Wie erlebst du dich und die Welt um dich herum, wenn du in einer Sprechblockade steckst?

Selektiven Mutismus im Erwachsenenalter verstehen – Teil 2

“Wie ist das denn, wenn du nicht sprechen kannst?”
“Hmmm?! Weiß ich auch nicht.”
“Aber du musst doch wissen, warum du nichts sagst.”
“Nö. Weiß ich nicht. Geht eben nicht.”
“Aber wenigstens, wie du dich dabei fühlst, musst du doch wissen.”
“Nö. Keine Ahnung. Irgendwie anders halt…”
“Und wie soll ich dir dann helfen, wenn du nicht weißt, was mit dir los ist?”

Du fühlst dich im Stich gelassen. Das ist verständlich.
Und auf die eine oder andere Weise gibt’s solche Dialoge immer wieder, wenn Leute Unterstützung anbieten möchten, aber nicht wissen, was sie tun sollen.

Die Person, die wissen möchte, was sie für dich tun kann, fühlt sich unbeholfen. Sie würde gerne auf dich eingehen, aber sie hat keine Ahnung davon, was in dir vorgeht. Und sie fühlt sich hilflos – das ist ebenfalls verständlich.

Du fühlst dich auch hilflos. Und das ist nicht weniger verständlich. Denn wenn du es erklären könntest, wäre vieles um einiges leichter.

Damit du jemandem sagen oder zeigen oder schreiben kannst, wie es dir geht, müsstest du es erst mal für dich selbst in Worte fassen können. Denn “verständnisvoll” kann nur jemand reagieren, der – zumindest ansatzweise – versteht, was los ist. Und wenn du dir selbst Verständnis entgegenbringen willst, ist ebenfalls ganz wesentlich, dass du dich selbst verstehst.

Das Problem ist: Für dich ist es einfach nur normal, dass die Blockade kommt und geht. Das war schon immer ein Teil deines Lebens. Alltag eben. Schwer zu beobachten, weil du gar keine Idee hast, worauf du achten könntest…

Ich habe ein paar Aspekte gesammelt, die du bei dir selbst beobachten kannst, um dahinter zu kommen, was bei dir anders ist, wenn die Blockade da ist.

Sei neugierig. Sei ForscherIn in eigener Sache. Sei interessiert an dem, was du erlebst.
Aber sei nicht zu perfektionistisch dabei. Dich selbst zu beobachten ist nichts, was du “perfekt” oder auch nur “richtig” machen kannst. Das einzige Ziel ist, dass du dich etwas besser verstehst. Und vielleicht ein paar Worte für das findest, was du erlebst, während du schweigst.

Vorab: Im folgenden Text teile ich meine eigenen Erfahrungen als Erwachsene, die bis vor ein paar Jahren Sprechblockaden hatte, mit anderen Erwachsenen, die das Problem auch haben.
Falls du als Elternteil mit dem Selektiven Mutismus deines Kindes konfrontiert bist, ist es sicher sehr nützlich für dich, diese Erfahrungen zu lesen und dann zu überprüfen, ob sie bei deinem Kind eine Rolle spielen (könnten). Manches stellt sich bei Kindern anders dar – nimm meine Gedanken einfach als Ideen für deine nächsten Beobachtungen…

Inhalt:
Die Symptom-Sichtweise
Die “Außenansicht” einer mutistischen Blockade
Deine inneren Wahrnehmungen
Die Welt ist anders, wenn die Blockade nicht da ist


Die Symptom-Sichtweise

Im Teil 1 ging es um die diagnostische Herangehensweise an Sprechblockaden im Allgemeinen und Selektiven Mutismus im Speziellen.

Diese “Kategorisierung” ist vor allem wichtig für die Krankenkasse. Und deswegen ist sie auch wichtig für Ärzte und Therapeuten. Die Diagnose ist die Voraussetzung, um eine Therapie anzufangen.

In der Therapie sollte es dann aber nicht um Symptome gehen, sondern um dich und um das, was du erlebst und ändern möchtest. Und die Menschen um dich herum können allein schon mit dem Wort “Symptom” nicht so viel anfangen, weil das zu dem Mediziner-Kauderwelsch gehört, über das ich im vorigen Artikel schon einiges geschrieben habe.

