Kein Problem ohne Ausnahme

von Christine Winter

21.09.2015

Egal, wie dein Problem heißt...
Es gab schon mal einen Moment, in dem es nicht da war.
Oder jedenfalls gab’s einen Augenblick, in dem es weniger schwerwiegend war.

Selektiver Mutismus ist ein gutes Beispiel dafür, denn da ist die Ausnahme sogar Teil der Diagnose. Selektiv mutistisch bist du nur, wenn du Situationen erlebst, in denen du ohne Einschränkungen sprechen kannst.

Depression ist ein anderes Beispiel. Es gab auf jeden Fall Situationen ohne die Antriebslosigkeit. Und es gibt „die besseren Tage“, in denen mehr Energie da ist als an den anderen….

Angst – auch ein sehr gutes Beispiel. Es gibt Momente ohne Angst. Die Angst ist nicht immer da und sie ist nicht immer gleich. Es gibt sogar in vergleichbaren Situationen ungleich viel Angst.

Und wenn du mit diesen ganzen Krankheiten nichts am Hut hast – nimm Aufschieberitis oder Lustlosigkeit. Sie ist nicht immer gleich. Es gibt die Tage, an denen ist das einzige, was bei deiner Arbeit rauskommt, die kontinuierliche Vergrößerung der eh schon endlos langen ToDo-Liste. Und es gibt die anderen Tage, da flutschen die Aufgaben nur so und du wunderst dich, dass erst Mittag ist, obwohl du schon das Pensum für den ganzen Tag weggearbeitet hast.

Wenn es eine Ausnahme gibt – mach sie öfter!

Du erlebst eine Ausnahme von der Sprechblockade – mach mehr davon!

Du entdeckst eine Ausnahme von der Antriebslosigkeit – zweimal täglich für zehn Minuten. (Das reicht erst mal – du willst ja nicht gleich durch Überforderung den nächsten Stress auslösen…)

Du findest eine Ausnahme von der Angst – mach sie größer, so dass sie mehr Raum in deinem Leben einnimmt!

Du nimmst dir eine Ausnahme von der Unlust und Aufschieberei – mach sie einmal täglich und lass ihr so viel Zeit dafür, wie du magst.

Das Prinzip ist so simpel wie faszinierend: Du kennst bereits Situationen, in denen dein Problem kleiner ist. Du erlebst sie – unabsichtlich, zufällig – ab und an. Oder du hast früher, als das Problem noch nicht so groß war, einen Haufen Erfahrungen gemacht, wie du sehr gut ohne dein Problem zurechtgekommen bist.

Was auch immer deine speziellen Erfahrungen mit der Ausnahme vom Problem sind: Mach sie öfter, absichtlich. Mach bewusst mehr davon. Mach sie so groß, dass sich das Problem vor lauter Ausnahme ganz klein vorkommt.

Ausnahme vom Problem – klappt ja eh nicht

Ich weiß, dass du alle Gründe kennst, warum es bei deinem speziellen Problem nicht klappen wird.

  • Es gibt bei dir keine Ausnahme. Überhaupt keine. Noch nie. Es war schon immer so und es war immer gleichbleibend furchtbar.
  • Vielleicht gibt es doch eine klitzekleine Erleichterung alle Jubeljahre. Aber die ist purer Zufall und nichts, was sich absichtlich vergrößern oder gar herbeiführen ließe.
  • Das Problem hat schon seine Höhen und Tiefen. Es lässt sich aber nicht beeinflussen – dein Problem macht mit dir, was es will. Da bist du völlig machtlos.
  • Es stimmt, dass das Problem manchmal nicht da war oder ist. Aber das ist dann ja keine echte Ausnahme, sondern nur ein Durchatmen vor dem nächsten Tiefschlag.
  • Das ist einfach Schicksal – und dem Schicksal kann man nicht entrinnen. Ausnahmen vom Schicksal darf es nicht geben.
  • Probleme – hast du nicht. Das sind bei dir alles „Special Effects“.

Wenn du irgendetwas in dieser Richtung denkst, dann wird es bei deinem Problem nicht klappen. Und zwar nicht etwa deswegen, weil dein Problem so besonders außergewöhnlich wäre – sondern weil die Ausnahme nur für dich eine Ausnahme macht, wenn du daran glaubst, dass es sie gibt.

Falls du jetzt – gleich während du hier weiter liest – mal versuchsweise den Gedanken denkst, dass alle Probleme ihre Ausnahmen haben… Und falls du dann so tust, als ob das auch für eines deiner Probleme zutreffen könnte…
Wenn du dann vielleicht sogar einen Zettel und Stift nimmst und ein paar Gedanken notierst, die die gerade so durch den Kopf huschen, während du versuchsweise eine Ausnahme von deinem Problem für möglich hältst… Und dir dann vielleicht eine Situation einfällt, die tatsächlich anders ist als das immer gleiche Problem…

Dann kannst du jetzt gleich eine kleine Gedankensammlung auf deinen Zettel schreiben…

  • Was ist anders, wenn es anders ist?
  • Was macht die Ausnahme zur Ausnahme?
  • Wie denkst du, während du ausnahmsweise weniger Problem hast?
  • Wie fühlt es sich an, eine Ausnahme zu erleben?
  • Was sagst du dir selbst, wenn das Problem gerade Pause macht?
  • Wie stehst du da? Wie siehst du aus? Wie fühlst du dich in deinem Körper?
  • Was hast du gemacht, bevor die Ausnahme passierte? Unmittelbar vorher – oder eine Stunde vorher… Oder am Tag zuvor…
  • Wie merkst du überhaupt, dass es eine Ausnahme gibt – und dass du gerade mittendrin bist?
  • Wer bist du, während du dir vorstellst, eine Ausnahme zu machen? Und wie kannst du öfter der/die sein, die du jetzt gerade bist?
  • Was kannst du jetzt, in diesem Moment, beschließen, um mehr Ausnahmen in dein Lebenzu bringen?

Tu so, als ob…

Nimm die drei besten Ideen, die du auf dem Zettel hast. Drei reichen völlig – du willst ja nicht im Überschwang der Ideenfindung die kleine Motivation überrennen und zerstören, die du gerade spürst.

Nimm drei richtig gute Faktoren, die anders sind, wenn das Problem kleiner ist.

Die müssen nicht besonders klug oder groß oder phantasmagorisch sein – sondern sie brauchen sich einfach nur gut und interessant und irgendwie spannend anzufühlen.

Und jetzt tu so, als ob die drei Ausnahmefaktoren gerade da wären. Deine Phantasie wird wissen, wie es wäre, wenn drei spannende Dinge gleichzeitig da sind und dadurch die Situation irgendwie besonders ist. Genial, oder?

Vielleicht hat das Problem schon mal in deiner Phantasie kurz um die Ecke gespitzelt. Oder es hat sich gleich so richtig breit gemacht, um zu testen, wie standhaft die Phantasie ist.

Nimm’s ihm nicht krumm – Probleme nehmen sich einfach immer so viel Raum, wie man ihnen lässt. Die sind da ziemlich dreist und ungehobelt. Und sie kommen sich dabei auch noch besonders stark und mächtig vor. Genau genommen sind sie einfach nur ungezogen und ignorant – aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn das Problem eh schon da ist, dann kannst du ihm auch einen deiner drei Ausnahmefaktoren präsentieren. Dazu brauchst du nicht auf Konfrontationskurs zu gehen – das würde das Problem nur dazu bringen, zu zeigen, dass es am längeren Hebel sitzt. Stattdessen kannst du einfach mal erlauben, dass das Problem und die eine kleine Ausnahme-Veränderung sich begegnen. Wer weiß, vielleicht findet das Problem sowas ja auch spannend und macht sich ein bisschen seine Gedanken darüber…

Wenn das Problem bereit ist, den einen Ausnahmefaktor zu dulden, kannst du probieren, ob es auch noch mit dem zweiten leben kann. Aber Vorsicht, nicht überfordern. Wenn sich ein Problem in die Ecke gedrängt fühlt, wird es aggressiv und schlägt kräftig zurück.

Dann sag einfach: Okay, Problem, ich sehe, dass du neugierig bist, was Ausnahmen angeht. Aber lass es uns für heute nicht übertreiben. Du musst ja nicht gleich alle denkbaren Ausnahmen auf einmal sehen. Es gäbe da ja noch mindestens eine weitere Möglichkeit, aber die zeige ich dir erst, wenn du nicht mehr so aggressiv oder panisch reagierst!

(Probleme sind durchaus neugierig – hätt’ste nicht gedacht, oder?)

Es kann natürlich auch sein, dass das Problem den Braten schon riecht und erst gar nicht auf das Spiel eingeht, mal einem Ausnahmefaktor zu begegnen. Dann kannst du einfach von Zeit zu Zeit mal an die eine – nur eine! – Veränderungsvariation denken. Da Probleme durchaus neugierig sind, wirst du bald sagen können: Okay, Problem, ich sehe, dass du neugierig bist, was Ausnahmen angeht… (siehe oben)

Und wie geht’s dann weiter?

Tu so als ob. Gib dem Problem die Möglichkeit, kleine Veränderungen nach und nach kennenzulernen – ganz ohne Druck aufzubauen.

Wenn es ums Kräftemessen geht, ist das Problem stärker. Ich denke, das muss ich dir nicht groß erklären.

Wenn es ums „So tun als ob“ geht, bist du im Vorteil. Deine Phantasie ist auf deiner Seite. Und dann lass dem Problem Raum, um Veränderungsmöglichkeiten zu entdecken – und wenn es stolz mit einem neuen Verhalten ankommt, dann tu einfach so, als wäre das Problem da ganz alleine draufgekommen.

Ob du’s glaubst oder nicht: Probleme mögen Veränderungen, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Denn es ist ganz schön langweilig und zugleich irre anstrengend, immer und ewig ein starres, unveränderliches Problem zu sein und mit dem Rücken zur Wand zu kämpfen, was das Zeug hält. Da kommt es sehr gelegen, wenn mal zwischendurch Raum ist, etwas anderes auszuprobieren. Und dabei nur so zu tun, als ob…

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.

Und hab viel Spaß dabei, deinem Problem beim Spielen zuzuschauen.
Deine

Christine

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  1. Liebe Christine,

    dieser Artikel gefällt mir außerordentlich gut, weil du ganz klar die Ressourcen ansprichst. Oft vergessen wir die Ressourcen, die wir zur Verfügung haben. Oft fühlen wir uns so komplett ausgeliefert, ohne zu sehen, dass es durchaus auch manchmal anders ist.

    Danke für diesen tollen Artikel. Er ist sehr hilfreich.

    LG, Sabine

    1. Das stimmt, Sabine – wir übersehen oft, dass wir die Erfahrung, die wir zur Lösung unseres Problems brauchen, bereits früher oder in einem anderen Zusammenhang gemacht haben. Im Moment erscheint uns das Problem so groß, dass wir nicht daran vorbeikucken können, um einen Überblick über alle unsere Möglichkeiten zu bekommen…

  2. Wie unglaublich passend dein Artikel gerade gekommen ist, ist sowas von klasse!
    Ich hatte die letzten Tage so eine Ausnahme. Sie hat sich auf mein Denken und meine Gefühle ausgewirkt – ohne, dass ich es zuerst merkte. Als ich es merkte, war ich baff. Denn eigentlich war ich tief drin in irgendeiner „Dunkelheit“ , irgendwas verqueren. Dann kam an einem bestimmten Punkt eine Art Resignation, eventuell auch Trotz, ein Bisschen etwas draufgängerisches (zumindest im Denken), eine Gleichgültigkeit(?). Was ich, als es mir bewusst wurde (und vielleicht auch schon vorher) – paradoxerweise als angenehm empfand. Es ging eine wunderbare Angst-Freiheit damit einher; ein Verständnis für mich selbst; und einiges mehr.
    Es war aber nicht wirklich greifbar für mich. „So zu tun“ wollte nicht gelingen. Es hatte sich ganz natürlich auf meine Einstellungen, Gedanken (auch nur Kleinste), Gefühle ausgewirkt – und war „Puff“ wieder verschwunden. Ich hatte das Gefühl mit Methoden komme ich nicht weiter. Das ist was sau-cooles – was irgendwie kommt – und einfach da ist .. warum kanns nicht immer da sein? Wie komm ich da (dauerhaft) dahin?
    Und wie doof ist das, wenn es mit dem Grad an wieder kehrender Freude, wieder verschwindet.
    Es KANN ja da sein – und komischerweise kann es dann ja auch sehr vollständig und stark da sein.
    Ich hatte dann irgendwie das Gefühl, dass ich da vielleicht Gefühlsmäßig oderso rann muss. Theorie über Bord und anders versuchen.
    Und deshalb kam dein Artikel so gelegen. Ich habe jetzt eine Ahnung davon / eine Richtung in die es gehen könnte. Spielerisch; mit Phantasie.
    Ich habe die Tage noch etwas anderes erkannt, und vielleicht kann ich die starken Gefühle; das tiefe Einsteigen in etwas – vielleicht ein Bisschen steuern – und es aber auch nutzen – weil gerade dieses Abtauchen – auch total super sein kann – ich aber bisher eher nur die Schattenseiten davon gesehen habe. Ich es mir nicht erlaubt habe – oder auch total überfordert war und mich habe überwältigen lassen.

    Ist alles noch abstrakt – auch meine Überlegungen zu deinem Text. Aber die Möglichkeit alleine, freut mich gerade sehr.
    Vielen Dank. 🙂

    1. Liebe Zoey, vielen Dank dass du schreibst. Es ist schön zu wissen, dass meine Überlegungen zur rechten Zeit bei dir angekommen sind.
      Was du erlebt hast ist wirklich interessant. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es sich erst mal nicht näher erforschen ließ. Ich glaube aber, dass du dem Phänomen auf der Spur bist – denn du hast schon herausgefunden, dass Logik und Theorie nicht unbedingt weiter führt. Und dass es eher ein Hinspüren und ein Spiel mit dem, was sich da spüren lässt, sein könnte.
      Sei nicht zu draufgängerisch beim Entdecken der Gefühle – sei eher neugierig als abenteuerlustig. Die eine oder andere Frage im Text hilft dir bestimmt, ein kleines bisschen mehr zu erfahren. Und behalte auch ruhig das Problem dabei ein wenig im Blick – denk dran: Es will doch nur spielen. 🙂
      Du erreichst mich über das Kontaktformular wenn du magst.

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