Leserthema: Ich muss eine Präsentation halten. Was mach ich mit den Händen?

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von Christine Winter

03.10.2016

Janna hat mir auf Facebook folgende persönliche Nachricht geschrieben:

„Ich muss in der Uni eine Präsentation halten. Mit den Inhalten habe ich mich nun schon eine Weile beschäftigt. Das werde ich wohl irgendwie hinkriegen. Aber wenn ich dann da vor den Leuten stehe – was mach ich dann mit meinen Händen? Ich habe gelesen, dass man da ganz besonders viel falsch machen kann…“

Meine schnelle Antwort war: „Vergiss die Hände. Halte einfach deine Präsentation. Nach ein paar Minuten wird deine ganz natürliche Gestik wie von selbst da sein. Garantiert.“

Ich hatte den Eindruck, dass Janna mit dieser schnellen Antwort nicht so glücklich war. Denn in ihrer Frage an mich stecken ganz viele „Warums“, und die habe ich mit meiner kurzen ins Smartphone getippten Antwort alle offen gelassen.

Also nochmal ganz in Ruhe:

Warum man bei der Präsentation die Hände braucht

Warum man die Hände braucht? Na, weil man sie eh dabei hat…
(Sorry, der musste sein. Jetzt wenden wir uns diesem ernsten Thema aber mit der angemessenen Ernsthaftigkeit zu.)

„Präsentation“ heißt, dass du vor einer kleinen oder großen Gruppe von Leuten über ein Thema sprichst, mit dem du dich auskennst und/oder an dem dir viel liegt.

Wenn du präsentierst, führst du also ein Gespräch, bei dem du direkt die Reaktionen von den Zuhörern erkennst, aber in der Regel nicht im Dialog mit ihnen bist.

Deine Hände machen dennoch genau das, was sie in jedem anderen Gespräch mit deiner Freundin, deinem Dozenten, deinen Eltern auch machen – sie bewegen sich, während du sprichst.

Das passiert ganz natürlich und unwillkürlich. Und es kommt auch ganz natürlich als Ausdruck deiner Persönlichkeit bei deinen Gesprächspartnern an.

Genau so wird es auch sein, wenn du dich bei einer Präsentation wohlfühlst und entspannt(er) sprichst: Die Gestik passiert natürlich und du wirst sie nicht mal mehr bemerken, weil du so in deinem Thema bist.

Daher finde ich es ganz enorm wichtig, dass du die Hände frei hast, damit sie sich ganz von selbst bewegen können.

Wenn du für die ersten Minuten ein paar Karteikärtchen brauchst, um deine Stichworte parat zu haben, dann ist das okay. Aber bitte leg sie weg, sobald du sie nicht mehr brauchst. Dann können deine Hände besser deine Worte begleiten.

Wenn du öfter mal mit einer Bildschirmpräsentation und dem Beamer präsentieren willst, dann organisiere dir eine kleine Fernbedienung, mit der du die Folien vorwärtsklickst. So kannst du dich und deine Hände frei bewegen und versteckst dich nicht unbeweglich hinter dem PC.

Aber mach bitte keine Wissenschaft daraus. Deine Gestik ist da – je weniger kompliziert du es machst, desto natürlicher zeigt sie sich.

Warum es eine Wissenschaft der richtigen Gesten gibt

Da muss ich etwas ausholen…

Die alten Griechen sind ja bekannt für großes Theater, große Philosophen und große Politiker. Und daher gelten sie als Erfinder der großen Gesten vor dem großen Publikum.

Ich stelle mir vor, wie ein angehender Polit-Philosoph im Athen von vor 2500 Jahren in einem riesigen Amphitheater in der Mitte stand und auf die Ränge kuckte und sich einfach nur jämmerlich fühlte. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte und wie er laut genug reden könnte und wie er sich seine ellenlange Rede merken sollte. Und natürlich hatte er keine Ahnung, was er mit seinen Händen anfangen sollte.

