Coaching-Geschichten

Die Sache mit dem Dings

Eine Trancegeschichte.

Wie das mit dieser Sorte Geschichten so ist, war sie heute früh einfach da und wollte aufgeschrieben werden.
Ich habe eine Vermutung, für wen sie sein könnte – aber wer weiß, vielleicht ist sie ja auch genau für dich…

Margit saß allein am Frühstückstisch. Und plötzlich war es da. Unförmig, unfarbig, irgendwie durchsichtig. Es bewegte sich – und auch wieder nicht. Irgendwie war es so wabbelig. Es war nicht klein und nicht groß. Genau genommen konnte Margit überhaupt nicht erkennen, wo es anfing und aufhörte. Wo kam das Dings denn plötzlich her?

Klar, dass Margit das nicht auf dem Frühstückstisch lassen konnte. Egal, was es war – es musste weg. Und zwar sofort!

Igitt, so ein Wabbel-Dings. Das ist ja unerträglich!!!

Nur… Wir sollte sie es wegmachen?

Sie versuchte, es zu greifen. Und es ging nicht.

Sie versuchte, es mit einem schnellen Schubs vom Tisch zu wischen. Das klappte auch nicht.

Sie versuchte, es unter der Kaffeekanne zu zerquetschen. Und das Dings tauchte unbeeindruckt wenige Zentimeter weiter wieder auf.

Margit betrachtete es. Und während sie es anschaute, kam es ihr vor, als ob das Wabbel-Dings sie ebenfalls anschauen würde.

Also, nicht dass es Augen hätte oder so. Aber irgendwo in diesem unförmig-durchsichtigen Wabbel-Dings kam es ihr so vor, als ob es da Interesse gäbe. Interesse an ihr.

Igitt! Das Dings muss weg. Jetzt!!! Sofort.

Und außer Margit war niemand da, der sich darum kümmern konnte.

Sie überlegte…

Bei Spinnen hatte sie diesen Trick mit dem Staubsauger. (Und obwohl sie nicht ernsthaft glaubte, dass der Staubsauger das Problem wirklich nachhaltig löste, saugte sie die Spinnen in der Wohnung immer weg. Denn dann konnte sie sie wenigstens nicht mehr sehen.)

Sie holte den Staubsauger, steckte das lange Saugrohr dran, stellte auf 2.400 Watt und attackierte das Dings. Dabei fiel die Zuckerdose runter und der Kaffee schwappte gefährlich über – aber das Dings blieb wie es war wo es war!

Margit runzelte die Stirn. Was war das für ein Dings…?

Und weil sie den Staubsauger eh schon geholt hatte, saugte sie den Zucker auf dem Tisch weg und dann auch noch das, was davon auf dem Boden gelandet war. Weil sie hoffte, dass das Dings von allein wieder verschwinden würde, wenn sie es nur konsequent genug ignorieren würde, saugte sie auch gleich noch das restliche Esszimmer. Und das Wohnzimmer. Und das Schlafzimmer.

Als sie wieder an den Frühstückstisch kam, war der Kaffee kalt. Und das Dings war immer noch da. Margit konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass es irgendwie vorwurfsvoll dreinschaute.

Wie in aller Welt konnte ein unförmig-farbloses randloses Dings einen Gesichtsausdruck haben?

Wieso ließ es sich weder ignorieren noch wegmachen?

Was bitteschön sollte jetzt werden, wenn es für immer auf dem Esszimmertisch bliebe?

Oh Gott, für den Nachmittag hatte Margit ihre Eltern zum Kaffee eingeladen! Wie sollte sie denn denen dieses Dings erklären??? Gütiger Himmel!!!

Das Dings musste weg. Jetzt. Sofort!

Sie schlug danach. Das Dings wurde größer.

Sie versuchte es zu fassen. Das Dings machte ein glucksendes Geräusch, während ihre Hand hindurchglitt.

Sie fing an, mit der Kuchengabel hineinzupieksen. Das Dings wabbelte sich in die Länge, als ob es eine Katze wäre, die sich genüsslich den Bauch kraulen ließ.

Sie probierte, es mit Lärm zu vergraulen. Das Dings fing an, vernehmlich zu summen.

Und nebenbei wurde es auch noch gelb. Und wesentlich deutlicher sichtbar als zuvor. Und außerdem wurde es immer lauter!

Je mehr Margit auf das Dings losging, desto klarer wurde ihr, dass es einen eigenen Willen hatte. Und es gab keinen Zweifel: Das erklärte Ziel dieses Dings war, zu bleiben.

Eine andere Strategie musste her.

Nur welche?

Physische Angriffe machten das Dings konkreter. Das war also sinnlos.

Ignorieren hatte auch nicht funktioniert.

Aber was in aller Welt sollte Margit denn noch probieren? Wie kriegte sie das Dings vom Tisch???

Margit setzte sich und nahm einen Schluck kalten Kaffee. Sie betrachtete das Dings währenddessen. Intensiv. Nachdenklich.

Das Dings wurde zartrosa. Das Summen wurde harmonischer. Und das Wabbeln wurde zu einem sanften Pulsieren. Irgendwie wurde das ganze Dings freundlicher, während Margit es einfach sein ließ und ihm mit Interesse gegenübersaß.

Margit überlegte…

Wenn Aufmerksamkeit das Dings zutraulich machte, dann war das vielleicht der Weg, mit ihm umzugehen. Denn es weghaben zu wollen, war‘s ja wohl nicht.

Und Margit nahm sich ein Herz. Ein Herz für ihr Dings.

Dann ließ sie das Herz sprechen und machte sich keine Gedanken mehr darüber. Sie akzeptierte, was von ihrem Herzen kam und beobachtete, wie sich das Dings wandelte…

Zeit spielte keine Rolle mehr.
Alles um sie herum wurde bedeutungslos.

Margit war völlig fasziniert davon, wie dieses Dings mit ihrem Herzen in Kontakt kam. Und ihr Herz und das Dings fanden einen Weg, miteinander zu sprechen.

Es wechselte immer mal wieder die Farbe. Mal langsam, behutsam. Und dann wieder recht abrupt, konkret.

Es bewegte sich. Pulsierte. Dann wieder wurde es still. Es folgte dem Herzschlag von Margit. Oder es fand seinen eigenen. Es schien sich innendrin zu wandeln, während es äußerlich glatt war. Und dann schien es wieder äußerlich bewegt und innendrin still.

Es wurde klarer. Scharf abgegrenzt. Und dann wurde es wieder vage. Unkonkret.

Es summte. Es gluckste. Es machte Geräusche, als ob es ganz tief durchatmen würde.

Und während der ganzen Zeit hatte Margit das Gefühl, dass das Dings mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei ihr war. Fast so, als ob es sie betrachten würde. Dabei hatte das Dings weder Augen noch ein Gesicht.

Aber hätte man Margit in diesem Moment gefragt, wie das Dings dreinschaute, dann hätte sie gesagt: Wissend. Verständnisvoll…

Und dann, nach einigem Zögern, weil sie sich nicht sicher war, ob das wirklich möglich war: … Liebevoll…?

Das Dings war voller Liebe.

Als Margit diesen Gedanken spürte, da wurde das Dings ganz bunt und ganz real. Und dann nahm es die Lieblingsfarbe von Margit an und glitt näher auf sie zu. Leise pulsierend kam es näher ans Herz heran.

Margit fand es ganz selbstverständlich, aus tiefstem Herzen eine Frage zu stellen.

Möchtest du zu mir kommen?

Das Dings schien zu strahlen. Und es rückte so nah, dass Margit es vor sich spüren konnte.

Möchtest du einen Platz in meinem Herzen?

Und das Dings glitt in Margit hinein, nahm Platz und breitete sich mit ruhigem Pulsieren aus, bis es Margit ganz und gar mit ihrer Lieblingsfarbe erfüllte. Und mit einem stillen, wunderschönen Summen. Und mit ganz vielen wundervollen Gefühlen.

Margit saß am Frühstückstisch und sah aus dem Fenster. Draußen schien die Sonne. Es war ein strahlend-schöner Tag. Die Vögel zwitscherten fröhlich und harmonisch. Und die Wolken leuchteten weiß, während sie sich vom sanften Wind anschieben ließen. Alles war hell und klar und wundervoll.

Der kaltgewordene Kaffee schmeckte so gut, wie kalter Kaffee überhaupt nur schmecken konnte. Genüsslich aß Margit einen von den Muffins dazu – und stellte fest, dass er so lecker wie noch nie war.

Am Nachmittag würden ihre Eltern zu Besuch kommen – und Margit spürte, wie das Dings in ihr drin ein warmes, entspanntes Gefühl machte.

Diesmal würde sie sich einfach nur auf ihre Gäste freuen. Sie würde sich nicht verrückt machen und bis zur letzten Minute die Wohnung putzen. Sie würde auch nicht hektisch hin und her laufen, um hier noch ein Bild zurechtzurücken und da ein Buch im Regal im perfekten Winkel auszurichten.

Margit würde den restlichen Morgen einfach nur mit dem Dings zusammen genießen. Denn sie hatte so eine Ahnung, dass das Dings gerne bleiben würde, wenn sie ihm Aufmerksamkeit gäbe und ihr Herz dafür öffnen würde.

Vielleicht würde sie nachher noch in aller Ruhe den Staubsauger verstauen, der da immer noch neben dem Tisch stand. Oder auch nicht.
Sie könnte ja ihren Eltern erzählen, dass sie vorhin damit eine Spinne wegsaugen wollte…
Und dann würden sie gemeinsam darüber lachen, dass es keinerlei Garantie dafür gab, dass so ein Staubsauger eine Spinne wirklich auf Dauer wegmachte. 

​Read More
Coaching-Geschichten

Ein Märchen. Über das Gewohnte und das Fremde.

Es war einmal ein Mädchen, das lebte im Dorf seiner Eltern mit seinen Geschwistern, seinen Großeltern, Onkeln, Tanten, Vettern und Basen.

Nur wenige Häuser versammelten sich um den Dorfplatz. Und alle Dorfbewohner kannten sich seit jeher – als Dorfgemeinschaft und als Familie.

Das Dorf lag inmitten des großen Sumpfes. Viele große Bäume sorgten dafür, dass es dort nie so richtig hell wurde. Die Nebelfetzen, die nur knapp über dem Boden hingen, taten ein Übriges, um das Tageslicht abzudunkeln.

Noch niemals jemals hatte irgendjemand aus dem Dorf den Sumpf verlassen. Und niemals jemals war irgendjemand von außerhalb des Sumpfes in das Dorf gezogen.

So verging ein Tag nach dem anderen inmitten des großen Sumpfes. Und jeder Tag glich dem vorherigen. Und jeder neue Tag brachte nichts Neues… 

Das kleine Mädchen stellte seiner Mutter viele Fragen.

„Was kommt, wenn unser Sumpf zuende ist?“ – „Nichts.“

„Und wie ist dieses Nichts hinter dem Sumpf?“ – „Es ist schrecklich, finster und voller Bedrohungen!“

„Gibt es denn andere Familien irgendwo anders?“ – „Wo sollte das denn sein? Es gibt nur unseren Sumpf.“

„Warum ist es in unserem Sumpf immer kalt und immer dunkel?“ – „Was meinst du damit? Das ist doch ganz normal!“

„Wenn ich aus dem Sumpf rausginge… Was würde dann wohl passieren?“ – „Wer jemals aus dem Sumpf herausginge, der würde niemals wiederkommen. Deswegen bleiben alle hier. Und nun lass die Fragerei – wir sind wo wir sind wie wir sind. Basta.“ 

Das kleine Mädchen hatte immer noch viele Fragen. Die Antwort, das hatte sie längst verstanden, war immer die gleiche: Wir bleiben wo wir sind und leben wie wir leben. Es ist, wie es ist, weil es schon immer so war. Wo der Sumpf endet, da ist Nichts. Und jeder Tag bringt nichts Neues.

So hielt das Mädchen den Mund, um niemanden ärgerlich zu machen.

Sie versuchte, zu vergessen, dass sie niemals jemals einen Blick hinter die Grenzen des Sumpfes werfen würde. Sie versuchte wirklich, so zu leben, wie es ihre Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, Vettern und Basen taten – einen Tag, der nichts Neues brachte, nach dem anderen. 

Und dann kam sie, während sie gedankenlos durch die Nebelfetzen stromerte, zufällig an die Stelle, an der der Sumpf endete.

Erst erschrak sie. Vielleicht würde sie einfach sterben, wenn sie sich auch nur einen Schritt hinaus wagte…

Während eine Todesangst sie überwältigte, musste sie sich wohl einen Schritt vorwärts bewegt haben. Denn plötzlich traf sie der allererste Sonnenstrahl ihres Lebens. Und sie dachte: So ist es also, wenn das Leben vorbei ist.

Und sie rannte in ihr Dorf zurück, so schnell sie konnte.

Sie lebte noch. Und niemals jemals durfte jemand erfahren, was sie erlebt hatte. Es war verboten. Es war lebensgefährlich. Es war völlig unaussprechlich, was sie getan hatte.

