Eine Clown-Geschichte

Die Clownin Sophie – zum AnhörenErstmals veröffentlicht am 19.02.2015 – und längst eine Lieblingsgeschichte vieler LeserInnen…

Eine liebe Freundin hat mich vor einer Weile gebeten, für sie eine Geschichte zu schreiben, die ihr hilft, mit mehr Selbstbewusstsein ihre Stärken zu leben. Denn sie hatte große Zweifel daran, dass sie genug Erfolg hat mit dem, was sie gut kann und gerne macht.

So ist die folgende Geschichte entstanden – eine Geschichte über Stärken, die wir bei uns selbst oft nicht erkennen und schon gar nicht zu schätzen wissen.

Wenn es du auch glaubst, zu wenig zu können und zu erreichen, dann möchte ich dir die Clownin Sophie vorstellen…

Sophie, die Clownin

Sophie ist unzufrieden. Sie spürt es, wenn sie in ihren Bauch hineinspürt. Es geht so nicht weiter. Es fühlt sich falsch an. Und die Leute haben es ja schon immer gesagt: So funktioniert es nicht. Das hat keine Zukunft.

Wenn Sophie in der Manege steht, dann ist sie Clownin aus vollem Herzen und tiefster Seele. Sie liebt den Geruch des Zirkuszeltes. Sie liebt die lustige Zirkusmusik, die in ihren Auftritt hineinspielt. Sie steht gerne in der Mitte, das Publikum um sich herum. Und sie liebt es, mit jedem einzelnen Besucher zu spielen: Seine Gefühle zu verwandeln, seine Stimmung zu heben, ein breites Lächen in sein Gesicht zu zaubern.

Sophie liebt es, Clownin zu sein. Und dennoch hat sich eine Traurigkeit in ihr lachendes Clowngesicht geschlichen. Vor manchem Auftritt ist sie versucht, sich eine Träne in die freundliche Maske zu schminken. Und immer öfter möchte sie die Mundwinkel nach unten malen. Statt des lustig bunten Kostüms hat sie dann den langen schwarzen Mantel in der Hand, der bis zu ihren großen alten Clownschuhen hinunter reicht und alles Bunte an ihrem Clown-Kostüm überdeckt.

Früher… Ja, früher war es einfacher. Da kamen die Leute gerne in den Zirkus. Sie hatten Sophies lachendes Clownsgesicht auf den Plakaten gesehen und freuten sich schon lange vorher darauf, dass bald das Zelt aufgeschlagen werden würde. Die Kinder kamen, um die Zirkustiere zu streicheln und die Eltern kamen, um den Kindern eine Freude zu machen. Und Sophie lief schon lange vor der Vorstellung als lustiger Clown vor dem Zelt herum und spielte mit den Kindern, mit den Eltern. Einfach mit jedem, der vorbeikam.

Heute gibt es nicht mehr so viele Tiere. Der Zirkus ist „in wirtschaftliche Schieflage geraten“, wie es der Steuerberater immer öfter nennt. Der Chef der großen Zirkusfamilie wirkt unzufrieden, manchmal richtig aggressiv. Sophie versteht das gut, denn es wird immer schwieriger, das Futter für die Tiere zu bezahlen. Allein die Kosten für das Frühstück des Elefanten… So viel Geld hatte Sophie bestimmt überhaupt noch nie besessen.

Der Löwe ging schon vor Jahren zu einem anderen Zirkus. Viel zu schwierig, als kleiner Zirkus so eine riesige Katze zu halten. Der Elefant wird in ein paar Tagen abgeholt. Dann wird eine Ziege, die rechnen kann, die neue Hauptattraktion werden. Und Sophie soll ihre Clownnummer daran anschließen und die Stimmung wieder herumreißen, wenn die Leute von der rechnenden Ziege wieder einmal enttäuscht sind, weil sie sich halt manchmal ziemlich schwer tut mit der Konzentration.

Das alles macht Sophie traurig. Doch der Zirkusdirektor mag keine traurigen Clowns. Dafür hat er Sophie nicht in seinen Zirkus geholt. Sophie soll die Augen der Besucher zum leuchten bringen. Sie müssen so begeistert sein, dass sie nicht nur immer wieder kommen, wenn der Zirkus in ihre Stadt kommt. Sie sollen auch noch alle ihre Freunde überzeugen. Für eine richtig gute Clownin ist das doch wohl gar kein Problem…

Sophie möchte nicht länger der Zirkusfamilie auf der Tasche liegen. Auch wenn sie nur wenig Lohn für sich beansprucht, ist sie wohl ihre Bezahlung nicht mehr wert. Sie findet, dass es sich nicht gehört, als traurige Clownin ein Gehalt zu beanspruchen.