Also suchte sich der olle Empedokles einen Coach, der ihm mit einigen klassischen Regeln beibrachte, wie man im antiken Amphitheater von Syrakus erfolgreich vor einer Menschenmasse rüberkommt.

(Ich habe da mal gestanden, mitten in diesem runden Amphitheater, auf der Bühne. Es war kein nennenswertes Publikum da – von ein paar Touristengruppen mal abgesehen. Aber ich empfand es als enorm beeindruckend, da zu stehen. Und ich hätte definitiv kein Wort herausgebracht, das bis zu den Sitzreihen gereicht hätte. Dass man dort mit megagroßer Gestik alles Gesagte verdeutlichen musste, war mir sofort klar.)

Die Regeln, die die antiken Bühnen-Coaches damals für Leute wie den Empedokles zusammengesammelt haben, nennt man heute noch Rhetorik – die Kunst und Wissenschaft der freien Rede.

Allerdings gibt es heute keine Amphitheater mehr. Die meisten Präsentationen finden in Klassenzimmern, Uni-Lehrsälen, Konferenzräumen statt. Richtig große Auftritte auf der ganz großen Bühne sind vergleichsweise selten. (Und für die gelten, nebenbei gesagt, andere Regeln. Eine große Show braucht auch heute noch große Gesten und ein Drehbuch. Wir bleiben jetzt aber bei den üblichen Präsentationen in Schule, Uni und Beruf.)

Das Problem der richtigen Lautstärke in großen Räumen bzw. großen Gruppen ist mittlerweile durch Mikrofone bestens gelöst. Wobei das in Klassen- und Gruppenräumen kein Thema ist, weil die Raumgröße und Teilnehmerzahl sehr überschaubar ist. Du brauchst zwar etwas „mehr Stimme“ als in einer Unterhaltung – aber das kriegt jeder hin.

Deine Rede musst du dir heute auch nicht mehr komplett merken. Wir haben – anders als die alten Griechen – Notizpapier und Karteikärtchen und PowerPoint. Und vor allem ist für uns eine Rede keine Wissenschaft, sondern ein Mittel zum Zweck.

Der Zweck ist: Mitteilen, was deine Inhalte sind und was dir wichtig ist. Und zwar so, dass deine Zuhörer dich verstehen. Mehr nicht.

Für so einen griechischen Antik-Polit-Lehrling war das völlig anders. Damals gab es keine Medien und wenig Unterhaltung. Da fanden es die Leute cool, wenn einer sich hinstellte und vor großem Publikum großes Theater ablieferte. Ob man die Inhalte echt verstehen würde, war gar nicht so wichtig, solange der Typ sich wie ein Rhetorik-Rockstar präsentierte.

Oder glaubst du echt, dass das Publikum die ollen Philosophen dafür bewundert hat, dass ihre Rede informativ, schlüssig, prägnant und sympathisch war?

Warum die großen Gesten der Rhetorik für Stille Menschen zu groß sind

Rhetorik ist ganz großes Theater. Und genau so fühlt es sich auch an – als ob man jemanden spielt, der man (noch) überhaupt nicht ist.

Du hast nach den Regeln der Rhetorik ein Drehbuch, das dir genau vorgibt, was du sagst, wie du es sagst und wie du es mit Gesten, Mimik, Haltung, Stimme darstellen musst. Und das lernst du auswendig, probst es unzählige Male, machst Generalproben mit Menschen, die dich auf alles hinweisen, was sie nicht gut an dir finden, fühlst dich deswegen fürchterlich klein und völlig verunsichert…

Und wenn du dann nach all der Vorbereitung endlich präsentierst, wirkst du wie jemand, der völlig verunsichert etwas herunterredet, was er auswendig gelernt hat und was er verzweifelt durch Gesten und Stimm-Effekte besser machen möchte.
Nicht gut.

Bitte tu dir und deinem Publikum das nicht an. Du bist kein Schauspieler und du willst auch keiner sein – erzähle einfach den Leuten, worum es in deinem Vortrag geht.

