Warum du auf deine Worte achten solltest – sogar wenn du nicht sprichst

Christine Winter // Mutismus

3. November 2014  

Als Introvertierte oder Mutisten sagen wir oftmals nichts, sondern denken uns unser Teil. Aber gerade dabei sollten wir auf unsere Worte achten.

Für mich ist “Herbst” so ein Wort. Du hast es wahrscheinlich im vorigen Artikel  oder in diesem Beitrag schon herausgehört: “Herbst” ist für mich mit “trist”, “trübsinnig” und einer starken Erinnerung an Depression, die ich schon beim kleinsten Gedanken an Nebel und absterbende Blätter deutlich spüren kann, verbunden.

Das wurde mir erst bewusst, als mir eine Kollegin ganz nebenbei erzählte, was sie beim Wort “Herbst” an spontanen Gedanken hat:

  • Blauer Himmel und bunte Blätter,
  • lange ruhige Waldspaziergänge,
  • der Hund tollt im raschelnden Laub herum,
  • Veränderung liegt in der Luft,
  • zur Ruhe kommen und viel Raum zum Nachdenken…

 

Ähm, ja… So hatte ich das nie gesehen. Aber es stimmt: Das alles ist “Herbst”.

Und nachdem ich das zuendegedacht hatte, fielen mir auch eigene angenehme Assoziationen zu “Herbst” ein:

  • Wandern in den Bergen,
  • Fotoausflüge bei wundervollem Licht (für das ich nicht um vier Uhr morgens aufstehen muss!),
  • DVD-Abende unter der kuscheligen Wolldecke,
  • Tee trinken, Kerzen anzünden,
  • mit dem Lieblingsbuch auf der Couch sitzen,
  • am Klavier die weihnachtlichen Stücke wieder hervorkramen…

Ja, der Begriff “Herbst” hat viel mehr in sich, als ich ihm zugestanden hatte.

“Mutismus” ist auch so ein Wort

… oder “Introvertiert”, “schüchtern”, “stumm”…

Löst eines dieser Worte bei dir sofort negative Assoziationen aus? Oder kennst du andere Begriffe, die du noch viel schlimmer findest?

Such dir dein persönliches Unwort aus.

Du gibst deinen Worten Sinn

Wer mit Mutismus nie konfrontiert war, denkt sich wahrscheinlich: “Hmmm? Komisches Fremdwort – brauch ich nicht.”
Wer jemand anderen als “schüchtern” bezeichnet, ohne es selbst je gewesen zu sein, denkt sich: “Na ja, stimmt doch, oder? Sagt nix, guckt nicht zu mir her – also schüchtern.”

Du verbindest mit solchen Begriffen wahrscheinlich

  • Erfahrungen
  • Erinnerungen
  • Emotionen
  • Interpretationen
  • Aussagen von Eltern oder Freunden
  • Bilder von vergangenen oder vorgestellten Situationen
  • Körpergefühle
  • und noch vieles mehr

Und alles das wird in Sekundenbruchteilen ausgelöst, wenn du das Wort hörst oder denkst.

Alle Bedeutungen und Empfindungen hängen an dem Begriff wie an einem Anker. Und allein der Gedanke an diesen Wort-Anker löst (meistens ohne dass dir das bewusst wird) alles aus, was du über die Jahre damit verbunden hast.

Besonders fies: Dein innerer Dialog mit dir selbst

Egal, ob du das Wort laut aussprichst, von jemand anderem hörst, daran denkst oder in Gedanken mit dir selbst darüber sprichst: Deine Reaktion auf die Anker-Wörter ist immer gleich.

Gerade, wenn du gerne allein bist, kann es sein, dass deine Gedanken immer wieder mal um einen Anker kreisen, der dich runterzieht. Und weil du daran so gewöhnt bist, merkst du gar nicht, wie oft dein Unwort sich in deinen Dialog mit dir selbst einschleicht und dir jedes Mal ein schlechtes Gefühl bereitet. Du fühlst dich frustriert, obwohl doch gar nichts besonderes war.

Wenn es dir bewusst ist, kann sich etwas ändern

Allein dadurch, dass ich bemerkt habe, was ich alles mit dem Wörtchen “Herbst” verbinde, habe ich den Herbst mit anderen Augen gesehen. Die tristen Erinnerungen sind ein Teil davon – aber es gibt auch wunderschöne Herbsterlebnisse, an die ich mich erinnern kann. Und gestern habe ich wieder ein paar schöne neue Gefühle und Bilder von diesem ungewöhnlich warmen, sonnigen Spätherbsttag gesammelt.

Ich bin im Herbst nachdenklicher und zurückgezogener als im Sommer – aber das hat nichts mit “Depression” – auch so ein Wort! – zu tun.

Wenn ich jetzt gerade an “Herbst” denke, kann ich viel schönes entdecken. Roibusch-Tee und Lebkuchen und Kerzenlicht – zusammen gibt das einen wunderbar herbstlich-gemütlichen Duft. Dazu eines meiner Lieblingsbücher, das ich jedes Jahr im Herbst wieder lese.

Ich mache mir bewusst, dass der Herbst schön ist. Weil ich weiß, dass dieses Wort Bedeutung für mich hat.

 

Wenn du weißt, mit welchen Worten du dir einen guten Tag vermiesen kannst, dann kannst du diese Worte auch “entmachten”. Meine Lieblingsmethoden dafür werde ich im nächsten Artikel mit dir teilen.

Oft verlieren die Wort-Anker schon allein dadurch an Kraft, dass du sie erkannt hast – wenn dir bewusst ist, welche Worte deine Stimmung beeinfussen, kannst du entscheiden, ob du ihnen das erlaubst. 

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine