Was macht die Angst? Und wenn ja, warum?

2 Kommentare

von Christine Winter

23.11.2015

WARNUNG – Dieser Artikel nicht ist für Spinnenphobiker geeignet. Und für Dinosaurierphobiker auch nicht. Wenn du Angst vor Spinnen oder Dinos hast: Lies bitte was anderes.


Ich frag mal ganz direkt: Weißt du, wovor du Angst hast?
Wahrscheinlich musst du nicht groß nachdenken. Du weißt es. Klar.

Angst vor Spinnen. Angst vor Höhe. Angst davor, krank zu werden. Angst davor, eine Rede vor Hunderten von Leuten zu halten. Angst davor, das Haus zu verlassen. Angst vor wasweißichnichtnochallem…

Wer so eine Angst hat, der weiß es. Der ganze Körper weiß es. Und die Angst ist nicht zu ändern, da kann man noch so viel drüber nachdenken. Stimmt’s?

Es gibt etwas, das mich sehr erstaunt: Kaum jemand hat noch ernsthafte Angst vor Säbelzahntigern. Dabei sind die Viecher echt gefährlich. Und die Stress- und Angst-Bücher, die bei mir so rumstehen, kommen fast nie ohne das klassische „Mensch-trifft-Säbelzahntiger-Beispiel“ aus.

Mensch trifft Säbelzahntiger. Säbelzahntiger ist gefährlich für Mensch. Mensch holt den langen Speer raus und rammt ihn in den Säbelzahntiger. Oder Mensch entscheidet sich, die Beine in die Hand zu nehmen.

„Fight-or-Flight-Reaction“ sagen die klugen Bücher dazu, die hier in meinem Regal so rumstehen.

Abhauen oder draufhauen steht also zur Auswahl, wenn die Stresshormone signalisieren, dass die Situation für philosophische Betrachtungen gerade nicht soooo günstig ist.

Kein Mensch reagiert mit Angst auf Säbelzahntiger. Aber warum?

Wir wohnen in gemauerten Häusern mit Zentralheizung. Das nächste ernsthaft lebensgefährliche Tier sitzt in der nächsten Großstadt hinter soliden Gittern im Zoo. Und außerdem wissen wir: Säbelzahntiger sind seit Jahrtausenden ausgestorben.

Um noch ein bisschen von den Herausforderungen in früherer Zeit mitzukriegen, kann man sich „Jurassic Parc“ anschauen. Und dabei wohlige Schauer von Nervenkitzel genießen, während man sich denkt: „Ist ja alles nur ein Film. Und wenn ich nicht hinschauen mag, dann schau ich halt weg. Oder ich geh mir neue Chips holen.“

Wenn aber eine mittelgroße Spinne angekrabbelt kommt, dann schlägt bei einer ganzen Menge Menschen die Angst gnadenlos zu.
Hysterisches Kreischen, bis jemand kommt uns sie wegmacht… Wenn niemand kommt: Abhauen oder draufhauen…

Ich frage mich da: Was ist der Unterschied. Eine lebensgefährliche Spinne ist bei uns statistisch betrachtet annähernd so unwahrscheinlich wie ein lebensgefährlicher Saurier. Trotzdem sind Dinophobien meines Wissens nicht sonderlich verbreitet.

Wenn ich den Dinofilm anschaue, weiß ich genau, dass das alles nur gut gemachtes Action-Kino ist. Und in meinem Kopf läuft dann ein Film von Kino und Popcorn und einem lieben Freund, in dessen Arm ich mich verkrallen kann, wenn es richtig spannend wird.

Mal angenommen, ich lasse meinen Film von Kino, Popcorn und entspannter Begleitung laufen, während in einem gut gemachten Spielfilm eine Spinne auf die Kamera zukrabbelt…

Wenn du Spinnenangst hast, dann läuft während der Großaufnahme vom Krabbeltier in deinem Kopf ein völlig anderer Film. Und er läuft in Sekundenbruchteilen.

Seine einzige Botschaft ist: Lebensgefahr!!! Hau drauf oder hau ab. Das hier ist keine Übung – das hier ist der Ernstfall!!! Rette sich wer kann! Sofooooooooooort!!!

Was beim Dinofilm ein angenehmes Nervenkitzelchen ist, ist beim Spinnenfilm gefühlt eine Sache von Leben und Tod.

Was macht den Unterschied zwischen spannender Unterhaltung und echtem Horror?

Ein Film kann dich fesseln ohne Ende. Aber dein Gehirn weiß die ganze Zeit: Wir sehen einen Film. Und nichts davon ist echt.

Vielleicht ist dir schon mal aufgefallen, dass das bei sehr schlimmen Nachrichtenbildern ein wenig anders ist. Die laufen zwar auch im Fernsehen – aber dein Gehirn weiß: Das ist irgendwo auf der Welt real passiert. Und manchmal reicht dieses Wissen schon, um deinem Gehirn eine genug Inspiration für deinen ganz persönlichen inneren Angst-Film zu geben.

