Introvertiert

Auf dem Weg zum neuen Job

Gastbeitrag von Claudia Tetz-Froböse

Bewerbungen schreiben mögen viele Stille Menschen gar nicht. Denn da muss man sich sehen lassen, sich ins beste Licht rücken und für sich werben. Dabei liegt uns diese Selbstdarstellung so gar nicht…

In ihrem Gastbeitrag zeigt uns die Expertin für’s Bewerben, Claudia Tetz-Froböse, wie eine Bewerbung gewinnt.


Wie du im Bewerbungsprozess als stiller Mensch überzeugst

Da überlege ich nun also seit Wochen, was ich dir, als Leserin des Stille-Stärken-Blogs, an sinnvollem Input rund um den Bewerbungsprozess liefern kann und verwerfe Idee um Idee, und dann entwickelt sich ausgerechnet der Kaffeeklatsch mit meiner (introvertierten) Freundin Lea zu einem Thema, das dich interessieren könnte.

Lea und ich sind seit Grundschulzeiten miteinander befreundet. Wir waren beide sehr stille Kinder, aber bei mir änderte sich das in der Pubertät rasant, bei Lea nicht. Wir schreiben beide viel und gerne und wir schreiben beide beruflich.

Lea hatte Germanistik und Pädagogik studiert, landete aber nie in der Schule, weil sie schon als Jugendliche in den Ferien im Büro des elterlichen Handwerksbetriebes mithalf und dort einfach hängen blieb. Vor einigen Jahren ergatterte sie mehr zufällig ihren Traumjob, weil sie als Leserin des Newsletters eines Online-Ausflugs-Magazins mitbekam, dass dort Teilzeit-Online-Redakteure gesucht wurden. Sie schrieb damals ganz spontan eine tolle Bewerbungs-E-Mail, führte ein Telefonat und hatte den Job. Das alles, ohne auch nur einmal im Vorstellungsgespräch gewesen zu sein. Den Chef lernte sie persönlich erst ein Jahr später bei einem gemeinsamen Redaktionstreffen kennen. Bei der Gelegenheit wurde sie zur Chef-Online-Redakteurin befördert, die seitdem regelmäßig Online-Meetings mit den acht Redakteuren, die in ganz Deutschland verteilt sind, veranstaltet und die Marschrichtung der nächsten Wochen vorgibt. So wurde der Teilzeitjob zum Vollzeitjob und der Handwerksbetrieb der Eltern ging an einen Nachfolger. Alles mühelos, eher zufällig und immer genau passend.

Genau so empfindet das auch Lea. Sie glaubt bis heute nicht, dass sie etwas besonders gut kann oder erfolgreich in ihrem Beruf ist. Sie führt das immer auf pures Glück zurück.

Dass sie den Handwerksbetrieb der Eltern komplett kaufmännisch führte, die Buchhaltung machte, die Pressemitteilungen schrieb, den gesamten Schriftverkehr wuppte, alle Termine disponierte, Registratur, Postein- und –ausgang koordinierte und den Kontakt zur Handwerkskammer hielt – alles Glücksache und nicht der Rede wert. Die in ihren Augen wirklich wichtigen Sachen – Kundenakquise und Durchführung der Handwerkstätigkeiten – machten ihre Eltern, damit hatte sie nichts zu tun.

Dass sie zur Chefredakteurin befördert wurde – Glücksache. Sie war halt die einzige Redakteurin, die spontan so viel Zeit aufbringen konnte. Dass der Chef aber nur sie gefragt hat und dies wohl kaum nur ein glücklicher Zufall war, beachtet sie nicht.

Dass sie in der Online-Redaktion die längsten und spannendsten Artikel schreibt, die am häufigsten gelesen werden und deren Verlinkungen viel öfter geklickt werden als die anderer Artikel – Glücksache.

Diese Vorgeschichte brauchst du, um das folgende Gespräch nachvollziehen zu können:

Lea: „Ich bin verloren!“

Claudia: „Häh, wieso das denn? Ist was Schlimmes passiert?“

Lea: „Noch nicht, aber das wird kommen. Ich brauch einen neuen Job. Dringend!“

Claudia: „Wieso das denn? Gefällt dir dein Redakteursleben nicht mehr?“

Lea: „Doch, das gefällt mir sehr, aber das Magazin soll verkauft werden und dann steh ich da.“

Claudia: „Ist das denn schon sicher? Vielleicht wirst du ja auch einfach übernommen?“

Lea: „Nein, das glaube ich nicht – warum sollte mich ein neuer Arbeitgeber übernehmen, ich hab ja nicht einmal eine gescheite Ausbildung.“

Claudia: „Bitte? Du bist nachweislich erfolgreich, schreibst super Artikel, koordinierst mit Leichtigkeit ein bundesweites Team, schaffst es, deine Leute sogar aus der Ferne zu motivieren und lieferst konstant hohe Klickzahlen. Natürlich wird der dich übernehmen. Er müsste ja blöd sein, wenn nicht. Und außerdem hast du ein abgeschlossenes Germanistik-Studium und einen kaufmännischen Hintergrund.“

Lea: „Ach, hör auf, du kennst doch meinen Werdegang. Alles irgendwie zusammengestückelte Zufälle und glückliche Fügungen. Was richtig Handfestes kann ich nicht vorweisen und dazu kommt dann auch noch, dass ich im Vorstellungsgespräch wahrscheinlich vor lauter Aufregung kein Wort rausbekomme.“

Claudia: „Lea, warum sollte das passieren? Du kannst doch einfach erzählen, was du bisher so gemacht hast. Und dass du bei einem Vorstellungsgespräch aufgeregt bist, ist doch nur natürlich, dass geht allen so.“

Lea: „Du hast gut reden, du machst so etwas mit Leichtigkeit. Du hast bisher noch jeden plattgequatscht. Aber ich kann das nicht. Dafür bin ich viel zu schüchtern und kann zu wenig und außerdem werde ich wahrscheinlich sowieso nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Bisher hatte ich immer Glück, aber das kann ja nicht ein Leben lang so weitergehen.“

Claudia: „Wer sagt das?“

Lea: „Claudia, jetzt mal ernsthaft, du würdest mich auch nicht einstellen mit meinem Lebenslauf, du würdest mich noch nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch einladen.“

Claudia: „Stimmt Lea, jedenfalls nicht, solange du dich so schlecht darstellst und alles nur auf Glück zurückführst. Wenn ich aber deine Leistungen sehe und deine äußerst korrekte und erfolgreiche Arbeitsweise betrachte, dann würde ich mich beeilen, dich anzurufen und einen Termin für das Vorstellungsgespräch zu vereinbaren, damit du mir nicht von der Konkurrenz weggeschnappt wirst. Du musst dein Können nur sichtbar machen.“

Lea: „Ja, ja – ich weiß: Bewerben heißt ‚Werben für sich selbst und Man muss sich gut verkaufen.‘ Ich kann so etwas aber nicht, ich finde es schrecklich, mich verkaufen zu müssen. Das will ich nicht!“

Claudia: „Ok, Lea – folgender Plan: Du schreibst einfach mal einen Lebenslauf, wenn du wieder daheim bist und schickst ihn mir, dann schauen wir weiter.“

Und natürlich war der Lebenslauf so, wie ich mir das bei Lea gedacht hatte. Super bescheiden, super sachlich, super kurz. Er sagt nichts über ihre eigentlichen Fähigkeiten aus. Völlig unverständlich, wenn man weiß, wie genial Lea schreiben kann.

Leas Lebenslauf – Hier nur einmal der Ausschnitt des Wesentlichen:

Seit 09.2004

Redakteurin beim Online-Magazin xyz, München

08.1990 – 08.2005

Bürokraft in der Schreinerei xyz, Duisburg

10.1985 – 05.1991

Studium Germanistik und Pädagogik,
Universität – GH – Duisburg
Abschluss M. A. 1991

08.75 – 05.84

Gymnasium ABC, Duisburg
Abschluss: Abitur

08.71 – 05.75

Grundschule, Duisburg


In dieser Form – da vermutet Lea schon ganz richtig – wird sie nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, denn für den Personalverantwortlichen ist überhaupt nicht ersichtlich, was Lea kann. Ok – er könnte im Zeugnis nachlesen, aber dazu müsste er erst einmal neugierig genug sein, um bis dorthin vorzublättern. Und neugierig machen diese wenigen Zeilen einfach nicht.

