Selektiver Mutismus

Wenn der Psycho-Fachmann „Mutismus“ sagt, dann meint er damit, dass der Mensch, mit dem er es zu tun hat, schweigt. Das Wort Mutismus bezeichnet in der Fachsprache ein Symptom. Das ist erst einmal nur eine Feststellung und sagt weder etwas über die Ursache noch darüber, welche Maßnahmen dagegen helfen könnten.

Wenn wir Laien „Mutismus“ sagen, dann meinen wir in der Regel eine Zusammenfassung von Ursachen und Symptomen, die dazu führen, dass ein Mensch schweigt, obwohl er doch sprechen kann.

Der Fachmann nennt das ein „Störungsbild“ und trägt auf seinem Diagnosebogen die Katalognummer F94.0 ein: „Elektiver Mutismus“ aus dem Kapitel „Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“.

Wir Laien sagen lieber „Selektiver Mutismus“, weil elektiv andeuten würde, dass man aktiv auswählt, mit wem man spricht. Tatsächlich ist es für uns aber so, dass „der Mutismus“ entscheidet, ob das Sprechen funktioniert oder nicht.

Der Fachmann kennt auch noch andere Störungen, die mit dem Symptom „Mutismus“ auftreten: Sprachlosigkeit durch organische Ursachen (z. B. nach Schlaganfall) oder weil man Sprechen gar nicht gelernt hat (z. B. wegen Taubheit) oder komplettes Schweigen mit psychischen Ursachen („totaler Mutismus“) oder ein Symptom bei Autismus…

Ich habe den Selektiven Mutismus erlebt. In meiner Geschichte gibt es keinen Fachmann, der meine Symptome notiert und eine Diagnose gestellt hat. Ich war einfach still – von Anfang an.

In der Familie habe ich gesprochen. Außerhalb war ich in vielen Situationen stumm. Selektiv Stumm eben. Aber die Bereiche, in denen Sprechen einfach nicht möglich war, wurden mit den Jahren immer mehr…

Meine unfachliche Meinung zum Mutismus

Es gibt natürlich eine Liste mit Diagnosekriterien für die Krankheit namens Elektiver Mutismus. Der Fachmann muss ja wissen, wann er die Diagnose stellen soll und wann nicht.

  • Ein Test zeigt, dass das Sprachverständnis da ist und der Sprachausdruck funktioniert.
  • Es gibt immer wieder Situationen, in denen Sprechen nicht geht, während es in anderen Situationen klappt.
  • Die Sprechblockade ist länger als vier Wochen ein Thema.
  • Es gibt keine psychische Störung, die das Schweigen (besser) erklärt.
  • Und die Sprachlosigkeit liegt auch nicht daran, dass eine Fremdsprache gesprochen wird, die man nicht ausreichend versteht.

Mir hat diese Liste nichts geholfen, denn ich hatte nie die Möglichkeit, meine Symptome von einem Fachmann checken zu lassen. Ich war stumm, wenn es um Arzttermine ging. Oder überhaupt, wenn mich ein Fremder fragte, wie es mir geht…

Deswegen ist meine Meinung zum selektiven Mutismus völlig unpsychiatrisch und bestimmt auch oft subjektiv von meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen beeinflusst.

Meine Meinung ist, kurz gesagt:

Das Schweigen entsteht nicht aus Angst, sondern aus Überforderung. Es ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit – die „beste“ Lösung, die möglich ist, wenn der Arbeitsspeicher im Gehirn durch Überlastung zusammenbricht.

Die Angst entsteht erst im Laufe der Zeit aus dem Wissen, dass Sprechen nicht möglich ist – um so weniger, je mehr man dazu gezwungen ist. Angst ist das Bewusstsein, dass bei der nächsten Situation, in der man sprechen muss, der Arbeitsspeicher im Gehirn wieder jegliche Kommunikation blockieren wird. Und glaub mir, schon vorher zu wissen, dass du etwas schaffen musst, was nicht möglich sein wird, macht einen unsagbaren Stress…

Die Konsequenz ist noch mehr Überforderung, noch mehr Hilflosigkeit, noch mehr Stress… Das Schweigen breitet sich immer weiter aus.

Die Fachmeinung geht zunehmend davon aus, dass der Kreislauf mit Angst beginnt. Das kann natürlich sein.
Aber ich habe es nicht so in Erinnerung. Ich habe es anders erlebt. Ich hatte keine Angst beim Schweigen – ich hatte Angst, wieder in eine Situation zu kommen, bei der man von mir Sprechen erwartet und es nicht geht.

Fragen zum Selektiven Mutismus, die immer wieder mal auftauchen:

Mutismus-Basics

Selektiven Mutismus verstehen

Die „Betroffenen“ und „die Normalen“

Mutismus „loswerden“:

Therapie-Fragen:

Ich glaube, man weiß es nicht

Wenn ich mir so anschaue, was das Fachpersonal an Ideen für die Behandlung des selektiven Mutismus hat, denke ich mir oft, dass sie einfach nicht verstehen, womit sie es zu tun haben.

Das soll kein Vorwurf sein, überhaupt nicht. Es ist sehr schwer, zu verstehen und verständlich zu machen, wie es ist, situationsabhängig zu schweigen. Vor allem für die Patienten, die akut betroffen sind und von den Fachleuten Hilfe brauchen. Und als Fachmensch muss man sich nun mal auf das stützen, was man beim Patienten erkennt…

Um den selektiven Mutismus zu verstehen, fehlen – glaube ich – im Moment ganz wichtige Puzzleteile an Information darüber, was innendrin passiert, wenn die Sprache blockiert ist.

Die Hypothesen darüber, wie selektiver Mutismus entsteht, überzeugen mich alle nicht vollständig.
Vor allem nicht die Erklärung: „Es ist halt eine soziale Angst.“

Ich sag mal ganz offen meine Meinung: Dass es eine soziale Angst sein soll, liegt daran, dass die Fachleute mit der Verhaltenstherapie eine nachweislich gut funktionierende Methode für Angstpatienten (auch Kinder) zur Verfügung haben. Wenn man also die richtige Methode hat und die passende Diagnose dafür, hat man schwuppsdiwupps einen Patienten.
Dumm nur, dass es den Anschein hat, als ob Verhaltenstherapie das Schweigen nicht so toll beseitigen kann, wie das zum Beispiel bei Spinnen-Angst klappt…

Ganz ehrlich: Wenn sich die Idee durchsetzt, dass die Sprechblockade der selektiv mutistischen Kinder eine soziale Angst ist, wird das die Therapie und das Leben der Betroffenen noch schwieriger machen, als es eh schon ist.

Der Mutismus ist nicht die Angst. Der Mutismus ist auch nicht die Folge der Angst. Der Mutismus ist zuerst da – so wie das Ei da ist, bevor daraus ein Küken schlüpft.