Die Traumzauberin – eine Trancegeschichte

von Christine Winter

10.11.2014

Es war einmal ein Mädchen, das saß und saß und saß. Und nichts, aber auch gar nichts, bewegte sich. Nicht einmal sie selbst.
Sie saß im Bürostuhl, sie saß im Fernsehsessel… Nur im Bett, da lag sie.

Sie saß, und es bewegte sich NICHTS. Und sie fühlte sich schlecht, denn sie wusste, dass die Zeit verging. Ihre Lebenszeit. Aber es fühlte sich nicht so an. Es fühlte sich an, als wäre da ein einziger großer Stillstand. Rundherum tickten Uhren, vergingen Tage, Monate, Jahreszeiten. Doch das Mädchen saß unbewegt und hilflos fest.

Wie sollte sie aus diesem Loch herauskommen?

Wie sollte sie etwas verändern, wo sie doch nicht einmal die Kraft hatte, die Dinge anzugehen, die unmittelbar vor ihr auf dem Schreibtisch lagen? Wie sollte sie aus dem vertrauten Leben – auch wenn es noch so unerfreulich und langweilig war – herauskommen? Und warum überhaupt sollte sie das wollen – wo doch scheinbar niemand mehr daran glaubte, dass sie es könnte? Nicht einmal sie selbst.

Da erschien in der Nacht an ihrem Bett eine Zauberin, die Träume lenken konnte. Und obwohl das Mädchen das seltsam fand, erlaubte es einen Zauber – nur für eine halbe Stunde – in dem es seine gewohnte Situation anders sehen durfte.

Sie stellte sich vor, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und nichts zu fühlen. Die Uhr tickte, der Tag verging, doch sie konnte nichts tun. Gar nichts.

Die Zauberin bot dem Mädchen an, in ihren Gedanken aus ihrem Körper heraus zu schlüpfen und auf das niedergeschlagene, lethargische Mädchen vor sich zu schauen. Das tat sie und war erschrocken, welches Häufchen Elend da in ihrem Stuhl hing. Auf den Vorschlag der Zauberin hin nutzte sie die Gelegenheit, sich ihr Zimmer von allen Ecken aus zu betrachten – und sich selbst am Schreibtisch gut anzuschauen. Schließlich blieb sie an einem Punkt, von dem aus sie gut sehen konnte, und fragte die Zauberin, wie sie dem traurigen Mädchen helfen könnte.

Die Zauberin antwortete mit einem Rätsel: Wenn alles so ist, wie es jetzt gerade ist… Und wenn das Mädchen nichts aber auch gar nichts ändern kann… Was müsste dann anders werden, damit es besser wird?

Hmmm…? Das war schwierig! Doch das Mädchen, das aus seinem eigenen Körper herausgeschlüpft war, konnte sich die Situation von allen Seiten in Ruhe betrachten. Zuerst fiel ihr auf, was nicht ging: Sie konnte nicht aus dem Zimmer gehen. Sie konnte nicht einmal die zusammengesunkene Sitzhaltung ändern. Sie konnte nicht die Traurigkeit abschütteln und auch nicht die Hoffnungslosigkeit.

Die Zauberin war sehr geduldig: Lass dir Zeit. Lass deine Gedanken Wege gehen, die sie bisher nie gegangen sind. Und egal, wie verrückt deine Idee ist… Erlaube dir, sie zu haben – nur jetzt in diesem kurzen Traum.

Das Mädchen schwebte in alle Ecken des Raumes und sah sich selbst traurig auf dem Schreibtischstuhl. Und da tauchte ein verrückter Gedanke auf. Zu verrückt, um ihn zu denken. Zu unwirklich. Denn jeder weiß doch, das sowas gar nicht geht…

Aber die Zauberin hatte den Gedanken schon bemerkt: Lass den Gedanken wachsen, bis er den ganzen Raum ausfüllt. Dies ist dein Traum – und nichts, das darin entsteht, ist unwirklich. Lass den Gedanken Raum einnehmen…

Und dann war nur noch der Traum im Raum. Das Mädchen saß zusammengesunken an einem Schreibtisch. Doch der Schreibtisch war nicht mehr der selbe. Er war bunter und … verrückt, aber so war es wirklich … er veränderte seine Form. Auch die Wände waren farbig geworden und die Bilder, die daran aufgehängt waren, hatten andere Motive. Der Raum wurde größer. Und dann fingen die Dinge auf dem Schreibtisch an, sich zu bewegen. In einer Art Tanz tauschten sie die Plätze und richteten sich so auf dem Schreibtisch ein, dass es nur noch einen Handgriff brauchte, um sie ein für alle Mal zu erledigen.