Ich persönlich empfinde es als sehr anstrengend, wenn ich einem Menschen zuhören soll, der alles mit (zu) ausladender Gestik verdeutlichen will. Das lenkt mich nur unnötig ab. Denn mir geht es um den Inhalt, nicht um die Verpackung.

Vermutlich denkst du da ähnlich. Man sagt uns Introvertierten nach, dass wir uns von zu viel Drama eher abgestoßen fühlen, weil wir uns auf die Information konzentrieren möchten.

Als Stille Menschen punkten wir mit Wissen, Erfahrungen, Meinung – eben mit ganz viel Inhalt. Wenn wir uns dabei zeigen, wie wir sind, dann fühlt sich das Publikum angesprochen – denn wir sind im Dialog, nicht im Theater.

(Der Vollständigkeit halber: Extravertierte Redner haben dafür wenig Verständnis. Die finden Drama und Theater und einstudierte Rhetorik nicht so störend. Müssen sie auch nicht. Sei du selbst, lass die anderen anders sein – auch wenn‘s um Stilfragen beim Präsentieren geht.)

Warum es verflixt schwer ist, vor Publikum die einstudierten Gesten zu machen

Du kannst dich auf wenige Sachen gleichzeitig konzentrieren. Wenn du nervös bist, sind vielleicht schon drei Konzentrations-Punkte dein Limit.

Ich habe mittlerweile in Präsentations-Trainings Hunderte von Teilnehmern bei Übungs-Vorträgen unterstützt und meine persönliche Reihenfolge der Konzentrations-Punkte aus dem abgeleitet, was ich gesehen habe:

  1. Atmen. Ohne geht‘s nicht. Trotzdem wird es immer vergessen.
  2. Anfangen. Es braucht Konzentration, die ersten drei Minuten zu reden. (Danach wird es schnell leichter und die Konzentration steht DANN für die Inhalte zur Verfügung.)
  3. Pausen machen. Sprich so schnell du magst, aber nimm dir Zeit zum Atmen und zum Denken. Das ist wichtig für dein Publikum.
    (Und für dich selbst schadet es auch nichts.)
  4. Sachen zeigen. Per Beamer oder am Flipchart. Mit einer bildhaften Geschichte. Oder mit einem Anschauungs-Objekt. Jedenfalls irgendetwas, das die konzentrierten Blicke der Zuschauer von dir weg lenkt.
  5. Das Publikum wahrnehmen. Merken, was im Raum vorgeht. Sind die Leute mit Interesse dabei? Was brauchen sie, um noch mehr dabei sein zu können?
  6. Deine Gefühle wahrnehmen. Was hast du für ein Gefühl, wie du deinen Vortrag gestalten solltest? Was kommt an spontanen Impulsen?
  7. Auf deinen körperlichen Ausdruck achten. Bist du beweglich? Passt die Bewegung zum Inhalt? Fühlst du dich wohl dabei?

Wie gesagt: Bei drei kann schon Schluss sein, wenn du sehr aufgeregt bist. Erwarte bitte nicht von dir, dass du bei der ersten (oder der zehnten) Präsentation schon Konzentration für 5. bis 7. aufbringst. Diese Punkte kannst du später dazunehmen, wenn du Atmen, Reden und Nichtreden „automatisch“ koordinieren kannst.

Und das meinte ich am Anfang mit „vergiss die Hände“. Du wirst sie im Ernstfall eh vergessen – es wäre also Quatsch, vorher viel Vorbereitungszeit dafür zu verschwenden.

Warum Natürlichkeit besser für dich ist

Wenn du einfach du bist, musst du nicht viel vorbereiten.

Ja, ich weiß. Du fühlst dich als DU vor Publikum doof.

Wichtiger Hinweis: Du fühlst dich vor Publikum immer doof, wenn du dich noch nicht daran gewöhnt hast. Es ist aber leichter, wenn du dich dabei nicht auch noch verstellen musst.

Warum es ein paar Minuten dauert, bis du natürlich wirkst

Ich hatte schon Teilnehmer im Präsentationstraining, denen ging es vor ihrem Übungsvortrag alles andere als gut. Dabei ging es in der Übung um nichts weiter, als ein paar Minuten vor den anderen Teilnehmern über irgendein einfaches Thema zu reden.