Wie kann sie es also besser machen?

Zuerst einmal sollte Lea sich Gedanken machen, wer ihre Unterlagen liest und mit welcher Zielsetzung. Nehmen wir einmal an, Lea bewirbt sich bei einem anderen Online-Magazin. Dann wird der Personalverantwortliche vermutlich folgende Informationen vom potenziellen neuen Mitarbeiter benötigen:

  • Berufserfahrung allgemein
  • Erfahrungen in der Branche
  • Erfolge in der Branche
  • Kenntnisse der EDV-Systeme on- und offline
  • Social Media Erfahrung
  • Ausbildung / Studium
  • Gehaltsvorstellungen
  • Führungserfahrung
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Teamfähigkeit
  • Stärken / Schwächen
  • Flexibilität
  • Konfliktfähigkeit
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Selbstständiges Arbeiten
  • Organisationsgeschick

Bekommst du, als introvertierter Mensch, jetzt den Angstschweiß auf der Stirn, bei dem Gedanken, was du alles erzählen sollst?

Immer locker bleiben, noch musst du es erst einmal schriftlich erzählen. Und das diese Informationen für einen Arbeitgeber elementar sind, ist dir sicherlich klar. Natürlich soll eine freie Stelle bestmöglich besetzt werden. Dabei geht es aber nicht um den lautesten oder forschesten neuen Mitarbeiter, sondern um den fähigsten! Um eine Vorauswahl treffen zu können, benötigt der Personaler also o. g. Informationen.

Du möchtest wissen, wie das in Leas Fall aussieht? Du wirst staunen!

Berufserfahrung allgemein: Lea verfügt über 30 Jahre praktische Berufserfahrung, denn sie hat schon während des Studiums im elterlichen Betrieb gejobbt. Über einen längeren Zeitraum Studium und Arbeit zu kombinieren, erfordert Stressresistenz, Flexibilität, Kontinuität, Loyalität und Organisationstalent.

Es ist also ungemein wichtig, dass der Personaler dies erfährt.

Branchenerfahrung: Rund 12 Jahre Branchenkenntnisse bringt Lea mit. Das ist – gerade im Online-Geschäft – eine lange Zeit. Weiß man zusätzlich noch, dass Lea als Teilzeitkraft anfing und relativ schnell zur Vollzeit-Führungskraft wurde, wird schnell klar, dass sie außerordentlich gute Leistungen erbracht haben muss.

Wenn der Personaler dann noch wüsste, wie genau Lea arbeitet, welche Aufgaben sie tagtäglich erfüllt, dann würde er sofort zum Telefon greifen.

Lea arbeitet aus dem Homeoffice, organisiert einmal jährlich große Redaktionstreffen, bei dem Inhaber und Online-Redakteure die Jahreszielplanung durchgehen. Quartalsweise werden Online-Konferenzen mit den beteiligten Redakteuren durchgeführt und der tägliche Kontakt läuft über Skype, Adobe Connect, Trello, Evernote, E-Mail oder Telefon.

Das bedeutet, dass Lea sowohl Führungserfahrung hat und wieder einmal ihr Organisationstalent auffällt. Ein so großes dezentrales Team zu führen, erfordert ein besonderes Maß an Struktur, Kommunikationsfähigkeit (jetzt würde Lea in schallendes Gelächter ausbrechen) und Überzeugungskraft. Sie kann offensichtlich gut motivieren und scheint auch ein Teamplayer zu sein. Ob dies vor Ort in einem Team genauso funktionieren würde, ist nicht erkennbar.

Sie schreibt täglich mehrere Artikel mit Längen zwischen 1.500 und 10.000 Wörtern. Dabei beachtet sie SEO-Richtlinien und arbeitet mit einem Content-Management-System (CMS). Sie beherrscht Joomla, WordPress und Typo 3, bearbeitet die Bilder für ihre Artikel mit Adobe Photoshop und postet täglich bei Facebook, Instagram und Twitter. Sie schafft 75 % ihrer Twitter-Posts mit exakt 140 Zeichen (unglaublich !). Alles was mit Online-Marketing, Software oder Projektplanung zu tun hat, geht ihr offensichtlich leicht von der Hand. Sie kann das gesamte Office-Paket bedienen und dazu noch die gängigsten Adobe-Programme. Sie führt akribisch einen Redaktionsplan für das gesamte Team und ist auch noch für den wöchentlichen Newsletter verantwortlich.

Ihre Artikel werden bis zu 60.000 x pro Monat angeklickt, entsprechend erfolgreich sind Verlinkungen in ihren Artikeln.

Aus ihrer Bürozeit bei den Eltern bringt sie außerdem noch Buchhaltungskenntnisse mit und kann über unterschiedliche Holzarten ganze Bücher schreiben (das ist hier aber nicht relevant). Sie ist also außerordentlich lernfähig.

Glaubst du an dieser Stelle, dass Lea immer nur Glück hatte?
Glaubst du außerdem, dass sie Schwierigkeiten hat, einen neuen Job zu finden?
Glaubst du, dass es jetzt noch relevant ist, ob und welches Studium sie abgeschlossen hat?
Glaubst du, dass es ein Problem ist, dass sie introvertiert ist?

Ein großes, fettes NEIN!

Das Dumme ist nur – es weiß niemand. Wenn Lea ihren extrem dünnen Lebenslauf losschickt, kommt niemand auch nur annähernd auf die Idee, welch großes Talent sich dahinter verbirgt.

Also sollte Sie den Lebenslauf völlig anders schreiben und ordentlich aufpimpen.

Leas Lebenslauf aktuell:

Seit 09.2004

Chef-Redakteurin beim Online-Magazin xyz, München

  • Leitung eines Teams aus acht Redakteuren bundesweit
  • Verfassen von Artikeln unter Berücksichtigung von SEO
  • Regelmäßige Organisation und Durchführung von on- und offline Redaktionskonferenzen (online per Skype)
  • Aufbau und Pflege der Redaktionspläne unter Nutzung von Trello und Evernote
  • Regelmäßige SocialMediaPosts bei Facebook, Instagam und Twitter

75 % meiner Twitter-Posts haben exakt 140 Zeichen;
meine Artikel sind zwischen 1.500 und 10.000 Wörtern lang und werden bis zu 60.000 mal geklickt (siehe Zeugnis + Auszug Google Analytics)

08.1990 – 08.2005

Leitung des Büros der Schreinerei xyz, Duisburg

  • Kaufmännische Leitung
  • Pressearbeit
  • Erstellung von Marketingartikeln
  • Aufbau einer Webseite und eines SocialMediaAccounts des Handwerksbetriebes

Bereits während des Studiums regelmäßiger Teilzeit-Einsatz als Bürofachkraft

10.1985 – 05.1991

Studium Germanistik und Pädagogik,
Universität – GH – Duisburg
Abschluss M. A. 1991

08.75 – 05.84

Schulzeit, Duisburg
Abschluss: Abitur
Ab der 7. Klasse redaktionelle Mitarbeit in der
Schülerzeitung „Till Eulenspiegel“

Sonstiges

EDV-Kenntnisse (sehr gut – gut)

  • MS-Office-Paket + MS-Project
  • Adobe: Photoshop, Indesign, Muse, Creator, Connect
  • Content-Management-Systeme: WordPress, Joomla, Typo 3
  • Evernote
  • Trello
  • Skype
  • SocialMedia: Facebook, Instagram, Twitter, Xing

Wenn Lea jetzt noch ein spannendes Anschreiben verfasst, das den Personaler dazu bringt, den Lebenslauf zu lesen, dann ist ihr das Vorstellungsgespräch sicher.

Und spannend schreiben ist schließlich ihre leichteste Übung!

Was heißt das nun für dich?

Gerade als introvertierter Mensch hast du so viele tolle Stärken. Schau sie dir doch einmal genau an und überlege, wie du sie in deinem bisherigen Berufsleben eingesetzt hast. Frag dich vor der Bewerbung, welche deiner Fähigkeiten bei der ausgeschriebenen Stelle wohl am besten passt. Dann kannst du genau das im Bewerbungsanschreiben und dem Lebenslauf beschreiben.

