Wie kriegt man Freunde?

von Christine Winter

06.08.2015

Wenn du ein wenig so bist wie ich, dann hast du diese Frage schon in aller Ausführlichkeit durchdacht. Denn einen allerbesten Freund oder eine allerbeste Freundin hat ja nun wirklich jeder. Fast.

Ich hatte viele Jahre niemanden, den ich als meinen Freund, meine Freundin bezeichnet hätte. Nachdem, als ich ungefähr Dreizehn war, meine beste Freundin samt deren fünf besten Freundinnen „aus meinem Leben herausgerutscht“ waren, hatte ich niemanden.

Wenn du mich gefragt hättest, dann hättest du von mir erst mit Mitte Zwanzig wieder von mir gehört, dass ich Freunde habe.

Wann ist ein Freund ein Freund?

Zehn oder zwölf Jahre lang „niemand“ gehabt zu haben, klingt drastisch. Und obwohl ich es damals so erlebt habe, ist es auch nicht die ganze Wahrheit.

Es gab immer mindestens einen Menschen, der für mich da war – oft waren es mehrere zur gleichen Zeit. Nur hätte ich die nie im Leben als „Freund“ bezeichnet.

Ein Freund – so dachte ich damals – ist unendlich viel mehr als ein Mensch, der einfach da ist und mit dem du zusammen sein kannst. Ein Freund regelt alle Probleme für dich, erlebt alle deine Launen und stärkt dir dabei den Rücken gegen die schlechte und ungerechte Welt. Ein echter Freund ist immer und ständig für dich allein da – damit du ihn immer und ständig merken lassen kannst, dass so viel Nähe für dich überhaupt nicht in Frage kommt. Ein echter Freund hört sich dein Gejammer an, bis dein Leben schlussendlich so perfekt geworden ist, dass du nichts mehr zu jammern hast.

Ein echter Freund… Also ganz ehrlich: Nach meiner Definition möchte ich niemandes Freund werden!
Zu dieser „Job-Description“ gehört ja neben Masochismus, Vereinsamung und Realitätsverlust auch noch Voodoo, Selbstaufgabe und schwarze Magie. Öhm, ohne mich!

Heute sehe ich das völlig anders.

Für mich heißt Freundschaft, dass ich ganz und gar sein kann wie ich bin, und dass der andere ganz und gar sein kann, wie er ist.

Und dass wir uns beide dabei wohl fühlen.

Und dass wir voneinander nicht mehr erwarten, als so zu sein, wie wir sind.

Ich hatte immer Freunde

Wenn ich zurückdenke, gab es immer mindestens einen Menschen, bei dem ich (in dem Maße, in dem mir das zu dieser Zeit möglich war) offen gewesen bin.

Nie im Leben hätte ich dies Menschen damals als Freund bezeichnet. Zu wenig Zauber, zu wenig Exklusivrechte, zu wenig „Ich küsse den Boden über den du wandelst…“

Es waren die besten Freundschaften, die MIR damals möglich waren.

Nicht viele, meistens nur eine oder zwei. Nicht eng, sondern auf großen Abstand. Nicht herzlich, sondern eher intellektuell-verkopft.
Mehr ging FÜR MICH nicht. Heute kann ich das sehen.

Freunde findest du nicht

Du kannst dir noch so dolle Freunde wünschen.
Du kannst dir die perfekteste aller „Job-Descriptions“ ausdenken.
Du kannst jahrzehntelang darüber tagträumen, wie es wäre, wenn es wäre…

Du findest keine Freunde.

Und damit meine ich jetzt nicht, dass du ungeeignet für Freundschaften bist. Bist du nämlich überhaupt nicht. Du bist garantiert absolut geeignet für Freundschaft, wenn du einfach nur du selbst bleibst. Und dabei ehrlich zu dir und dem anderen bist.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch auf dieser Welt ein Freund sein kann.
Falls du nicht mein Freund sein möchtest, dann müsstest du mich erst mal vom Gegenteil überzeugen!

Freunde sind da

Nicht einfach so. Das ist der springende Punkt:

Wenn du allein auf dieser Welt bist und das auch dauerhaft bleibst – wenn also für dich nicht in Frage kommt, jemandem zu begegnen – dann bist du die Ausnahme von meiner Regel.

Denn das Ritual für echte Freundschaft läuft (stark verkürzt dargestellt) so:

  1. Man kennt sich nicht.
  2. Man begegnet sich – idealerweise im echten Leben, Auge in Auge.
  3. Man nimmt einen kleinen Kontakt auf.
  4. Man interessiert sich für den anderen.
  5. Man entscheidet, ob man den Kontakt vertiefen möchte.
  6. Man geht entweder seiner Wege oder man begegnet sich erneut.
  7. Man freut sich über die erneute Begegnung und interessiert sich für den anderen.
  8. Man nimmt bei jeder weiteren Begegnung den Kontakt-Faden da wieder auf, wo er beim letzten Mal endete.
  9. Man lernt einander etwas kennen.
  10. Man findet ein Thema, gemeinsame Interessen oder andere Ähnlichkeiten.
  11. Man kommt in ein intensives Gespräch über das gemeinsame Thema oder Interesse.
  12. Man lernt sich auf dieser Basis noch besser kennen.
  13. Man freut sich auf die nächste Gelegenheit, den anderen wieder zu treffen.
  14. Man trifft sich zehnmal, zwanzigmal, fünfzigmal bei verschiedenen Gelegenheiten und lernt immer neue Seiten des anderen kennen.
  15. Jeder von beiden hat bei jeder Gelegenheit das Recht, nicht länger neugierig und kontaktbereit zu bleiben.
  16. Wenn die Freude an der Begegnung jedesmal wieder neu entsteht und sich auf weitere Aspekte des anderen erweitert, dann IST DAS nach einigen Monaten eine Freundschaft geworden.
    Automatisch.

Man MACHT keine Freundschaft und man kann keine Freundschaft herbeizwingen, sondern Freundschaft entsteht aus gegenseitigem Interesse und vielen Begegnungen.

Freunde sind nicht immer da

Wenn eine Freundschaft entstanden ist, indem du jemanden in vielen seiner Facetten kennen gelernt hast, dann ist Nähe entstanden. Und diese Nähe macht es möglich, dass du deinen Freund eine lange Zeit nicht siehst und ihr euch dennoch nah bleibt. Es reicht, zu wissen, dass der andere da ist und dass er mit dir – klingt jetzt esoterisch, aber es beschreibt mein Gefühl am besten – gleich schwingt oder im Gleichklang ist.

Ich habe eine Handvoll Menschen, mit denen ich diese Freundschaft spüre. Und die Freundin, die am nächsten bei mir wohnt, treffe ich ungefähr einmal im Monat. Zwei andere Freunde sehe ich zwei oder dreimal im Jahr und telefoniere noch ein paar Mal mit ihnen. Einen treffe ich maximal einmal im Jahr.

Jeder meiner Freunde lebt sein Leben mit seinen Freunden, Bekannten, mit Familie und Beruf und allem, was zu seinem Leben dazugehört. Und an einem kleinen Eckchen seines Lebens gehöre ich auch dazu – um, sobald wir uns treffen oder hören, für eine kurze Zeit im Mittelpunkt zu stehen und die volle Aufmerksamkeit zu haben und zu geben.
Und dann leben wir wieder unsere eigenen Leben, jeder seins. Und wir wissen: Es gibt auf der Welt eine Handvoll Menschen, die sind einfach da. Auch dann, wenn sie ihr eigenes Leben leben. Jeder von uns ist, wer er ist. Und wenn wir uns treffen, dann sind wir für die gemeinsame Zeit wir.

Du kriegst nicht mehr raus, als du reinsteckst

Ich dachte früher, dass ich eine Freundschaft daran erkennen könnte, was ich dabei bekomme.

Mein riesengroßer Irrtum war die Idee, dass mir jemand, der mein Freund sein will, etwas schuldig wäre. 

Ich war der Meinung, dass ein Freund alle meine Probleme lösen würde und dabei mit Freude meine Launen miterlebt.

Ich dachte ernsthaft, dass es einen Menschen gibt, der nur dafür existiert, das Leben für mich schön zu machen…

Es hat eine ganze Weile (also eigentlich sogar verdammt lange) gedauert, bis ich begriffen habe:
Niemand ist mir irgendetwas schuldig! Niemand ist dafür zuständig oder verantwortlich, mir mein Leben schön zu machen!

Oder halt, doch, einen gibt es.
Es gibt schon einen Menschen, der rund um die Uhr für mich da sein sollte und mir mein Leben gestalten und verändern kann. Es gibt den einen Menschen, der alles so einrichten kann, wie es für mich gut und richtig und schön ist. Es gibt diesen Menschen, der mich ganz und gar lieben sollte.

Ich habe ihn gefunden. Den Menschen in meinem Leben, der alles verändert.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

PS: Weil’s immer wieder missverstanden wird, sage ich es dir gleich:

Facebook-Freunde sind keine Freunde. Viele Facebook-Kontakte sind nicht mal echte Kontakte – sie besagen einzig und allein, dass jemand einmal eine Schaltfläche geklickt hat (zum Beispiel beim hektischen Wischen über das Smartphone). Und Facebook-Kommunikation ist keine „echte Kommunikation“, sondern sie ist Social-Networking und folgt völlig anderen Regeln.

Aber ich muss es zugeben: Ich freue mich trotzdem über Facebook-Fans für Stille Stärken. 😀

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  1. Ganz ganz toller Artikel. Ich habe mich wiedergefunden. Der Artikel spricht auch all diejenigen an, denn man den kleinen Finger gibt, und die dann nach der ganzen Hand greifen.

    1. Es freut mich, Ralf, dass ich dich mit meinem Artikel angesprochen habe.
      Ich denke mir, dass es ganz oft ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder Unbeholfenheit ist, wenn jemand nach der ganzen Hand greift, bevor er sich auf den Besitzer des kleinen Fingers eingelassen hat. Dann ist es meist beiden angenehmer, wenn man gleich die ganze Hand hinstreckt. 😉

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