Meine Beobachtung ist: Auch sichtlich überforderte Teilnehmer kriegen Durchatmen und Anfangen hin. Und während sie vorne stehen und etwas machen (was nicht immer exakt das ist, was sie vorher geplant hatten, aber das ist egal), werden sie wieder zu dem Menschen, der sie sonst auch sind.

Die Aktivität hilft, den Stress abzubauen. Und witzigerweise bringen gerade die natürlichen Bewegungen der Hände ganz viel, um schnell ruhiger zu werden.
Da nimmt es auch niemand übel, wenn sich die Aufregung in diesen Bewegungen ganz zu Anfang deutlich zeigt. Denn jeder im Publikum weiß, dass es echt schwierig ist, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu reden. (Und insgeheim sind alle froh, dass sie nur dasitzen und dabeisein brauchen…)

Nach drei Minuten wirken auch extrem nervöse Sprecher bereits sehr natürlich und locker.

Meine Teilnehmergruppen bestätigen immer wieder, dass sie als Zuschauer schon nach den ersten paar Sätzen einer Präsentation keine nennenswerte Aufregung mehr beim Redner festgestellt haben.

Warum es sich für dich viel länger anfühlt, bis du anfängst, dich wohlzufühlen

Als Sprecher kriegt man das Gefühl, natürlich und authentisch zu sein, erst viel später. Das kann schon mal zehn oder zwölf Minuten dauern, bis du dich wie du selbst fühlst, während du dein Thema vorstellst.

Wichtige Info: Das Publikum merkt längst nicht mehr, dass du nervös warst. Das Gefühl von Unbeholfenheit bzw. Angst ist lediglich deshalb noch da, weil die Körper-Chemikalien, die die Auftrittsangst ausgelöst hatten, erst im Laufe der Zeit langsam abgebaut werden.

Der Trick: Einfach weitermachen und keine Konzentration für etwas verschwenden, was du eh nicht ändern kannst. Je weniger du deine Auftrittsangst zum Thema machst, desto schneller geht sie weg.

Du brauchst dein Publikum übrigens nicht darüber zu informieren, dass du schrecklich nervös bist. Denn die sehen dich schon viel souveräner, als du dich gerade fühlst – und sind deshalb von so einem Bekenntnis nur verwirrt.

Leg einfach los. Mach die Aufregung und/oder Angst nicht zum Thema in deiner Präsentation!

Warum dir der Inhalt deiner Präsentation hilft, eine authentische offene Haltung zu zeigen

Wenn das Thema deines Vortrages „dein Thema“ ist, dann kommst du ganz schnell an den Punkt, an dem du mehr erzählen WILLST.

Einem Sprecher, der Begeisterung für seine Inhalte empfindet, hört ein Publikum gebannt zu. Denn da spüren alle: Der ist echt.

Ich habe schon grund-authentische Vorträge über rechtliche Vorgaben für Imbissbuden-Besitzer oder das Wanderverhalten des Bibers oder das richtige Einschenken von Weißbier oder die gesetzlichen Anforderungen bei der Renten-Nachversicherung gehört – und war begeistert.

(Und das, obwohl mich die Themen allesamt nicht mal ansatzweise interessiert haben. Aber meine Teilnehmer im Präsentationstraining arbeiten in solchen Bereichen und haben mich mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihrer Authentizität mitgenommen in Inhalte, die ich nun, nachdem sie mir voller echter Begeisterung präsentiert wurden, auch echt spannend finde.)

Warum du nichts falsch machen kannst, wenn du DU bist und dich mit dir wohl fühlst

Du hast nur dich, wenn du vor Publikum stehst.
Wenn du DU bist, bist du immer richtig.

Das Schönste, was ich nach einem Präsentationstraining einem Teilnehmer als Feedback geben kann, ist: „Du warst voll und ganz präsent für mich – und ich hätte gerne noch viel länger zugehört.“

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

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