Und du siehst an Leas Beispiel, dass es nicht darum geht, sich besser, schöner, größer zu machen, sondern die Tatsachen so zu präsentieren, dass sie gesehen werden. Das ist alles! Und es wirkt!

Wenn ich dir im Bewerbungsprozess behilflich sein kann, melde dich gerne bei mir oder schau einmal auf meine Webseite bewerben-endlich-erfolgreich.de.

Geh DEINEN Weg.

Alles Liebe
Claudia


Claudia Tetz-Froböse begleitet als Coach und Autorin seit fast 30 Jahren Menschen auf dem Weg in einen (neuen) Job.

In ihren Büchern liefert sie Handwerkszeug für erfolgreiche Bewerbungen und Vorstellungsgespräche, Coachingübungen, die den Weg vom Beruf zur Berufung klären und sorgt mit humorvoll beschriebenen Praxisfällen für die nötige Leichtigkeit im Bewerbungsprozess.

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Introvertiert

Geh in Führung mit dem, was dir am Herzen liegt!

Mal eine Frage: Würdest du sagen, dass Angela Merkel eine Führungs-Persönlichkeit ist?

Ich frage das, weil ich den Eindruck habe, dass sie ziemlich gut in die Kategorie „Stille Menschen“ passen könnte…

Die Frau ist seit bald elf Jahren Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
Und nicht selten vermittelt sie den Eindruck, sie sei der Chef der ganzen EU.

Ich will hier keine Politik diskutieren. Ich will nur zeigen: Zurückhaltende Menschen und verantwortungsvolle Positionen, in den man unweigerlich Führungskraft ist, schließen sich nicht gegenseitig aus.

Gibt es sie wirklich, die „leisen Leader“?

Ich denke bei der Frage nach „Leadern“ natürlich zuallererst an Wirtschaftsbosse, Unternehmer-Persönlichkeiten, Politiker, hochrangige Manager.

Na ja, während ich weiter nachdenke, erinnere ich mich auch an die Leute, die ich als Vorgesetzte im Job über mir hatte… Hups, ich war ja selber auch jahrelang eine Vorgesetzte.

Und dann gibt es natürlich auch jede Menge Leute, die in Vereinen und Gemeinschaften oder einfach nur in meinem Freundeskreis Verantwortung übernehmen und damit im ganz normalen Alltagsleben in Führung gehen.

Und während ich so darüber nachdenke, fällt mir Bill Gates ein. Und Barack Obama. Vielleicht auch Papst Franziskus? Aber auf jeden Fall der Dalai Lama!

Zurückhaltung und weltumspannender Einfluss schließen sich offensichtlich nicht gegenseitig aus.

Was hat die Weltherrschaft jetzt mit uns zu tun?

Stille Menschen treten nicht von vornherein an, um die Welt zu beherrschen. Ich unterstelle mal, dass das auch für die genannten Persönlichkeiten absolut nicht das ursprüngliche Ziel war.

Ich glaube, dass Stille Menschen in Führung gehen, weil sie gar nicht anders können. Sie müssen ihre Werte verwirklichen. Und ihr Anliegen für die Welt verlangt, dass sie sich weiterentwickeln, um für die Sache, die sie vertreten, aus der Masse herauszustechen – obwohl sie, wenn sie auf andere Weise das Gleiche erreichen könnten, lieber unauffällig und still im Hintergrund bleiben würden.

Ich glaube das deshalb, weil es mir selbst immer wieder passiert ist, dass ich „für die Sache“ weit über meinen Schatten gesprungen bin und mich in den Vordergrund gestellt habe, obwohl ich mich weiter hinten wohler gefühlt hätte.

Ich war nie absichtlich Führungskraft – sondern ich war da, wenn es nötig war, zu führen. Das ist ein großer Unterschied, finde ich.

  • Im Job mussten Entscheidungen getroffen werden, damit die Arbeit flutschte. Also habe ich entschieden.
  • Im Urlaub mit meinen Freunden musste jemand sagen, was es an Sehenswürdigkeiten zu besuchen gab und wie wir eine abwechslungsreiche gemeinsame Reise machen können. Also habe ich die Reiseleitung übernommen.
  • Die Stillen Menschen brauchten jemanden, der zeigt, dass es ein Leben nach den Sprechblockaden gibt und dass jeder es da hin schaffen kann. Also habe ich Stille Stärken entwickelt.

Stille Menschen führen einfach – und werden dadurch sichtbar

Mir sind im Berufsleben immer wieder Kollegen begegnet, die „Karriere machen“ als wichtiges Ziel und „Ruhm“ als wichtigen Wert hatten. Um das zu erreichen, haben sie sehr darauf geachtet, dass sie – im allerbesten Licht – gesehen wurden und dass ihnen Erfolge zugeschrieben wurden. (Das soll keine Kritik sein. Irgendjemand muss den Erfolg des Teams schließlich nach außen darstellen. Und dafür erklären sich die zuerst bereit, die sich bei der „Außendarstellung“ am wohlsten fühlen.)

Ich bin aber auch immer wieder Leuten begegnet, denen ging es darum, Inhalte zu vermitteln und Projekte, die ihnen wichtig waren, erfolgreich abzuschließen. Oder es war ihnen wichtig, dass der Laden für Kunden und Mitarbeiter reibungslos läuft und dass die Menschen darin ihr Bestes geben und bekommen können. Oder es ging ihnen darum, eine ganz bestimmte Sache in die Welt zu bringen, weil sie einfach in die Welt musste.

Und wenn dazu eine gewisse Außendarstellung nötig wurde (und sich kein anderer im Team zu einer Art „Regierungssprecher“ ernennen ließ), dann machten sie das eben auch.
Während sie das für die Sache machten, was dafür zu tun war, zeigte sich so manches Talent. Ein authentisches Führungs-Talent!

Nur die Lauten werden gehört?

Ich sag‘s mal so: Wer nichts von sich gibt, wird nicht gehört.

Da wir zurückhaltenden Charaktere kein Bedürfnis haben, irgendetwas in die Welt zu posaunen – und sei es noch so posaunens-würdig! -, ist es für die Welt meistens echt schwierig, etwas von uns mitzubekommen.

Aber ich sag es mal so: Wenn Posaunen dir nicht so liegt, nimm die Harfe.

Du kannst dich auf ruhige Weise ausdrücken. Da spricht überhaupt nichts dagegen. Ganz im Gegenteil.

Ich für meinen Teil finde Schreiben einfacher als in eine Kamera zu sprechen. Darum gibt‘s im ganzen Stille-Stärken-Blog bislang kein Video, auf dem ich im Bild zu sehen bin. Trotzdem mache ich mich hier ganz regelmäßig „sichtbar“ und habe „meine Stimme“.

Wenn du lieber schreibst als sprichst, dann schreibe.
Und schreibe so, dass deine Aussagen von anderen Menschen gehört werden.

Wenn du dich in Musik ausdrückst – mach Musik.

Wenn du malst, was in dir steckt – male.

Wenn du tanzen kannst – tanze.

Mach es auf deine Weise. Aber mach es so, dass es andere Leute mitkriegen.

Was passiert, wenn die Leisen ihr Potenzial verkennen?

Diese Frage stammt von Maike. Und sie ist sehr wichtig.

Was passiert, wenn jemand zurückhaltend ist und großartige Stärken hat? Was passiert, wenn niemand etwas davon mitkriegt? Was passiert, wenn sich der wunderbare Mensch selbst nichts zutraut?

Die Antwort ist: Nichts.

Es passiert einfach gar nichts. Die Welt ist viel zu betriebsam, um auf jemanden aufmerksam zu werden, der nicht bemerkbar ist.

Wenn etwas in dir ist, was in die Welt muss, dann zeig es!

Jaaaa, ich weiß, dass du dich jetzt ganz klein machst und dir absolut sicher bist, dass das niemals passieren wird.

Und vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen: Ich habe NICHT geschrieben, dass du DICH zeigen sollst. Ich weiß ganz genau, dass du das nicht mal eben so machen würdest. Ehrlich gesagt – das würde ich auch nicht.

Ich kenne die Hürde, die du empfindest, wenn ich sage: „Zeig dich!“
(Sogar, während ich das hier hinschreibe, kriege ich Herzflattern, wenn ich mich da hineindenke…)

Du musst dich nicht präsentieren. Du darfst dich zurücknehmen. Es ist okay.

