechblockade erleben könnte.

Ja, das stimmt.

Mit dieser Argumentation wäre ein Schnupfen aber auch eine „unheilbare Krankheit“. Denn es ist nie auszuschließen, dass man ihn später im Leben wieder kriegt.
Bei mir passiert das sogar ziemlich regelmäßig – jedes Jahr so ungefähr im Februar.

Fazit

Hätte nicht in meinem Hobbythek-Buch gestanden, dass es nach zwei Jahren keine weitere Besserung mehr geben würde, hätte ich heute möglicherweise auch kein Nervenkribbeln mehr im kleinen Zeh. Es hätte ja durchaus sein können, dass es etwas länger als zwei Jahre gedauert hätte, bis das weg war.

Weil ich aber der „Expertenmeinung“ von Jean Pütz vertrau(t)e, ist genau das passiert, was er prophezeit hat: Nach zwei Jahren hat sich endgültig an meinem Bandscheibenvorfall nichts mehr weiter gebessert.

Hätte mir jemand gesagt, dass Mutismus nicht heilbar ist, dann wäre genau das passiert: Ich hätte immer noch Selektiven Mutismus.

Das ist wie bei der Hummel...

“Die Hummel hat eine Flügelfläche von 0,7 Quadratzentimeter, bei 1,2 Gramm Gewicht. Nach den bekannten Gesetzen der Aerodynamik ist es unmöglich, bei diesen Verhältnissen zu fliegen.
Die Hummel weiß das nicht. Sie fliegt einfach.”

Arthur Lassen

Ich wusste nicht, dass ich Selektiven Mutismus hatte und daher nie „normal“ würde reden können.

Ich hab einfach alles gelernt, was ich dafür brauchte und die Erfahrung gemacht, dass ich es kann. Und mit jeder positiven Erfahrung war ich sicherer, dass ich es konnte.

Der Rest war konsequentes Üben.

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Christine
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Mutismus

„Die Mutismus-Forschung steckt noch in den Kinderschuhen“

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit Carina Helwig und Felix Vogel unterhalten. Die beiden studieren an der Uni Gießen Psychologie und haben für ihren Studienabschluss Themen rund um Selektiven Mutismus und soziale Ängstlichkeit gewählt. Um dafür erst mal die nötigen Informationen zu sammeln, führen sie im Moment gemeinsam eine Onlinebefragung durch, bevor es dann in ein paar Wochen an die Auswertung geht.

Im Stille-Stärken-Interview haben wir vor allem über die Studie und die Ziele von Carina und Felix geplaudert.


Christine: Hallo Carina, hallo Felix. Schön, dass wir uns heute kennenlernen.
Ihr zwei habt gemeinsam mit Melanie Molly einen Online-Fragebogen zusammengestellt, um dann in eurer Bachelor- und Masterarbeit die Informationen daraus auszuwerten.
Wie seid ihr denn auf Selektiven Mutismus als Thema gekommen?

Felix: Mir ist aufgefallen, dass dieses Thema ziemliches Neuland ist – und neue Sachen finde ich in der Forschung besonders interessant. Dann habe ich viel in Foren und Gruppen darüber gelesen und festgestellt, dass viel Informationsbedarf da ist. Das war ein Anreiz für mich, zu diesem Thema zu forschen, um mit den Ergebnissen dann Menschen zu helfen.
Und außerdem ist es total vielschichtig, was man rund um Selektiven Mutismus und soziale Ängstlichkeit untersuchen kann.

Carina: Ich bin als Kind auch mal in Situationen gekommen, in denen Sprechen schwierig für mich war. Dann habe ich zwar nicht durchgängig in bestimmten Situationen geschwiegen, aber wenn ich mich sozial unsicher fühlte, habe ich nur noch sehr wenig oder gar nichts mehr gesagt.
Ich habe gemerkt, dass ich aus meiner eigenen Erfahrung heraus einen guten Zugang zu dem Thema habe.
Und was Felix sagt, kann ich voll unterschreiben: Es ist bisher so wenig erklärbar und das macht die Forschung dazu so interessant.