Für die Menschen um dich herum ist der “Blick durch die Symptom-Brille” auf deine Sprechblockaden überhaupt nicht hilfreich. Denn die wollen wissen, was mit dir los ist, während du nicht sprichst, und wie sie dann mit dir umgehen sollen.

Die “Außenansicht” einer mutistischen Blockade

Für Außenstehende wirkt jemand, der in einer mutistischen Blockade steckt, vor allem starr. Und er ist stumm. Und man kann ihn nicht so spüren, wie man Menschen sonst spürt, wenn man in ihrer Nähe ist…

Das führt dazu, dass sich die Menschen nicht so verhalten, wie sie sich in Kontakt-Situationen sonst (ganz unbewusst und automatisch) verhalten würden. Sie sind gehemmt, verunsichert – man könnte fast sagen: Sie sind blockiert.

Und dass sie dann ihre eigenen Hypothesen für diese ganz und gar ungewöhnliche Situation aufstellen, ist eine durchaus normale Reaktion auf diesen Unsicherheitsmoment.

Daher kommen Menschen, die dich in der Blockade erleben, zu Schlussfolgerungen, die mehr mit ihren Erfahrungen als mit deinen zu tun haben. Die naheliegendste Erklärung für Beobachter ist: „Hat Angst und macht deswegen nix mehr.“ Denn Angst kennt jeder aus eigener Erfahrung.

Eine wesentlich konkretere Beobachtung wäre: “Man kann sehen (und spüren), dass die Person gerade abwesend ist.” Aber dafür fehlen den meisten Menschen die eigenen Erfahrungen und daher können sie damit nichts anfangen.

Eine noch bessere Sichtweise wäre: “Die Situation überfordert gerade. Daher unterbreche ich jetzt erst mal die Überforderung.” Aber darauf muss jemand erst mal kommen…

Wichtig: Deine mutistische Blockade ist für dich völlig anders als sie für Außenstehende aussieht.

Deine inneren Wahrnehmungen

Wenn du dich mit deinen eigenen Wahrnehmungen in der Blockade befasst, dann bist du auf einer “Forschungs-Reise” – und daher suchst du nicht nach Problemen, sondern nach interessanten Entdeckungen. Was du entdeckst, ist nicht neu. Du hast nur bisher nie darauf geachtet. Und jetzt, wo du es beobachtest, ist es nicht problematischer als zuvor, sondern nur bewusster.

Wenn du an deinen Wahrnehmungen etwas ändern möchtest, wäre das ein Thema für eine Therapiesitzung. Wobei sich nicht selten allein dadurch etwas ändert, dass du bewusst merkst und benennst, was da ist…

1. Körperwahrnehmung

Typische körperliche Wahrnehmungen von Leuten, die Blockaden umschreiben, sind
“wie am Hals abgeschnitten“ oder
„außer sich“ oder auch
„in sich gefangen“ sein.

Das beschreibt ein Gefühl, nicht die Realität – aber wenn wir unsere Körperwahrnehmungen in Worte fassen wollen, brauchen wir solche Vergleiche und Umschreibungen. Viele dieser Metaphern sind als Sprichwörter oder feststehende Begriffe in unserer Sprache verankert: “Etwas auf dem Herzen haben” und “einen dicken Hals kriegen” oder “die Laus, die über die Leber gelaufen ist” kann man einfach so ansprechen und alle nicken verständnisvoll und scheinen genau zu wissen, was damit gemeint ist.

Auch Zittern oder stockender Atem oder ein heftig schlagendes Herz sind Körperwahrnehmungen. Für solche körperlichen Reaktionen können wir leichter konkrete Worte finden. Und oft fassen wir diese Sorte von Wahrnehmungen in einer recht pauschalen Begrifflichkeit zusammen und nennen sie “Angst”.

Angst ist allerdings KEINE Körperwahrnehmung, sondern eine Schlussfolgerung.

Spannend finde ich in dem Zusammenhang, dass ein Zittern in der Magengegend, ein Gefühl der Atemlosigkeit und heftiges Herzklopfen auch durchaus anders gedeutet werden kann. Wer jemals “Schmetterlinge im Bauch” hatte und wem mit Blick auf den “Herzensmenschen” plötzlich “die Luft weggeblieben” ist, weiß, was ich meine.

