Small Talk? Wichtig!

von Christine Winter

10.08.2015

Ich höre dich aufstöhnen: „Och nee. Small Talk ist jetzt wirklich das letzte Thema, auf das ich Lust habe. Lass mich in Frieden mit diesem sinnlosen Gebabbel – das brauch ich nicht, will ich nicht, kann ich auch gar nicht. Und vor allem: Ich bin introvertiert und das heißt, dass ich es überhaupt nicht mögen darf. Ätsch.“

Ich weiß. Das war auch immer meine Ausrede.

Mittlerweile sehe ich das anders.

Small Talk ist wie morgens ins Bad gehen

Ich habe meine Gewohnheiten.
Aufstehen, duschen, Zähne putzen, mich im Spiegel ansehen und dabei denken: „Au weia, wie siehst du denn aus? Ach komm, ich schmink‘ dich trotzdem.“
Kaffee einschenken, an den Schreibtisch setzen, Computer hochfahren, ToDo-Liste schreiben, E-Mails checken…

Das mache ich so oder so ähnlich jeden Morgen.

Wieso eigentlich???

Weil es mir erspart, mir kurz nach dem Aufstehen immer auf’s Neue meinen Start in den Tag zu überlegen. Und weil es mir einen ganzen Haufen einzelner Entscheidungen erspart. Und weil ich mich mit meinen täglichen Ritualen sicher und wohl fühle.

Wenn ich mag, kann ich auch erst Kaffee trinken und dann duschen. Das mache ich durchaus gelegentlich mal. Aber wenn ich gerade keine Lust auf so viel Kreativität habe, dann bleibe ich beim gewohnten Ablauf.

Ähm, sorry. Ich wollte ja über Small Talk schreiben und dich nicht mit nutzlosen Informationen aus meiner Morgenroutine langweilen. Tut mir echt leid – ich habe nur versucht, einen guten Einstieg zu finden…

Small Talk ist ein Ritual

Es gibt einen Kennenlern- und Gesprächsanknüpfungs-Ablauf, der sich über die Jahrhunderte entwickelt hat, seitdem der erste Steinzeitmensch die Notwendigkeit erkannt hat, mit der Nachbarin im Vorgarten seiner Höhle ein Schwätzchen zu halten.

Bei Fred Feuersteins Vorfahren lief das vielleicht so:

„Ich Ötzi Feuerstein.“ – „Ich Hilda Geröllheimer.“
„Ich Mammutjäger! Ich viel gut Mammut jagen!“ – „Ich Jäger-Mamma. Baby-Geröllheimer viel gut jagen lernen.“
„Wo ist Jäger-Pappa? Ich gerne Jäger-Mamma unterhalten.“ – „Da hinten Jäger-Pappa kommt mit Jäger-Keule. Jäger-Pappa viel eifersüchtig!“

Öhm, ja, das war noch etwas ungelenk. 

Aber im Grunde war schon alles drin, was zum Small Talk gehört:

  • Sagen, wer man ist.
  • Sagen, was man macht.
  • Anknüpfungspunkte für ein Gespräch geben.
  • Persönlich sein – ohne dabei zu privat oder gar intim zu werden.
  • Informationen in eine lockere Unterhaltung packen.

Small Talk ist sozialer Klebstoff

Dass Ötzi und Hilda den Small Talk erfunden haben, war sicher kein Zufall.

Ich meine, hey, wofür ist Sprache gut, wenn man nicht auch mal ein Schwätzchen im Vorgarten halten kann?

Falls Ötzi anschließend nicht unmittelbar von der Keule von Hildas Mann getroffen wurde, haben die beiden Steinzeit-Jungs vielleicht Freundschaft geschlossen und sich von da an regelmäßig abends nach der Jagd auf einen gepflegten Ratsch unter Männern zusammengesetzt.

Und darum geht es meiner Meinung nach beim Small Talk vor allem: Herauszufinden, ob ich mit einem Menschen gerne zusammen bin. Oder ob ich zumindest etwas Interessantes an ihm entdecken kann. Oder eben auch, ob es überhaupt keinen Anknüpfungspunkt für ein tieferes Interesse an einander gibt.

Und weil das Ganze ein Ritual ist, sind sich alle, die den „Regeln“ folgen, auch ohne viel Blabla über den Ablauf einig:
Sich einander vorstellen, Anknüpfungspunkte für einen Austausch anbieten und aufnehmen, persönlich reden (ohne zu tief zu schürfen), Informationen über Alltägliches teilen.

Und natürlich hat dieses Ritual auch einen Zweck. Also eigentlich hat es sogar mehrere Zwecke…

1. Wie kriege ich raus, mit wem ich es zu tun habe?

Wir sind Menschen. Wir sind simpel gestrickt. Wenn wir jemandem begegnen, wollen wir wissen, wer das ist.

Kinder fragen dann: „Wer bist’n du? Was machst du denn da? Warum hast’n du so abstehende Ohren? …“

Als Erwachsene sagen wir sowas natürlich nicht mehr. Aber Hand auf’s Herz: Ganz tief drinnen wollen wir immer noch Antworten auf genau diese Fragen. Und der Trick, genau diese Antworten zu kriegen, heißt…? Naaaaa???

Na, komm, das ist jetzt wirklich nicht schwer: Die Antworten gibt uns der Small Talk.

Okay, das mit den abstehenden Ohren ist vielleicht dann doch schon zu intim.

Aber während du dich locker mit dem anderen austauschst, wird wahrscheinlich bald klar, dass die Form seiner Ohren bei weitem nicht das Interessanteste an ihm ist – wer will schon seinen Gesprächspartner auf Äußerlichkeiten reduzieren, wenn es in seinen Aussagen so viel spannendere Themen zu entdecken gibt.