Christine: Erzählt doch noch ein bisschen mehr darüber, was das Ziel oder das erwartete Ergebnis eurer Arbeiten ist.

Carina: Wir haben unterschiedliche Zielsetzungen, da wir ja verschiedene Arbeiten schreiben.
Ich schreibe meine Bachelorarbeit über die unterschiedlichen Sprechverhalten bei Kindern mit Selektivem Mutismus. Das kann bisher sehr schlecht kategorisiert werden, und so kam ich auf die Idee, dass es möglicherweise mehrere Typen von Selektivem Mutismus gibt.
Interessant finde ich, dass manche Kinder nicht mit Erwachsenen sprechen können, während andere nicht mit Kindern sprechen. Und auch die unterschiedlichen Situationen, in denen die Kinder nicht sprechen, hat mich darauf gebracht, dass vielleicht gar nicht der selbe Typ von Mutismus vorliegt.

Oder vielleicht liegen – wenn man die Angst betrachtet – auch ganz unterschiedliche Inhalte der Angst vor. Ich kann mir vorstellen, dass es Kinder gibt, die nicht sprechen, weil sie Angst davor haben, dass das, was sie sagen wollen, nicht gut ankommt oder sie dafür schlecht bewertet oder ausgelacht werden. Andere Kinder könnten Angst davor habe, etwas wirklich faktisch falsch zu sagen oder falsch zu machen – sogar, wenn gar niemand dabei ist.

Felix: Gerade bei Mutismus steckt die Forschung in den Kinderschuhen und unser Anliegen ist es, mehr über die zugrundeliegenden Ängste herauszufinden. Während sich Carina mit den möglichen Subtypen beschäftigt, versuche ich in meiner Masterarbeit herauszufinden, was den Selektiven Mutismus von der sozialen Ängstlichkeit unterscheidet.
Selektiver Mutismus wird oftmals lediglich als Sonderform der sozialen Ängstlichkeit betrachtet. Mit Sicherheit kann die Angst in sozialen Situationen eine große Rolle spielen, jedoch könnten darüber hinaus noch weitere Angstinhalte von Bedeutung sein.

In der Studie haben wir dazu sowohl Fragen, die von den Teilnehmern beantwortet werden, als auch Videos über alltagsnahe Situationen, die die Kinder und Jugendlichen bewerten. Aus diesen Bewertungen erkennen wir, wie unangenehm verschiedene Situationen empfunden werden.

Carina: Außerdem können wir so feststellen, welche Situationen schwieriger sind als andere.

Christine: Wie lange kann man denn noch an der Studie teilnehmen?

Felix: Die Datensammlung läuft zwar noch bis Ende Juli 2016, eventuell auch bis zum Herbst, denn wir möchten eine möglichst große Teilnehmerzahl erreichen, damit wir später bei der Auswertung auch möglichst gute Ergebnisse bekommen. Aber da Carina für ihre Bachelorarbeit die Daten schon Ende April braucht, freuen wir uns sehr über jeden Teilnehmer, der sofort mitmacht.

Die Ergebnisse möchten wir allen Interessenten zugänglich machen. Und besonders viel liegt uns daran, den Teilnehmern nach dem Abschluss der Auswertung Informationen darüber zu geben, was die Studie, die sie unterstützt haben, für Ergebnisse gebracht hat und wie diese eventuell künftig zu einer besseren Hilfe für Betroffene führen.

Christine: Ich finde super, dass ihr euere Erkenntnisse veröffentlichen werdet und ich fände es schön, wenn wir hier im Blog dann einen Gastartikel von euch lesen können.

Felix: Da freuen wir uns drauf.

Christine: Habt ihr vor, eure durch die Studie gewonnenen Erkenntnisse nach dem Studium praktisch anzuwenden?