Körperwahrnehmungen sind weder gut noch schlecht. Sie sind uns nur manchmal bewusster als in anderen Momenten – und erst durch die (Be-)Deutung, die wir ihnen geben, werden sie positiv oder negativ.

Es kann sein, dass du innerhalb einer mutistischen Blockade wenig bewusste Wahrnehmungen für die Vorgänge in deinem Körper hast. Oder es kann sein, dass du einzelne Körper-Informationen besonders intensiv wahrnimmst und alles andere dadurch unbewusst bleibt.

2. Wahrnehmung mit den Sinnesorganen

Aktuell geht man davon aus, dass Menschen fünf Sinne haben, mit denen sie Wahrnehmungen aus der Umwelt aufnehmen. Könnte sein, dass wir darüber hinaus auch einen sechsten oder sogar den sprichwörtlichen “siebten Sinn” haben – aber bisher hat die Wissenschaft das dazu passende Sinnesorgan noch nicht gefunden.

Spannend ist nun, zu beobachten, ob es Unterschiede gibt, wie die Sinnesorgane arbeiten, wenn du entspannt bist im Vergleich zu Blockaden…

Beobachtungen von mir in Blockade- oder Stress-Situationen sind

    • beim Sehen:
      Ich schiele leicht und ich sehe in der Nähe weniger scharf. Offenbar haben meine Augenmuskeln während einer Blockade eine andere Spannung und dadurch sehe ich die Welt tatsächlich deutlich anders als im entspannten Zustand. (Unter anderem fehlt mir dann komplett das räumliche Sehen, so dass ich Sachen umstoße oder beim Laufen öfter gegen Dinge und Menschen remple oder stolpere…)
    • beim Hören:
      Meine Ohren machen auch Unterschiede. 🙂
      Ich kann mit dem rechten Ohr sehr schwer zuhören, wenn jemand spricht. Es kommt mir vor, als würde ich nur den Ton, aber nicht die Worte hören – und das fällt besonders auf, wenn ich mal beim Telefonieren den Hörer am rechten Ohr habe. (Logischerweise telefoniere ich – wenn überhaupt – ausschließlich “mit links”. Da macht das Verstehen weniger Probleme…)
      Außerdem habe ich am rechten Ohr zeitweise ein Ohrgeräusch, das von zu hoher Anspannung im Innenohr zu kommen scheint (und das Hinhören auch nicht leichter macht).
    • beim Riechen:
      Der Geruchssinn macht Pause, wenn ich in einer Blockade bin. Dann braucht es schon extreme Düfte, damit ich etwas wahrnehme.
    • beim Schmecken:
      Essen schmeckt nicht während einer Blockade.
      Dummerweise mampfe ich trotzdem alles Essbare in mich hinein, bis mein Magen vor Überfüllung nicht mehr kann…
    • bei Wahrnehmungen über die Hautoberfläche:
      Ich hasse Berührt-Werden, wenn ich in einer Blockade bin. Es fühlt sich an wie ein “Übergriff” – als ob ich keine richtige Abgrenzung nach außen hätte.
      Außerdem fühlt sich alles “dumpf” an. Es ist nichts so richtig real, obwohl ich es mit Händen greifen kann. Und sogar, wenn ich mich selbst anfasse, fühle ich mich, als ob ich dicke Fausthandschuhe tragen würde…

Das sind nur Beispiele. Alle habe ich bei mir selbst in Stress- und Blockade-Situationen entdeckt – und womöglich machst du ganz andere Entdeckungen, wenn du dich mit deinen Sinneswahrnehmungen befasst…

Dass unsere Sinne “zustandsabhängig” unterschiedliche Informationen weitergeben, ist übrigens ganz normal. Jeder Mensch hat in unterschiedlichen Situationen bzw. Emotionen unterschiedliche Wahrnehmungen. Und alle die Erfahrungen, die ich beschreibe, sind nicht “der Mutismus”, sondern meine Wahrnehmungen innerhalb von bestimmten Zuständen, die ich als “Blockaden” erlebt habe.

3. Das eigene Denken

Eine spannende Frage beim Beobachten der eigenen Blockaden ist: Ist Denken möglich? Wenn ja – mit welchen Einschränkungen?

