Raus aus dem Schneckenhaus?

Neu aufpoliert – erstmals erschienen am 11.09.2014

Raus aus dem SchneckenhausKennst du das?
“Du solltest mehr unter Leute gehen.”
“Geh doch mal mehr aus dir raus.”
“Komm halt mal aus deinem Schneckenhaus.”

Sowas wird leicht dahingesagt.
Meistens von Leuten, die es keine halbe Stunde mit sich alleine aushalten. Von Leuten, die – aus meiner Sicht – fast zwanghaft “unter die Leute gehen” müssen, weil sie die Zeit nicht mit sich selbst allein verbringen wollen.

 

Still – oder nicht still. Das ist hier die Frage…

Mal angenommen, wir würden in Extremen denken und das Ganze bewusst schwarz-weiß darstellen…
Dann könnten wir festhalten, dass es zwei Sorten Menschen gibt:

  • die, die am liebsten alleine sind und
  • die, die das absolut nicht können.

Da wir das Ganze natürlich differenzierter betrachten, ist uns bewusst, dass solche Vorlieben

  • von Person zu Person mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können,
  • je nach Situation unterschiedlich stark wahrgenommen werden können,
  •  je nach Tagesform verschieden sein können,
  •  im Laufe des Lebens eine gewisse Veränderung durchlaufen können
  • und ganz schlicht und ergreifend so individuell sind, wie jeder Einzelne von uns.

 

“In dir steckt so viel. Du solltest öfter aus dir raus gehen.”

Wir Stille Menschen neigen dazu, das zu glauben, was die Mitteilsamen so vor sich hin plappern.

Schließlich denken wir ja auch lang und breit über unsere Meinung zu einem Thema nach, bevor wir dann doch lieber still bleiben, weil wir womöglich mit unseren Gedanken falsch liegen könnten.

Wir kämen niemals auf die Idee, dass die Plaudertaschen um uns herum ihre Gedanken “in Echtzeit” erzählen, ohne ihre Meinung vorher zu durchdenken. Für sie ist es in dem Moment ein größeres Bedürfnis, Worte auszutauschen, als Inhalt mitzuteilen.

Und nun sagt so ein Vielredner zu dir: “Komm doch endlich mal raus aus deinem Schneckenhaus.”

Du kannst davon ausgehen, dass ihm das Paradoxe an dieser Aussage niemals bewusst werden wird.

 

Schneckenhaus

Ein Schneckenhaus verlässt man nicht. Jedenfalls nicht, wenn man eine “Hausschnecke” ist. Denn das Haus ist nicht nur ein Schutz und Rückzugsort. Es ist mit der Schnecke quasi verwachsen – es ist ein untrennbarer Teil. Es ist das, was diese Schneckenart ausmacht. Es ist ihr Leben.

Während wir uns diese Gedanken machen und gerne noch länger darüber philosophieren würden, ist der Vielredner, der uns darauf gebracht hat, schon drei Themen weiter. Und gleichzeitig ist er gelangweilt, weil wir “nie was sagen”.

Ich vermute sogar, dass er bereits jemand anderen zutextet. Und ich finde, das ist okay, denn er redet nun mal gerne – und ich höre gerne zu und mache mir so meine Gedanken.

 

Wenn demnächst wieder jemand zu mir sagt:

In dir steckt so viel. Du solltest öfter aus dir raus gehen.

Dann sage ich: In mir steckt so viel – und deswegen gehe ich so gerne in mich.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine
Christine Winter

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Komments punkto Schweigsamkeit kommen immer wieder mal, früher hats genervt, heut reagiere ich anders darauf..

    Die Wohnung als Rückzugsort – Absolut! My „safehouse“ Wo ich SEIN kann, durchatmen, die Stille geniessen und entspannen kann!
    Dann kann man wieder gestärkt einen neuen Anlauf in die Laute Welt wagen!

    Der Vergleich von Extrovertierte als Windräder ( Werden energetisiert durch Antrieb von aussen plus eigene Bewegung)
    Und Introvertierte als Akkus ( Im Ruhezustand Energie tanken) ( siehe Buch Silvia Löhken) finde ich sehr treffend! Zwei total verschiedene Arten von Existenz..
    Beide können nicht anders um zu funktionieren..

    Wenn man über ein Thema schon lang nachgedacht hat und es kommt zur Sprache kann man auch etwas zum Gespräch beitragen, wenn einen ein enthusiastischer Extrovertierter zu Wort kommen lässt!

    Ich muss eine Person schon sehr gut kennen und mich wohlfühlen, bevor ich mich getraue, was zu erzählen, das braucht immer Aufwärm-Phasen ähnlich wie beim Sport – mit kalten Muskeln einen Sprint oder irgendwelche wilden Gymnastikübungen zu machen, ist nicht so empfehlenswert. Die Verletzungsgefahr zu gross.
    Wenn die „Aufwärmphase“ vorbei ist, komme ich automatisch aus meinem “ Schneckenhaus“ – vorausgesetzt dass ich mich WOHL fühle .
    Mit den Hausbesitzern vergingen fast 10 Jahre, bis ich anding mehr auszutauschen wie nur “ Hallo“ und dies geschah nur wegen ihrer Katze, auf die ich neu aufpasse, wenn sie in den Ferien sind..
    Die Hausbesitzer sind easy und voll ok, doch wenn es nix zu sagen gibt, was soll ich sagen???

    • Liebe Corina,
      danke, dass du deine Gedanken mit mir teilst.
      Mir geht es auch oft so, dass mir erst mal nichts einfällt, was ich sagen möchte. Und ich finde es völlig okay, dann eben nichts zu sagen. (Oder, wenn das zu unhöflich wäre, an der Oberfläche des Gespräches zu bleiben, bis ich den Einstieg in einen tieferen Austausch finde.)
      Ich denke, eine Unterhaltung sollte sich nie wie ein Sprint anfühlen – schon gar nicht für uns Intro-Schnecken 😉

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