Carina: Ich möchte auf jeden Fall später eine Therapieausbildung machen. Mich interessiert vor allem, schon in den Anfängen bei den Kindern Hilfestellung bieten zu können, bevor sich die Störung im Erwachsenenalter als festgefahrene Struktur nicht mehr so leicht aufbrechen lässt.

Felix: Ich möchte das Thema gerne noch weiterführen und dazu auch noch weitere Studien machen. Es ist einfach ein interessantes Forschungsfeld.

Und ich möchte auch langfristig gerne eine Therapieausbildung im Bereich Kinder- und Jugendpsychologie machen.

Christine: Habt ihr, da ihr euch ja sehr intensiv mit dem Thema Mutismus auseinandersetzt, noch einen Tipp für Betroffene?

Carina: Es gibt für Selektiven Mutismus an verschiedenen Orten Sprechstunden, zum Beispiel in Frankfurt. Ich finde, das ist ein guter erster Anlaufpunkt, um Therapeuten zu finden, die über Mutismus Bescheid wissen.

Felix: Und auch über die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. und Still-Leben e.V. gibt es die Therapeutennetzwerke mit spezialisierten Therapeuten.

Christine: Herzlichen Dank, dass ihr euch die Zeit für unser Gespräch genommen habt. Ich bin mir sicher, dass unter den Stille-Stärken-Lesern viele Teilnehmer für eure Studie sind und ich wünsche euch ganz viel Erfolg für die Bachelor- und Masterarbeiten.

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Mutismus

Sag doch mal anständig Grüß Gott!

Grüßen, bedanken, entschuldigen, um etwas bitten – das sind Selbstverständlichkeiten, die von Kindern schon ganz früh erwartet werden.

Menschen mit selektivem Mutismus scheitern regelmäßig an simplen Höflichkeitswörtern wie „Danke“ oder „Guten Tag“ – und es ist schwer nachvollziehbar, warum…

Was ist so schwer an „Hallo“ und „Tschüss“?

Die Antwort eines selektiv mutistischen Menschen – egal in welchem Alter – ist: Es geht einfach nicht.

Das klingt unglaubwürdig. Schließlich handelt es sich um ein bis zwei einfache Silben, um eine Floskel. Das kriegt doch jeder hin.

Die Schlussfolgerung, dass es sich um ein besonders bockiges Kind oder einen ausgesprochen sturen Erwachsenen handelt, liegt nahe.

Dabei wird (oft sogar von den Eltern und nahen Angehörigen) übersehen, dass eine Kommunikationsblockade jegliche freie Entscheidung, zu sprechen, außer Kraft setzt. 

Und wenn keine Äußerung möglich ist, dann spielt die Anzahl der Silben keinerlei Rolle – „Nein“ ist genauso wenig aussprechbar wie „Superkalifragilistischexpialigorisch“.

Auffällig ist allerdings, dass es oftmals sogar leichter fällt, komplexe Sätze auszusprechen als die einfachen Höflichkeitsbegriffe.

Ich selbst hatte im Beruf längst komplizierte Beratungsgespräche geführt – aber beim Begrüßen und Verabschieden der Kunden musste ich mich immer noch sehr konzentrieren, um nicht zu verstummen.

Was macht Höflichkeitswörter und Höflichkeitsgesten eigentlich aus?