Niemand, der aus dem Sumpf ging, würde jemals wiederkommen.
Und deswegen durfte niemand wissen, dass sie von diesem hellen Licht getroffen worden war und trotzdem noch da war. 

Wochenlang quälte sich das Mädchen damit, nicht wieder an den Rand des Sumpfes gehen zu wollen.

Dann tat sie es doch.

Sie ging wieder an die Stelle, an der der grelle Sonnenstrahl sie getroffen hatte. Und diesmal sah sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Wolken – luftige weiße Wolken, zwischen denen die Sonne helle Flecken auf die weite Landschaft warf. Sie sah zum ersten mal in ihrem Leben, dass es Licht, Dunkel, Sonnenseiten und Schattenseiten gibt.

Und so setzte sie sich in den Schatten eines großen Baumes und schaute dem Licht zu. Sie saß dort, bis die Dämmerung einsetzte. 

Als sie in ihr Dorf zurückkehrte, sah ihre Mutter sie streng an: „Wo bist du gewesen? Du hast deine Arbeit nicht getan. Du weißt genau, dass du jeden Tag zu tun hast, was du jeden Tag zu tun hast.“

Das Mädchen konnte nicht sagen, was es erlebt hatte. Vor allem konnte es nicht erklären, dass das Licht und der Schatten und der wundervolle Wechsel zwischen dem einen und dem anderen sein Herz berührt hatte. Und dass es sich bei diesem Anblick so lebendig gefühlt hatte – richtig lebendig, obwohl man doch dort nicht leben durfte, wo das Mädchen gewesen war… 

„Na, hast du nichts zu sagen?“, setzte die Mutter nochmal nach.

„Nein. Ich muss wohl eingeschlafen sein…“

„Zum Schlafen ist die Nacht da. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder schliefe, wann er wollte! Hier ist kein Platz für eine Träumerin. Tu deine Pflichten, wie es alle tun. Basta.“ 

Wochenlang hielt sich das Mädchen an die Worte der Mutter.

Sie versuchte, nicht zu träumen – doch manchmal schlich sich ganz unwillkürlich das Bild von der Landschaft mit Licht und Schatten in ihre Gedanken. Und sie fragte sich, wie es wohl wäre, diese Landschaft kennenzulernen… 

Sie fasste einen Entschluss. Einmal noch würde sie hinausgehen und sich umsehen. Nur noch einmal.

Sie würde nachher wieder lügen müssen. Das tat ihr schon vorher leid. Und doch ging es nicht anders. Denn niemals könnte sie ihrer Mutter erzählen, was sie getan hatte. Ganz sicher würde sie ihrer Mutter nicht begreiflich machen können, wie sie sich fühlte, wenn sie dort war, wo alle „Nichts“ vermuteten. Und niemals würde die Mutter verstehen können, warum sie es tat.
Sie würde diesmal einfach besser lügen müssen als beim letzten Mal. Niemals würde sie wollen, dass ihre Mutter ihretwegen ärgerlich oder traurig oder irritiert sein muss… 

Und so ging sie über den Rand des Sumpfes hinaus. Sie freute sich über die Sonnenstrahlen. Sie hörte die Vögel singen. Sie sah die Schmetterlinge tanzen. Sie spürte den Wind und die Wärme auf der Haut. Es war so schön dort jenseits des Sumpfes, geradezu traumhaft.

Das Mädchen hatte die Zeit ganz und gar vergessen.
Immer weiter ging sie hinaus. Durch die Wiesen, durch die Felder, durch ein Waldstück, in dem das Sonnenlicht lustig tanzende Flecken aus Licht auf den dunklen Boden warf…

Dann öffnete sich eine helle Lichtung vor ihr. Ein paar Hütten, ein paar Tiere, ein paar Menschen waren dort zu sehen. Sie blieb am Rande stehen und beobachtete, was sich abspielte. Und dabei dachte sie: So ganz ähnlich ist diese Lichtung dem Sumpf meiner Eltern – und so ganz anders ist das Leben dort.

Alle Menschen, die sie sah, schienen Freude zu haben. Und es kam ihr vor, als würde zwischen allen ein unsichtbares Band existieren. Eine Verbundenheit aus Freude… Sie konnte es spüren, während sie den Menschen zusah.

Kleine Kinder spielten mit Steinen und Hölzern mitten in der Wiese. Die größeren Mädchen bastelten Haarschmuck aus Blumen und tanzten dann zwischen den Schmetterlingen über den Dorfplatz. An einem Hauseingang saß eine Großmutter und kitzelte ein Baby, bis es vor Begeisterung jauchzte. Und alle vertrauten darauf, dass es nichts wichtigeres zu tun gab, als sich zu freuen und sich mit allen verbunden zu fühlen. 

Es tat dem Mädchen aus dem Sumpf plötzlich ganz arg weh, hinzuschauen.

Jetzt wusste sie, warum es so gefährlich gewesen war, hinauszugehen. Sie hatte nicht geahnt, wie sehr es im Herzen weh tat, draußen gewesen zu sein. 

Sie schlich sich in der tiefsten Abenddämmerung zurück ins Haus ihrer Eltern und versteckte sich. Unendlich traurig fühlte sie sich – und nun würde sie auch noch ihre Mutter anlügen müssen, wenn sie hereinkam und fragte…

Das war so ein Ausflug ins Licht nun wirklich nicht wert. Nie wieder würde sie hinausgehen. 

Doch der Schmerz im Herzen ging nicht mehr weg. Und die Bilder, die sie auf der hellen Waldlichtung gesehen hatte, gingen auch nicht mehr weg. Und das helle Lachen der Kinder, das Singen der Vögel, das Geräusch von Wind in den Bäumen… 

Wochen später nahm sie allen Mut zusammen und sagte ihrer Mutter, dass sie hinausgehen wollte, um die Welt zu erkunden.

Und die Mutter antwortete, dass „die Welt“ ein ganz altes, unsinniges Märchen war und dass niemand sie je gesehen hatte und dass niemand es je versucht hatte. Und dass das alles Hirngespinste waren, die einen allenfalls von der Arbeit abhalten würden.

„Aber es gibt eine Welt am Ende des Sumpfes.“

„Papperlapapp. Mach deine Arbeit. Am Ende des Sumpfes ist Nichts.“

Das Mädchen hätte gern gesagt, dass es längst dort gewesen war. Dass es gesehen, gehört und gespürt hatte, wie es dort war. Aber die Lüge, die sie aufgebaut hatte, damit sich die Mutter keine Sorgen machen sollte, stand im Weg. Wie sollte sie jetzt erklären, dass das Undenkbare wahr war und das, was ihr alle geglaubt hatten, gelogen…?

So sagte sie nichts mehr. 

Sie ging alle paar Wochen hinaus aus dem Sumpf. Monatelang, immer wieder.
Die Lüge war zur Gewohnheit geworden. Die Mutter fragte nicht mehr, wo sie gewesen war, wenn sie erst in der Abenddämmerung ins Haus schlüpfte. Und sie verbarg sich in ihrem Zimmer, weil ihr Herz immer so voll und schwer war, wenn sie von der Lichtung in den Sumpf zurückkehrte. 

Eines Tages saß sie wieder am Rand der Lichtung. Niemand hatte bisher jemals Notiz von ihr genommen. Sie war sich inzwischen beinahe sicher, dass sie für die Menschen unsichtbar war. Und darüber war sie sehr froh – denn sie hätte nicht erklären können, warum sie sich hinter den Bäumen versteckte, um dem Leben auf der Lichtung zuzuschauen. Und noch eine Lüge wollte sie nicht in die Welt setzen. 

Ein Hund lief auf den Waldrand zu. Das war schon öfter passiert – kein Grund zur Beunrunigung. Doch diesmal lief ein Junge hinter dem Hund her und tobte mit ihm herum. Die anderen Kinder kamen nach und nach auch dazu und alle balgten miteinander und mit dem Hund, bis sie vor Lachen nicht mehr konnten. 

Als sie ganz erschöpft im Gras in der Sonne lagen, baten die Kinder den Ältesten: „Erzähl uns doch wieder die Geschichte.“

Und so fing der Junge an zu erzählen:

„Es war einmal vor langer Zeit, da machte sich ein Bursche von unserer Lichtung auf den Weg nach draußen. Er lief durch die Felder, Wälder und Wiesen. Und schließlich kam er an den Rand eines nebeligen düsteren Sumpfes.

Er kannte die alten Legenden vom Versteckten Volk, das in Sümpfen lebte. Doch niemand, den er kannte, hatte jemals solche versteckte Wesen gesehen.

Und weil er wagemutig – vielleicht auch ein bisschen tollkühn – war, ging er in den Sumpf hinein. Tatsächlich fand er im nebeligen Grau eine Familie von Wesen, die wie Menschen aussahen.

Er beobachtete das Leben im Sumpf. Vieles davon war ihm ganz und gar vertraut, weil es auf der Lichtung seiner Eltern ganz genauso gewesen war.

Doch fehlte etwas.
Was war es nur? Er konnte es nicht sagen. Er konnte nur spüren, dass sein Herz ganz leer und taub wurde, je länger er da saß und beobachtete.

Vielleicht war es ja der Nebel, der seine Gefühle so trist und dunkel machte…

Und so kehrte er heim in die Lichtung. Er erzählte nichts über seine Beobachtungen.

Aber die Erinnerung an das dunkle Gefühl in seinem Herzen ließ ihn nicht los. Und seine Abenteuerlust lockte ihn immer wieder in den Sumpf des Verborgenen Volkes.

Eines Tages schließlich erkannte er, was sein Herz so schwer machte – und von diesem Tag an ging er niemals wieder in den Sumpf. Denn so sehr er das Abenteuer liebte, so wenig wollte er so schweren Herzens leben.

Und deswegen gehen wir seit Generationen nicht mehr zum Sumpf des Verborgenen Volkes. Und deswegen freuen wir uns hier auf unserer Lichtung des Lebens – keinem von uns soll jemals das Herz schwer sein.

So leben wir hier glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage.“ 

Dem Mädchen, das versteckt am Waldrand saß, rannen Tränen über die Wangen. Sie lebte beim Verborgenen Volk. Und der Junge hatte erzählt, was sie auch fühlte: Dort fehlte etwas ganz wichtiges. Dort fehlte etwas, das es hier auf der Lichtung ganz selbstverständlich gab.

Sie hatte keine Worte dafür. Doch sie konnte spüren, wie ihr Herz leicht war, wenn sie die fremde Lichtung besuchte – und wie ihr Herz schwer wurde, wenn sie in den vertrauten Sumpf zurückkehrte. 

Sollte sie in der fremden Welt der fremden Menschen bleiben? Dann könnte sie nie wieder zu ihrer Familie, dem Verborgenen Volk, zurückkehren. In beiden Welten zu leben, das ging einfach nicht – es wäre für die Leute aus dem Sumpf unvorstellbar.

Sollte sie für immer in der vertrauten Welt des Verborgenen Volkes bleiben? Dann würde sie nie wieder Licht und Schatten sehen und sie würde nie wieder diese Leichtigkeit im Herzen spüren. Nie wieder Vögel singen hören, nie wieder Schmetterlinge tanzen sehen, nie wieder Kindern beim Herumtollen zuschauen… Das konnte sie sich nicht mehr vorstellen.

Gab es ein „dazwischen“? Nicht im Sumpf des Verborgenen Volkes und nicht auf der Lichtung der fröhlichen Menschen…? 

Das ist nicht leicht zu entscheiden. Und doch wurde dem Mädchen an diesem Tag, an dem es verborgen am Rand der Lichtung saß, klar, dass es genau diese Entscheidung würde treffen müssen, um erwachsen zu werden.
Sie würde sich für IHRE Welt entscheiden müssen. Sie würde damit leben müssen, dass ihre Entscheidung Konsequenzen hätte. Und sie würde sich von da an immer daran erinnern, dass sie sich ihren Platz für ihr Leben ausgesucht hat.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie bis heute da, wo sie es für richtig hält. 


Es ist eine wirklich eigenwillige Geschichte, die da heute früh unter der Dusche „zu mir gekommen“ ist. Ich habe sie mir nicht ausgedacht. Sie war einfach da und wollte erzählt werden.

Es kommt mir vor, als ob ich sie noch nicht fertigerzählt hätte. Und trotzdem stelle ich sie hier in den Blog – in der Hoffnung, dass sie für irgendjemanden einen Sinn ergibt.

Denn es ist oft so bei dieser Art von Geschichten: Ich selbst verstehe erst viel viel später, warum ich sie aufschreiben musste…

Wenn sie dich irritiert oder sogar genervt hat, dann täte mir das leid – dann ist sie wohl nicht für dich.

Gut möglich, dass jemand anderes sie zur gleichen Zeit gelesen hat und findet, dass das genau die Geschichte ist, die er jetzt brauchte.

