Nur ein Wort

Wir alle sind „Wortbesitzer“.

Manche Wörter gehören einfach so sehr zum Ich-Sein dazu, dass uns gar nicht in den Sinn kommt, es könnte anders sein.

Mein Wort war „still“. Es war schon immer da… Jedenfalls so lange ich mich erinnern kann.

„Still“ und ich – das habe ich viele Jahre lang als untrennbare Einheit empfunden. Deswegen konnte ich mir auch sehr lange nicht vorstellen, wie ich daran etwas ändern könnte.

Wenn ich mich in meinen ältersten Erinnerungen sehe, sehe ich mich still. Und ich habe das Gefühl, dass ich damit sehr zufrieden gewesen bin.

Meine Eltern hatten nichts gegen mein selbst-genügsames Still-Sein. Sie waren stolz auf ihr Kind, das immer brav und unauffällig war – ganz besonders dann, wenn fremde Leute in der Nähe waren.

Später wurde das Wort unangenehm: „Zu still“ sagten die Lehrer in der Grundschule. Und im Laufe der Jahre sagten Lehrer, Ausbilder, Kollegen, Chefs noch einiges mehr darüber…

Das kleine Wörtchen „still“ wurde zum großen Problem meines Lebens. Es blieb – das wirst du dir vermutlich schon gedacht haben – nicht das einzige.

Worte machen Wirklichkeit

An sich ist „still“ weder positiv noch negativ – es ist einfach ein anderes Wort für „ohne Geräusch“.

Wenn ich darüber erzähle, wie ich zuerst „still“ und dann „zu still“ war, machst du dir ein Bild davon, wie das war. (Das geht überhaupt nicht anders – denn ohne deine eigene Vorstellung von meinen Worten würdest du kein Wort verstehen.) Und indem du es mit deinen Erfahrungen ausfüllst, gibst du ihm (d)eine Bedeutung.

Das ist okay. Das ist normal in jeder Kommunikation. Dazu sollten wir aber dennoch jederzeit im Hinterkopf behalten: Nicht das Wort an sich ist gut oder schlecht. Wir können ihm immer eine Bedeutung geben. Und weil sie uns gehört, diese Bedeutung, können wir sie auch anders deuten, wenn wir wollen.

(Pst. Ganz unter uns gesagt: Heute bin ich sehr zufrieden mit meiner Fähigkeit, still zu sein. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich selbst entscheide, wann ich es sein möchte. Für mich hat „still-sein“ eine sehr positive Bedeutung bekommen. Deswegen gibt es Stille Stärken.)

Heute bin ich als „Wortbesitzerin“ mit meinem Wort wieder sehr im Reinen, denn ich habe ihm eine Bedeutung gegeben, die mein Leben schöner macht.

„Mutist“ ist auch so ein Wort:

  • „Ich bin Mutist“ ist eine Beschreibung für einen Zustand und zugleich
  • eine geballte Ladung an Überzeugungen über das Leben im allgemeinen und im besonderen und zugleich
  • eine Aussage über die eigene Identität und dann auch noch
  • ein unterschwelliges Bild davon, wie „die ganze Welt“ damit umgeht.

Darüber habe ich am 15.11.2017 in einem kostenlosen Online-Vortrag gesprochen.

Das Webinar hatte den Titel:

Worte ändern alles –
Wie jeder durch Sprache seine Welt erschafft.“

Es richtete sich als „Mutismus-Talk“ an Leute, die selbst oder als Eltern und Erzieher mit Mutismus zu tun haben.
Das heißt aber nicht, dass Nicht-Mutisten bei den Mutismus-Talks nicht willkommen sind. Schließlich ist „Mutist“ auch nur so ein Wort… 😉

Was macht man, wenn man Worte „besitzt“, die nicht hilfreich sind?

Erstens:

Du kannst das Wort durch ein anderes ersetzen und schauen, was das ändert.

„Selektiver Mutismus“ ist ein Wort, das ich nur dann verwende, wenn der medizinische Fachausdruck wichtig ist. Im ganz normalen Gespräch oder wenn mich jemand um Rat fragt, rede ich viel lieber über „Sprechblockaden“.

Was ist der Unterschied?

Für mich fühlt sich das lateinische Wortgebilde unverständlich und verunsichernd an. Ich habe kein klares Bild davon, was damit gemeint ist – und meine Gesprächspartner haben zumeist auch keines. Darum entsteht in so einem Gespräch über diesen nicht konkret vorstellbaren „Selektiven Mutismus“ schnell eine Stimmung von „das muss ganz arg schlimm sein“ und „da kann man eh nichts ändern“ entsteht.

Wenn ich mit jemandem über „Sprechblockaden“ rede, dann haben wir beide ein Bild im Kopf, wie etwas dem Sprechen im Weg steht. Je nach Vorerfahrung ist das Bild von dem, was da blockiert, unterschiedlich. Aber wir sind (oder werden) uns meistens einig, dass man das wegräumen kann. Und dann können wir darüber nachdenken, wie das gehen könnte. Und was der sinnvollste erste Schritt dafür ist.

Oder zweitens:

Du kannst das Wort behalten und es fragen, was es für dich tun kann.So habe ich es mit „still“ gemacht.

Dieses Wort fühlt sich für mich völlig zutreffend an. Und es führt auch im Gespräch nicht zu Hilflosigkeit oder Missverständnissen. Da wäre es doch Unfug, ein anderes Wort zu verwenden.

Ich habe nach dem gesucht, was ich am still-sein mag. Und die Liste ist lang geworden.

(Auf das, was ich früher am still-sein nicht mochte, habe ich dabei gar nicht geachtet. Und während ich mich über meine lange Liste von positiven Ideen freute, hat es bald auch gar keine Rolle mehr gespielt.)

Und jetzt bist du hier, weil du Stille Stärken interessant findest. Wenn das mal kein angenehmes Ergebnis ist. 🙂

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine
Christine

Übrigens…

Kennst du schon meine Online-Vorträge über Mutismus?

Was hindert dich daran zu sprechen?In regelmäßigen Abständen halte ich kostenlose Vorträge im Internet (sogenannte „Webinare“), bei denen ich über Themen rund um Selektiven Mutismus und andere Sprechblockaden informiere. Und du hast live während des Webinars die Möglichkeit, deine Fragen von mir beantwortet zu bekommen.

KLICK für mehr Informationen über den nächsten Termin

 

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