(Das ist ein Bisschen verquer: Wenn du in der Blockade darüber nachdenkst, wie du in einer Blockade denkst, dann beobachtest du unter Umständen das Denken, das anders ist, als es wäre, wenn du das gleiche außerhalb der Blockade denken würdest… – Auch hier gilt: Sei neugierig auf das, was da zu beobachten ist. Du bist ForscherIn in eigener Sache und kannst spannende Phänomene erkunden. Aber hör bitte rechtzeitig auf damit, bevor du dich selbst irre machst. 🙂 )

Mit “Einschränkungen im Denken” meine ich beispielsweise, dass manche Leute in einer Blockade

    • nur noch logisch denken können oder
    • nur noch an einem einzigen Denk-Inhalt festhängen oder
    • nur funktional denken, aber keinen Zugriff auf ihre Emotionen haben oder
    • ihr Denken als auffällig langsam oder schnell oder wirr oder ungeordnet erleben…

Auch hier gilt: Dass das Denken in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich ist, ist ganz normal. Jeder erlebt manchmal, dass der Denkprozess in einer Situation anders als sonst ist. (Bei Prüfungen ist das besonders unangenehm und bleibt als – tatsächlicher oder befürchteter – Black-Out lange in Erinnerung.)

4. Wahrnehmung der Zeit

Das klingt jetzt vermutlich erst mal seltsam. Wir haben schließlich gelernt, dass die Zeit in Stunden, Minuten, Sekunden vergeht – und daraus schließt man schnell mal, dass Zeit immer und für alle gleich vergeht.

Was für die Physik ziemlich schlüssig ist, gilt für die Psyche nicht. Denn wie jeder von uns Zeit innerlich wahrnimmt ist ganz und gar nicht für alle gleich. Es hängt von der Situation ab und vom psychisch-emotionalen Zustand.

Es gibt Büro-Tage, an denen schaue ich alle paar Minuten auf die Uhr – und stelle fest, dass die Uhr sich nur sehr mühsam vorwärts bewegt. Und es gibt Seminar-Tage, da flutscht die Zeit nur so dahin – und meine TeilnehmerInnen müssen mich bremsen, damit sie zwischendurch auch mal eine Kaffeepause bekommen.

Wenn ich mich ins Musizieren, Schreiben oder Lesen vertiefe, dann spielt Zeit überhaupt keine Rolle für mich. Wenn ich Wäsche bügeln oder Geschirr abwaschen muss, schon.

Die Wahrnehmung der Zeit ist aber nochmal ganz anders, wenn ich in einer Blockade stecke. Genau genommen würde ich wohl, wenn mich jemand nach der Zeit fragt, reagieren mit: “Häh? Was??? Zeit…?”

Es ist ein Bisschen so, als ob da gar keine Zeit wäre. Es gibt nur “Jetzt” für mich – und das dauert gefühlt eine Ewigkeit, während es zugleich überhaupt nicht vergeht.

(Während ich das aufschreibe, merke ich selbst, wie unverständlich und schräg das klingt. Kein Wunder, dass mich niemand versteht, wenn ich in so einer Zeitschleife stecke…)

So eine Zeit-Blockade führt dazu, dass ich keine Pläne habe und keine Ziele nennen kann. Die Zukunft ist ja unerreichbar weit weg – also, genauer gesagt, mein Gefühl für zukünftige Zeiten ist in dem (endlos langen) Moment unerreichbar für mich.

Ohne die Blockade bin ich eine ziemlich gut organisierte Planerin.
Dumm nur, dass ich mich in der Blockade an die Pläne, die ich zuvor gemacht habe, nicht erinnern kann – oder schlicht nicht mehr weiß, warum ich sie umsetzen wollte oder sollte.

5. Räumliche Wahrnehmung

Wenn die bisherigen Wahrnehmungen schon schwer zu beobachten waren, ist die räumliche Wahrnehmung nochmal eine andere Kategorie für sich. Denn wann denkt man schon mal darüber nach, wie man sich selbst in der Umgebung – fühlt???

Klar ist, dass jeder von uns eine Vorstellung von dem hat, was um ihn herum ist.

Überraschend ist wahrscheinlich, dass sich das je nach Situation oder Stress-Level oder Tageszeit verändert. Weil wir es ja gewöhnt sind. Weil wir davon ausgehen, dass eine Umgebung, die nicht lebt, sich auch nicht verändert.