  • Das Ritual wird – jedenfalls innerhalb eines Kulturkreises und innerhalb einer sozialen Schicht – von allen einheitlich auf eine ganz bestimmte Weise „automatisch“ ausgeführt.
  • Timing ist sehr wichtig – beim Grüßen, aber auch beim Bedanken gibt es einen bestimmten Rhythmus. Wenn’s zu lange dauert, interpretiert der Empfänger das höfliche Wort schnell als Ausdruck von respektloser Unhöflichkeit oder gar als verdeckte Beleidigung.
  • Dieser ritualisierte Wortwechsel hat eine hohe soziale Bedeutung, die sich weit jenseits des offensichtlichen/offen-hörbaren Inhaltes abspielt.
  • Höflichkeit geht immer mit einer hohen Erwartung an den anderen einher. Man sagt nicht „Guten Morgen“, weil man den Morgen toll findet, sondern weil man den anderen dazu „zwingt“, seinerseits einen Guten Morgen zu wünschen.
  • Höflichkeit soll Beziehung schaffen – und wenn das Ritual einvernehmlich abläuft, dann wird mit der Begrüßung plus Händeschütteln und einem höflichen Einstiegssatz bereits eine stabile Beziehungsgrundlage geschaffen.
  • Dieser schnelle Austausch, aber ganz besonders der Handschlag, klärt auch sofort die Machtverhältnisse der Beziehung. Wer je ein angstfeuchtes zitterndes Händchen gereicht bekommen hat, weiß, was ich meine.
  • Schon an einem schlichten „Hallo“ erkennt man viel über die Stimmung.
  • Höflichkeit ist ein Abtausch von Floskeln, der einen Haufen Bedeutung transportiert, aber keinen Austausch über den Inhalt oder die Beziehung erlaubt. Im Klartext: Wenn es innerhalb dieser Höflichkeitsrituale zu Unklarheiten oder Missverständnissen kommt (und das ist passiert durchaus häufig), dann werden diese nicht wie in einem Gespräch aufgelöst. Was bleibt, ist das ungute Gefühl, dass da von Anfang an etwas, das man nicht benennen kann, gründlich schiefgelaufen ist.
  • Es gibt oft nur ein sehr kleines Zeitfenster, in dem das Höflichkeitsritual wirklich als „höflich“ anerkannt wird. Wer erst nach drei Minuten „Guten Morgen“ sagt, ist mega-unhöflich. Wer dem Geburtstagskind erst nach zwei Gläsern Sekt gratulieren kann, zeigt damit nicht Herzlichkeit und Freude – egal, wie herzlich der Glückwunsch gemeint ist.
  • Eine Umarmung – womöglich noch mit Küsschen! – als Ausdruck von Beziehung und Freude ist mit das Schwierigste, was die Höflichkeit beim Begrüßen erfordern kann.

Warum ist Höflichkeit für Menschen mit selektivem Mutismus besonders schwer?

Mal abgesehen davon, dass allein die Sprechblockade entscheidet, ob im Augenblick Kommunikation möglich ist oder nicht…

Wer Mutismus hat braucht einen Moment länger, um sich auf’s Sprechen vorzubereiten. Dieser Moment kann auch schon mal eine gefühlte Ewigkeit dauern. Für die Höflichkeitsfloskeln ist es dann nicht selten viel zu spät – und man denkt sich: „Jetzt geht’s nicht mehr. Schei..e.“

Denn ein mühsam hinterhergequetschtes „Guten Tag“ nach einer peinlichen Pause wäre ja noch unhöflicher als das hilflos-scheue Nicken mit einem gequält-abweisenden Lächeln. Und während sich die Gedanken noch überschlagen ist man längst mittendrin in einer Sprechblockade.

Bei mir kommt in solchen Momenten – bis heute – reflexhaft der Gedanke: „Zu spät!“ Und danach kriege ich die Situation auch nicht mehr aufgelöst, weil ich – obwohl ich heute ja jederzeit sprechen könnte – nicht mehr angemessen reagieren kann.
Wie auch? Ich könnte ja nur erklären, dass ich momentan blockiert war und meine viel zu späte Reaktion dann als unhöflich angekommen wäre – also habe ich sie lieber sein lassen.
Ganz ehrlich: Für eine Begrüßungssituation ist das zu viel Text mit viel zu viel Inhalt.
Also ist der erste Eindruck schon mal versaut. Und ob es einen zweiten gibt, muss sich erst noch zeigen.