Zeig das, was du kannst. Zeig, was dir wichtig ist. Zeig etwas VON DIR.

Nur eine Kleinigkeit. Zeig etwas von dir, das dir leicht fällt. Etwas, das dir ganz natürlich und selbstverständlich erscheint. Und falls du dich fragst, wen das interessieren könnte:
Es interessiert die anderen Leser, die hier gelesen haben, dass sie sich nicht selbst darstellen und präsentieren müssen – aber dass die Welt darauf wartet, ihre Stärken kennenzulernen.

Gib uns ein Beispiel von dir, damit wir entdecken können, dass alle unsere Stärken wertvoll und beachtenswert sind.

Hier lesen Leute, die schon mehrere Bücher veröffentlicht haben. Und welche, die anderen Menschen etwas beibringen. Und tatsächlich gleich mehrere Illustratorinnen. Mehrere Sängerinnen. (Ja, im Chor singen zählt auch als „Sängerin sein“.) Eine tolle Korrektorin für Texte. Eine Videobloggerin. Etliche Blog-Schreiberinnen sowieso.

Hier lesen viele, viele stille Menschen, die längst zeigen, was sie können. Ganz im Kleinen oder auch still und unauffällig schon ein kleines Bisschen größer.

Schreib einen Kommentar, gleich hier drunter. Gleich jetzt.

Schreib auf, was dir am Herzen liegt. Was du kannst, was du machst. Dein Thema. Hier und jetzt.
(Werbung und Links auf deine Angebote sind in in den Kommentaren zu diesem Artikel ausdrücklich erwünscht. Zeig, was du hast!)

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Introvertiert

Reisen oder Komfortzone?

Jessica vom Blog „Yummy Travel“ hat die Frage in die Blogger-Runde geworfen:
„Warum in die Ferne schweifen?“

Sie fragt, ob es nicht einfacher wäre, daheim in der Komfortzone zu bleiben – und das hat mich wiederum zur Frage veranlasst, ob ich denn zwischen „Verreisen“ und „in der Komfortzone bleiben“ eine Wahl treffen muss…

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade „Warum in die Ferne schweifen?“ von Jessica auf yummytravel.de.


Meine Komfortzone im Bezug auf Reisen

Ich habe gerade mal kurz überschlagen – und erstaunt festgestellt, dass ich schon deutlich mehr als ein Jahr meines Lebens auf Reisen im Ausland war. Auf all den Reisen habe ich mich persönlich weiterentwickelt und meine Komfortzone erweitert. Ich habe einen Haufen Erlebnisse gehabt und Erfahrungen gemacht – und in so manchen Momenten wäre ich gerne vor Peinlichkeit in den Boden versunken. Ich habe die unterschiedlichsten Verkehrsmittel kennengelernt und mich mittlerweile sogar damit angefreundet, mit einem gemieteten Auto in einem fremden Land auf der falschen Straßenseite zu fahren und dabei die Worte auf den Verkehrsschildern nicht entziffern zu können.

Ich finde, dass meine Komfortzone auf Reisen mittlerweile ausreichend geräumig geworden ist. Oder, anders ausgedrückt: Ich verreise extrem gerne und ich komme nur noch recht selten in Situationen, in denen ich mich unwohl oder gar hilflos fühle.

Wie ich reise

Als Jugendliche war ich im Urlaub mit meinen Eltern. Die norditalienische Adria war wenig abenteuerlich, und nach dem dritten Aufenthalt in der selben Ferienanlage gab es da auch nicht mehr so viele Gründe, dort nicht in der Komfortzone zu bleiben. Sprich: Morgens Swimmingpool, nachmittags Strand, abends Eisdiele. 😉

Später habe ich ein paar Reisemöglichkeiten ausprobiert.

Und schließlich habe ich zwei Arten von Reisen ziemlich oft wiederholt, weil sie genau richtig für mich sind:

1. Von mir selbst organisierte Rundreisen mit ein paar guten Freunden

Wenn ich eine Reise plane, dann in allen Details.
Das mache ich gerne. Und das Lesen, Stöbern, Googeln, noch mehr Lesen ist ein wesentlicher Teil der Reisevorfreude. Ich mag es, mich intensiv mit meinem Reiseziel zu befassen.

Da bin definitiv in meiner Komfortzone: Mit drei verschiedenen Reiseführer-Büchern und zwölf Browser-Tabs, auf denen alle möglichen Info-Webseiten gleichzeitig geöffnet sind, eine lange Liste von Unterkunfts-Optionen, Reiserouten, wichtigen Sehenswürdigkeiten und nicht ganz so geheimen Geheimtipps zusammenschreiben…
Das ist voll und ganz meins. 🙂

Wenn wir dann nach meiner mehrwöchigen Planungsphase zu viert oder zu sechst in den Flieger steigen, fühle ich mich rundum wohl. Und weil ich unter Freunden bin, habe ich überhaupt nicht das Gefühl, meine Komfortzone zu verlassen.

Sogar in den sechseinhalb Wochen Neuseelandurlaub damals gab es nur wenige Momente, in denen mich eine Situation „unkomfortabel“ werden ließ.
Okay, da waren die zwei Situationen, als meine Unterkunfts-Reservierung verloren gegangen war und wir jeweils spätnachmittags irgendwo im Nirgendwo auf Zimmersuche gehen mussten. Wir hatten aber schließlich doch immer alle ein Bett für die Nacht.
Und natürlich blieb „Knatsch“ in der Gruppe auch nicht aus. Dann hat sich jeder für eine Weile zurückgezogen – und nach ein paar Stunden waren wir wieder Freunde. 🙂

Weiter in die Ferne schweifen als Neuseeland geht nicht. Und länger als bei dieser Reise rund um die neuseeländische Süd- und Nordinsel war ich auch noch nie auf einer Rundreise.

Am anderen Ende der Welt fühlte ich mich nicht wesentlich öfter außerhalb meiner Komfortzone als zuhause. (Vielleicht sogar weniger oft, denn mein Beruf und mein Alltag war damals ziemlich herausfordernd und stressig.)

Im Grenzbereich zwischen der Bequemzone und der Überforderung (also da, wo es schon ein wenig kribbelig und herausfordernd wird) war ich während dieser Reise schon öfter mal – und dadurch wurde meine Komfortzone natürlich in den fast sieben Wochen der Neuseeland-Rundreise insgesamt um ein gutes Stück größer.

2. Allein und ohne ausführlichen Plan

Wenn ich ganz alleine verreise, plane ich mittlerweile gerade so viel, dass ich das Gefühl habe, unterwegs ohne große Überforderung zurechtzukommen.

(Ich geb es gleich von vornherein zu: Dabei verschätze ich mich durchaus gelegentlich gehörig. Und dann bin ich während der Reise auch manchmal ganz schön weit außerhalb der Komfortzone.)

Minimale Planung heißt: Die Anreise und die Heimreise ist fix. Die Unterkünfte sind nicht nur gebucht, sondern sicherheitshalber auch nochmal rückbestätigt. Das Mietauto ebenfalls. Und ich habe mir die Gegend im Internet als Satelitenbild und Landkarte mehrmals angeschaut. (Ich fühle mich einfach sicherer, wenn ich mir einreden kann, ich würde die Umgebung des Reisezieles schon „kennen“.)

Und dann geht‘s los. Zum Beispiel nach Irland.

Natürlich bin ich in den zwei Wochen Rundreise über die Grüne Insel öfter mal ganz schön ins Schwitzen gekommen. Es wäre glatt gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich die ganze Zeit in meiner Komfortzone war. Eigentlich war ich sogar jeden Tag vor irgendwelchen unerwarteten Herausforderungen der Kategorie „Ungemütlich“ gestanden.

Aber weißt du was: Es hat mir unheimlich gut getan, am nächsten Morgen frisch ausgeruht auf das zurückzublicken, was ich am Tag vorher erlebt und – natürlich – gemeistert hatte.

Und das ist der Knackpunkt: Nach einer Überforderung brauche ich Zeit zur Erholung. Kriege ich die nicht, dann ist die Urlaubsfreude dahin.

Meine Lösung: Wenn ich merke, dass ich Erholung brauche, dann sorge ich dafür. (Schließlich bin ich im Urlaub!) Dann setze ich mich unterwegs für eine Stunde an den Strand oder an eine Stelle mit sehenswerter Aussicht und mache – NICHTS.

