Eine Hasengeschichte

von Christine Winter

27.03.2016

Es war einmal ein Hase.

Ein ziemlich typischer Hase.

Er war, wie Hasen nun mal so sind – klein und zurückhaltend und am liebsten in seinem sicheren Hasenbau.

Dort hatte er sich in seiner Höhle so eingerichtet, dass er nur selten nach draußen musste. Denn er wusste genau: Draußen ist kein guter Ort für kleine Hasen.

Während der langen Stunden in der dunklen Hasenhöhle hatte er viel Zeit.

Und so träumte er.

Er träumte einen Traum, in dem er als Osterhase wahre Wundertaten vollbringt.

Unzählige Osternester füllt er in kürzester Zeit. Jubelnde Menschenkinder lieben ihn dafür. Er ist der Star unter allen Osterhasen, denn so großartig wie er kriegt niemand, auch keiner von den Top-Hasen, den Job erledigt.

Klar ist das ein Mörderstress am Ostersonntag. Und ohne das ganzjährige Training würde das niemals klappen. Immer muss man sich über die eigenen Grenzen hinaus anstrengen, um den ersten Platz unter den hochspezialisierten Kollegen zu behalten. Von nichts kommt nichts – der Titel „Superhase“ will erarbeitet sein. Aber was ein richtiger Superhase ist, der nimmt diese Herausforderung gerne an. Mehr leisten, mehr können, mehr schaffen… Darum geht es schließlich im Leben.

Wow, das fühlt sich wirklich kraftvoll an – „Superhase“ und Nummer Eins im Osterhasen-Team! Ein echter Traum. 

Jedesmal, wenn der kleine zurückhaltende Hase diesen Traum in seinem dunklen engen Hasenbau träumt, wird seine Phantasie bunter und sein Bild von sich als Osterhase größer und seine Heldentaten als Osterhasenstar phantastischer. Mit jedem Traum fühlt er sich besser – und so werden seine Traumzeiten immer länger und seine Ausflüge nach draußen immer seltener.

Tatsächlich lässt er sich längst von seiner Familie versorgen, um in seiner engen dunklen Höhle bleiben zu können, in der er sich zum Helden träumt.

Wenn überhaupt mümmelt er mal am Gras im Hasenbau-Vorgarten. Das ist zwar nicht besonders lecker, aber es spart enorm Zeit – schließlich ist es bis zur Löwenzahn-Wiese ewig weit und er müsste dann seine Osterhasen-Träume viel zu lange mit der Realität tauschen. Und überhaupt macht Gras auch satt. Wozu der Luxus…?

Na ja, wenn unser Hase ehrlich wäre, dann hat er gar nicht mehr die Kondition, um bis zur Löwenzahn-Wiese zu laufen. Er ist träge geworden, während er sich erträumt hat, der Superhase zu sein. Und während er sich seine täglichen Top-Hasen-Trainingseinheiten vorgestellt hat, ist er nach und nach zum Depri-Hasen geworden.

Ganz selten – und meistens mitten in der Nacht, wenn garantiert keine Raubvögel oder spazierengehenden Menschen unterwegs sind – kriecht er nach draußen und schaut in die Sterne. Beim leisesten Geräusch erstarrt er – hilflos, regungslos. Nur das Hasenherz klopft, als wollte es ihm aus der Brust springen.

Sobald sich die Erstarrung löst, schlüpft er zurück in die Hasenhöhle.

Und er träumt, wie er als Osterhase Höchstleistungen vollbringt, von denen andere Hasen nur träumen können: Eier legen, die so bunt und perfekt sind, wie es nur Superhasen hinkriegen… Und durch die verschiedensten Gärten springen, ohne jemals erwischt zu werden… Dabei Hunden, Katzen und Raubvögeln souverän die Stirn bieten… Manch einer hat schon eine Hasenpfote über sein Gesicht gezogen bekommen…

Und nachdem alle Osternester versteckt, mit bunten Ostereiern gefüllt und von Menschenkindern gefunden wurden, lässt man sich als Osterhasen-Star natürlich gebührend feiern: Der Moment, in dem sich der Superhase für einen seltenen Augenblick blicken lässt, sich dezent verbeugt und die „Oooohs“ und „Aaaaahs“ der Menschen entgegennimmt, ist alle Mühe wert. Nicht selten ist der Star der Osterhasen sogar bereit, sich streicheln zu lassen – schließlich gehört der Kontakt zum Publikum für einen echten Star einfach dazu…

Nur ist das alles ein Traum. 