Als ich ein Kind war, wollten meine Eltern natürlich gerne nur gute erste Eindrücke. Daher fragten sie, wenn ich nicht reagierte, schnell: „Na, wie sagt man?“ oder „Wiiiiie heißt das anständig?“
Natürlich wusste ich, wie das anständig hieß. Ich war nicht dumm. Ich wusste, dass „Danke“ erwartet wurde. Aber nach diesen Fragen war’s vorbei – keine Chance mehr, die beiden Silben über die Lippen zu bringen.
Ich wollte nur noch „weg sein“ aus dieser peinlichen Situation und aus der Hilflosigkeit. Und weil ich körperlich nicht weg konnte, habe ich mich gedanklich aus dem Staub gemacht. Ich war buchstäblich wie weggetreten – und die Peinlichkeit blieb zwischen meiner Mutter und der Metzgereifachverkäuferin, die mir ein Wienerle schenken wollte, im Raum stehen.

Heute weiß ich, dass meine Eltern im Umgang mit Fremden selbst auch ein leicht verlangsamtes Timing bei den Höflichkeitsritualen haben. Womöglich habe ich das kleine Zögern also schon früh gelernt und dann später erfahren, dass meine Art der Kontaktaufnahme als „nicht höflich genug“ interpretiert wurde.
Wer weiß, was wirklich Ursache und was Wirkung war? Ich kann da rückblickend nur Vermutungen anstellen.

Was ich vermutlich auch früh gelernt habe, ist ein gewisses Misstrauen gegenüber fremden Leuten. Wenn man jemandem begegnet, dann ist man erst mal vorsichtig. Und Vorsicht ist das Gegenteil von herzlicher Freundlichkeit.
Wer Vorsicht in eine Beziehung bringt, wird mit Vorsicht empfangen. Und wer mit Vorsicht von einem Fremden empfangen wird, der fühlt sich unsicher. Von der Unsicherheit bis zum Gefühl von Gefahr ist es nicht mehr weit…
Als ich längst erwachsen war, fand ich in meinem direkten Umfeld Vorbilder, die alle Menschen mit Unvoreingenommenheit und Interesse und echter Herzlichkeit begrüßten. Und als ich das auch ausprobierte, änderte sich buchstäblich die Welt um mich herum. Ich hatte bis dahin nie erlebt, wie nett und freundlich und hilfsbereit Menschen sind.

Mit der Zeit habe ich von meinen Vorbildern auch gelernt, wie schön es ist, jemandem aus ehrlicher Überzeugung herzliche Glückwünsche zu schenken. Ich habe sogar – und das fand ich schwieriger als alles andere – gelernt, eine feste, liebevolle Umarmung anzunehmen. Und nach einiger Übung kann ich heute auch Menschen aus Herzlichkeit und ehrlicher Freundschaft spontan umarmen.

Ich glaube, dass es für Leute mit selektivem Mutismus besonders herausfordernd ist, das alles zu lernen, weil sie es im ersten Anlauf auf eine sehr ungeschickte Weise kennengelernt haben.
Nach einem schlechten Start erfordert das Neulernen, dass man etwas ausprobiert, was man zuvor nie versucht hat und was man deshalb für unmöglich hält. Nur wenn man es trotzdem versucht und währenddessen aushält, dass es sich am Anfang völlig falsch und unglaublich unangenehm anfühlt, gewinnt man die Erfahrung, dass man mehr Optionen zur Verfügung hat, als man bisher glaubte.

Na, so schwer ist das doch aber wirklich nicht!

Ich habe mir all die Argumente oft genug selbst gesagt:

  • „Es ist nur ein einziges Wort. „Hal-lo.“ Zwei mickerige Silben. Also raus damit!“
    Je höher die Erwartung, desto höher wird auch die Blockade. Tatsache ist: Es geht nicht. Und mit mehr innerem oder äußerem Druck geht’s noch weniger.
    Wer sagt, dass man Mutisten zum Sprechen zwingen muss, hat Mutismus nicht verstanden.
  • „Es gibt doch aber ganz klare Regeln für Höflichkeit. Stell dich nicht so an!“
    Ja, es gibt Regeln. Ich habe sie gelernt, als ich mit Mitte Zwanzig einen VHS-Kurs zu diesem Thema besucht hatte. Und dort habe ich gelernt und – noch viel wichtiger – in keinen Übungen eingeübt, wie es geht. Außerdem habe ich erst da angefangen zu verstehen, was die eigentliche Bedeutung der Rituale ist.
    So leid es mir tut: In meinem Elternhaus hat mir niemand beigebracht, wie Höflichkeitsrituale wirklich funktionieren – ich wurde nur mit Floskeln traktiert.
    Und wenn man die Regeln einer Aufgabe nicht kennt, dann gibt es unzählige Möglichkeiten, Fehler zu machen.
    Tja, da beißt sich die Katze in den Schwanz: Es war für mich lange Zeit unerträglich, einen Fehler in der Kommunikation zu machen. Wenn die Möglichkeit bestand, missverstanden zu werden, dann konnte ich nichts sagen.
  • „Es ist mega-peinlich für alle Beteiligten, zu schweigen, wenn ritualisierte Höflichkeit erwartet wird. Das musst du doch vermeiden wollen!“
    Ja, klar. Aber wenn ich in der Situation stecke und nicht handlungsfähig bin, dann „verschwinde“ ich gedanklich, um es nicht aushalten zu müssen. Was bleibt, ist der starr und regungslos wirkende Körper.
  • „Niemand verhält sich ohne Absicht so. Du bist einfach stur. Bockig eben.“
    Offen gestanden glaubte ich das auch die ganze Zeit. Noch als ich schon längst ohne Sprechblockaden lebte, glaubte ich, dass ich ein unsagbar sturer Mensch war.
    Tatsache ist: Ich bin nicht bockig. Ich bin es nie gewesen. Was verstockt wirkte, waren Blockaden, die ich willentlich nie beeinflussen konnte.
    Was ich aber war (und erfreulicherweise immer geblieben bin) ist beharrlich. Ich gebe nicht leicht auf. Selbst dann nicht, wenn man mir nahelegt, dass ich zu bockig sei.
  • „Menschen suchen doch Beziehung. Also ist eine höfliche Begegnung quasi von der Natur vorgesehen.“
    Ja, stimmt. Menschen ohne psychische Einschränkungen sind tendenziell aufgeschlossen und neugierig und haben Lust darauf, anderen Menschen zu begegnen.
    Menschen, die mit Kommunikationsblockaden oder sozialen Ängsten leben, kriegen das nicht hin. Und wenn beim selektiven Mutisten die psychische Einschränkung darüber bestimmt, ob er in einer Situation zur Kommunikation fähig ist oder ob weitgehend ausdruckslos erstarrt, dann ist die Freude an Begegnungen mit Fremden das letzte, was diesen Menschen antreibt.
    (Wobei ich für meinen Teil Menschen immer spannend fand – wenn ich sie aus sicherer Entfernung beobachten konnte…)

Das alles heißt nicht, dass es immer so bleiben muss. Ich habe bewiesen, dass ich meine Sprechblockaden – wenn auch reichlich spät – ganz und gar auflösen konnte und ein ganz normales Leben voller gelungener Kommunikationssituationen lebe.
Wenn ich das kann, dann kannst du es auch.

Und doch finde ich, dass der Austausch von Höflichkeiten eine der größten Herausforderungen der Kommunikation ist.

Lass mir doch bitte (auch dann, wenn du ohne Sprechblockaden aufgewachsen bist) einen Kommentar da, ob dir manche von den Unsicherheiten bei den Höflichkeitsritualen auch bekannt sind. Und wenn du einen erprobten Tipp hast, wie es besser geht – immer her damit. 

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Mutismus

Na, Mutismus – wieder da?

Wie du weißt, liegt meine letzte Sprechblockade mehrere Jahre zurück. Aber eine Begegnung vor einigen Tagen hat mir doch vieles wieder in Erinnerung gerufen…

Ich war in einer beruflichen Situation mit einem Mann konfrontiert – groß, stattlich, könnte vom Alter her mein Vater sein, spricht den Dialekt der Region, in der ich aufgewachsen bin. Wir saßen mehrere Stunden zusammen in einer Besprechung, und während er sprach, kamen bei mir immer mehr Erinnerungen an früher hoch.