Das sind die ganz besonderen, die stillen Momente, die mir auch lange nach einer Reise noch in Erinnerung bleiben.

Reisen oder in der Komfortzone bleiben?

Das ist nicht die Frage, finde ich.

Die Frage ist für mich: Wie kann ich so reisen, dass ich mich wohlfühle – auch wenn ich unterwegs schon mal aus meiner Komfortzone geschubst werde.

Und meine Antwort ist: Ich brauche Pausen. Ich brauche Rückzugsmöglichkeiten. Ich brauche ruhige Momente. Und es ist „mein Job“, auf Reisen genau dafür zu sorgen.

Manchmal geht das schon mit dem Frühstück im Hotel los. 😉

Du wüsstest jetzt gerne, wie ich meine Auszeiten nun ganz konkret im Urlaub gestalte? Ich habe dir mal eine Liste mit erprobten Ideen zusammengeschrieben.

Sorg gut für dich, wenn du in Urlaub fährst.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Introvertiert

Halt, Sommer, bleib doch noch ein wenig…

Meine Stimmung herbstelt. Dabei ist das Wetter noch gar nicht danach. Gestern gab es hier fast 25 Grad und herrlichstes Noch-Sommerwetter.

Daran kann es also nicht liegen.

Aber in mir drinnen macht sich Herbststimmung breit. Und wenn in mir drin Herbst ist, dann finde ich das ziemlich lästig. Vor allem, weil ich mich dann selbst nicht so gut leiden kann.

Tja, wenn ich mich selber nicht so besonders mag, dann mag ich auch nicht unbedingt Leute um mich herum. Dann möchte ich mich am liebsten irgendwo, wo es warm und kuschelig ist, zusammenrollen wie eine Katze und mir selbst etwas vorschnurren, das Fell lecken und dahindösen.
Ja, eine Katze zu sein wäre in dieser Jahreszeit, in der es nicht mehr Sommer ist, schön.

Ich glaube, nach den vielen langen, sonnigen Tagen ist es für mich jetzt Zeit, mich mehr in mich zurückzuziehen. Ich sollte wohl wieder konsequent regelmäßig schreiben – auch wenn ich mich wegen meiner herbstlichen Stimmung nicht so leicht dazu aufraffen kann. Ich könnte auch wieder regelmäßig lesen – nicht nur mal eben so am Badesee schnell einen Roman verschlingen, sondern ein bewusst ausgewähltes Buch in aller Ruhe von vorne bis hinten lesen und durchdenken.

Oh, und das wichtigste „Hobby“ im Herbst und Winter habe ich beinahe vergessen:
Tagträumen.

Tagträumen klappt am besten, wenn die Tage merklich kürzer werden.

Zu einem guten Tagtraum brauche ich gar nicht viel: Ein kuscheliges warmes Plätzchen mit einer Wolldecke, eine Kanne lecker duftenden Tee, ein bisschen leise Klaviermusik und eine kleine Weile ungestörte Zeit.
Ich glaube, das sind die Momente, in denen ich mich ein wenig fühle wie eine Katze.

Ich fürchte, der Sommer lässt sich nicht mehr viel länger festhalten. Die Tage werden unweigerlich kürzer und kühler. Die Abende sind lang und dunkel. Und meine Stimmung wird herbstlich.
Die Jahreszeit der Bücher, der Musik und der Tagträume ist da.

Ich glaube, ich finde den Herbst doch irgendwie schön. Und ich freue mich unterdessen, dass schon in drei Monaten die Tage wieder länger werden.
Jetzt suche ich mir ein schönes Buch und eine CD mit Klaviermusik aus und hole meine Wolldecke aus ihrem Sommerquartier…

Ich wünsche dir, dass du deine Herbstabende voll und ganz auf deine Weise genießen kannst.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Introvertiert

Auf Tante Luises Achtzigstem

Jeder hat sie.
Die diversen Tanten, die irgendwie – man hat schon fast vergessen, wie eigentlich genau – zur Familie gehören.

Da gibt es die echten Groß­tanten und die angeheirateten, die entfernten Cousinen vom Opa und solche, die den Titel „Tante“ von der Familie irgend­wann ehrenhalber verliehen bekommen haben.
Von den Schwestern und den Ehefrauen der Brüder von Mama und Papa ganz zu schweigen…

Und alle diese nicht besonders nahen, aber auch nicht allzufernen, Verwandten haben ständig runde Geburtstage, die natürlich angemessen und unter vollzähligem Erscheinen der ganzen weitläufigen Verwandtschaft gefeiert werden. Und dazu kommen „halbrunde“ Geburtstage („Man weiß ja nie, wie oft man noch die Gelegenheit hat…“) und Schnapszahlen („Man weiß ja nie…“) und irgendwelche Feierlichkeiten ohne nachvollziehbarem Anlass („Man weiß…“ – Du weißt schon.)

Ich bin in einem Alter, in dem die Generation der Großtanten mittlerweile ausgestorben ist. Aber es geht mit der Generation der Tanten nahtlos weiter. Runde und halbrunde und unrunde Geburtstage – einer nach dem anderen…

Fragst du dich jetzt, warum ich dir das schreibe?

Ich fühle mich auf diesen Geburtstagsfeiern unwohl.

Mittagessen in der Gaststätte, Kaffeetrinken im Esszimmer der Tanten-(Schwieger-)Tochter, sobald der Kuchenteller leergegessen ist die unvermeidliche Aufschnittplatte… Unter acht Stunden geht so eine Feier nie ab – gerne länger, man hat sich ja eeewig nicht mehr so gemütlich getroffen.

Alle quatschen durcheinander. Wenn mich ein Thema interessieren würde, dann wurde es bereits wieder gewechselt, bevor ich mich ins Gespräch einklinken konnte. Und wenn mich ein Thema nicht interessiert, dann fällt es mir eh schwer, darüber zu smalltalken.

Und dann immer dieses staunende: „Hui, du bist aber groß geworden!“
Unweigerlich gefolgt vom neugierigen: „Und, hast‘ bald vor, zu heiraten?“
Was wiederum unweigerlich überleitet zum stirnrunzelnden: „In deinem Alter hatte ich schon X Kinder.“

Früher habe ich das stumm über mich ergehen lassen. Irgendwie habe ich die Geburtstage hinter mich gebracht, schweigsam und abweisend, aber doch so angepasst, dass mir niemand einen Vorwurf machen konnte.

Heute entscheide ich mich oft, einfach nicht hinzugehen. Runde, halbrunde und unrunde Geburtstage passieren auch wenn ich nicht dabei sitze, mich stundenlang unwohl fühle und frustriert Kuchen in mich hineinschaufle.

Je nach emotionaler Nähe tut’s auch ein Anruf bzw. eine Geburtstagskarte oder -Mail.
(Ja, die Tantengeneration ist mittlerweile zum Teil auch schon online.)
Oder, wenn ich nur als Anhängsel meiner Eltern eingeladen bin, die Bitte, man möge der Tante herzliche Grüße ausrichten und sagen, dass ich in letzter Zeit echt tierischen Stress habe… (Ich bin mir absolut sicher, dass meine Eltern das angemessen ausschmücken.)

Und wenn’s dann doch mal sein muss…

Manchmal führt kein Weg daran vorbei. Tante Luise wird nur einmal Achtzig, ich hab‘ sie irgendwie schon ganz gern, und man weiß ja wirklich nie…

Dann möchte ich den Tag auch bestmöglich hinter mich bringen. Und zwar so:

KEIN STRESS MIT GESCHENK UND SO

Tante Luise darf keine Schokolade, keinen Alkohol, tut sich mit Lesen schwer und kuckt von ihrem Sessel fast den ganzen Tag in Richtung Fernseher – wobei man nicht genau weiß, ob sie die Sendung wirklich sehen will oder nur vergessen hat, wie die Fernbedienung funktioniert.

Das klingt jetzt vielleicht herzlos, aber: Für Tante Luise zählt nur die Geste.
Ein Blumenstrauß, eine Topfpflanze, eine Schachtel Pralinen, eine Obstschale… Sie wird sich freuen, weil Besuch kommt und etwas für sie dabei hat – da gibt’s kein Richtig oder Falsch.

