Hilft Nachteilsausgleich, Behindertenausweis, Berufsförderung, Erwerbsunfähigkeitsrente etc. jemandem mit Selektivem Mutismus?

Die Frage lässt sich pauschal nicht beantworten – außer mit: Das kommt drauf an.

Im Einzelfall kann eine dieser Hilfen und der damit einhergehende Sonderstatus hilfreich sein. Wenn das Leben im Moment nicht mehr anders zu bewältigen ist, sind behördliche Leistungen manchmal wirklich wichtig. Und es muss meines Erachtens allen – ganz besonders dem Betroffenen – klar sein, dass das ein Sonderstatus auf Zeit ist, der Erleichterungen bringt, bis der richtige Therapeut gefunden ist und die geeignete Therapie greift.

Hätte ich als Jugendliche eine dieser Erleichterungen angeboten bekommen, hätte ich natürlich begeistert zugegriffen. Und ich bin überzeugt davon, dass ich als Konsequenz dieser „Hilfen“ heute kein selbstbestimmtes, erfolgreiches, glückliches Leben als Kommunikationstrainerin und Hochschullehrerin führen würde. Denn ich wäre durch eine solche Hilfestellung im wahrsten Sinne des Wortes in meiner Entwicklung behindert gewesen.

Mehr Fragen & Antworten zum Selektiven Mutismus

Weil solche Fragen oft sehr individuelle Antworten erfordern, führe ich in regelmäßigen Abständen kostenlose Webinare - also Live-Veranstaltungen im Internet - durch, bei denen ich Antworten gebe und Themen rund um Selektiven Mutismus vertiefe.

Der Stempel, den man einem Mutisten – in allerbester Absicht, um ihn von seinem Problem zu entlasten – aufdrückt, wird zu einer Identitätszuschreibung, die ihn auf lange Sicht noch mehr behindert als die Sprechblockaden.

Denn eines muss vollkommen klar sein: Ein Sonderstatus heilt nicht – er maskiert nur, dass es da eine massive Einschränkung gibt, die den Betroffenen noch davon abhält, sein Leben uneingeschränkt zu führen.

Und daher ist die Antwort auf die Frage, ob das jemandem mit Selektivem Mutismus hilft, ein normales Leben zu erreichen, ein eindeutiges: Nein.


Eine Einschränkung finde ich zu dieser Frage jedoch wichtig: Meine Antwort bezieht sich auf Betroffene, bei denen die mutistischen Sprechblockaden das einzige psychische Problem darstellen.
Es gibt eine Vielzahl von psychischen Störungen, die die Situation drastisch ändern – und daher auch eine drastisch andere Herangehensweise erfordern würden.
Dann reden wir aber nicht von „jemandem mit Mutismus“, sondern von jemandem mit einer erheblichen Beeinträchtigung, der dazu auch noch mit mutistischen Blockaden konfrontiert ist.

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