Ich hatte eine Situation im Kopf, die ich längst vergessen hatte. Ich war 16 und sehr bemüht, wenigstens in irgendeiner Weise zu reagieren, wenn ich angesprochen wurde. Das Ergebnis war allerdings bescheiden.
Was aber gut klappte (auch vor größerem Publikum) war musizieren. Und beim größten Auftritt, den ich je hatte, wurde ich nach der Generalprobe vom Veranstalter vor den anderen Musikern kritisiert, obwohl ich in den Proben alles richtig gemacht hatte. Den Auftritt habe ich dann unter enormem Stress mit Ach und Krach hinter mich gebracht – und danach nie wieder vor so vielen Zuhörern gespielt.

Und eine andere Situation fiel mir ein: Ich war Anfang 20 und immer noch sehr eingeschränkt in meiner Kommunikation. Bei einem Kritikgespräch mit meinem damaligen Chef konnte ich überhaupt nicht agieren sondern nur die Achseln zucken und den Blickkontakt unterbrechen. Er wurde sehr sauer, denn weder er noch ich wussten, dass ich Mutismus hatte. Er hielt mich für bockig und vermutlich auch für wenig intelligent. Ich selbst hielt mich für völlig lebensuntüchtig und für diese Welt untauglich.

Während die Besprechung vor sich hin plätscherte und der Mann mir gegenüber sprach, da hatte ich das Gefühl, immer kleiner zu werden. Ich saß im Konferenzraum und konnte mich selbst dabei beobachten, wie ich wieder Kind wurde. Mein Körper verspannte sich und ich empfand – wie früher – schon allein dadurch Stress, dass ich mit mehreren Menschen in einem Raum sein musste.

Und doch war es anders, denn ich bin kein Kind mehr. Ich konnte nicht vermeiden, dass ich mich unwohler fühlte als sonst in solchen Situationen. Aber ich konnte mich aufrechter hinsetzen, bewusst eine schnelle Entspannung einbauen – und ich konnte sprechen, als ich an der Reihe war.

Meine Aussagen waren aggressiver und kürzer, als ich im Normalfall spreche. Man könnte sagen, ich wäre „schnippisch“ gewese,n und jedenfalls nicht besonders höflich oder wertschätzend. Und dennoch habe ich gesprochen. Vor den ganzen anderen Besprechungs-Teilnehmern. Und in der Pause auch eine ganze Weile mit dem Mann, der bei mir diese „alten“ Reaktionen ausgelöst hat.

Es war anstrengend. Es war mit einem tief sitzenden Stress verbunden. Ich habe wie früher alle meine Reaktionen und Aussagen dauernd in Frage gestellt. Und irgendwo ganz weit hinten in meinem Bewusstsein grummelte auch eine leise, undefinierbare Unsicherheit vor sich hin.

Heute habe ich Verständnis für so ein eingeschränktes Verhalten, denn ich habe verstanden, dass in dieser speziellen Situation im Rahmen der Fähigkeiten, die mir gerade zur Verfügung standen, das bestmögliche herausgeholt habe. Und darauf bin ich stolz.

Ich weiß jetzt, das eine unglücklich verlaufene Besprechung nicht bedeutet, dass ich schlecht oder falsch kommunizieren würde. Es bedeutet einfach nur, dass in dem Moment nicht mehr drin war.

Dem Mann, der mich so ins „Schleudern“ gebracht hat, bin ich dankbar dafür, dass er mir die Gelegenheit gegeben hat, wieder etwas über mich zu lernen.

Vielleicht kannst auch du ab und zu Situationen, in denen du mit dir selbst nicht zufrieden bist, dazu nutzen, um besser zu verstehen, was für dich richtig und hilfreich ist.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

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