Ich mache manchmal die Augen zu und spüre, wie ich gerade da sitze. Und dann lasse ich die Augen geschlossen und versuche zu spüren, wie weit die Wand hinter mir von mir entfernt ist. Und dann die Wand vor mir. Und dann die Wände links und rechts neben mir. Und die Zimmerdecke.
Dann versuche ich zu erspüren, wie viel Raum um mich herum ist.

Jedesmal, wenn ich die Augen wieder öffne, bin ich überrascht. Meine innere Vorstellung von dem Platz, den ich um mich herum habe, ist oft ganz anders als das, was meine Augen sehen. Wenn ich gestresst bin, sind die Wände sehr nah und erdrückend. Wenn ich entspannt bin, spüre ich viel Raum um mich und die Wände spielen gar keine große Rolle.

In einer Blockade habe ich das Gefühl, ich säße in einer Ecke. Und ich fühle mich sehr klein. Der Raum vor mir ist sehr groß – aber ganz nah bei mir fühle ich eine Art “Glasscheibe”, die mich von allem, was dahinter ist, trennt.

Früher nannte ich diese Wahrnehmung “mein Aquarium”. Und ich habe sehr viel Zeit in diesem Aquarium verbracht, das in meiner räumlichen Vorstellung “meine Blockade” dargestellt hat.

Im allgemeinen Sprachgebrauch gibt’s einige Bezeichnungen für solche räumliche Wahrnehmungen in Überforderungs-Momenten: “In die Ecke gedrängt”, “mit dem Rücken zur Wand”, “im Mauseloch verkrochen”, “neben sich stehen”, “daneben sein”…

Wie beschreibst du es, wenn du “weg bist”, weil “die Überforderungsfalle zuschnappt”?

Übrigens hat mich erst kürzlich jemand gefragt, ob ich aus meinem Aquarium nicht einfach raussteigen könnte. Ich musste eine Weile überlegen, weil die Frage für mich erst mal ganz und gar neu war – und dann habe ich festgestellt: Ja. Ich kann in meiner Vorstellung aufstehen und über die Glasscheibe drübersteigen. Und ohne Blockade weitergehen…

6. Gefühle und Emotionen

Zunächst mal: Alles, was ich bis hierher beschrieben habe, verursacht Gefühle. Jede Wahrnehmung (ob von außen über die Sinnesorgane oder von innen als Gedanke) löst eine Mischung von Gefühlen aus. Und Gefühle sind wichtig, damit wir uns in der Welt orientieren können – es gibt daher keine “schlechten Gefühle”.

Wenn Gefühle stören, dann ist es nicht das Gefühl an sich. Sowas wie “links über meinem Zwerchfell ist ein Muskel ein wenig mehr gespannt als vorhin” ist eine Information aus dem Inneren. Und die ist zwar interessant, aber nicht schlimm.

Erst im zweiten Schritt entscheidet sich, was das Gefühl mit dir macht. Denn dann kommt ein Gedanke wie: “Oh Gott, da beim Herz in der Gegend fühlt es sich komisch an – ich kriege bestimmt gleich eine Angstattacke. Und als ich das schon mal hatte, da wurde daraus eine richtige Panik… Und jetzt geht das schon wieder los!!!”

Das ist NICHT das Gefühl. Das sind Gedanken über das Gefühl.

Emotionen sind auch Gedanken über das, was der Körper mitteilt. Im Grunde ist so eine Emotion die Beschreibung von mehreren Körperwahrnehmungen in einem einzigen Wort.

“Angst” ist die Überschrift für eine ganze Sammlung von körperlichen Erscheinungen.
“Traurigkeit” steht für eine andere Gefühls-Ansammlung.
“Wut” drückt sich nochmal in ganz anderen körperlichen Wahrnehmungen aus.
Oder “Freude”…

Wie ist denn bei dir die Körperwahrnehmung für “Freude”? Wie fühlt es sich im Bauch an, wenn du dich freust? Wie gespannt sind die Muskeln im Nacken und in den Schultern? Wie ist es dir ums Herz? Und wie ist es für den linken großen Zeh, wenn du Freude hast? 😉

In Blockaden kann es sein, dass diese Körperwahrnehmungen sehr “verwaschen” sind oder sich weit entfernt anfühlen. Unter Umständen sind sie auch für eine Weile ganz “weg” – also gar nicht bewusst wahrnehmbar.