Was nicht heißt, dass du nicht kreativ sein darfst. Wenn du eine wundervolle Idee hast – prima. Aber mach dir bloß keinen Stress damit!

SO LANG WIE NÖTIG – NICHT LÄNGER

Es reicht, wenn du beim Kaffeetrinken dabei bist. Manchmal reicht es sogar, zur Aufschnittplatte einzutrudeln. Das hat den Vorteil, dass sich die Anwesenden schon weitgehend leergequatscht haben und während des Essens ein wenig Ruhe einkehrt.

Es hat zugegebenermaßen den Nachteil, dass sich das geballte Interesse erst einmal auf den Neuankömmling richtet und man von allen Seiten mit Fragen rechnen muss. Die gehen allerdings alle in die gleiche Richtung: „Wie geht’s denn? Was machst du so? Wir haben uns ja eeeewig nicht gesehen! Du musst unbedingt alles erzählen.“ Und sie können mit einem kurzen zusammenfassenden Text, den man in die Runde spricht, zur vollständigen Zufriedenheit erschlagen werden.

In meiner Verwandtschaft ist die Aufmerksamkeitsspanne für meine Antwort bei geschätzt weniger als zwei Minuten – alles was ich danach erzähle, geht bereits wieder im allgemeinen Geplauder unter.

Im Grunde reicht als Antwort: „Mir geht’s gut. Ich bin erfolgreich im Beruf, habe einen Haufen Hobbies und bin immer noch zufriedener Single, weder schwanger noch verlobt.“

EINFACH DABEI SEIN

Nach dem ersten Schwall an Interesse setze ich mich vor meinen Kuchenteller und lasse die Veranstaltung an mir vorbeigleiten. Die Unterhaltung plätschert um mich herum und ich schaue mal interessiert nach links und mal interessiert nach rechts. Manchmal gebe ich einen schnellen Kommentar ab, wenn mich ein Thema wirklich interessiert – aber meistens finde ich es viel interessanter, zuzuhören und zu beobachten.

Und das reicht auch.

ES IST NICHT DIE ZEIT FÜR TIEFE GESPRÄCHE

So eine Familien-Kaffeeklatsch-Situation am beengten Esszimmertisch ist nicht geeignet für intensive Gespräche über spannende Themen. Das ist manchmal schade und manchmal nicht – aber es ist einfach immer so.

Schön finde ich, wenn es die Möglichkeit gibt, sich mit einem einzelnen Gesprächspartner eine ruhige Ecke zu suchen. Das Wohnzimmer ist dafür oft gut geeignet oder der Garten – und notfalls kann man mit einem von den Rauchern eine Weile vor die Tür gehen.

Das tut allein schon gut, um dem unvermeidlich enormen Lärmpegel für eine Weile zu entfliehen und den akuten Sauerstoffmangel auszugleichen. Aber es ist auch eine wunderbare Gelegenheit, in ein wirklich interessantes, wirklich persönliches Gespräch zu kommen.

WENN’S GENUG IST: ABHAUEN

Ich brauchte wirklich viele von diesen Feiern, bis ich ein Gefühl dafür entwickelt hatte, wann es mir reicht. Ich spüre mittlerweile, wenn es mir zu viel wird – und das ist oft schon nach einer halben Stunde der Fall. Sobald es die Höflichkeit erlaubt mache ich mich dann aus dem Staub. Die günstigste Gelegenheit dafür ist, wenn andere aufbrechen und ich mich anschließen kann.
(Ehrlicher wäre es natürlich, einfach zu sagen, dass es mir zu viel wird, noch länger zu bleiben – aber das habe ich mich tatsächlich noch nie getraut!)

Manchmal entscheide ich mich auch, bis zum Ende durchzuhalten, weil es mich zu sehr anstrengt, mittendrin aufzustehen, mich von Tante Luise und danach reihum von allen anderen zu verabschieden und einen eleganten Abgang hinzulegen.

Ein guter Zeitpunkt zum Gehen ist, wenn eh gerade „Bewegung“ in der Veranstaltung ist, zum Beispiel weil die Teller nach dem Essen zusammengestellt werden. Indem du die verwüstete Aufschnittplatte in die Küche trägst, bist du schon mal aufgestanden. Auf dem Rückweg gehst du statt an deinen Platz einfach zu Tante Luise und erklärst ihr, dass du jetzt los musst – worauf der traditionelle Kommentar folgt: „Ja, ja, die jungen Leut‘ haben halt immer noch was vor…“

Dann lächelst und nickst du und antwortest erst Tante Luise liebevoll: „Genau. Ich hab noch was vor.“ Und dann lächelst du in die Runde, winkst freundlich und erklärst: „Ich muss leider los. Wünsch euch noch einen schönen Abend. War nett euch mal wieder zu sehen. Tschüss!“
Fertig. Abgang.

Das geht natürlich herzlicher und höflicher. Aber so erfüllt es auch seinen Zweck. Und es ist halbwegs schnell und unanstrengend.

FÜR HEUTE REICHT’S. PAUSE!

Du hast zwar freundlich geschwindelt, dass du noch was vorhast. Aber der Tag war wirklich anstrengend genug. Nimm dir eine Auszeit, und zwar eine ausgiebige!

Mach, was immer für dich ein guter Gegenpol zu Lärm und Überforderung ist: Spaziergang, Musik hören, am Computer zocken, Yoga, Schlafen, Kuchen backen…

Für heute hast du dich genug verausgabt und sollst nur noch tun, was dir gut tut.

Fazit:

Familienfeiern sind nicht unbedingt dafür geeignet, dass sich Stille Menschen wohl fühlen. Vielleicht wäre das auch zuviel verlangt.
Die Frage für mich als introvertierte und oftmals immer noch „maulfaule“ Nichte von Tante Luise ist: Wie kann gut für mich sorgen und den Jubeltag mit Tante Luise angemessen feiern?

Ich habe meine persönlichen Lösungen gefunden, um recht gut zurecht zu kommen und mich dabei nur ein kleines Bisschen zu verbiegen.

Jetzt würde mich natürlich brennend interessieren, welche Ideen du für die unvermeidlichen Tanten-Geburtstage parat hast. Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Introvertiert

Ist Extravertiert wirklich besser?

Eigenartig: Ich kenne keinen Stillen Menschen, der nicht von sich denkt, er sollte extravertiert(er) sein. Weil extravertierte Menschen mehr Erfolg haben. Weil extravertierte Menschen es im Leben leichter haben. Weil man als Extravertierter alles kriegt, was man sich wünscht. Weil extravertiert normal ist.

Und ich frage mich dann immer: Wie kommst du eigentlich darauf?

Was glaubst du?

Jeder von uns sammelt im Laufe seines Lebens eine Menge Erfahrungen, Informationen, Meinungen an – und wir bilden daraus unsere ganz eigenen Überzeugungen über die Welt, die Menschen um uns herum und über uns selbst. Heraus kommen dabei dann so Sätze wie: „Ich bin zu still.“ Oder: „Ich sollte viel mehr aus mir herausgehen.“ Oder: „Wenn ich nicht der Mittelpunkt jeder Party bin, halten mich alle für einen Loser.“

Jeder hat solche Sätze. Jeder!

Deine Überzeugungen - man nennt sie auch "Glaubenssätze" - sind dir so vertraut, dass du sie gar nicht mitbekommst. Und deswegen kommst du auch nicht auf die Idee, sie in Frage zu stellen. Weil ja eh völlig klar ist, dass sie stimmen.

Extravertiert zu sein ist besser!

Wie auch immer dein konkreter Satz zum Thema Extraversion/Introversion lautet – ich unterstelle, dass du der Meinung bist, extravertiert(er) zu sein würde (dir) Vorteile bringen.
Ist ja auch so. Das kann man überall lesen. Und im Fernsehen sieht man es jeden Tag. Im Job sowieso.
Leute, die überall im Mittelpunkt stehen, sich durchs Leben quatschen, abends zum Netzwerken gehen und am nächsten Morgen im Meeting die Kollegen schwindelig reden… – die haben‘s drauf.

Ist das wahr?

Vielleicht hast du ja Lust, dir mal eben die Gedanken zu notieren, die dir jetzt gerade durch den Kopf gehen.

Bleib ruhig einen Moment bei der Frage: Ist das wahr…?
Ist es besser, immer im Mittelpunkt zu stehen? Ist es besser, rund um die Uhr zu netzwerkeln? Ist es besser, viel zu reden?

