Wie ist das eigentlich, Mutistin zu sein?

4 Kommentare

von Christine Winter

13.10.2014

Als mir neulich die Frage gestellt wurde, wie ich es erlebt habe, nicht zu sprechen, konnte ich sie nicht beantworten.

Nein, nicht wegen einer Sprechblockade, sondern weil ich darauf keine Antwort parat hatte.

Schließlich war ich von Anfang an Mutistin – also war Mutismus für mich normal. Und ich musste nach und nach lernen, wie ich mein Leben OHNE Mutismus gestalten kann.

Ich könnte viel leichter erklären, wie es ist, keine Mutistin mehr zu sein…

Aber ich versuche trotzdem, dir einige Beispiele zu geben, wie ich mich an den selektiven Mutismus erinnere.

Als kleines Mädchen…

In meinen frühesten Erinnerungen spiele ich in mich selbst versunken mit Gegenständen, die gerade da waren: Mit Steinen oder mit meinem Schnürsenkel. Ich kann nicht sagen, ob ich in diesen Situationen von Menschen umgeben war – in meinen Erinnerungen komme nur ich selbst vor, wie ich konzentriert mit etwas beschäftigt bin.

Das deckt sich auch damit, dass meine Eltern sagen, ich hätte stundenlang in einer Ecke gesessen und gespielt, so dass sie manchmal fast vergessen hatten, dass ich da war.

 Als Kindergartenkind…

Ich bin erst mit fünf Jahren in den Kindergarten gekommen und habe mich auch dort „brav“ mit mir selbst beschäftigt.

Ich erinnere mich, dass ich mich da zum ersten mal mit anderen Kindern verglichen habe und dass mir vage bewusst war, dass ich anders bin. Ich glaube aber nicht, dass ich das mit dem Sprechen in Verbindung gebracht habe, denn in Gedanken habe ich ständig Dialoge geführt, die an mich gerichteten Fragen beantwortet oder Lieder gesungen.

Ich habe mich nicht als schweigend erlebt.

Als Schulkind…

Im Unterricht habe ich nie freiwillig etwas gesagt. Wenn es nicht anders ging, dann kam ein bruchstückhafter Satz. Mehr verlangten die Lehrer in der Grundschule nicht, denn ich war dem Lernstoff weit voraus und war in den schriftlichen Aufgaben sehr gut. Ich wurde in Ruhe gelassen (oder vielleicht auch übersehen).

Von den Mitschülern wurde ich viel gehänselt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dazu etwas gesagt habe. Ich erinnere mich an viele Wortgefechte – aber ich vermute, dass ich die nur in Gedanken geführt habe.

Überhaupt habe ich in dieser Zeit viele Selbstgespräche geführt und eine blühende Phantasie gehabt, was Gesprächspartner und Dialoge betraf. Ich habe mich nicht als stumm erlebt, sondern als zu gesprächig und frech.

Innerhalb der Familie war ich altklug, geschwätzig, besserwisserisch. Sobald Außenstehende dabei waren, habe ich nur noch in meinen Gedanken gesprochen.

In der Pubertät…

Irgendwann begann das Vergleichen mit anderen: Was ist normal? Wie sind die anderen? Wie bin ich – und warum bin ich nicht normal?

Das Etikett „zu ruhig“ hatte ich in der Schule längst bekommen. Trotzdem wurde mir nur langsam bewusst, dass ich dort nicht sprechen KONNTE. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie es gewesen wäre, wenn es anders gewesen wäre. Ich hatte ja nie die Erfahrung gemacht, zu reden.

Daher machte ich meine Probleme daran fest, dass ich keinen Kontakt zu Jungs aufnehmen konnte. Denn dieses Thema war in der Pubertät neu und daher leichter greifbar. Also drehten sich meine Phantasien jetzt vor allem darum, wie es wäre, verliebt zu sein… (Insofern war ich da ziemlich „normal“.)

Schule wurde immer schwieriger, weil es ohne mündliche Noten nicht mehr ging. Ich wurde von der Einserschülerin zur Beinahe-Sitzenbleiberin und fühlte mich als Versagerin.

Als Auszubildende…

Ich wurde alle drei bis sechs Wochen in eine andere Abteilung des Ausbildungsbetriebes geschickt. Es kostete jedesmal eine unvorstellbare Überwindung, in eine neue Umgebung mit neuen Menschen zu gehen. Und es ging überwiegend nicht gut – meine Ausbildungszeit war entsetzlich. Aus heutiger Sicht staune ich, dass ich jeden Morgen wieder hingegangen bin und dass ich während der Ausbildung trotz enormem Stress nicht krank wurde…

Spätestens in dieser Zeit wurden die Ängste, die ich neben der Sprechblockade entwickelt hatte, ein riesiges Problem. Panik war mein täglicher Begleiter und ich bin buchstäblich oft tausend Tode gestorben, wenn ich als Azubine einen Auftrag ausführen sollte.

Als Erwachsene…

Ich konnte sprechen, wenn ich absolut musste. Aber ich war sehr gut darin, solche Situationen zu vermeiden.

Mit Anfang zwanzig habe ich beschlossen, dass sich etwas ändern musste. (Allerdings nicht so sehr, weil ich sprechen wollte, sondern weil ich eine anhaltende depressive Verstimmung hatte. Ich wollte raus aus der düsteren Stimmung.)