Nimm dir mit, was für dich passt – den Rest lass für die anderen da.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
​Read More
Coaching-Geschichten

Eine Hasengeschichte

Es war einmal ein Hase.

Ein ziemlich typischer Hase.

Er war, wie Hasen nun mal so sind – klein und zurückhaltend und am liebsten in seinem sicheren Hasenbau.

Dort hatte er sich in seiner Höhle so eingerichtet, dass er nur selten nach draußen musste. Denn er wusste genau: Draußen ist kein guter Ort für kleine Hasen.

Während der langen Stunden in der dunklen Hasenhöhle hatte er viel Zeit.

Und so träumte er.

Er träumte einen Traum, in dem er als Osterhase wahre Wundertaten vollbringt.

Unzählige Osternester füllt er in kürzester Zeit. Jubelnde Menschenkinder lieben ihn dafür. Er ist der Star unter allen Osterhasen, denn so großartig wie er kriegt niemand, auch keiner von den Top-Hasen, den Job erledigt.

Klar ist das ein Mörderstress am Ostersonntag. Und ohne das ganzjährige Training würde das niemals klappen. Immer muss man sich über die eigenen Grenzen hinaus anstrengen, um den ersten Platz unter den hochspezialisierten Kollegen zu behalten. Von nichts kommt nichts – der Titel „Superhase“ will erarbeitet sein. Aber was ein richtiger Superhase ist, der nimmt diese Herausforderung gerne an. Mehr leisten, mehr können, mehr schaffen… Darum geht es schließlich im Leben.

Wow, das fühlt sich wirklich kraftvoll an – „Superhase“ und Nummer Eins im Osterhasen-Team! Ein echter Traum. 

Jedesmal, wenn der kleine zurückhaltende Hase diesen Traum in seinem dunklen engen Hasenbau träumt, wird seine Phantasie bunter und sein Bild von sich als Osterhase größer und seine Heldentaten als Osterhasenstar phantastischer. Mit jedem Traum fühlt er sich besser – und so werden seine Traumzeiten immer länger und seine Ausflüge nach draußen immer seltener.

Tatsächlich lässt er sich längst von seiner Familie versorgen, um in seiner engen dunklen Höhle bleiben zu können, in der er sich zum Helden träumt.

Wenn überhaupt mümmelt er mal am Gras im Hasenbau-Vorgarten. Das ist zwar nicht besonders lecker, aber es spart enorm Zeit – schließlich ist es bis zur Löwenzahn-Wiese ewig weit und er müsste dann seine Osterhasen-Träume viel zu lange mit der Realität tauschen. Und überhaupt macht Gras auch satt. Wozu der Luxus…?

Na ja, wenn unser Hase ehrlich wäre, dann hat er gar nicht mehr die Kondition, um bis zur Löwenzahn-Wiese zu laufen. Er ist träge geworden, während er sich erträumt hat, der Superhase zu sein. Und während er sich seine täglichen Top-Hasen-Trainingseinheiten vorgestellt hat, ist er nach und nach zum Depri-Hasen geworden.

Ganz selten – und meistens mitten in der Nacht, wenn garantiert keine Raubvögel oder spazierengehenden Menschen unterwegs sind – kriecht er nach draußen und schaut in die Sterne. Beim leisesten Geräusch erstarrt er – hilflos, regungslos. Nur das Hasenherz klopft, als wollte es ihm aus der Brust springen.

Sobald sich die Erstarrung löst, schlüpft er zurück in die Hasenhöhle.

Und er träumt, wie er als Osterhase Höchstleistungen vollbringt, von denen andere Hasen nur träumen können: Eier legen, die so bunt und perfekt sind, wie es nur Superhasen hinkriegen… Und durch die verschiedensten Gärten springen, ohne jemals erwischt zu werden… Dabei Hunden, Katzen und Raubvögeln souverän die Stirn bieten… Manch einer hat schon eine Hasenpfote über sein Gesicht gezogen bekommen…

Und nachdem alle Osternester versteckt, mit bunten Ostereiern gefüllt und von Menschenkindern gefunden wurden, lässt man sich als Osterhasen-Star natürlich gebührend feiern: Der Moment, in dem sich der Superhase für einen seltenen Augenblick blicken lässt, sich dezent verbeugt und die „Oooohs“ und „Aaaaahs“ der Menschen entgegennimmt, ist alle Mühe wert. Nicht selten ist der Star der Osterhasen sogar bereit, sich streicheln zu lassen – schließlich gehört der Kontakt zum Publikum für einen echten Star einfach dazu…

Nur ist das alles ein Traum. 

Ostern vergeht.

Eines nach dem anderen.

Der Hase träumt sich ein großartiges Leben. Und sitzt in seinem Bau.

Wenn er das Tageslicht sieht, erstarrt er. Und weil er seine Hilflosigkeit satt hat und es nicht ertragen mag, die Hoffnungslosigkeit zu erleben, flüchtet er sich gleich wieder in den nächsten phantastischen Traum. 

Eines Nachts kriecht er nach draußen. Genauer gesagt streckt er nur den Kopf raus, so dass die zitternden Barthaare ein wenig im Wind zittern.

Da ist jemand.

Nichts ist zu hören, nichts zu sehen. Und doch… Da ist jemand.
Der Hase merkt es ganz deutlich – und liegt starr mit klopfendem Herzen im Eingang des Hasenbaus.

Die Gedanken überschlagen sich: Jetzt bin ich tot. Wer immer das ist – er ist riesig groß und garantiert für kleine hilflose Hasen lebensgefährlich. Man weiß doch, wie das ist. Einmal die Nase zu weit hinausgestreckt, und das war’s.

„Atmen, Angsthase.
Atmen.“
sagt eine tiefe, leise Bassstimme.

Nichts hat sich bewegt. Das große Tier ist vielleicht zwei Meter entfernt. Es hat ihn angesprochen, aber es ist nicht näher herangekommen.

Der Hase ist in völliger Panik erstarrt. Und doch nimmt er einen zitternden, flachen Atemzug.
Es geht. Tatsächlich kann der Hase atmen, obwohl er ganz und gar hilflos erstarrt ist.
Und er probiert es noch einmal. Flach, aber diesmal bewusster.

„Atme tief durch“, spricht der ruhige, tiefe Bass.

Und der Hase probiert es. Er atmet an seinem rasend schnellen Herzen vorbei, so dass Luft seine Lungen füllt. Ein und aus. Ein und aus. Tiefer ein und tiefer aus.

Nur auf seinen Atem konzentriert er sich, während sich Fragen in seinem Kopf überschlagen: Wer ist dieser Fremde, der so ruhig spricht und es offenbar gut mit einem Hasen in panischer Angst meint? Was erwartet er? Was wird er als nächstes sagen? Was wird er denken, wenn der Hase nicht antworten kann? Woher weiß er, wie sich ein panischer Hase fühlt? Und wann wird er sich – genervt von so einem jämmerlichen Angsthasen – abwenden und in die Nacht verschwinden?

„Spür die Abendluft, die um deine Nase streicht.“

Abendluft??? Wie jetzt?
Das einzige, was der Hase spürt, ist Hilflosigkeit und Herzklopfen und Erstarrung.
Und doch – als er sich ein wenig bemüht, da spürt er sie. Da ist eine sanfte Bewegung des Windes, die seine Barthare bewegt und seine Nase berührt. Und er nimmt einen großen tiefen Atemzug davon. Atmet dann zitternd tief aus.

„Spür die Erde unter deinen Pfoten.“

Erde? Pfoten? Oh Gott, wie die Pfoten zittern. Wie sehr alle Muskeln angespannt sind.
Tatsächlich. Da ist Boden unter den Füßen.

„Schau die Sterne an.“

Auf den leise und beruhigend gesprochenen Rat hin schaut der Hase zum ersten Mal seit langer Zeit bewusst nach oben, heraus aus seinem Bau – und sieht das Funkeln und Glitzern am Himmel.
Er bemerkt, dass es schön ist. Friedlich und beruhigend.

„Hör auf die Geräusche der Nacht.“

Da sind Grillen, zirpend. Und der sanfte Wind in den Bäumen. Da ist Stille.
Und ein klopfendes Hasenherz, das sich ein ganz kleines Bisschen beruhigt hat.

„Jetzt lass das Gefühl zu, das du hast. Lass deine Angst da sein – voll und ganz. Gehe so tief in das Gefühl hinein, wie du kannst.“

„Nein!“

„Wenn du ein Gefühl wegdrückst, wird es übermächtig. Wenn du es zulässt, geht es weg.
Erlaube deiner Angst, da zu sein, damit sie gehen kann. Sie ist eh da.
Erlaube sie. Jetzt.“

Und da lässt der Hase zu, dass das Hasenherz rast, der Atem zittert, die Muskeln beben und die Gedanken rasen.

„Mach es absichtlich noch stärker.“

Ui. Als der Hase das tut, merkt er, dass er sein Gefühl beeinflussen kann.
Und er denkt unwillkürlich: Ich will aber, dass es weg ist.
Aber prompt hat ihn die Angst wieder im Griff.

„Mach deine Angst absichtlich so intensiv, wie du nur kannst…
Bleib dabei…
Und zähle langsam von 25 rückwärts bis 0…
Während du immer darauf achtest, dass die Angst so intensiv wie nur möglich bleibt…
Zähle.
Langsam.“

Und der Hase gibt sich große Mühe, in seiner Angst zu bleiben und sich unterdessen auf das Zählen zu konzentrieren.

25 – 24 – 23 – 22 – … gar nicht so einfach … – 21 – 20 – 19 – 18 – 17 – … fast möchte das Angstgefühl leichter werden … – 16 – 15 – 14 – … ganz tief in der Angst bleiben … – 13 – 12- 11- … oh, es fühlt sich mittlerweile ein wenig anders an … – 10 – 9 – 8 – … das Zittern hat nachgelassen … – 7 – 6 – 5 – 4 – … und es breitet sich eine Ruhe aus … – 3 – 2 – 1 – … die stärker wird als das Angstgefühl … 0.

Die Hilflosigkeit ist weg.

Der Hase spürt noch, dass er eben in Panik war, aber er ist weder starr noch stumm.

Und seine Gedanken sind so ruhig geworden, dass er einen greifen und aussprechen kann: „Wer bist du?“

„Ich bin der Dachs. Dein Nachbar. Und ich sitze oft abends hier, um die Sterne zu sehen und den Boden unter den Füßen zu spüren und den Wind um meine Nase wehen zu lassen.“

„Nachbar Dachs, woher hast du gewusst, dass ich die Angst verliere, wenn ich sie da sein lasse?“

„Weil Gefühle kommen und gehen. Sie fließen durch uns hindurch – so, wie ein Bach durch unseren Wald fließt. Aber wenn wir sie daran hindern, dann stauen sie sich auf und überfluten uns.“

„Aber ich bin nun mal ein Angsthase.
Nie werde ich der Osterhase meiner Träume sein. Und wenn ich der Angst Raum gebe, dann schon gleich gar nicht.“

„Den Osterhasen gibt es nicht. Das ist eine Geschichte, die Menschen nur deshalb erzählen, damit ihre Jungen an Ostern die bunten Eier besonders zu schätzen wissen.
Alle Hasen haben Hasenherzen – kein einziger würde es wagen, zwischen Menschen, Hunden und Katzen durch die Gärten zu hüpfen. Und bunte Eier legen kann auch keiner.“

„Aber dann war mein ganzer Traum umsonst. Dann werde ich nie ein Superhase.“

„Du kannst der beste Hase sein, der du bist.
Und dein erster Schritt ist, aus diesem Bau herauszugehen, um dir das beste Futter zu suchen, das du für dich finden kannst.
Denn während du gut für dich sorgst, wirst du vieles lernen, was die klügsten Hasen wissen sollten. Indem du großartiges Futter für dich findest, begegnest du anderen Hasen und all den Tieren des Waldes, die Dinge wissen, die dir nützlich sind, um der beste Hase zu werden, der in dir steckt.“

„Das ist dann aber kein Superhase.
Ich wäre lieber der allererste echte Osterhase auf der Welt. DAS wäre ein phantastischer Hase.“

„Es ist deine Wahl:
Du bist richtig gut darin, dir ein Leben als Superhase zu erträumen und dein Leben in einem dunklen Hasenbau zu verbringen. Dafür musst du nichts lernen, nichts riskieren, nichts erleben.
Du kannst aber auch deine Angst da sein lassen und dir den Wind um die Nase wehen lassen und nach Hasenart rennen, Haken schlagen, Löwenzahn futtern, einer Häsin begegnen, Junge bekommen und ihnen die phantastischsten Geschichten vom Osterhasen erzählen.
Es ist deine Wahl.“

„Hmmm. Da gibt es viel zu bedenken.
Meister Dachs, werden wir uns wieder begegnen?“

„Nachbar Hase, wenn du dir nachts den Wind um die Nase wehen lässt und in die Sterne schaust und trotz deines klopfenden Herzens tief atmest, dann bin ich für dich da.“

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.