Was denkst du?

Vielleicht bist du dir nicht mehr hundertprozentig sicher.
Oder du denkst: „Klar ist das wahr. Was soll die Frage???“

Ist es wirklich wahr?

Lass uns trotzdem noch einen Moment dabei bleiben. Ist es wirklich wahr?

Nimm dir ruhig zwei, drei Minuten für die Frage. Und wenn du magst, lass deinen Bauch mit entscheiden.

Ist das, was du über die Vorteile der Extraversion denkst, wirklich wahr? Bist du dir absolut sicher?

Was bewirkt es, wenn du daran glaubst?

Das, was du für wahr hältst, beeinflusst das, was du tust.
Außerdem löst es Emotionen aus.

Wenn du magst, nimm dir nochmal ein paar Minuten, um herauszufinden, was die Überzeugung, dass extravertiert zu sein besser sei, mit dir macht.

Was würde passieren, wenn du es nicht glaubst?

Mal angenommen, die Idee, extravertiert zu sein wäre besser (für dich), ist mit einem Mal nicht mehr da. Du hättest sie womöglich überhaupt nie gehabt… Was würdest du dann jetzt denken?

Du kannst jederzeit entscheiden, dass du zu deiner ursprünglichen Überzeugung zurückkehren willst. Aber vielleicht möchtest du noch ein wenig mit dem Gedanken spielen:

Wer wärst du, wenn du nicht glauben würdest, dass Extraversion besser ist?

Glaubenssätze sind wichtig

Im Alltag treffen wir viele Entscheidungen, ohne groß darüber nachzudenken. Wir leben nach unseren Überzeugungen und „fliegen auf Autopilot“. Dadurch sind wir einigermaßen ausgeruht, wenn wir auf eine neue Situation treffen, die unsere volle geistige Leistung erfordert.

Glaubenssätze sind also eine echte Erleichterung – gerade für uns Introvertierte. Auf nützliche und tief verankerte Denk-Gewohnheiten zurückzugreifen ist daher sehr sinnvoll.

Gewohnheitsmäßiges Denken wirkt allerdings dann einschränkend, wenn dabei etwas herauskommt, was dich stört, einschränkt, behindert oder belastet. Gut möglich, dass das bei deiner Überzeugung über deine Eigenheiten als „Intro“ der Fall ist. Und dann ist es eine gute Idee, deine Gedanken in ein paar ruhigen Minuten zu hinterfragen:

1. Ist es wahr?
2. Ist es wirklich wahr?
3. Was bewirkt diese Überzeugung?
4. Wer wäre ich, wenn ich diese Überzeugung nicht hätte?

Du entscheidest

Wenn du jetzt zu dem Schluss kommst, dass das alles Unsinn ist und dass deine Glaubenssätze über Intro und Extra für dich absolut richtig sind, dann bleib dabei. Konsequenz und Beständigkeit ist eine Stärke von introvertierten Menschen, um die uns mancher Extravertierte beneidet.

Falls du Lust bekommen hast, dich manchmal mit deinen Denk-Gewohnheiten auseinandersetzen, ist es sehr nützlich, eine Überzeugung zu “disputieren”. Am besten geht das schriftlich – damit du dich nicht im Für und Wider verirrst. Deine Notizen sind eine gute Grundlage für eine neue Meinung – oder für’s Beibehalten der bisherigen…

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

PS: Ich schreibe extrAvertiert und nicht extrOvertiert. Meiner Meinung nach kommt das A dem lateinischen Ursprung des Wortes näher als das O. Falls du das anders siehst: Wie so oft im Leben gibt es mehr als eine richtige Überzeugung. 😉

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Introvertiert

Komfortzonenerweiterungsaktivitäten

Heute erfülle ich alle Klischees über Blogger und Bloggerinnen. Ich tippe nämlich in einem vollen, lauten, hektischen „Starbucks“ in der Münchener City zwischen etlichen anderen Netbook-Tippern (auch Blogger???) den heutigen Artikel in mein Netbook.

Zugleich widerspreche ich vermutlich allen Klischees über stille Menschen: Rückzug, Ruhe, Einsamkeit…
Ich schreibe sonst am liebsten früh am Morgen, wenn alles um mich herum ruhig ist und meine Gedanken noch frisch sind. Das hat heute früh nicht geklappt, und daher wird dieser Artikel auch kurz und ungewöhnlich.

So sehr ich meine introvertierten Eigenheiten mag und verteidige – ich mag es auch, immer wieder aus der Reihe meiner Vorlieben zu tanzen. Und es kommt mir so vor, dass diese Ausflüge in ganz andere „Welten“ mich zu persönlichen Entwicklungen bringen, die ich in meinem bequemen und geregelten Alltag nie machen würde.

So wie heute: Ich bin noch früher als sonst aufgestanden und mit dem Pendler-Zug nach München gefahren, um trotz Bahnstreik garantiert zu meinem Seminar im Ausbildungszentrum zu sein. (Ja, ja, das Leben in vollen Zügen genießen… Ich hätte es früh morgens an und für sich lieber etwas gemütlicher.)

Dann habe ich ein Seminar für künftige Führungskräfte gegeben – vor einiger Zeit noch undenkbar, aber die persönliche Herausforderung, mich immer wieder vor Gruppen zu stellen und mit ihnen zu arbeiten, hat mich enorm in meinem Selbstwert und meiner Veränderungsbereitschaft vorangebracht. Heute hat es großen Spaß gemacht, mit einer kleinen Gruppe verschiedene Führungsstile auszuprobieren.

Nun sitze ich also mit meinem Papp-Kaffeebecher zwischen vielen anderen Laptop-Tippern im Starbucks. Und es macht mir Spaß – jedenfalls für eine kleine Weile, während ich dafür sorge, dass es auch heute wieder einen Blogartikel gibt, bevor ich in mich noch einmal in den Zug nach Hause setze.

Den Abend werde ich auf jeden Fall ruhig und gemütlich verbringen. Denn meine Erfahrung ist, dass ich den nächsten Ausflug über die Komfortzone hinaus nur dann so richtig genießen kann, wenn ich mein persönliches Gleichgewicht zwischen Herausforderung, Spaß und ruhiger Erholung halte. Würde ich mich heute überfordern, würde mir diese Erfahrung womöglich die nächste Komfortzonenerweiterungsaktivität verleiden. Und das wäre schade…

Versteh mich richtig: Ich sage nicht, dass du dich jetzt auch ins Großstadtgetümmel stürzen sollst. Was ich sagen möchte, ist lediglich, dass es gut tut, immer mal wieder ein kleines Stückchen über das hinaus zu gehen, was sich allzu gemütlich und bequem anfühlt. Und nur du entscheidest, worin dieser kleine Schritt aus dem Alltag heraus für dich besteht.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Introvertiert

Raus aus dem Schneckenhaus?

Kennst du das?
“Du solltest mehr unter Leute gehen.”
“Geh doch mal mehr aus dir raus.”
“Komm halt mal aus deinem Schneckenhaus.”

Sowas wird leicht dahingesagt.
Meistens von Leuten, die es keine halbe Stunde mit sich alleine aushalten. Von Leuten, die – aus meiner Sicht – fast zwanghaft “unter die Leute gehen” müssen, weil sie die Zeit nicht mit sich selbst allein verbringen wollen.

Still – oder nicht still. Das ist hier die Frage…

Mal angenommen, wir würden in Extremen denken und das Ganze bewusst schwarz-weiß darstellen…
Dann könnten wir festhalten, dass es zwei Sorten Menschen gibt:

  • die, die am liebsten alleine sind und
  • die, die absolut nicht alleine bleiben können.

Da wir das Ganze natürlich differenzierter betrachten, ist uns bewusst, dass solche Vorlieben

  • von Person zu Person mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können,
  • je nach Situation unterschiedlich stark wahrgenommen werden können,
  •  je nach Tagesform verschieden sein können,
  •  im Laufe des Lebens eine gewisse Veränderung durchlaufen können
  • und ganz schlicht und ergreifend so individuell sind, wie jeder Einzelne von uns.

“In dir steckt so viel. Du solltest öfter aus dir raus gehen.”

Wir Stille Menschen neigen dazu, das zu glauben, was die Mitteilsamen so vor sich hin plappern.

