Was fehlt dir denn?

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von Christine Winter

18.02.2020

Wenn mein Opa kränkelte und jemand ihn fragte, was ihm fehlt, dann sagte er: “Die Gesundheit”.

Mein Opa war kein Mann der großen oder der vielen Worte. Er war ein ausgesprochen stiller Mensch. Aber wenn er etwas sagte, dann traf er damit den Nagel auf den Kopf.

Wenn man krank ist, dann fehlt einem die Gesundheit.

Wenn ich in einer Sprechblockade war, hätte ich nicht so präzise sagen können, was mir fehlte. (Schon deswegen nicht, weil die Blockade es verhindert hat – aber auch, weil ich keine Ahnung hatte, was mir fehlte…)

Was fehlt dir in einer Sprechblockade?

Sprache

Im Allgemeinen ist die deutsche Sprache nicht das entscheidende Problem. Denn wenn du nicht sprechen würdest, weil du die Sprache gar nicht kannst, dann wäre das keine psychisch bedingte Sprechblockade, sondern nur ein Mangel an passenden Vokabeln.

Deine Muttersprache hast du schon extrem früh gelernt – tatsächlich bereits, als du noch im Bauch deiner Mutter warst. Du bist also bereits mit einem Gefühl für die Sprache, die in deiner Familie gesprochen wurde, zur Welt gekommen. Und ab deiner Geburt hast du immer und immer wieder geübt, wie du mit den Familienmitgliedern in Kontakt kommst und wie du sie dadurch dazu bewegen kannst, auf deine Bedürfnisse einzugehen.

Vielleicht liegt es an dieser unermüdlichen Übung von Geburt an, dass Sprechblockaden im engsten Familienkreis sehr selten eine Rolle spielen…

Kann sein, dass du mehrsprachig aufgewachsen bist – aber auch dann fehlt es dir nicht an Sprachkenntnissen. Im Gegenteil, du hast sogar mehr Vokabeln zur Verfügung, wenn du in unterschiedlichen Sprachen denken kannst.

Ganz sicher fehlt dir nicht “die Sprache”, wenn du eine Blockade hast.

Sprechen

Du hast direkt nach der Geburt mit nonverbalen Mitteln die Kommunikation mit den Menschen um dich herum aufgenommen und sie seither nie wieder verlernt. Schon in den ersten Wochen nach der Geburt hast du angefangen, gezielt unterschiedliche Töne zu produzieren – der Fachmann bezeichnet das als “vokale Kommunikation”. Und mit der Zeit sind aus den Tönen Wörter, aus den Wörtern Sätze, aus den Sätzen immer umfassendere Geschichten geworden.

Wenn wir hier von Sprechblockaden (und medizinisch ausgedrückt vom Selektiven Mutismus) reden, dann hast du das Sprechen während der ersten fünf Lebensjahre weitgehend normal erlernt.

(Wenn du nie altersangemessen sprechen gelernt hättest, dann wäre es falsch, von Selektivem Mutismus auszugehen. Und dann würde ich auch nicht von psychisch bedingten Sprechblockaden reden, weil dein Problem in dem Fall ziemlich sicher ganz anders gelagert wäre.)

Wir halten also fest: Du kannst sprechen. Du hast es als Kleinkind gelernt und nie wieder verlernt.

Begegnung

Zunächst einmal bist du vermutlich deiner Mama begegnet. Das war im günstigsten Fall schon, als die Geburt noch gar nicht ganz abgeschlossen war.
(Allerdings ist diese allererste Begegnung manchmal in der Krankenhaus-Situation nicht entspannt zu bewerkstelligen und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese allererste Begegnung nicht ganz optimal verlaufen ist.)

Später hast du immer mal wieder neue Leute gesehen und nach und nach gelernt, wie Begegnungen ablaufen.

Wahrscheinlich hast du auch viel beobachtet, wie die Großen auf einander zugehen und dabei unendlich viel darüber erfahren, welche Ähnlichkeiten und Unterschiedlichkeiten es bei Kontakten zwischen Menschen gibt.

Und egal, wie häufig oder selten du zwischenmenschliche Kontakte gesehen oder erfahren hast… An Wissen über Begegnung mangelt es dir sicher nicht.

Positive Erfahrung

Beobachten ist das Eine. Selber machen ist etwas ganz anderes.

Möglicherweise hast du lieber von weitem gekuckt und nicht so oft ganz direkt den Kontakt gesucht.
Oder du hattest dich auf sehr wenige “Lieblingsmenschen” festgelegt und hast daher nicht so viele Erfahrungen mit neuen Leuten gemacht.
Oder es gab in deinem Umfeld gar nicht so sehr viele Menschen für das Üben von Begegnungen.

Dann hast du vielleicht tatsächlich einen Mangel an der positiven Erfahrung, dass dir Kontakt immer wieder gut gelingt.

Wahrscheinlicher ist aber, dass du durchaus als kleines Kind einige Erfahrungen gemacht hast. Viele davon waren positiv und du hattest ein Erfolgserlebnis. Manche waren “normal kompliziert” und du hast daraus gelernt.

Und dann waren höchstwahrscheinlich einige Situationen dabei, in denen du nicht reagieren konntest, weil die Blockade es verhindert hat. Du hast die Erfahrung gemacht, dass du nicht kontrollieren kannst, wie du im Kontakt mit anderen reagierst – und aus dieser Erfahrung hast du gelernt, dass es Situationen gibt, die du nicht so bewältigen kannst, wie es andere Kinder können (und wie es von den Erwachsenen erwartet wird).