Ich wünsche dir schöne Ostern.
Deine

Christine
​Read More
Coaching-Geschichten

Von Einem, der auszog, seine Überzeugungen zu ändern

Diese Trancegeschichte handelt davon, alte Überzeugungen gehen zu lassen, um Platz für neue Überzeugungen zu gewinnen. 

Du kannst sie auf zweierlei Weise lesen.

Wenn du ein märchenhaftes Selbstcoaching machen willst, solltest du dir eine deiner eigenen Überzeugungen, die nicht mehr aktuell, aber noch sehr stark ist, auf einen Zettel schreiben, bevor du die Geschichte liest.

Und wenn für dich jetzt gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist, um bewusst einen Glaubenssatz loszulassen, dann ist mein Text vielleicht trotzdem ein schönes Märchen, das du in einer ungestörten halben Stunde lesen magst…


In alter Zeit war es üblich, als junger Mann die Welt zu erkunden und alles Wissen, das man bis dahin gesammelt hatte, auf die Probe zu stellen.

Für Matthias war dieses „auf die Walz gehen“ der jungen Handwerksgesellen ein sehr schwerer Weg. Er konnte sich nicht vorstellen, sein Elternhaus zu verlassen und für drei Jahre und einen Tag nicht wieder in die Nähe zu kommen.

Lustlos verließ er seinen Heimatort, wo er alles kannte und wo jeder alles über ihn wusste. Als Steinmetzgeselle ging er von Ort zu Ort weiter und fragte um Arbeit. Aber meistens waren die Baustellen und die Handwerksbetriebe bereits mit genügend Arbeitern versorgt und es war kein Platz für einen umherwandernden Gesellen.

So kam er schnell an die Landesgrenze und hoffte, dass seine Steinmetzfähigkeiten weiter im Süden besser gewürdigt würden. All die großen, altehrwürdigen Bildhauer kamen schließlich von dort. Da würde ein kleiner Handwerksgeselle bestimmt einen Platz in ihrem Schatten finden. Er wurde zu gerne die Werkzeuge reinigen und die Werkstatt putzen – wenn er nur endlich einen Platz bekäme, wo er eine Weile bleiben könnte.

Doch die einzigen Aufträge, die er bekam, waren als Tagelöhner. Einen Tag lang ließen ihn die Maurer ihren Dreck aufräumen – dann stand er mit einem winzigen Lohn wieder auf der Straße.

So kam es, dass er nach wenigen Wochen ganz im Süden angekommen war. Dahinter kam nur Meer. Er stand auf einer Klippe und schaute sehnsuchtsvoll zum Horizont. Seine ganzen Ideen und Hoffnungen hatten sich zerschlagen. Und jetzt hatte er keine andere Wahl, als umzukehren. Denn hier ging es nicht mehr weiter – er war bis ans Ende der Welt gelaufen und hatte nichts von dem erreicht, was er auf seiner Wanderschaft erreichen musste.

Nach langem Grübeln und auf‘s weite Meer starren drehte er sich hilflos um und sah, dass nur wenige Meter hinter ihm ein merkwürdiges Gebäude stand. Eine Art „Tempel“ – rund, mit einem Säulengang außen herum, der das Dach trug.
Es war recht schlicht, verglichen mit den Kirchen und Palästen, an denen er auf seiner Wanderschaft vorbeigekommen war.

Wahrscheinlich war es genau deshalb so anziehend für ihn. Die einfach behauenen runden Säulen, das ganze runde, merkwürdige Gebäude zog ihn in seinen Bann. Fast unbemerkt war er immer näher gekommen. Und schließlich stand er am Fuß der Treppe, die zum Säulengang hinauf führte.

Dort oben saß ein alter, weißbärtiger Mann in einem hellen Kleid mit Kapuze – fast so, wie es die Mönche in seiner Heimat trugen. Vielleicht war das seltsame Gebäude ja eine Kapelle…

Genau danach fragte er den bärtigen Alten: „Guten Tag, ich bin fremd hier. Sagt, ist das hier eine Kapelle?“
Und der Alte antwortete: „Wenn es für dich eine Kapelle sein soll, dann ist es eine Kapelle.“
„Darf ich sie mir ansehen?“
„Was willst du denn dort?“
„Ich bin ein Steinmetzgeselle und möchte sehen, wie die Meister vor mir dieses ungewöhnliche Gebäude gestaltet haben.“
„Was willst du für dich mitnehmen, wenn du in dem Bau warst?“
„Ich weiß nicht. Woher soll ich wissen, was ich dort finde, wenn ich doch noch nicht drinnen war?“

Der alte Mann lehnte sich an die Säule und sagte nur: „Ich glaube, du bist zu jung, um in diesem Gebäude etwas für dich zu entdecken. Geh ins Dorf und suche dein Vergnügen…“

Der Handwerksbursche zog enttäuscht ab. Zu jung, um eine Kapelle zu besuchen…? So ein Unsinn. Was für ein blödsinniger Gedanke war das denn. Er hatte schließlich alles gelernt, was man als Steinmetzgeselle zu lernen hatte. Und dann sitzt da dieser merkwürdige Alte und verbietet ihm, etwas Neues zu entdecken.

Am nächsten Morgen stand er wieder auf der Treppe des runden Gebäudes. Auf der Treppe saß der bärtige Alte in der weißen Kutte und ließ sich mit geschlossenen Augen von der Morgensonne bescheinen.

„He, Alter, lass mich in die Kapelle. Ich will ihr Geheimnis ergründen. Ich bin ein Handwerksgeselle und habe alles gelernt, was ich als Steinmetz wissen muss. Und ich lasse mich nicht von dir aufhalten, noch mehr zu erfahren. Also schließe mir auf, damit ich die Baukunst dieser Gegend mit eigenen Augen sehen kann.“

„Was für eine Rede! Du bist nicht nur zu jung, du bist auch zu dumm für diese Räume. Und zu schmächtig, um ein guter Handwerksbursche zu sein. Und zu unhöflich, um einen Blick in diese Hallen zu werfen. Und nun verschwinde. Das hier ist nichts für dich!“

Der Bursche trollte sich. Fluchend.

Am nächsten Morgen stand er lange vor Sonnenaufgang vor dem Säulenrundbau. Er hoffte, die Türe aufbrechen zu können und so hineinzugelangen. Ein wenig fühlte er sich bei dieser Idee schuldig, denn er wusste ganz tief in sich, dass alle Vorwürfe des alten Mannes auf ihn zutrafen. Wie oft in seinem Leben hatte er gehört: Du bist zu jung dafür. Und: Du bist zu dumm dafür. Und: Ein guter Handwerker wirst du nie, dafür bist zu schwächlich und zu schmächtig.
Nicht zuletzt hatte er eindrucksvoll den Beweis geliefert, wie unhöflich und respektlos er dem Alten gegenüber war, der wohl als Mönch oder Priester seinen Respekt verdient hätte.

Nun wurde er auch noch zu einem Einbrecher. Wer weiß, vielleicht würde er sogar noch schlimmere Dinge anstellen als die verbotene Türe zu öffnen.

Das Herz wurde ihm schwer. Alles, wirklich alles, was er an schlechten Eigenschaften hatte, zeigte sich auf dieser vermaledeiten Reise. Und er konnte sich selbst nicht respektieren, während er eine Stufe nach der anderen zögernd und mit großer Angst hinauf ging.

Auf jedem Schritt fühlte sich sein Körper schwerer und bedrückter an. Und als er oben an den Säulen ankam, war ihm, als hätte er den ganzen Tag auf der Baustelle schwer gearbeitet.

Und doch, er konnte nicht anders.

Zaghaft berührte er die Türe. Und sie schwang laut knarrzend auf.

Eine einzelne Kerze leuchtete auf einer hohen Säule im Zentrum des runden Raumes, von dem weitere fünf Türen abgingen. Der Lichtschein erhellte nur dürftig das stockdunkle Gebäude. Er wollte sich die Kerze nehmen, um den Raum zu erkunden – doch sie war so hoch oben, dass er nicht danach greifen konnte. So stand er in der Mitte des dunklen Raumes und fühlte sich hilflos, machtlos und fehl am Platze.

Der alte Mann sprach ihn von der Eingangstüre her an und fragte: „Was willst du hier finden?“

Und der Bursche antwortete: „Ich weiß es nicht, Herr… Ich weiß nur, dass es nicht das ist, was ich mitgebracht habe.“

„Das ist eine sehr gute Antwort. Ich werde dir die Räume zeigen, einen nach dem anderen. Du wirst sie nicht verstehen. Nicht heute, denn heute ist alles noch im Dunklen.
Kannst du damit leben, die Räume zu erspüren, ohne sie zu verstehen?“

„Ich weiß es nicht, Herr. Aber ich werde es nur beantworten können, wenn ich es versuchen darf.“

„Das ist eine weitere sehr gute Antwort. Komm her.“

Die erste Türe auf der linken Seite öffnete sich mit einem lautstarken markerschütternden Quietschen, als der Alte sie nur sanft berührte.

„Geh hinein, Bursche, und spüre.“

Es war stockdunkel in diesem Raum. Und sehr bedrückend. All die Gedanken waren gleichzeitig da: Ich bin zu jung. Ich bin zu schwach. Ich bin nicht gut genug. Ich bin doch nur ein kleiner Handwerksgeselle. Ich kann nichts richtig. Und ich fühle mich so hilflos, allein, traurig, heimatlos, …

„Komm heraus und lass alle diese Gedanken im Raum zurück. Sie sind nicht deine!“

Und als er über die Schwelle zurück ins Kerzenlicht trat, merkte er, dass die bedrückenden Gedanken hinter ihm zurückblieben. Er konnte frei atmen und sich im Licht der Kerze wahrnehmen.

„Was war das?“ fragte er. Und der alte Mann antwortete: „Das ist der Raum der Überzeugungen, die zurückgelassen werden können.“

„Dann möchte ich, glaube ich, die restlichen Räume doch lieber nicht kennen lernen.“

„Du würdest dich um den Reichtum dieses Gebäudes bringen, wenn du jetzt deiner Unsicherheit zum Opfer fällst. Geh zum nächsten Raum und spüre!“

Auch der Raum hinter der zweiten Türe war stockfinster. Er stellte sich hin, wo er die Mitte vermutete und spürte. Die Gedanken kamen: Was, wenn ich mich täusche. Was, wenn ich Dinge denke, die gar nicht stimmen. Was, wenn alle meine Überzeugungen falsch sind. Wenn ich vielleicht gar nicht zu schwächlich wäre – in Anbetracht der langen Reise, die ich schon zurückgelegt hatte. Und wenn ich nicht zu jung und zu dumm wäre…

„Komm heraus und lass alle diese Gedanken im Raum zurück. Sie gehören nicht zu dir!“

Und wieder blieben alle diese Gedanken hinter der Schwelle des Raumes. Er fühlte sich beim Anblick der Kerze wie befreit.

„Sagt, Herr, was war das?“

„Das ist der Raum des Zweifels. Jeder Gedanke hat mehr als eine Seite, und du hast gespürt, dass du ihn jederzeit neu denken kannst. Und nun tritt in den nächsten Raum ein und spüre.“

Der Raum hinter der Türe, die dem Eingang genau gegenüber lag, fühlte sich ein wenig größer an. Und obwohl er in völliger Dunkelheit lag, war spürbar, dass darin große Gegenstände standen. Der Bursche stieß sich an einem hohen Sockel und merkte, dass darauf eine eigenartige Statue stand – viel größer als er und sehr fein behauen. Er spürte, dass hier viele Menschen vor ihm waren und dass von dem Raum eine Schwere und zugleich eine Leichtigkeit ausging, die ihn erfasste.

„Komm heraus. Das ist nicht für dich. Es ist noch nicht Zeit.“

Und im Licht der Kerze, die im Zentrum des Gebäudes leuchtete, fühlte der Bursche, dass in diesen Räumen Wissen zu finden war, das man nicht sehen und nicht hören konnte.

„Das war der Raum des Loslassens, nicht wahr, Herr?“

„Wenn er das für dich ist, wird er das für dich sein, Bursche.“

„Aber Herr, sagt, was kommt danach?“

„Tritt ein und spüre.“

Der Raum hinter der nächsten Türe hatte einen zarten Glanz, den man nicht sehen sondern nur erahnen konnte. Was darin war, war wahr. Und der Bursche strengte sich über alle Maßen an, um den Gedanken zu erkennen, den er hier denken sollte. Doch in seinem Kopf war – nichts.

„Komm heraus. Du kannst nichts erzwingen. Und du bist nicht bereit.“

Enttäuscht kam der Bursche zurück in die Mitte. Es war so angenehm in dem Raum gewesen. Und doch war alles Bemühen umsonst – kein einziger Gedanke kam über ihn.