Und damit sich etwas änderte, musste ich es selbst in die Hand nehmen.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Es dauerte Jahre, bis ich gerne mit Leuten gesprochen habe. Und irgendwann war die Blockade kein Thema mehr. Ich hatte es erst gar nicht bemerkt und kann im Rückblick auch nicht mehr genau sagen, wann es leichter war zu sprechen als zu schweigen.

Genau erinnern kann ich mich an die letzte Panik im Zusammenhang mit einer Sprech-Situation. Die ist noch gar nicht sooo lange her…

Und heute…?

Wenn ich meine Eltern besuche, dann plappere ich auch heute noch hektisch vor mich hin. Wie damals als Kind schaffe es nur mit Mühe, auch mal die Klappe zu halten, damit meine Eltern etwas sagen.

Ich verstehe mich selbst nicht, denn ich empfinde es als unglaublich anstrengend, die „Alleinunterhalterin“ in der Familie zu sein. Und doch erlebe ich mich immer wieder „wie ferngesteuert“, wenn ich mit meinen Eltern zusammen bin. Dann verhalte ich mich auf eine Weise, die ich sonst nicht mehr von mir kenne.

Die Sprachlosigkeit ist heute kein Thema mehr. Und auch die Angst davor, dass sie wieder auftreten könnte, ist in den letzten Jahren immer weiter verblasst – heute weiß ich, dass ich mich in jeder Situation ausdrücken kann.

Wie ist es also, Mutistin zu sein?

Für mich war es „normal“ im Sinne von „immer schon da“. Ich habe als kleines Mädchen nicht darunter gelitten. Später hat es mir viele Möglichkeiten verbaut, dass ich nicht sprechen konnte. Und es hat mein Leben sehr kompliziert gemacht. Trotzdem war es unendlich schwer, etwas daran zu ändern, denn normal zu sprechen war für mich eben nicht normal.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

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  1. genauso ist es!! als kind saß ich oft stundenlang im gras und beobachtete die ameisen bei der bewerkstelligung ihres alltags…ganz konzentriert…die zeit schien keine rolle zu spielen….in der grundschule, wenn mal kein unterricht stattfand, vergrub ich meine nase zumeist tief in irgendein kinderbuch, während die anderen kinder sich miteinander beschäftigten…das war aber total in ordnung für mich…auch die von dir beschriebenen gespräche im „geiste“ kommen mir sehr bekannt vor. unser äußeres wirkt ruhig und gefasst, doch innerlich sind wir „mutisten“ lebendig, kreativ und voller tatendrang…quasi im reich der fantasie.

  2. Ich kann mich in deinen Beschreibungen sehr gut wiederfinden. Zum Beispiel die ständigen Dialoge, die in Gedanken geführt werden. Das habe ich schon als kleines Kind gemacht, in der Pubertät und auch heute noch.
    Ich finde, die Person aus dem vorherigen Kommentar beschreibt das sehr treffend. Dass wir äußerlich ruhig wirken, aber innerlich auch oft sehr lebendig und kreativ sind. Das würden viele Menschen gar nicht vermuten.
    Liebe Grüße, Mira.

  3. Ich habe das mutistische Kind ganz anders erlebt, als du dich beschreibst:
    Niemals in sich selbst versunken spielend, niemals konzentriert mit etwas beschäftigt, niemals stundenlang in einer Ecke sitzend, so dass man es fast vergaß, vor allem in nicht im „unsicheren“, sprich unbekannten Umfeld.
    Auch im Kindergarten niemals „brav“ mit sich selbst beschäftigt, sondern bestenfalls „brav“ in der Gegend herumstehend, aber immer ängstlich, immer wachsam, und meistens die Nähe der Bezugsperson suchend, Schutz suchend.
    Ein stiller Beobachter der Lebens…..

    1. Danke für deinen berechtigten Hinweis, Anne. Mir – aber das ist ganz subjektiv – kommt es so vor, als ob sich das eigene innere Erleben eines Kindes in einer sprachlosen Situation deutlich von dem unterscheidet, was Eltern, Erzieher und „Fremde“ zu sehen glauben. Jedenfalls war das bei mir immer so.

      Jede Beobachtung braucht einen Beobachter. Und alle Erfahrungen und Erwartungen und eigenen Bedeutungsgebungen des Beobachters beeinflussen die Beobachtung.
      Insofern bin auch ich nicht neutral, wenn ich meine Erinnerungen hier notiere – alles was ich schreibe ist mit Sicherheit von den Erfahrungen geprägt, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Vieles hätte ich als Kind gar nicht benennen können. Und wenn ich es heute rückblickend aufschreibe, dann schreibe ich es als Erwachsene, die an die Kindheit denkt.

      In einem Punkt bin ich mir aber rückblickend relativ sicher: Meine stärkste Emotion in den frühen Jahren des Mutismus war nicht Angst. Ich bezeichne das Gefühl oft als „Hilflosigkeit“, wobei das auch nicht ganz passt. Vielleicht sollte ich „Unbeholfenheit“ sagen. Und damit verbunden war die Wachsamkeit, nicht in eine solche „unbeholfene Situation“ zu kommen.
      Die Angst kam später, als ich den Situationen, in denen ich keine Handlungsoption hatte, nicht mehr aus dem Weg gehen konnte…

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