Wenn du mit mutistischen Blockaden aufgewachsen bist, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass du noch einiges an positiven Erfahrungen nachholen musst, bevor du darauf vertrauen kannst, dass du heute jeder Situation angemessen begegnen kannst.

Sicherheit

In Momenten, in denen Sprechen nicht möglich ist, fehlt uns Sicherheit. Aber ganz konkret sagen, woher dieses Unsicherheits-Gefühl kommt, kann man meist nicht. Denn die Situation ist ja nicht gefährlich und noch nicht mal ungewöhnlich – die allermeisten Sprechblockaden betreffen ganz normale Alltagssituationen.

Ich nehme an, dass sich dieses Gefahr-Gefühl überhaupt nicht auf tatsächliche, reale Gefahren bezieht. Und es sind auch oft keine konkreten, greifbar-nachvollziehbaren Ängste im Spiel. Vielmehr wird blitzschnell eine Wechselwirkung aus Körperfunktionen und Gehirnwindungen aktiviert, die sich jeder Logik entzieht. 

Wenn irgendein Signal den “Unsicherheits-Alarm” auslöst, sind Gehirn (oder genauer gesagt: das Nervensystem) und Körper innerhalb von Sekundenbruchteilen im Notfall-Modus. Und das, was sich dabei nach außen zeigt, nenne ich die mutistische Blockade. Man könnte sie vergleichen mit einem “Not-Aus-Schalter” für uns Menschen.

Egal, was den Notfall-Modus ausgelöst hat: Es dauert danach eine ganze Weile, bis sich alles wieder normalisiert. Das kann, wenn nur ganz selten ein Notfall (bzw. eine Blockade) auftritt, eine Stunde dauern und wenn es in kurzem Abstand immer wieder passiert auch einen halben Tag oder noch viel länger anhalten.

Das Problem ist: Ein Nervensystem, das die letzte mutistische Blockade noch nicht richtig “verdaut” hat, ist ganz besonders aufmerksam für das kleinste Anzeichen eines erneuten Unsicherheitsmoments – und daher reagiert es sofort auf alles, was schon mal im Zusammenhang mit einer Blockade erlebt wurde (egal ob es sich um Signale aus der Umwelt oder aus dem eigenen Körper handelt).

Wenn du Blockaden hast, musst du nicht das Sprechen lernen

Du kannst sprechen.

Das hast du schon gelernt, als du ganz klein warst. Und du hast es seither nie wieder vergessen.

Was dir fehlt, ist eine grundlegende Sicherheit und Ruhe für dein Nervensystem. Du brauchst die Erfahrung, dass du im Alltag ohne Notfall-Modus prima klar kommst.

Und darüber hinaus brauchst du immer wieder neue Gelegenheiten, die du ohne Gefahr-Gefühl bewältigst – so kommt in deinem Gehirn (und von da aus mit der Zeit auch in deinem Nervensystem und deinem Körper) die Erfahrun an, dass du ganz normale Kommunikation ganz ohne Probleme erledigst.

Wenn du Blockaden hast, solltest du lernen, keine Blockaden mehr zu haben.

Du meinst, dass das logisch ist?
Das meine ich auch.

Leicht ist es aber dennoch nicht. Denn die Blockaden begleiten dich schon sehr lang und sie sind so blitzschnell, dass das relativ langsame logische Denken sie nicht bremsen oder verhindern kann.

Eine Blockade macht ihren Job: Sie blockiert.
Das erledigt sie zuverlässig und vorhersehbar jedes Mal wieder, sobald dein Gehirn meldet, dass du in einen nicht sicheren Zustand geraten wirst. (Und weil das Gehirn solche Alarmsignale viel schneller sendet, als dein Denken denken kann, kannst du daran auch mit noch so viel Nachdenken nichts ändern.)

Es fehlt also an Sicherheit im Nervensystem

Wenn diese grundlegende Sicherheit da ist, dann sind auch Begegnungen in neuen Situationen und mit neuen Menschen möglich. Und daraus folgt die positive Erfahrung mit Kommunikation und Kontakt. Dann ist das Sprechen, das du bereits kannst, auch in ungewohnten Situationen kein Problem mehr – und die Sprache schon gar nicht.

Aber mein Opa, der altersweise Mann, hatte trotzdem nicht unrecht:
Auch bei meinen mutistischen Blockaden fehlte mir genau genommen “die Gesundheit”.

Was “Gesundheit” genau ist…

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“.

Laut dieser Definition geht es also gar nicht unbedingt um konkrete Krankheiten, sondern vor allem um das eigene (also subjektive) Empfinden und Erleben. Wenn das “Befinden” vollständig angenehm und positiv ist, dann ist der Mensch gesund.

Wenn du “die Gesundheit” hast, dann

  • fühlst du dich wohl in deinem Körper,
  • erlebst du dich mit deinem Geist als stimmige Einheit,
  • bist du in einem sozialen Umfeld angenehm eingebunden.

Was für dich persönlich zum Wohlfühlen, Einssein und Eingebundensein gehört, liegt ganz bei dir. Wenn du Wohlbefinden auf allen Ebenen empfindest, bist du laut WHO gesund.

Nun sag, was fehlt dir denn?

Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Und ich wünsche dir Gesundheit mit allem, was dazu gehört.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

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