„Warum konnte ich diesmal nichts erkennen?“

„Das war der Raum der neuen Überzeugung. Sie wartet dort auf dich und du wirst sie bald bekommen.“

„Und der nächste Raum?“

„Finde es heraus.“

Die Türe glitt mühelos auf und der Bursche spürte die Sicherheit, die dort auf ihn wartete: Jeden Tag geht die Sonne auf und wieder unter. Regen fällt vom Himmel zur Erde. Im Frühjahr ist die Aussaat um im Herbst die Ernte. Das Senkblei ist hundertprozentig senkrecht und der Meißel ist das Werkzeug des Steinmetz.

„Komm heraus. Es ist nicht deine Überzeugung. Noch nicht.“

„Aber es war schön dort. Was ist der Name dieses Raumes?“

„Er hat keinen Namen. Doch er enthält das, was absolut und unumstößlich wahr ist. Für dich.“

„Es war schön dort.“

Der alte Mann schmunzelte – es war deutlich zu sehen im Kerzenlicht, aber auch deutlich in seiner Stimme zu hören: „Du hast noch eine große Erkenntnis vor dir. Und nun geh. Für heute hast du alles entdeckt, was es für dich zu entdecken gibt. Geh nach draußen.“

Und als der Bursche durch die Türe trat, durch die er gekommen war, da lag dahinter das weite Land, das Meer und darüber spannte sich ein vom Morgenrot glühender Himmel, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Er blieb auf der Treppe stehen und betrachtete atemlos die Weite der Welt um ihn herum. Und staunte.

An diesem Tag gelang ihm alles. Er fand einen Steinmetz-Meister, der ihn in seine Werkstatt aufnahm und ihm die Möglichkeit gab, an einem bedeutsamen Auftrag mitzuwirken. Er fand eine Herberge, die fast ein wenig wie Zuhause war. Und dort wohnte neben den Wirtsleuten auch deren Tochter, die er auf den ersten Blick gut leiden konnte. Er hatte zu Essen, zu Trinken – und er hatte den Tag über ein tiefes, volles Gefühl der Dankbarkeit in sich.

Nach ein paar Tagen bat er seinen Meister, ob er wohl nach dem Feierabend die Werkstatt benützen dürfte, um eine Statuette für sich selbst zu fertigen. Und der Meister erlaubte es nicht nur, er schenkte ihm auch einen wundervollen Marmorblock, der bei der großen Statue als Abfall übriggeblieben war.

Er wusste nicht, was er aus dem wertvollen Material anfertigen würde. Und auch nicht, warum.
Ohne Vorskizze, ohne eine genaue Idee fing er an, vorsichtig den Marmorblock zu beklopfen. Und zu enthüllen, was darin verborgen war.

Abend für abend benutzte er die feinsten Werkzeuge, um das Geheimnis im Marmor zu erkennen. Und nach vielen Abenden wusste er, dass es fertig war.

Oh, er war nicht zufrieden damit. Es war nichts erkennbar – keine Menschengestalt, kein Tier, nicht einmal ein Ornament. Und es war auch nicht richtig rund und nicht richtig eckig geworden. Ein Stück Stein – unperfekter als im unbearbeiteten Zustand. Auch hatte er es nicht so richtig polieren können, denn als er soweit war, war der Schleifstaub ausgegangen. Und deshalb hatte es nur ein paar unförmig glänzende Stellen und ganz viel rauhe Oberflächen. Alle Spuren der Werkzeuge waren sichtbar.
Er versteckte sein „Werk“ vor dem Meister und den Kollegen. Was hätten die gelacht, wenn sie gewusst hätten, dass er all seine Freizeit dafür verschwendet hatte, dieses Stück Stein freizulegen, das nicht schöner war als ein lächerlicher Flusskiesel.

Am nächsten Tag stand er lange vor Sonnenaufgang mit seinem Marmor-Stück vor der runden Kapelle. Er wusste nicht, was er dort wollte – aber ebenso, wie er sich beim Erstellen seines Werkstückes führen ließ, ohne es recht zu wissen, wurde er auch hierher geführt.

Der alte Mann hielt ihm die Türe auf und wies auf den ersten Raum, den Raum der Überzeugungen, die zurückgelassen werden können.

Der Steinmetzgeselle stellte sich in die Mitte und spürte alle seine Überzeugungen über sich und die Welt um ihn herum, während er seine unvollkommene Statuette mit beiden Händen ganz fest hielt. Er wurde so schwach dabei, dass ihm der Marmor polternd aus den Händen fiel und er selbst langsam ebenfalls zu Boden sank. Immer schwächer wurde er, bis endlich der alte Mann eintrat, die dicke Kerze in der Hand. In ihrem Schein sah der Bursche einen riesigen Jutesack neben einer Türe stehen, die direkt in den nächsten Raum führen würde, in den Raum des Zweifels.

Der alte Mann ging voran und stellte die Kerze in die Mitte. „Nimm deinen Stein und deinen Sack voll Überzeugungen und komm.“

Der Bursche war so geschwächt von all den Gedanken, die ihn überfallen hatten, dass er kaum den Marmor festhalten konnte. Den Sack konnte er keinen Millimeter anheben, und so schob er ihn mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, ins Zentrum des zweiten Raumes zu der Stelle, an der die Kerze stand.

Es tat gut, in diesem Raum zu sein, wo jeder Gedanke auch eine andere Seite hatte. Was, wenn alles, was im ersten Raum die erdrückende Wahrheit war, doch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet anders wäre. Was wäre, wenn es mehr als eine Wahrheit gäbe – und dahinter noch weitere Wahrheiten, die alles stimmen können…

„Pack deinen Sack aus und sieh dir alles im Licht der Kerze genau an.“

Oh, da waren ein paar schlimme, bedrückende Gedanken dabei. Und manche Überzeugung, die zum ersten Mal ans Licht kam. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle kamen heraus. Und mancher unterdrückte Schmerz.

Wenn sie eine Weile im Licht waren, wurden sie kleiner. Doch, merkwürdig, bei manchen, die besonders bewegend waren, wurde das Marmorobjekt ein wenig größer. Manchmal wurde eine Stelle matter, manchmal glänzender… Manche Kanten wurden klarer, manche Rundungen weicher…
Aber vielleicht sah das auch nur im Kerzenlicht so aus. Wer weiß…

Schließlich war der Sack leer. Alles war vom Licht beschienen worden, nichts war mehr verborgen.

Vieles war im Raum des Zweifels in einem neuen Licht erschienen. Manches entzog sich dem Zweifel – gar zu fest war der Glaube.

„Nimm das Objekt deiner Oberzeugungen und komm.“

Der Bursche nahm seinen Marmor – schwer war er geworden und irgendwie fremd – und trug ihn durch die Verbindungstüre in den nächsten Raum, in dem sich schon viele Objekte auf den verschiedenen Sockeln befanden. Verschiedenste Säulen warteten noch darauf, von einem Gegenstand geschmückt zu werden. Wie ein Museum voller Kunstobjekte sah der Raum im Licht der Kerze aus.

Der alte Mann ging herum und zündete weitere Lichter an, während der Bursche staunend zwischen den Ausstellungsstücken umherging. So unterschiedlich waren die Objekte – sie waren alle aus vollem Herzen geschaffen worden.

„Was steckt in deinem Marmor?“

„Herr, ich weiß es nicht. Es ist alles, was ich in diesen langen Abenden in der Werkstatt war. Und alles, was in dem Steinblock versteckt war. Und noch so viel mehr… – Herr, verzeiht mir, aber ich kann die Frage nicht beantworten.“

„Brauchst du es weiterhin?“

„Ich weiß es nicht. Es ist mein Werk – auch wenn ich es nicht leiden kann. Es steckt manches darin, was wertvoll ist. Und manches, was ich wirklich nicht mehr brauche. Ich kann nicht entscheiden, ob es wertvoll oder unbrauchbar ist. – Herr, ich verstehe das alles nicht. Hier stehen so viele Objekte, und ich finde alle schön, auf ihre unvollkommene Weise. Nur meines fühlt sich so falsch und unfertig an…
Ich möchte jetzt gehen, denn ich schäme mich mit meinem Werk in diesem Museum zu sein.“

„Kannst du es auf einen Sockel stellen, ins Licht, bevor du gehst?“

Der Bursche zögerte. Lange. Es kam ihm vor, als ob Stunden vergingen. Dann antwortete er ganz leise:

„Ich könnte es versuchen.“

Und er ging zu einer schlanken, eleganten Säule, und stellte seinen Stein ab.

„Nein, das geht nicht.“

„Dann versuch es weiter.“

Von einer Säule, einem Sockel, ging er zum nächsten. Mit jedem neuen Versuch spürte er besser, wie die Basis seines Werkes beschaffen sein sollte. Und schließlich fand sein Werk den richtigen Platz.

Er konnte es auf diesem Sockel ansehen und die Schönheit erkennen, die er in all den anderen unvollkommenen Werken längst entdeckt hatte. Und es war genau richtig.

„Nun kannst du in den nächsten Raum gehen.“

Der Bursche wollte sein Objekt, das er nun endlich mögen konnte, mitnehmen.

„Lass es hier, es hat seinen Platz gefunden. Nun wird es Zeit, dass du in den Raum der neuen Überzeugung gehst. Der alte Stein würde dich nur behindern.“

Als der Bursche durch die nächste Verbindungstüre trat, fühlte er sich unendlich leer und irgendwie nackt. Das leichte Strahlen des Raumes war wieder da – und obwohl der alte Mann die Kerze diesmal nicht mitgebracht hatte, war es hier nicht dunkel, sondern genau so, wie es sein sollte.

Es gab wie beim ersten Besuch in diesem Raum keinen Gedanken. Und so setzte sich der Junge ins Zentrum und genoss es, einfach da zu sein.

Und ohne dass er sich besinnen musste, war da dieses Gefühl: Ich bin genau richtig, wie ich bin. Der Moment ist vollkommen, wie er ist. Was ich in diesem Moment kann ist genau das, was ich in diesem Moment brauche.

Und weil er ihnen erlaubte, einfach da zu sein, wurden die Gefühle immer mehr zu seinen. Je mehr er sie ziehen ließ, desto tiefer fühlte er sie.

Als er schließlich nach einer langen stillen Zeit aufstand, öffnete er den Durchgang zum Raum der absoluten Überzeugung, in dem er spürte: Er war erwachsen geworden.

Ganz aufrecht stand er da in der Mitte, während er all seine eigenen absoluten Überzeugungen und den festen Glauben aller anderen Menschen erlebte.

Lange stand er da.

Und schließlich öffnete er die letzte Türe und trat nach draußen in den Säulengang, der im hellsten Sonnenlicht lag, hin zu der Treppe, über die er zuvor gekommen war.

Er setzte sich neben den alten Mann, der dort wartete, und schwieg lange. Gemeinsam schauten sie in die Ferne.

Schließlich spürte Matthias in sich eine Frage.

„Warum finden nicht alle Menschen hierher?“

„Es ist nicht immer der rechte Moment.“

„Und ich…?“

„Lasst mich euch ein paar Fragen stellen, junger Herr…“

„Fragt, weiser alter Mann.“

„Was nehmt ihr mit, wenn ihr nun von hier in die Welt geht?“

„Ein weites Herz mit viel Raum für Erkenntnisse jenseits der alten Überzeugungen. Und das Wissen, dass meine Wahrheit nicht jedermanns Wahrheit ist. Und eine Weisheit… Verzeiht Herr, das soll nicht respektlos sein… Eine Weisheit, die mir helfen wird, meine Überzeugungen nie als unabänderlich zu sehen – und die Wahrheit der Anderen nie als falsch.“

„Das ist nicht respektlos. Das ist weise.“

Und nachdem der weise alte Mann lange nichts weiter gesagt hatte, fragte er den jungen Mann:

„Was werdet ihr mit eurer Weisheit anfangen, um sie zum Nutzen einzusetzen?“

„Ich werde meine Reise fortsetzen. Noch liegen mehr als zweieinhalb Wanderjahre vor mir – und ich werde unzählige Menschen treffen, die ich noch nicht kannte. Jeder wir mein Lehrer sein.
Wenn dann die Wanderschaft zu Ende ist, werde ich in mein Heimatland gehen und mir dort meinen eigenen Platz suchen. Denn ich bin mehr als das Kind meiner Eltern, mehr als der Schüler meiner Lehrer und mehr als der Lehrling meines Meisters geworden.
Und ich werde meine ganz eigenen Überzeugungen leben. Wenn ich jemals einen Sohn haben werde, soll er durch mich erfahren, was ich durch euch erfahren habe, weiser Herr.“

„Junger Herr, ihr wisst, dass euere alten Überzeugungen hier einen Raum gefunden haben, in dem sie in Schönheit bestehen bleiben. Ihr braucht keinen Tempel, keine Kapelle und kein Museum, um einen Glauben zu verabschieden, der unbedeutend geworden ist.
Geht jeden Schritt eurer weiteren Reise in dem Bewusstsein, dass ihr immer ein Stück Weg zurücklasst, um voranzukommen.
Ihr werdet eine gute Reise haben. Lebt wohl und glücklich, junger Herr.“

​Read More
Coaching-Geschichten

Wie sind die Leute denn so…?

Es saß einmal ein alter Mann draußen vor der Stadt.
Da trat ein Fremder auf ihn zu.
„Wie sind die Menschen hier in der Stadt?“ fragte der Fremde.
„Wie waren sie denn dort, wo du zuletzt gewesen bist?“
entgegnete der Alte.
„Wunderbar. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.
Sie waren freundlich und großzügig und immer hilfsbereit.“
„So werden sie hier wohl auch sein.“

Wie sind die Leute denn so?

Ein anderer Fremder kam zu dem Alten.
„Wie sind die Menschen hier in der Stadt?“ fragte er.
„Wie waren sie denn dort, wo du zuletzt gewesen bist?“
lautete die Gegenfrage des Alten.
„Schrecklich. Sie waren gemein, unfreundlich, keiner half dem anderen.“
„So, fürchte ich, werden sie auch hier sein.“

Aesop

​Read More
Coaching-Geschichten

Die Clownin Sophie – zum Anhören

Die Geschichte von der Clownin Sophie ist seit Monaten der meistgeklickte Beitrag hier im Stille-Stärken-Blog. Darüber freue ich mich riesig!

Und weil ich Sophies Geschichte über den Erfolg selbst sehr gerne mag, habe ich sie nun auch in einer Hörversion als mp3 aufgenommen.

Ich freue mich, wenn du den Text so noch besser genießen kannst.

Bitte beachte:

Die Geschichte führt dich in eine leichte Trance. Die Aufnahme eignet sich nicht zum Anhören während du Auto fährst, anderweitig am Straßenverkehr teilnimmst oder dich mit etwas beschäftigst, das deine volle Konzentration erfordert.

Am besten nimmst du dir eine halbe Stunde Zeit, in der du ungestört die Augen schließen und ganz entspannt zuhören kannst.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
​Read More
Coaching-Geschichten

Das Ichsemich

Es gibt da eine junge Frau.
Nennen wir sie Lisa.

Lisa denkt sich oft: „Ich möchte so sein, wie alle anderen. Dann würde ich keinem auffallen, weil ich zu still bin. Und ich wüsste immer etwas zu sagen, wenn ich etwas sagen möchte. Wenn ich so wäre, wie alle anderen, dann wäre alles ganz einfach...
Schließlich ist es ja bei den anderen auch einfach.
Könnt‘ ich doch nur so sein, wie ‚man‘ eben so ist. Ach, wenn ich doch wäre wie ‚man‘ ist… Seufz… Normal halt…“

Wenn Lisa an das denkt, was sie macht, dann klingt das ungefähr so:
„Warum hast du schon wieder…?“
„Immer machst du…!“
„Wenn du nicht so … wärst, dann könntest du…!“
„Was machst du denn jetzt schon wieder für einen Mist???“
„Immer DU! Wenn du nur anders wärst und nicht wie Lisa, dann würde es dir besser gehen.“

Lisa geht selten raus. Sie hat das Gefühl, sie gehört da nicht hin.
Aber heute – ja, heute hat sie das Bedürfnis, zu laufen. Weg von diesem ganzen Gedankenterror. Heute muss sie mal raus. 

Sie geht in ein nahes Waldstück. Dort macht sie ab und zu einsame Spaziergänge – um mal in Ruhe nachzudenken.
Sie läuft in ihre Gedanken vertieft den Weg entlang, den sie immer nimmt.

„Jetzt bist du schon wieder ganz allein unterwegs. Du solltest doch unter Leute gehen. Das ist nicht normal, immer allein zu sein. Du bist ja wirklich viel zu oft für dich. Die Leute haben völlig recht: Du musst mehr unter Menschen. Du lernst ja sonst nie, weniger still zu sein. Wie soll das denn weitergehen – also so jedenfalls nicht! Du MUSST endlich so werden, wie die normalen Leute: Du musst viele Freunde haben und dich jeden Tag mit ihnen treffen. Du musst vor allem immer einen Spruch parat haben, damit du schnell im Mittelpunkt stehst – am besten in einer ganz großen Gruppe. Du musst dann natürlich auch ganz viele interessante Geschichten zu erzählen haben. Aber dazu müsstest du ja erst einmal etwas richtig spannendes…“

„Ich Ichsemich!“

Vor Lisas Füßen ist plötzlich ein kleines Mädchen.
Keine Ahnung, wo die mitten im Wald hergekommen ist.

Das kleine Ding steht mit einem breiten Grinsen vor Lisa und scheint von Kopf bis Fuß in Bewegung zu sein. Das sommersprossige Gesicht und die strubbeligen Haare geben ihm ein trolliges Aussehen. Und die gute Laune, die von ihm ausgeht, überflutet Lisa buchstäblich.

Lisa antwortet nach kurzem Überlegen – vor Überraschung und Schreck ist ihr Hirn leergefegt – mit einem „Häh!?“ und sieht dabei mit Sicherheit alles andere als intelligent aus.

„Ich Ichsemich!“ grinst es ihr nochmal lauter entgegen.

„Du heißt ‚Ichsemich‘? Was ist das denn für ein Name???“

Das kleine Trollmädchen – man kann es gar nicht anders nennen – lacht sich schlapp. Es lacht und lacht und lacht, so ansteckend, dass es irgendwas in Lisa drin bewegt. Aber sie bleibt trotzdem ernst und kurz angebunden, denn sie lässt sich schließlich nicht von jedem in ein Gespräch verwickeln. Schon gar nicht mitten im Wald.

„Neeee!“ gluckst es. „Ich – ichse – mich!“

„Du Xst dich???“ Stirnrunzeln.

„Du bist echt witzig. Hihihihi.“

Okaaaay. Das hatte in letzter Zeit keiner behauptet…

„Aaalso: Du sagst die ganze Zeit DU zu dir, oder? Also DUZT du dich. Ist doch logisch. –
Ich ICHSE mich. Auch logisch.“

„Du meinst also, du denkst an dich selbst als ICH. Und nicht so wie ich als DU. Richtig?“

Das Grinsen wird so breit, dass es nur noch von den Ohren gestoppt wird.

„Aha. Und was macht das für einen Unterschied?“

„Wenn ich mich ICHSE, dann rede ich viel netter mit mir. Ist doch auch viel persönlicher. –
Ich DUZE mich nur ganz selten. Und zwar dann, wenn ich richtig richtig böse auf mich bin. –
Also eigentlich nie.“
Das Trollchen dreht sich um seine eigene Achse und lacht wieder.

Lisa denkt nach.

„Dreh dich doch auch mal rum. Das macht viel mehr Spaß als dein Gegrübel!“

„Du spinnst doch.“

Das Grinsen wird herausfordernd. Sie ist einfach knuffig, die Kleine.

„Du willst was zum Grübeln? Dann frag dich doch mal, warum du alle Menschen dauernd MANST. ‚Man müsste mal dies. Man sollte mal jenes. Wenn man nur endlich mal sonstwas würde…‘ Du MANST ja wirklich alles und jedes – dich selbst eingeschlossen!“

„Hmmmm…!?“

„Ich finde ja, IHREN ist menschlich.“

„Häh??? ‚Tschuldige, ich glaube, jetzt bin ich raus. –
Ich gebe ja zu dass ich mich dauernd duze und dabei nicht besonders nett zu mir bin. –
Und ich kann auch nachvollziehen, was du meinst, wenn du sagst, dass ich alle Welt und mich selber mit ‚man‘ bezeichne. –
Aber was ist jetzt bitteschön an ‚IHR‘ besser als an ‚MAN‘?“

Es sieht aus, als ob die Kleine auf und ab hopst. Dabei steht sie fest auf dem Weg, während der ganze kleine Körper in Bewegung ist. Sie wirkt ganz aufgedreht und quiekt: „Man, du bist aber gar nicht schlau! Das ist doch soooo klar: Wenn du alle MANST, meinst du in Wirklichkeit keinen. Beim IHREN meinst du viele – und zwar persönlich.“

„Ah ja…???“

„Dann gibt’s natürlich auch noch das DUZEN.“

„Ich dachte, duzen soll ich nicht.“

Jetzt springt die Kleine tatsächlich auf und ab und wirkt ein wenig angenervt:
„Bist du so erwachsen, oder tust du nur so? Du sollst DICH nicht mit negativem Dauerdenken duzen. Wenn – und zwar nur wenn – du ein einem Gespräch mit jemandem bist, dann wirst du ihn logischerweise DUZEN und dich ICHSEN und niemanden MANEN oder IHREN. Verstanden?“

„Du, lass es mich lieber nochmal zusammenfassen…“

Das weckt wieder das Grinsen und Hopsen vom Trollmädchen: „Ja, mach mal!“

„Ich spreche also über mich und nicht über ‚man‘.
Und ich spreche mit dir und nicht mit ‚jemand‘“

Trollige Doppelpirouette.

„Und ich denke über mich… Ja, wie denke ich denn am besten?“

„Am besten denkst du nur nett. Wenn du immer voller Liebe und Selbstachtung denkst, dann ist es wumsegal, wie du dich anredest. –
Aber bis du das richtig gut kannst habe ich noch eine andere Idee:
Probier doch mal das SIEZEN!“

„Siezen!? So wie: ‚Sie, Frau Lisa, warum haben SIE schon wieder…?'“

Trollmädchen lacht sich schlapp.

Lisa lacht unweigerlich mit. „Das klingt aber jetzt schon ganz schön blöd.“

„Probier’s nochmal. Das ist urkomisch. Probier am besten alle deine Selbstbeurteilungs-Lieblingssätze aus…! Los, mach!!!“
„Frau Lisa. Immer machen SIE…!“
„Frau Lisa, was war denn das jetzt schon wieder für ein Mist???“
„Frau Lisa möchte so sein, wie all die anderen um SIE herum. Dann würde SIE nicht auffallen, wenn SIE so still ist. Und SIE wüsste immer etwas zu sagen, wenn SIE etwas sagen möchte. Wenn SIE so wäre, wie alle anderen, dann wäre alles ganz einfach…“

Lisa sieht sich um. „Trollmädchen, wo bist du denn hin?“
Und dann hört sie das Lied, das zwischen den Bäumen heraus klingt:

ICHSEMICH kann ganz toll singen
und dabei durch’s Dickicht springen.
ICHSEMICH sucht neue „DUSCHONWIEDER“
denn alle brauchen „ICHSEMICH-Lieder“.


Eine wilde Geschichte, die mir da heute eingefallen ist. ​

Das Ichsen als Alternative zum Duzen habe ich vor kurzem in einer Podcastfolge des NLP-fresh-up-Podcast (ab 5:25) zum ersten Mal gehört. Und wie man sieht, hat es meine Phantasie ziemlich angeregt – seitdem passe ich ziemlich gut auf, wie ich in Gedanken mit mir rede.

Und du?
Duzt du dich, wenn du dich lobst.
Oder ichst du dich?
Und wie ist das, wenn du dich mit Selbstanschuldigungen beschäftigst?
„Manst“ du alle anderen einschließlich dir selbst?
Wie wäre es, wenn du dich bei selbstkritischen Gedanken siezen würdest???

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
​Read More
Coaching-Geschichten

Mal ne Frage

Ich mag gute Fragen.

Wenn ich auf eine Frage stoße, die mich zum Nachdenken bringt, setze ich mich mit Stift und Papier hin und notiere kreuz und quer alles, was mir dazu einfällt. Für mich erhöht das Schreiben (oder eher Kritzeln) mit der Hand enorm das Verständnis für meine eigenen Gedanken.

Heute hat mich folgende Frage dazu gebracht, ein ganzes Blatt komplett vollzuschreiben:

Zu welcher deiner Stärken hast du am wenigsten beigetragen?

Notiz

So hat das dann ausgesehen...

Und du? Was für Antworten findest du auf diese Frage?

Vielleicht denkst du jetzt, du hättest gar keine richtigen Stärken…

Ganz ehrlich... Das glaube ich dir nicht!

Aber wenn es dir schwer fällt, deine Stärken bei dir selbst zu sehen, dann überleg doch mal, welche deiner Schwächen eine verborgene Stärke sein könnte.

Zum Beispiel sitze ich gerne am Schreibtisch und kritzle Antworten auf Zettel, wenn ich eine gute Frage entdecke. Früher hätte ich mich als „Stubenhockerin“ und „Langweilerin, die mehr unter die Leute gehen sollte“ und als „Faulenzerin“ bezeichnet…
Heute nenne ich es „Bloggerin“. 🙂

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

PS: Bestimmt fragst du dich jetzt, welche meiner Stärken in punkto Leichtigkeit für mich das Rennen gemacht hat.
„Müheloses Lernen“ ist eine Stärke, für die ich wirklich nie etwas getan habe.
Wobei sie sich erst so richtig entwickelt hat, seit ich mir zugestehe, dass mir Wissen sammeln leicht fallen und Spaß machen darf.