Und dein persönlicher Spinnen-Horror-Film ist vermutlich auch aus einer realen Inspiration entstanden. Vielleicht durch den Schock im Gesicht deiner Mutter, als ihr im Wäschekeller die XXL-Version einer fies-behaarten dunkelschwarzen Riesenspinne über die Hand gelaufen ist. Du wusstest: Das ist kein Film. Das ist echt. Und es ist echt gefährlich. Mama hat schließlich sonst nie derartige Angst.

Und schon ist dein ganz persönlicher Spinnenangst-Film im Kasten. Ungeschnitten, unzensiert und – vor allem – unbewusst läuft er jedesmal, wenn du die kleinste Idee von „Spinne“ hast. Oder vielleicht auch, wenn du „Keller“ denkst.

Deinem Hirn ist es total egal, wenn du später lernst, dass Spinnen in unseren Breiten nicht gefährlich sind. Nach dem alten Motto: Komm mir nicht mit Fakten daher – ich kenne meine Meinung.

Unsere Gehirne sind da ziemlich zurückgeblieben. Der Teil, in dem über „Angst oder nicht Angst“ entschieden wird, stammt noch aus der Säbelzahntigerzeit und hält nichts von neuzeitlichen „Ist-doch-nur-Kino“-Geschichten. Nach dem Motto: Komm mir nicht mit Fakten…

Wenn das Hirn in diesen zigtausend Jahre alten Windungen abgespeichert hat, dass etwas gefährlich ist, kannst du diese Überzeugung durch Logik und Vernunft nicht ausradieren.

Denn dein Hirn weiß: Wenn Alarm ist, ist keine Zeit für philosophische Betrachtungen. Wenn Alarm ist, ist Alarm. Und lieber jeden Tag ein paar Fehlalarme zu viel, als ein schnelles Ende als Säbelzahntigerfrühstück.

Irgendwie hat das Hirn ja auch recht. Jede lebensgefährliche Situation kann die letzte sein.

Wie kriegt man den Blödsinn aus dem Hirn?

Es gibt Ängste, die sind wichtig. Lebenswichtig. Und es ist gut, wenn man sie hat.

Es gibt auch Ängste, die sind auf den ersten Blick nicht lebenswichtig. Aber sie bringen uns dazu, gut auf uns zu achten. Und es ist gut, wenn man auch die hat.

Und es gibt die Ängste, die nach Logik, Lebenserfahrung und psychiatrischer Lehre überflüssig bis krankhaft sind. Zu deutsch: Angst vor der Zahl „Dreizehn“ ist – nach aktuellem Stand der Wissenschaft – ausgemachter Blödsinn. Und dennoch scheint sie öfter mal vorzukommen, denn immerhin gibt es sogar einen Fachbegriff dafür: Triskaidekaphobie.

Ich hatte jahrelang panische Angst davor, Türen zu öffnen. Und ich sage dir: Das macht das Leben ganz schön schwierig. An manchen Tagen konnte ich morgens die Türe meines Schlafzimmers nur unter großer Überwindung aufmachen. Ein Klassenzimmer, ein Büro, ein Geschäft zu betreten habe ich oft gar nicht probiert. Oder ich musste warten, bis jemand anderer die Türe aufgemacht hat.

Sowas ist Quatsch. Das war mir auch klar. Aber für mich war es jedesmal eine Extremsituation. Und es gab viele Türen, die für mich auf Dauer zu blieben.

Ich weiß nicht, wie ich diese Angst irgendwann „verloren“ habe. Irgendetwas muss wohl den Horrorfilm in meinem Hirn umgeschrieben haben, so dass ich ohne den Eindruck von akuter Lebensgefahr die Erfahrung machen konnte, dass ich es überlebe, Türen zu öffnen. Und zwar jedes mal auf’s Neue.

Trotzdem blieb noch lange ein ungutes Gefühl, wenn ich vor einer „zuen“ Türe stand. Und es gab immer diesen Moment der Überwindung, bis ich die Türklinke niederdrückte und die Türe aufgemacht hatte. Eine „zue Türe“ blieb ein Stress-Moment.

Heute ist der Stress weg. Ich gehe durch Türen, ohne mir darüber Gedanken zu machen.

Denn ich habe mir meinen Stress-Film angeschaut. Wie im Kino. In dem Bewusstsein, dass er nicht in Echt passiert – und mit einer Tüte Chips.

Ich habe ihn in Zeitlupe angeschaut und immer wieder mal gestoppt, wenn er zu intensiv wurde. Ich habe mit ihm gespielt, als hätte ich die Fernbedienung in der Hand. Und wenn er bis zum Happy End (also bis zu der Szene, in der ich durch die Türe durch war und es mir wunderbar ging, weil hinter der Türe einfach nur ein anderer Raum war) durchgelaufen war, dann habe ich ihn nochmal angesehen und mit der Fernbedienung gespielt.