Ostern vergeht.

Eines nach dem anderen.

Der Hase träumt sich ein großartiges Leben. Und sitzt in seinem Bau.

Wenn er das Tageslicht sieht, erstarrt er. Und weil er seine Hilflosigkeit satt hat und es nicht ertragen mag, die Hoffnungslosigkeit zu erleben, flüchtet er sich gleich wieder in den nächsten phantastischen Traum. 

Eines Nachts kriecht er nach draußen. Genauer gesagt streckt er nur den Kopf raus, so dass die zitternden Barthaare ein wenig im Wind zittern.

Da ist jemand.

Nichts ist zu hören, nichts zu sehen. Und doch… Da ist jemand.
Der Hase merkt es ganz deutlich – und liegt starr mit klopfendem Herzen im Eingang des Hasenbaus.

Die Gedanken überschlagen sich: Jetzt bin ich tot. Wer immer das ist – er ist riesig groß und garantiert für kleine hilflose Hasen lebensgefährlich. Man weiß doch, wie das ist. Einmal die Nase zu weit hinausgestreckt, und das war’s.

„Atmen, Angsthase.
Atmen.“
sagt eine tiefe, leise Bassstimme.

Nichts hat sich bewegt. Das große Tier ist vielleicht zwei Meter entfernt. Es hat ihn angesprochen, aber es ist nicht näher herangekommen.

Der Hase ist in völliger Panik erstarrt. Und doch nimmt er einen zitternden, flachen Atemzug.
Es geht. Tatsächlich kann der Hase atmen, obwohl er ganz und gar hilflos erstarrt ist.
Und er probiert es noch einmal. Flach, aber diesmal bewusster.

„Atme tief durch“, spricht der ruhige, tiefe Bass.

Und der Hase probiert es. Er atmet an seinem rasend schnellen Herzen vorbei, so dass Luft seine Lungen füllt. Ein und aus. Ein und aus. Tiefer ein und tiefer aus.

Nur auf seinen Atem konzentriert er sich, während sich Fragen in seinem Kopf überschlagen: Wer ist dieser Fremde, der so ruhig spricht und es offenbar gut mit einem Hasen in panischer Angst meint? Was erwartet er? Was wird er als nächstes sagen? Was wird er denken, wenn der Hase nicht antworten kann? Woher weiß er, wie sich ein panischer Hase fühlt? Und wann wird er sich – genervt von so einem jämmerlichen Angsthasen – abwenden und in die Nacht verschwinden?

„Spür die Abendluft, die um deine Nase streicht.“

Abendluft??? Wie jetzt?
Das einzige, was der Hase spürt, ist Hilflosigkeit und Herzklopfen und Erstarrung.
Und doch – als er sich ein wenig bemüht, da spürt er sie. Da ist eine sanfte Bewegung des Windes, die seine Barthare bewegt und seine Nase berührt. Und er nimmt einen großen tiefen Atemzug davon. Atmet dann zitternd tief aus.

„Spür die Erde unter deinen Pfoten.“

Erde? Pfoten? Oh Gott, wie die Pfoten zittern. Wie sehr alle Muskeln angespannt sind.
Tatsächlich. Da ist Boden unter den Füßen.

„Schau die Sterne an.“

Auf den leise und beruhigend gesprochenen Rat hin schaut der Hase zum ersten Mal seit langer Zeit bewusst nach oben, heraus aus seinem Bau – und sieht das Funkeln und Glitzern am Himmel.
Er bemerkt, dass es schön ist. Friedlich und beruhigend.

„Hör auf die Geräusche der Nacht.“

Da sind Grillen, zirpend. Und der sanfte Wind in den Bäumen. Da ist Stille.
Und ein klopfendes Hasenherz, das sich ein ganz kleines Bisschen beruhigt hat.

„Jetzt lass das Gefühl zu, das du hast. Lass deine Angst da sein – voll und ganz. Gehe so tief in das Gefühl hinein, wie du kannst.“

„Nein!“

„Wenn du ein Gefühl wegdrückst, wird es übermächtig. Wenn du es zulässt, geht es weg.
Erlaube deiner Angst, da zu sein, damit sie gehen kann. Sie ist eh da.
Erlaube sie. Jetzt.“

Und da lässt der Hase zu, dass das Hasenherz rast, der Atem zittert, die Muskeln beben und die Gedanken rasen.