​Read More
Coaching-Geschichten

Eine Clown-Geschichte

​Eine liebe Freundin hat mich vor einer Weile gebeten, für sie eine Geschichte zu schreiben, die ihr hilft, mit mehr Selbstbewusstsein ihre Stärken zu leben. Denn sie hatte große Zweifel daran, dass sie genug Erfolg hat mit dem, was sie gut kann und gerne macht.

So ist die folgende Geschichte entstanden – eine Geschichte über Stärken, die wir bei uns selbst oft nicht erkennen und schon gar nicht zu schätzen wissen.

Wenn es du auch glaubst, zu wenig zu können und zu erreichen, dann möchte ich dir die Clownin Sophie vorstellen…

Sophie, die Clownin

Sophie ist unzufrieden. Sie spürt es, wenn sie in ihren Bauch hineinspürt. Es geht so nicht weiter. Es fühlt sich falsch an. Und die Leute haben es ja schon immer gesagt: So funktioniert es nicht. Das hat keine Zukunft.

Wenn Sophie in der Manege steht, dann ist sie Clownin aus vollem Herzen und tiefster Seele. Sie liebt den Geruch des Zirkuszeltes. Sie liebt die lustige Zirkusmusik, die in ihren Auftritt hineinspielt. Sie steht gerne in der Mitte, das Publikum um sich herum. Und sie liebt es, mit jedem einzelnen Besucher zu spielen: Seine Gefühle zu verwandeln, seine Stimmung zu heben, ein breites Lächen in sein Gesicht zu zaubern.

Sophie liebt es, Clownin zu sein. Und dennoch hat sich eine Traurigkeit in ihr lachendes Clowngesicht geschlichen. Vor manchem Auftritt ist sie versucht, sich eine Träne in die freundliche Maske zu schminken. Und immer öfter möchte sie die Mundwinkel nach unten malen. Statt des lustig bunten Kostüms hat sie dann den langen schwarzen Mantel in der Hand, der bis zu ihren großen alten Clownschuhen hinunter reicht und alles Bunte an ihrem Clown-Kostüm überdeckt.

Früher… Ja, früher war es einfacher. Da kamen die Leute gerne in den Zirkus. Sie hatten Sophies lachendes Clownsgesicht auf den Plakaten gesehen und freuten sich schon lange vorher darauf, dass bald das Zelt aufgeschlagen werden würde. Die Kinder kamen, um die Zirkustiere zu streicheln und die Eltern kamen, um den Kindern eine Freude zu machen. Und Sophie lief schon lange vor der Vorstellung als lustiger Clown vor dem Zelt herum und spielte mit den Kindern, mit den Eltern. Einfach mit jedem, der vorbeikam.

Heute gibt es nicht mehr so viele Tiere. Der Zirkus ist „in wirtschaftliche Schieflage geraten“, wie es der Steuerberater immer öfter nennt. Der Chef der großen Zirkusfamilie wirkt unzufrieden, manchmal richtig aggressiv. Sophie versteht das gut, denn es wird immer schwieriger, das Futter für die Tiere zu bezahlen. Allein die Kosten für das Frühstück des Elefanten… So viel Geld hatte Sophie bestimmt überhaupt noch nie besessen.

Der Löwe ging schon vor Jahren zu einem anderen Zirkus. Viel zu schwierig, als kleiner Zirkus so eine riesige Katze zu halten. Der Elefant wird in ein paar Tagen abgeholt. Dann wird eine Ziege, die rechnen kann, die neue Hauptattraktion werden. Und Sophie soll ihre Clownnummer daran anschließen und die Stimmung wieder herumreißen, wenn die Leute von der rechnenden Ziege wieder einmal enttäuscht sind, weil sie sich halt manchmal ziemlich schwer tut mit der Konzentration.

Das alles macht Sophie traurig. Doch der Zirkusdirektor mag keine traurigen Clowns. Dafür hat er Sophie nicht in seinen Zirkus geholt. Sophie soll die Augen der Besucher zum leuchten bringen. Sie müssen so begeistert sein, dass sie nicht nur immer wieder kommen, wenn der Zirkus in ihre Stadt kommt. Sie sollen auch noch alle ihre Freunde überzeugen. Für eine richtig gute Clownin ist das doch wohl gar kein Problem…

Sophie möchte nicht länger der Zirkusfamilie auf der Tasche liegen. Auch wenn sie nur wenig Lohn für sich beansprucht, ist sie wohl ihre Bezahlung nicht mehr wert. Sie findet, dass es sich nicht gehört, als traurige Clownin ein Gehalt zu beanspruchen.

Als sie eine junge Clownin war, da träumte sie von Paris, vom Varietè. Einmal war sie dort gewesen – als Zuschauerin. Und was gab es da nicht für wundervolle Clowns: Einen Jonglier-Clown, einen Seifenblasen-Clown, einen wundervoll melancholischen Weißclown mit Geige, einen lustigen Harlekin voller wilder Ideen, eine majestätische Ballett-Clownin und einen grinsenden Clown mit glänzenden Augen und einer riesigen hingeschminkten Träne – mit einem lachenden und einem weinenden Auge und ganz viel Humor.

Die Erinnerung ließ sie nicht mehr los. So viele Clowns. Im Varietè ist alles möglich. Da gibt es Clowns aller Art. Und gut bezahlt werden sie auch. Das Gehalt ist sicher, regelmäßig und höher als die höchste Gage, die Sophie jemals gesehen hat.

So reist Sophie nach Paris. Meine Güte, ist die Stadt riesig. Und das Varieté-Gebäude ist ein enormes Gebäude – wie eine große Fabrikhalle mit vielen Parkplätzen drumherum und mit vielen Zäunen und Wachposten. Als Sophie einen Wachmann nach dem Direktor fragt, wird sie weggescheucht. Sie soll erst einmal telefonisch einen Termin mit der Engagement-Abteilung vereinbaren. Aber sie braucht sich keine Hoffnungen zu machen: Beim letzten Clown-Casting waren 1.200 Bewerber da. Und am Ende wurde keiner genommen – für ein Pariser Varietè wird schließlich nicht irgendein Clown vom Wanderzirkus eingestellt.

Dann schaut der Wachmann Sophie in ihrem Wanderzirkus-Kostüm nochmal von Kopf bis Fuß an, schüttelt den Kopf und wendet sich ab.

Sophie sucht eine Telefonzelle – gar nicht so einfach in der riesigen fremden Stadt. Als sie schließlich ein Münztelefon findet, das nicht demoliert wurde, fischt sie ihre letzten Münzen aus der Clown-Jacke und ruft die Varietè-Nummer an. Doch noch bevor sie der Telefonzentralen-Mitarbeiterin erklärt hat, was sie möchte und wen sie braucht, sind ihre Münzen alle durchgefallen.

Keine Münzen, kein Termin mit der Engagement-Abteilung, keine Arbeit, kein Abendessen…

Sophie sitzt auf dem Bordstein neben der Telefonzelle in einem tristen Vorort von Paris und weint. Zum ersten Mal, seit sie Clownin geworden war, weint sie große traurige Tränen. Sie weint, weil sie nicht weiß, was sie tun soll. Sie weint um alle Träume, die großen vom Varietè und die kleinen von der Zirkusfamilie. Sie weint um den Elefanten, für den man das Frühstück nicht mehr zahlen konnte. Und um den Löwen, der zu kompliziert zu halten war. Und um die Ziege, die sich bei jeder zweiten Rechenaufgabe geirrt hat. Und um die lieben Menschen, mit denen sie viele Jahre durch die Welt gezogen war. Und um das kleine runde Zirkuszelt, in dem sie so gerne zu lustiger Zirkusmusik als lustiger Clown ihr kleines Publikum glücklich gemacht hat. Und zuetzt weinte sie um sich selbst…

Als sie nach langer Zeit aufblickte, da standen ein paar Kinder um sie herum. Kinder mit schmutzigen Kleidern. Kinder mit traurigen Gesichtern. Kinder mit verschiedenen Hautfarben und unterschiedlichen Sprachen. Und ein kleines Mädchen mit dunklen ernsten Augen setzte sich stumm neben Sophie.

Da zaubert Sophie eine kleine rote Blume aus ihrer Clown-Jacke, schnuppert daran, scheucht eine imaginäre Biene von der Blüte – und plötzlich piekst die Biene Sophie in den Hintern, so dass sie aufspringt und über ihre großen Schuhe stolpert und während sie vor der Biene flüchtet, die herumstehenden Kinder in einen wilden Tanz mitreißt, bis alle vor Lachen nicht mehr können.

Sophie schenkt die Blume mit einer großen Clowngeste dem Mädchen mit den ernsten Augen. Und sie bekommt dafür einen scheuen Blick aus großen, strahlenden Augen.

Sophie macht sich auf den Weg in die Stadt. Und wo immer sie eine Gruppe Vorstadt-Kinder trifft, spielt sie spontan den Clown und weckt das glückliche Glänzen in ihren Augen. Sie hat ja nichts besseres zu tun.

Mitten in Paris trifft sie auf die unterschiedlichsten Straßenkünstler. Wenn ihr eine Musik gefällt, dann tanzt sie dazu einen lustigen Clown-Tanz. Zur Musik eines alten russischen Stehgeigers fällt ihr eine melancholische Seifenblasen-Einlage ein. Bei den lebendigen Statuen ist ihr liebstes Spiel, so lange lustige Pantomime aufzuführen, bis sich die Statue vor Lachen nicht mehr halten kann. Und mit den Pflaster-Malern unterhält sie sich einfach gerne, bis die Leute stehen bleiben und gucken, warum die Clownin im Schneidersitz neben dem Maler und seinem Gemälde sitzt.

Sophie fühlt sich glücklich. Sie ist so zufrieden mit all den verschiedenen Clown-Rollen, dass sie lange nicht merkt, wie sie immer mehr Münzen von Passanten bekommt. Erst als die Tasche ihrer alten Clown-Jacke unter dem Gewicht der Geldstücke durchbricht, merkt sie ihren neuen Reichtum.

Sie kauft sich einen wundervoll bunten Clown-Hut und einen großen neuen Flicken für ihre alte Jackentasche. Und dann geht sie wieder auf die Straße, um mit den Leuten zu spielen. Sie spielt und spielt – und jedesmal, wenn sie ihren Hut in die Menge wirft, kommt er voller Münzen und Geldscheine zu ihr zurück.

Sie läuft an einer Telefonzelle vorbei. Und auch an der nächsten.

Ihre unerwarteten Einnahmen investiert sie in Blumen, die sie den vorbeieilenden Büromenschen schenkt. Und in Jonglierbälle, mit denen sie Kinder zum staunen bringt. Und immer wieder in Seifenblasen – denn Seifenblasen machen alle Menschen ein wenig heiterer.

Sophie richtet sich ihr Leben in Paris ein. Sie liebt es, die Stimmung der Menschen zu verwandeln. Mal mit lustigen Späßen und mal mit nachdenklichen Gesten – gerade so, wie sie es in diesem Augenblick für richtig hält. Und die Leute lieben sie dafür, dass sie genau das zeigt, was sie gerade empfindet.

Die meisten Menschen in der Großstadt leben ihrem Alltag, ohne dabei ihre Gefühle zu erkennen. Aber in den Minuten, die sie im Vorübergehen bei Sophie Halt machen, spüren sie ihre tiefe Freude und ihre ehrliche Traurigkeit. Und dann gehen sie weiter und nehmen ein wenig von Sophies Ehrlichkeit mit sich…

Sophie nimmt sich von den vielen Geldstücken genau so viel, wie sie jeden Tag braucht. Und den Rest überlässt sie denen, die weniger haben: Dem blinden Bettler an der Kirchentreppe. Dem russischen Stehgeiger. Dem dillettantischen Studenten, der sie als Clown imitiert und versucht, von ihrem Publikum zu profitieren.

Die Clownin ist so zufrieden, dass es ihr immer schwerer fällt, in melancholischer Stimmung aufzutreten. Nur wenn sie an die Kinder in den Dörfern denkt, vor denen sie früher mit dem Wanderzirkus in dem kleinen runden Zirkuszelt den Clown gespielt hat, dann wird sie traurig.

Sophie fängt an, sich zu sehnen. Erst weiß sie gar nicht, wonach. Aber immer öfter wacht sie morgens auf, nachdem sie von dem kleinen runden Zelt und der Ziege, die sich immerzu verrechnet, geträumt hat. Und dann merkt sie, wie sie auch am Tag melancholischer wird und bei ihrer liebsten Seifenblasen-Nummer in Gedanken beim Wanderzirkus ist…

Es dauert lang, bis sie sich auf den Weg macht. Weg aus Paris, wo sie längst jeder kennt. Durch die Vorstädte, in denen sie für die Kinder spielt, ohne den Hut in die Menge zu werfen. Hinaus auf die Dörfer, wo sie in leeren Rübenhallen und in Dorfschulen jedem eine Freude macht, der kommen mag. Und schließlich findet sie zurück zu ihrem alten Wanderzirkus.