Schließlich denken wir ja auch lang und breit über unsere eigene Meinung zu einem Thema nach (bevor wir dann doch lieber still bleiben, weil wir womöglich mit unseren Gedanken falsch liegen könnten).

Wir kämen niemals auf die Idee, dass die Plaudertaschen um uns herum ihre Gedanken “in Echtzeit” erzählen, ohne ihre Meinung vorher zu durchdacht zu haben. Für sie ist es in dem Moment ein größeres Bedürfnis, Worte auszutauschen, als Inhalt mitzuteilen.

Und nun sagt so ein Vielredner zu dir: “Komm doch endlich mal raus aus deinem Schneckenhaus.”

Du kannst davon ausgehen, dass ihm das Paradoxe an dieser Aussage niemals bewusst werden wird.

Schneckenhaus

Ein Schneckenhaus verlässt man nicht. Jedenfalls nicht, wenn man eine “Hausschnecke” ist. Denn das Haus ist nicht nur ein Schutz und Rückzugsort. Es ist mit der Schnecke quasi verwachsen – es ist ein untrennbarer Teil. Es ist das, was diese Schneckenart ausmacht. Es ist ihr Leben.

Während wir uns diese Gedanken machen und gerne noch länger darüber philosophieren würden, ist der Vielredner, der uns darauf gebracht hat, schon drei Themen weiter. Und gleichzeitig ist er gelangweilt, weil wir “nie was sagen”.

Ich vermute sogar, dass er bereits jemand anderen zutextet. Und ich finde, das ist okay, denn er redet nun mal gerne – und ich höre gerne zu und mache mir so meine Gedanken.

Wenn demnächst wieder jemand zu mir sagt:
"In dir steckt so viel. Du solltest öfter aus dir raus gehen."

Dann sage ich:
In mir steckt so viel – und deswegen gehe ich so gerne in mich.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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Introvertiert

Ich bin gern allein. Und selten einsam.

Im Moment läuft hier im heimischen Büro die CD, die ich im letzten Urlaub immer im Auto gehört habe. Dadurch fühle ich mich gerade nach Lanzarote zurückversetzt. Dort habe ich Anfang Mai zehn wunderschöne Tage verbracht und mich großartig erholt.

Musik ist schon eine tolle Möglichkeit, um mal schnell die eigene Stimmung zu ändern. Ist dir schon mal aufgefallen, wie manche Songs oder CDs auf dich wirken? Nutzt du vielleicht sogar bewusst bestimmte Lieder für eine bestimmte Laune?

Aber Stop – ich wollte ja gar nicht über Musik schreiben. Sondern übers Alleinsein. 

Ich war also in Lanzarote. Und zwar alleine. Ich hatte mir eine wunderschöne Finca weit weg von den Touristenstränden gemietet und nichts besonderes geplant, sondern täglich in mich hineingehorcht, ob ich etwas unternehmen möchte oder lieber lese oder einfach im Liegestuhl vor mich hin döse und träume. Und ich habe jeden Augenblick genossen.

Wenn ich extravertierten Leuten von meinem Urlaub vorschwärme, sind die regelrecht entsetzt: „Wie, du warst die ganze Zeit allein? Und mit wem hast du dich da unterhalten??? Das ist ja furchtbar, wenn man niemanden hat, dem man erzählen kann, was man gerade macht. Hat dir das echt gefallen???“ Undsoweiterundsofort…

Ja, es hat mir gefallen. Wichtiger noch: Es hat mir ganz viel Energie gegeben, dass ich einfach mal einige Tage lang nur für mich da war. Denn ich bin introvertiert und brauche Phasen, in denen ich „nach innen gehen“ kann, weil es für mich sehr anstrengend ist, wenn ich mit Leuten zusammen bin und viel Umtrieb um mich herum ist.

Lanzarote ist da super. Die wunderschöne, weite und „leere“ Vulkanlandschaft. Rundrum Atlantik zum auf‘s Meer hinausschauen. Eine Insel mit überschaubaren Ausmaßen und doch mit ganz unterschiedlichen Landschaften. Der Wind überdeckt alle Geräusche. Und vor allem läuft die Zeit langsamer und ruhiger.

Introvertiert.

Manchmal werden Introvertierte als „leise Menschen“ bezeichnet. Das ist ein bisschen irreführend, denn introvertiert zu sein sagt nichts über die persönliche Lautstärke aus, sondern eher über das Bedürfnis nach Ruhe. Ein Introvertierter erholt sich am besten, wenn er sich zurückzieht und sich möglichst wenigen Reizen aussetzt.

Wenn du so ähnlich bist wie ich, dann kannst du dir vermutlich kaum vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die ihre Batterien aufladen, indem sie sich nach einem anstrengenden Tag mit Begeisterung mitten ins Getümmel stürzen und sich mit möglichst vielen Menschen umgeben. Am besten im Bierzelt bei unglaublich lauter Musik, so dass man sich gegenseitig anbrüllen muss und trotzdem nicht viel von dem versteht, was der andere sagt.
Wer das als Erholung erlebt, der ist definitiv extravertiert!

Für uns Introvertierte sind solche Situationen mega-anstrengend. Wenn ich die Wahl habe (und die habe ich ja eigentlich immer), dann gehe ich erst gar nicht zu solchen Veranstaltungen. Falls ich mich aber doch mal entscheide, ein Volksfest, eine Party oder ein anderes Event zu besuchen, dann sehe ich zu, dass ich anschließend eine lange Erholungsphase habe, in der möglichst nichts und niemand um mich herum ist.

Versteh mich nicht falsch. Ich mag Menschen, bin gerne mit ihnen zusammen und höre ihnen gerne zu.
Ich bin kein Einsiedler, sondern habe im Alltag recht viel mit Leuten zu tun. Ich treffe Leute, berate Klienten, sitze in Besprechungen, gebe und besuche Seminare, telefoniere mit Freunden und so weiter.

Das macht mir Spaß. Aber es strengt mich eben auch an. Und wenn‘s zu viel wird, dann brauche ich die Möglichkeit zum Rückzug. Und zwar ungestört und möglichst lang. Zum Beispiel in einer Finca auf Lanzarote. Oder beim Wandern im Bayerischen Wald. Oder im Liegestuhl auf meinem Balkon.

Einsam.

Ich fühle mich nicht einsam in diesen Ruhephasen. Auch dann nicht, wenn sie einige Tage am Stück dauern. Denn ich weiß, dass ich den Rückzug brauche und davon profitiere. Daher genieße ich ganz bewusst den Abstand von den Leuten und vom Alltag. Das Alleinsein ist meine Entspanung und Erholung – und die gönne ich mir gerne.

Früher war ich über lange Phasen einsam. Genauer gesagt fühlte ich mich allein gelassen.
Vermutlich macht das den entscheidenden Unterschied: Damals habe ich mich deprimiert zurückgezogen, weil ich den Eindruck hatte, dass sich niemand für mich und meine Bedürfnisse interessiert. Ich hatte die Erwartung, dass jemand dafür sorgen sollte, dass es mir gut geht. Ich fühlte mich zum Alleinsein gezwungen. Ich wollte so sein, wie die „normalen“ (also extravertierten) Leute, die sich ins Getümmel stürzen und in Menschenmengen aufblühen.
Ich hatte eines übersehen: Das bin nicht ich.

Seit ich mir dessen bewusst bin und mich bewusst entscheide, mir Ruhe zu geben, bin ich nicht mehr einsam.
(Na ja, außer manchmal an besonders trüben Tagen, an denen ich mir wünschen würde, nicht die Verantwortung für mein eigenes Leben tragen zu müssen, sondern von einem Ritter auf einem weißen Pferd gerettet und beschützt zu werden. Aber selbst dann ist mir klar, dass mir so ein Ritter spätestens am nächsten Tag tierisch auf die Nerven gehen würde…)

Lanzarote.

Ich habe viel gelesen. Ich habe geschrieben. Ich habe fotografiert. Ich bin durch Lavawüsten und auf Küstenwegen gewandert. Ich habe Musik gehört und den Wind. Ich habe mich hingesetzt und einfach mal in mich hinein gelauscht. Und ich habe jede einzelne Minute genossen.

Und du? Könntest du dir einen solchen Urlaub vorstellen? Was machst du, um dich zu erholen?

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine
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