Das erklärt auch, warum es schier unmöglich ist, die Emotionen zu benennen, die zu einer Blockade gehören.

Und weil es für dieses “Nichts” an Körperwahrnehmung kein passendes umgangssprachliches Wort gibt, taucht dann immer schnell der Begriff “Angst” auf.

Angst ist eine Emotion, die jeder Mensch kennt. Und daher ist “Angst” ein Wort, mit dem jeder etwas anfangen kann. Es wird ziemlich häufig gebraucht, um zu begründen, warum man sich auf eine bestimmte Art verhalten hat oder warum man sich nicht auf eine erwartete Art verhalten kann – und alle nicken dann wissend und verständnisvoll.

“Nichts” zu spüren ist vielen Menschen fremd – und sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn da nichts ist. Es ist mit Worten nur sehr schwer zu beschreiben.

Aber wenn wir über Emotionen und Blockaden reden, ist das enorm wichtig:
“Nichts” hat absolut nichts mit Angst gemeinsam. Wer nichts in seinem Körper wahrnimmt, hat keine Angst, sondern eine Blockade.

Die Welt ist anders, wenn die Blockade nicht da ist

Alle diese unterschiedlichen Wahrnehmungen von Emotionen, Denken, Sinnes-Informationen, Raum und Zeit verändern sich, wenn du entspannt bist.

Die Welt zeigt sich anders, wenn du ihr ohne Blockade begegnest.

Genau genommen ändert sich natürlich nicht die Welt um dich herum, sondern die Informationen, die bei dir über die Welt um dich herum ankommen.

Ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich Situationen, in denen bis dahin immer die Blockade alles von mir ferngehalten hat, zum ersten Mal ungefiltert “das wahre Leben” wahrnehmen konnte. Hui, das war eine mächtige Überforderung – und es hat sich für mich alles andere als normal angefühlt, als ich in immer mehr Umgebungen “normal” geworden bin.

Im Nachhinein denke ich mir, dass es viel leichter gewesen wäre, wenn ich jemanden gehabt hätte, der mich auf dem Weg in diese vielfältigen Wahrnehmungen begleitet hätte. Wenn jemand mir gesagt hätte, dass diese vielen unterschiedlichen Informationen zum Alltag ohne Blockaden dazugehören – und dass es gut ist, sie zu haben.

Damals dachte ich manchmal, dass sich “normal werden” sehr wie verrückt werden anfühlt.

Daher bitte ich dich, bei deinen Experimenten auf dem Weg zum “normal werden” ganz ganz behutsam mit dir umzugehen. Sei neugierig, aber mach deine Schritte so klein, dass du nicht mal in die Nähe einer Überforderung kommst. Beobachte erst mal, ohne etwas verändern zu wollen. Finde heraus, was dein Unterschied zwischen Entspannung und Anspannung ist – und dann mach so viel Entspannung, wie du ohne Überforderung genießen kannst.

Ich möchte, dass du keine Blockaden hast – aber vor allem möchte ich, dass du das, was da ist, wenn die Blockade nicht da ist, ganz vorsichtig und respektvoll erkundest.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine
Christine

 

Findest du auch, dass es noch zu wenig Verständnis für Mutismus gibt?

Die neue Studie der Universitäten Zürich und Würzburg hat zum Ziel, daran etwas zu ändern.
Und alle von Mutismus betroffenen Kinder und Jugendlichen mit ihren Eltern können dazu beitragen und die Forschung aktiv unterstützen.

Was du dazu tun musst:

  1. Fordere per E-Mail die Fragebögen bei der Uni Zürich an.
    Die E-Mail-Adresse ist mut.ist.muss@kjpd.uzh.ch
    Gib in deiner Mail unbedingt deine Post-Adresse an, denn…
  2. Du bekommst per Post die Fragebögen zugeschickt.
  3. Du nimmst dir als Elternteil mit deinem Kind ein wenig Zeit und beantwortest in aller Ruhe die Fragen.
  4. Dann steckst du die Fragebögen in den Rückumschlag und bringst den zur Post.
    (Das Porto zahlt natürlich die Uni.)

Ich freue mich riesig, wenn durch deine Mitwirkung an der Studie klarer wird, was Mutismus ist und wie wir damit umgehen sollten.

Infos zur Studie (PDF)

 

 

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