Die Ziege war verkauft worden. Der Star der Vorführungen ist nun eine Katze, die balancieren kann und von einem Podest zum anderen springt. Doch die Zirkusfamilie kann nicht länger das Katzenfutter bezahlen.

Obwohl Sophie begeistert begrüßt wird, liegt über dem ganzen Zirkus eine große Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. So hoffnungslos, dass Sophie einfach losziehen muss, um auf dem Stadtplatz einige Passanten aufzuheitern. Nach den Seifenblasen und den Jonglierbällen kommt die Nummer mit der Blume und der Biene – und weil sie so viel Spaß daran hat, improvisiert sie den ganzen Nachmittag auf der Straße.

Ihr Hut war mehrmals gut gefüllt und so gibt es an diesem Abend im Wanderzirkus ein Festmahl für die Zirkusfamilie und auch für die Katze.

Immer, wenn Sophie der Traurigkeit im Zirkus eine Weile entfliehen will, geht sie zu den Menschen. Mal steht sie am Sonntag auf dem Kirchplatz. Dann besucht sie die Kinder während der Pause in der Schule. Und schließlich wird sie sogar in der großen Firma für den Tag der offenen Tür gebucht.

Das Geld, das sie nicht braucht, überlässt sie der Zirkusfamilie. Sie macht es gern.

Das runde Zelt ist voller Menschen, wenn Sophie auftritt. Der Zirkusdirektor strahlt ins Publikum, wenn die Manege von begeisterten Besuchern umgeben ist. Seine kleine Tochter tanzt einen lustigen Tanz, während Sophie riesige Seifenblasen durch das Zelt schweben lässt. Sogar die Katze hat Lust darauf bekommen, ihre Kunststücke zu zeigen und marschiert auf den Hinterbeinen den Manegenrand entlang…

Sophie ist zuhause angekommen. Sie ist noch glücklicher als in Paris, noch glücklicher als auf ihrer ganzen Wanderschaft. Sie ist so glücklich, dass der Zirkus einen weiteren Clown einstellen muss, weil sie einfach nicht mehr melancholisch sein kann. Das übernimmt nun der strenge Weißclown, der beim Varietè in Paris gelernt hat und dann wegen zu schlechten Applaus-Quoten entlassen wurde.

Sophie hingegen macht alles das, was sie gut kann: Jonglieren und Menschen foppen, auf der Straße Passanten aufheitern und in der Manege das Publikum berühren, in der Zirkusfamilie mithelfen und in stillen Stunden für sich selbst sorgen.

Und vor allem macht sich Sophie keine Sorgen mehr. Denn wenn sie genau das macht, was richtig ist, dann spürt sie es ganz tief in sich drin. Dann breitet sich die Zufriedenheit ganz leise in ihrem Körper aus – von der warmen weichen Stelle in ihrem Bauch ereicht sie ihr Herz, das ruhig und konstant schlägt, und ihre Zehenspitzen in den riesigen alten Clown-Schuhen… Und schließlich steigt die ruhige Zufriedenheit in ihren Kopf hinauf. Dann weiß sie mit absoluter Sicherheit, wie sie jeden einzelnen Zuschauer berühren und glücklich machen kann – und das ist überhaupt das Schönste am Clown-sein.

​Read More
Coaching-Geschichten

Eine Christbaumkugel-Geschichte

Es war einmal eine Christbaumkugel.
Traditionell rot, hoch glänzend, aus hauchdünnem Glas mundgeblasen, schon etliche Jahre im Einsatz… Aber ihre Zerbrechlichkeit findet sie immer wieder belastend.

Wir Menschen würden vielleicht sagen, sie ist sensibel. Zu sensibel für ihren Job.

Und doch ist sie nun mal Christbaumkugel – was sollte sie also anderes machen, als alle Jahre wieder einen Baum zu schmücken…? 

Früher lebte sie bei Oma das ganze Jahr über in einer Kiste mit ihren Kolleginnen. Jede hatte ihr eigenes Abteil, mit Zeitungspapier ausgepolstert, und Oma achtete sorgsam darauf, dass sie sich gegenseitig nicht berührten, weil sie sonst am Ende noch beschädigt worden wären.

Oma liebte es traditionell. Am 24. Dezember nachmittags wurde jede einzelne Kugel aus ihrem Aufbewahrungs-Abteil geholt, mit einem ganz besonders weichen Tuch ganz sanft abgewischt und an eine wundervolle Tanne gehängt. Alle Kugeln Ton in Ton aufeinander abgestimmt – einfach prachtvoll. Dazu kamen echte dunkelrote Wachskerzen, ein paar Strohsterne und das uralte schwere Lametta, das Oma von Jahr zu Jahr sorgsam aufbewahrte, weil es sowas ja längst nicht mehr zu kaufen gibt.

Und jedes Jahr am Dreikönigstag sammelte Oma jeden Lamettafaden vom Baum, dann die Kerzenständer und die Strohsterne – und zuletzt mit ganz besonderer Vorsicht die Christbaumkugeln. Und die rote Christbaumkugel war stolz auf die Rolle, die sie gespielt hatte – aber vor allem war sie froh, nun wieder ausruhen zu können bis zum nächsten Einsatz. 

Im vergangenen Jahr war irgendetwas anders. Die Kiste wurde kräftig durchgeschüttelt und überhaupt war mitten im Jahr so unglaublich viel Unruhe gewesen. Die Kugeln machten sich so ihre Gedanken, was wohl geschehen sein könnte – aber schließlich wurde es wieder ruhig um die Kiste herum und alles war wieder wie immer. 

Aber dann! Es war gerade mal Anfang Dezember, da wurde die Kiste geöffnet! Von Kindern!!!

Jede Kugel wurde aus der sicheren Papierhülle herausgefischt, von klebrigen Patschehändchen begrapscht und dann wieder wahllos zwischen die Zeitungspapierberge geworfen.

Die sensible rote Kugel war starr vor Entsetzen und machte sich auf alles gefasst. Als sie dann dran war, rief eine fremde Frau aus dem Hintergrund: „Kinder, haltet doch mal still für ein Foto.“

„Oh ja, still halten. Und bitte ganz vorsichtig sein. Und bloß keine Kugeln werfen – mich schon gar nicht. Bitte.“ Hätte sie sprechen können, sie hätte um Gnade gefleht.

Aber – Blitz – schon ging es weiter mit dem Wühlen in der Kiste. Und eines von den ungezogenen Kindern rief: „Boah, Omas Kugeln sind ja sooo langweilig. Alle nur ödes Rot und Gold. Ich will unsere schöne Weihnachtsdeko wieder!“

„Ödes Rot??? Na, Rotznase, geht‘s noch? Das ist ja eine Unverschämtheit ersten Ranges! Will mal bitte jemand von den Erwachsenen dieses ungezogene Kind zurechtweisen. Wird‘s bald???“ Die Gedanken der roten Christbaumkugel überschlugen sich, doch – wie das nun mal bei Christbaumkugeln so ist – sie konnte sich den Menschen gegenüber nicht verständlich machen. Und während sie innerlich immer aufgeregter wurde, konnte man ihrer glatten Oberfläche nichts, aber auch gar nichts anmerken. Außer vielleicht, dass sie ein ganz klein wenig trüber aussah als sonst – aber um das wahrzunehmen, musste man sie schon ganz genau kennen. 

Und dann fing die Familie doch glatt an, einen Baum zu dekorieren. Einen PLASTIK-Baum, um Himmels willen. „Weil der echte ja doch nur Dreck macht und nadelt und bis Weihnachten total blöd auschaut!“ sagte die Mutter.

„Na klar, wenn ihr ihn schon am ersten Advent aufstellt – ihr Traditions-Ignoranten!!!“ schrie es in der Christbaumkugel. Aber sie ergab sich doch stumm ihrem Schicksal. 

Da hing sie dann ganz unten an dem Plastik-Dekoständer. Und war sauer. Unglaublich sauer. Weil man sie einfach so ignorieren konnte. Und weil ihre ganzen Kolleginnen in der Kiste bleiben durften. Während sie hier hängen musste, wochenlang! Zwischen Mickey-Mouse-Kugeln, überdimensionierten Zuckerstangen, Blinke-Lichtern in allen Farben und neben ihr – großer Gott im Himmel – einem Rennauto mit LED-Scheinwerfern.

Kein Lametta, keine echten Kerzen, keine Weihnachtstradition. Wo war die rote Christbaumkugel da nur hingeraten… 

Die Wochen bis Weihnachten zogen sich hin, und die Christbaumkugel wurde immer betrübter. Kein Mensch beachtete sie da unten am Baum. Und je länger der Baum im Wohnzimmer stand, desto uninteressanter wurde er für die Familie. Oh, wenn die rote Christbaumkugel hätte schreien können – da wäre ihr mancherlei eingefallen…! 

Und dann kam noch ein Neuzugang in den Haushalt. Der Christbaum war endgültig völlig uninteressant geworden. Denn die ganze Familie befasste sich nur noch mit dem neuen Kätzchen. Na ja, zugegeben, es war schon auch irgendwie niedlich, wie es das Wohnzimmer erkundete und dabei ziemlich viel Unfug anstellte. 

Dann entdeckte das Kätzchen die rote Christbaumkugel. Und stupste sie leicht mit der Pfote an. Die Kugel freute sich, dass endlich mal wieder jemand von ihr Notiz nahm. Die Mutter nahm das Kätzchen weg – aber im nächsten unbeobachteten Moment war es wieder da und ließ die Kugel schaukeln. Das sanfte Schaukeln war doch mal eine nette Abwechslung zum ewigen Herumhängen – die rote Christbaumkugel konnte sich ein sanftes Strahlen nicht verkneifen. Mit der Zeit gefiel es ihr so gut, dass sie dachte: „Stups mich ruhig stärker an, Kätzchen. Ein wenig Abenteuer kann nicht schaden…“ Und, als ob die Katze das gehört hätte, gab sie ihr einen stärkeren Pfotenhieb. Die rote Kugel wollte sich fast kugeln vor Lachen. Und die Katze hielt sie in Bewegung. War das ein Spaß.

Aber dann merkte die Kugel, wie sie ins Rutschen kam. Sie hatte das Gefühl, dass der glatte Plastikzweig sie nicht mehr lange würde halten können. Und sie versuchte noch, die Katze zu warnen – doch das verspielte Kätzchen ließ sich nicht mehr bremsen und schubste und stupste weiter.

Dann ging es ganz schnell. Der Christbaumzweig bog sich nach unten, und plumps, da war‘s passiert. 

Die Katze erschreckte sich so, dass sie sofort das Weite suchte. 

Die rote Christbaumkugel war perplex. Sie brauchte erst einen Moment, um zu realisieren, was passiert war.

Als erstes merkte sie: Sie war nicht kaputt gegangen. Ihre dünne Glasoberfläche war heil. Denn sie war ja ganz unten am Baum gehangen und der Teppich war weich und sie hatte sich ganz elegant abgerollt. „Alles okay. Nix passiert.“ Und sie strahlt vor sich hin. Was für ein Abenteuer! 

Als die Mutter die Kugel am Boden liegen sieht, hebt sie sie auf, wischt sie sanft mit einem weichen Tuch ab und sieht sich selbst auf der glänzenden Oberfläche gespiegelt. „Eigentlich passt dieser amerikanische Kitsch-Christbaum gar nicht zu dir. Vielleicht wäre eine etwas traditionellere Dekoration tatsächlich auch mal wieder schön…“ 

Und die Mutter nimmt eine große flache goldene Schale. Legt ein paar echte Tannenzweige hinein. Stellt eine dicke dunkelrote Wachskerze in die Mitte.

Dann nimmt sie die Kiste mit Omas Weihnachtsschmuck nochmal heraus und wischt eine Kugel nach der anderen mit dem weichen Tuch ab. Jede findet ihren Platz in der Schale – und ganz zuoberst thront die rote Christbaumkugel und strahlt. 

Die Mutter stellt die Weihnachtsschale auf den Gabentisch. Daneben legt sie nach und nach alle Geschenke für die Kinder und auch eines für ihren Mann. Und die Christbaumkugel kann von ihrem neuen Platz aus jede Bewegung im Raum spiegeln. 

Dann zündet die Mutter die Wachskerze an und ruft die Kinder zur Bescherung. Und mit jedem Geschenk, das überreicht wird, glänzen die Kinderaugen mehr. Und mit jedem Glänzen, das die Christbaumkugel widerspiegelt, wird die Stimmung weihnachtlicher. Und mit einem Mal kommt es der glänzenden roten Christbaumkugel so vor, als ginge es an Weihnachten genau darum: Vor Freude zu glänzen… 

Als die Christbaumkugel nach den Feiertagen wieder bis zum nächsten Fest ihren angestammten Platz mit den anderen Kugeln zwischen viel Zeitungspapier einnahm, da wusste sie zwei Dinge:

Die wichtigste Weihnachtstradition ist, sich zu freuen und den Menschen eine Freude zu machen.
Und: Die rote glänzende Christbaumkugel ist längst nicht so zerbrechlich, wie sie dachte.

​Read More