Nach wenigen Durchgängen war der Stress weg. Und er ist nie wieder gekommen.

Warum ich ausgerechnet vor geschlossenen Türen Angst hatte, fragst du dich?

Es gab eine Situation von enormem Stress, als ich im Grundschulalter war. In meiner Erinnerung stehe ich vor einer Türe und ich hätte sie öffnen müssen, aber das war verboten.
Logisch und mit dem Erwachsenen-Verstand betrachtet war da keinerlei reale Gefahr. In meinen kindlichen Überzeugungen war sie da. Und das Hirn machte sich in dem Moment seinen eigenen Horrorfilm.

Die ausführliche Fassung dieser Geschichte erzähle ich vielleicht ein anderes mal. Kurz gesagt hat mein Hirn gespeichert, dass es für mich sowohl „lebensgefährlich“ ist, eine Türe aufzumachen, als auch, sie nicht aufzumachen.
Und dadurch haben sich für mich für lange Zeit viele Türen geschlossen.

„Was macht die Angst?“ hatte ich in der Überschrift gefragt

Eine einzige Situation kann Angst machen. Und die Situation hat logisch betrachtet nichts mit der Angst zu tun. Dem Hirn ist es egal, denn der Angstfilm wird abgespeichert und läuft von da an im Unbewussten.

Dann macht die Angst, dass wir die Angstsituation vermeiden. Und weil das Gehirn zu recht groben Verallgemeinerungen neigt, vermeiden wir immer mehr – auch wenn es nur im allerweitesten Sinn mit dem ursprünglichen Moment, in dem der Angst-Horrorfilm entstanden ist, zu tun hat.

„Wenn ja, warum?“ hatte ich in der Überschrift gefragt

Unser Hirn ist das Organ, das unser Leben beschützt. Und es nimmt diesen Job wirklich richtig ernst. Es nimmt in Kauf, dass wir mit Fehlalarmen richtig viel Stress kriegen. Denn es denkt: Ein Alarm zu wenig ist im Ernstfall echt blöd.

Die Angst hat einen Sinn. Er ist nur nicht besonders logisch.
Logik hat auch einen Sinn. Sie ändert allerdings nichts an der Angst.

Wenn du magst, übernimm die Regie in einem deiner Angst-Filme. Aber wenn du mit deinen Ängsten experimentierst, achte unbedingt auf die Regeln für’s Selbstcoaching. Denn ich möchte, dass du Spaß dabei hast. Um damit zu spielen, eignet sich eine kleine Angst eh viel besser als eine große.

Noch besser ist es, wenn du dich dabei begleiten lässt. Ein Begleiter für deine (innere) Sicherheit sorgt, macht es dir viel leichter, dich deiner Angst anzunähern.
Am allerbesten ist es nämlich, wenn du dir überhaupt keinen Stress machst, während du deinen Angstfilm einem „Director’s Cut“ unterziehst. Ein Profi sorgt dafür, dass die Veränderung für dich schnell Erfolg zeigt.

Und dass Phobien und Angststörungen mit Krankheitswert in die Hände eines Spezialisten gehören, versteht sich eh von selbst.

Magst du deine Gedanken mitteilen?


Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Alle Kommentare werden von Hand freigeschaltet - ich bitte daher um etwas Geduld, bis dein Text im Blog sichtbar wird.

Für die Kommentarfunktion auf dieser Seite werden neben deinem Kommentar auch Angaben zum Zeitpunkt der Erstellung des Kommentars, deine E-Mail-Adresse und der von dir gewählte Nutzername gespeichert.

  1. Regie im eigenen Film! Das ist eine gute Idee. Es kommen sicher Situationen, in denen ich darauf zurück greifen und das ausprobieren werde. Oder vielleicht besser vorher, bevor solche eine Situation kommt!

    1. Wenn du schon ein wenig Regie-Erfahrung gesammelt hast, kannst du auch innerhalb einer Situation deinen Film kontrollieren – vorausgesetzt, du denkst in dem Moment noch dran, dass du das kannst.
      Ausprobieren und Kennenlernen funktioniert viel besser, wenn du entspannt so tust, als ob du ins Kino gehst oder eine DVD ankuckst. 🙂
      Und vergiss nicht, dir Popcorn oder Chips oder Eiskonfekt mitzunehmen.

{"email":"Ungültige E-Mail-Adresse","url":"Die Webadresse ist ungültig","required":"Ein erforderliches Feld ist nicht ausgefüllt"}
Denk dran: Tu dir gut!

Hol dir die Anstupser!

Die Kärtchen zum Ausdrucken sind eine kleine Motivation und ein Stimmungsaufheller für zwischendurch - exklusiv für die Empfänger des Newsletters.