„Mach es absichtlich noch stärker.“

Ui. Als der Hase das tut, merkt er, dass er sein Gefühl beeinflussen kann.
Und er denkt unwillkürlich: Ich will aber, dass es weg ist.
Aber prompt hat ihn die Angst wieder im Griff.

„Mach deine Angst absichtlich so intensiv, wie du nur kannst…
Bleib dabei…
Und zähle langsam von 25 rückwärts bis 0…
Während du immer darauf achtest, dass die Angst so intensiv wie nur möglich bleibt…
Zähle.
Langsam.“

Und der Hase gibt sich große Mühe, in seiner Angst zu bleiben und sich unterdessen auf das Zählen zu konzentrieren.

25 – 24 – 23 – 22 – … gar nicht so einfach … – 21 – 20 – 19 – 18 – 17 – … fast möchte das Angstgefühl leichter werden … – 16 – 15 – 14 – … ganz tief in der Angst bleiben … – 13 – 12- 11- … oh, es fühlt sich mittlerweile ein wenig anders an … – 10 – 9 – 8 – … das Zittern hat nachgelassen … – 7 – 6 – 5 – 4 – … und es breitet sich eine Ruhe aus … – 3 – 2 – 1 – … die stärker wird als das Angstgefühl … 0.

Die Hilflosigkeit ist weg.

Der Hase spürt noch, dass er eben in Panik war, aber er ist weder starr noch stumm.

Und seine Gedanken sind so ruhig geworden, dass er einen greifen und aussprechen kann: „Wer bist du?“

„Ich bin der Dachs. Dein Nachbar. Und ich sitze oft abends hier, um die Sterne zu sehen und den Boden unter den Füßen zu spüren und den Wind um meine Nase wehen zu lassen.“

„Nachbar Dachs, woher hast du gewusst, dass ich die Angst verliere, wenn ich sie da sein lasse?“

„Weil Gefühle kommen und gehen. Sie fließen durch uns hindurch – so, wie ein Bach durch unseren Wald fließt. Aber wenn wir sie daran hindern, dann stauen sie sich auf und überfluten uns.“

„Aber ich bin nun mal ein Angsthase.
Nie werde ich der Osterhase meiner Träume sein. Und wenn ich der Angst Raum gebe, dann schon gleich gar nicht.“

„Den Osterhasen gibt es nicht. Das ist eine Geschichte, die Menschen nur deshalb erzählen, damit ihre Jungen an Ostern die bunten Eier besonders zu schätzen wissen.
Alle Hasen haben Hasenherzen – kein einziger würde es wagen, zwischen Menschen, Hunden und Katzen durch die Gärten zu hüpfen. Und bunte Eier legen kann auch keiner.“

„Aber dann war mein ganzer Traum umsonst. Dann werde ich nie ein Superhase.“

„Du kannst der beste Hase sein, der du bist.
Und dein erster Schritt ist, aus diesem Bau herauszugehen, um dir das beste Futter zu suchen, das du für dich finden kannst.
Denn während du gut für dich sorgst, wirst du vieles lernen, was die klügsten Hasen wissen sollten. Indem du großartiges Futter für dich findest, begegnest du anderen Hasen und all den Tieren des Waldes, die Dinge wissen, die dir nützlich sind, um der beste Hase zu werden, der in dir steckt.“

„Das ist dann aber kein Superhase.
Ich wäre lieber der allererste echte Osterhase auf der Welt. DAS wäre ein phantastischer Hase.“

„Es ist deine Wahl:
Du bist richtig gut darin, dir ein Leben als Superhase zu erträumen und dein Leben in einem dunklen Hasenbau zu verbringen. Dafür musst du nichts lernen, nichts riskieren, nichts erleben.
Du kannst aber auch deine Angst da sein lassen und dir den Wind um die Nase wehen lassen und nach Hasenart rennen, Haken schlagen, Löwenzahn futtern, einer Häsin begegnen, Junge bekommen und ihnen die phantastischsten Geschichten vom Osterhasen erzählen.
Es ist deine Wahl.“

„Hmmm. Da gibt es viel zu bedenken.
Meister Dachs, werden wir uns wieder begegnen?“

„Nachbar Hase, wenn du dir nachts den Wind um die Nase wehen lässt und in die Sterne schaust und trotz deines klopfenden Herzens tief atmest, dann bin ich für dich da.“

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.

Ich wünsche dir schöne Ostern.
Deine

Christine

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