Aus ihrer Zimmerecke blickte das Mädchen auf den zusammengesunkenen Körper im Schreibtischstuhl. Und als sie ihn so wohlwollend betrachtete, da veränderte sich auch dort etwas. Der Körper bewegte sich ein wenig. Der Kopf ging ein kleines Stückchen nach oben. Das Rückgrat richtete sich auf. Die Muskeln spannten sich und brachten den Kopf noch ein wenig höher. Und schließlich öffneten sich die Augen und sahen auf den Traum-Raum voller Farben und Bilder und einen Schreibtisch mit Aufgaben, die sich schon vorbereitet hatten, um ein für alle Mal fertiggestellt zu werden.

Die Zauberin sprach: Was glaubst du – ist das Rätsel schon gelöst?

Nein, das reicht noch nicht. Und wenn ich gerade so am Träumen bin, dann kann ich auch wirklich verrückte Träume spinnen. Zum Beispiel könnte ich träumen, dass die Aufgaben sich nicht einfach bereitgelegt haben, sondern dass sie bestens vorbereitet auf einem Förderband liegen, das immer eine nach der anderen voranschiebt. Und wenn der letzte Handgriff daran getan ist, dann wird die Aufgabe ein für alle Mal aus dem Zimmer hinausbefördert. Und ich könnte träumen, dass nach kurzer Zeit überhaupt nur noch die eine Aufgabe, die an diesem Tag zu tun ist, auf dem Förderband liegt. Und dann könnte ich auch träumen, dass das Mädchen diese eine Aufgabe aufrecht und froh erledigt. Und … das fällt mir jetzt gerade so auf … dann könnte das Mädchen, das seine Aufgabe erledigt hat, aufstehen und ans Fenster gehen kann… Oder noch besser durch die Tür… Nach draußen, wo es keine Aufgaben gibt, sondern Abenteuer. Wo die Welt bunt ist. Ooooh, ich könnte wirklich verrückte Dinge träumen!!!

Und die Zauberin sprach: Meinst du, dass das des Rätsels Lösung ist?

Ja. Ich kann alles träumen. Und in meinem Traum kann ich alles ändern. Oh, das macht wirklich Spaß!

Die Zauberin lächelte: Dann solltest du jetzt gleich üben. Wie wäre es, wenn du in in einen weiteren Raum gingest? Ins Wohnzimmer, in dem du dich im Fernsehsessel sehen kannst.
Sieh dir alles genau an und suche dir wieder einen Platz, von dem aus du dich selbst beobachten kannst. Und dann denk an das Rätsel: Was müsste dann anders werden, damit es besser wird.

Das ist ja leicht. Ich kann die verrücktesten Träume spinnen. Wie der Fernseher den ganzen tristen Raum aufsaugt, bis ich in einer bunten Sommerwiese sitze und die Schmetterlinge um mich herum tanzen. Oder wie der Fernseher immer größer wird, so dass er den Raum ausfüllt und ich mich mitten in der Rosamunde-Pilcher-Verfilmung wiederfinde. Oder wie ich einfach den Fernseher ausmache und nach draußen spaziere, wo ich wirklichen Menschen begegne.

Die Zauberin sprach: Ich beglückwünsche dich. Du hast das Rätsel gelöst. Nun geh wieder zurück zu deinem Schreibtisch.

Äääh – das ist jetzt aber nicht nett! Ich möchte lieber in der Traumwelt bleiben.

Geh zurück an deinen Schreibtisch. Lass die Traumwelt noch ein wenig bunter und verrückter werden. Und wenn sie genau richtig ist… genau so, wie du sie träumen möchtest… dann schlüpfe in deinen Körper zurück… Fülle deinen Körper wieder ganz aus, wie du da so an deinem Schreibtisch sitzt.
Denn das ist deine Welt. Und du kannst sie dir so einrichten, wie sie dir gefällt. Ein Förderband, das die Aufgaben, sobald sie erledigt sind, ein für alle Mal hinausbefördert. Ein Fernseher, der dich dazu bringt, die Geschichten im wirklichen Leben zu erleben. Es ist so, wie du es dir einrichtest.
Und nun schlaf dich aus, damit du ausgeruht in deinen Tag gehen kannst. Der Traum-Zauber wird dich begleiten…

Und genau so war es dann auch.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

 PS: Falls du dich jetzt fragst, warum die Überschrift „Trancegeschichte“ lautet… Ein wenig Geduld, im nächsten Artikel werde ich etwas darüber schreiben.

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    1. Hallo Renate, schön dass du da bist.
      Wir sollten mal wieder miteinander Träume zaubern. 🙂
      (…oder jedenfalls das Hypnotisieren üben.)

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