2. Wie kriege ich die Aufmerksamkeit?

Ich tue mich oft schwer, unter fremden Menschen den Kontakt aufzunehmen. Und ich bin echt froh, dass es dafür ein allgemein bekanntes Ritual gibt.
Du kennst es schon: Sag deinen Namen, sag etwas Persönliches über dich, gib dem anderen einen Anknüpfungspunkt, teile Informationen. Und gib dem anderen dazwischen ganz viel Raum, damit er sich mitteilen kann.

Und weißt du, was ich daran so besonders mag?
Ich muss überhaupt nichts tun, um die Aufmerksamkeit des Anderen zu bekommen. Ich brauche nur neugierig und interessiert zu sein, während ich das Kennenlern-Ritual Schritt für Schritt durchgehe.

3. Wie finde ich die Ähnlichkeit, die den Austausch leicht macht?

Es ist schön, wenn  zwei der gleichen Meinung sind. Am schönsten empfinden wir es in einem Gespräch, wenn wir uns einfach nur verstanden fühlen. Und wenn der Austausch ganz harmonisch und fließend entsteht.

Je mehr Ähnlichkeit wir bei einander finden, desto tiefer empfinden wir ein Gespräch. Und zwar – aufgemerkt! – auch dann, wenn es sich inhaltlich eher an der Oberfläche bewegt.

Der Small Talk – das Ritual, das oberflächlichen Austausch in einer festen Struktur ermöglicht – gibt dir ganz viel Gelegenheit, die Ähnlichkeiten herauszufinden.

Vergiss den Inhalt. Na ja, nimm ihn jedenfalls nicht so wichtig. Finde heraus,

  • welche körpersprachlichen Signale du am anderen magst.
  • welche sprachlichen Elemente der andere verwendet, die du angenehm findest.
  • was du an seiner Tonalität – also der Stimme oder Betonung – gut findest.
  • was du an seiner Geschwindigkeit, seiner Intensität schätzt.
  • was du anziehend findest, obwohl du es gar nicht so genau benennen kannst.

Jetzt kommt der eigentliche Trick. Wenn du so willst, ist das das ganz große Small-Talk-Geheimnis. Trommelwirbel…

Tadaa!!! Passe dich an das an, was du am Anderen magst und schätzt und angenehm findest.

DAS ist Small Talk. Dann ist der Inhalt fast egal.

4. Wie kriege ich die Sachinformationen an den Mann?

Der Small Talk ist das Intro. Bei einem guten Intro – sagen wir mal, wenn du eine Symphonie komponieren wolltest – stimmst du im ersten Satz, also in den ersten Minuten deiner Komposition, auf das ein, was nachher kommen wird. Dabei geht es im Intro fast ausschließlich um die Vorbereitung. Der Fokus liegt nicht auf einem inhaltlichen Ziel, sondern auf dem Rahmen für das, was später kommen könnte.

Erst, wenn der Zuhörer neugierig geworden ist auf das, was noch kommt, dann ist er bereit für mehr Inhalt. Du ziehst ihn sozusagen ganz langsam und gemächlich in die Tiefe – wobei er jederzeit entscheiden kann, auszusteigen. Aber gerade, indem du ihm die Freiheit gibst, sich zu verabschieden, bevor du auf den Punkt kommst, weckst du seine Neugier und die Bereitschaft, dir ins Thema zu folgen.

Mach dir beim Small Talk überhaupt keinen Kopf darüber, wie du Inhalte platzieren könntest.

Sei neugierig und mach den anderen neugierig – dann kommt ihr wie von selbst zu den interessanten Themen.

Und wenn man trotzdem keine Lust auf Small Talk hat?

Das ist mal eine wirklich gute Frage.

Angenommen wir zwei begegnen uns irgendwo.
Ich sage: „Hallo, ich bin Christine Winter.“
Du sagst: „Hallo, ich heiße …“

Und jetzt??? – Jetzt wäre es gut, wenn einer von uns beiden irgendeine Idee hätte, wie’s weitergeht… 

Dieser Artikel ist der Start einer kleinen Serie zum Thema Small Talk. Und in der nächsten Folge werde ich noch mehr über meine Gedanken zum „Kleinen Schwätzchen“ erzählen.

Sollte am Ende die Frage offen bleiben, warum Small Talk ein wichtiges Element in der Kommunikation ist, dann frag mich bitte nochmal. Wenn ich so am Plaudern bin, dann komme ich manchmal etwas von den wirklich wichtigen Themen ab…

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

PS: Hier kommt die nächste Folge der kleinen Artikelserie über Small Talk.

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  1. Liebe Christine,
    ich muss gestehen, ich gehöre zu den Menschen, die Small Talk nicht so gerne mögen. Und in den letzten Jahren fällt es mir sogar immer schwerer mich gerne darauf einzulassen.
    Mit hat dein Artikel sehr gut gefallen, weil er mir wieder die Motivation zurück gebracht hat, es mal auf diese Weise zu betrachten und zu versuchen.
    Herzlichen Dank dafür!

    Viele Grüße,
    Carina

    1. Hallo Carina,
      wenn man das Gefühl hat, etwas mögen zu müssen, obwohl man es nicht mögen möchte, ist es in der Tat schwierig. Schön, dass ich dir ein bisschen „mögen mögen“ geben konnte.
      Und nächste Woche geht es ja mit diesem Thema weiter.
      Ich freue mich, wenn du wieder vorbeischaust.
      Herzliche Grüße,
      Christine

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