Als sie eine junge Clownin war, da träumte sie von Paris, vom Varietè. Einmal war sie dort gewesen – als Zuschauerin. Und was gab es da nicht für wundervolle Clowns: Einen Jonglier-Clown, einen Seifenblasen-Clown, einen wundervoll melancholischen Weißclown mit Geige, einen lustigen Harlekin voller wilder Ideen, eine majestätische Ballett-Clownin und einen grinsenden Clown mit glänzenden Augen und einer riesigen hingeschminkten Träne – mit einem lachenden und einem weinenden Auge und ganz viel Humor.

Die Erinnerung ließ sie nicht mehr los. So viele Clowns. Im Varietè ist alles möglich. Da gibt es Clowns aller Art. Und gut bezahlt werden sie auch. Das Gehalt ist sicher, regelmäßig und höher als die höchste Gage, die Sophie jemals gesehen hat.

So reist Sophie nach Paris. Meine Güte, ist die Stadt riesig. Und das Varieté-Gebäude ist ein enormes Gebäude – wie eine große Fabrikhalle mit vielen Parkplätzen drumherum und mit vielen Zäunen und Wachposten. Als Sophie einen Wachmann nach dem Direktor fragt, wird sie weggescheucht. Sie soll erst einmal telefonisch einen Termin mit der Engagement-Abteilung vereinbaren. Aber sie braucht sich keine Hoffnungen zu machen: Beim letzten Clown-Casting waren 1.200 Bewerber da. Und am Ende wurde keiner genommen – für ein Pariser Varietè wird schließlich nicht irgendein Clown vom Wanderzirkus eingestellt.

Dann schaut der Wachmann Sophie in ihrem Wanderzirkus-Kostüm nochmal von Kopf bis Fuß an, schüttelt den Kopf und wendet sich ab.

Sophie sucht eine Telefonzelle – gar nicht so einfach in der riesigen fremden Stadt. Als sie schließlich ein Münztelefon findet, das nicht demoliert wurde, fischt sie ihre letzten Münzen aus der Clown-Jacke und ruft die Varietè-Nummer an. Doch noch bevor sie der Telefonzentralen-Mitarbeiterin erklärt hat, was sie möchte und wen sie braucht, sind ihre Münzen alle durchgefallen.

Keine Münzen, kein Termin mit der Engagement-Abteilung, keine Arbeit, kein Abendessen…

Sophie sitzt auf dem Bordstein neben der Telefonzelle in einem tristen Vorort von Paris und weint. Zum ersten Mal, seit sie Clownin geworden war, weint sie große traurige Tränen. Sie weint, weil sie nicht weiß, was sie tun soll. Sie weint um alle Träume, die großen vom Varietè und die kleinen von der Zirkusfamilie. Sie weint um den Elefanten, für den man das Frühstück nicht mehr zahlen konnte. Und um den Löwen, der zu kompliziert zu halten war. Und um die Ziege, die sich bei jeder zweiten Rechenaufgabe geirrt hat. Und um die lieben Menschen, mit denen sie viele Jahre durch die Welt gezogen war. Und um das kleine runde Zirkuszelt, in dem sie so gerne zu lustiger Zirkusmusik als lustiger Clown ihr kleines Publikum glücklich gemacht hat. Und zuetzt weinte sie um sich selbst…

Als sie nach langer Zeit aufblickte, da standen ein paar Kinder um sie herum. Kinder mit schmutzigen Kleidern. Kinder mit traurigen Gesichtern. Kinder mit verschiedenen Hautfarben und unterschiedlichen Sprachen. Und ein kleines Mädchen mit dunklen ernsten Augen setzte sich stumm neben Sophie.

Da zaubert Sophie eine kleine rote Blume aus ihrer Clown-Jacke, schnuppert daran, scheucht eine imaginäre Biene von der Blüte – und plötzlich piekst die Biene Sophie in den Hintern, so dass sie aufspringt und über ihre großen Schuhe stolpert und während sie vor der Biene flüchtet, die herumstehenden Kinder in einen wilden Tanz mitreißt, bis alle vor Lachen nicht mehr können.

Sophie schenkt die Blume mit einer großen Clowngeste dem Mädchen mit den ernsten Augen. Und sie bekommt dafür einen scheuen Blick aus großen, strahlenden Augen.

Sophie macht sich auf den Weg in die Stadt. Und wo immer sie eine Gruppe Vorstadt-Kinder trifft, spielt sie spontan den Clown und weckt das glückliche Glänzen in ihren Augen. Sie hat ja nichts besseres zu tun.

Mitten in Paris trifft sie auf die unterschiedlichsten Straßenkünstler. Wenn ihr eine Musik gefällt, dann tanzt sie dazu einen lustigen Clown-Tanz. Zur Musik eines alten russischen Stehgeigers fällt ihr eine melancholische Seifenblasen-Einlage ein. Bei den lebendigen Statuen ist ihr liebstes Spiel, so lange lustige Pantomime aufzuführen, bis sich die Statue vor Lachen nicht mehr halten kann. Und mit den Pflaster-Malern unterhält sie sich einfach gerne, bis die Leute stehen bleiben und gucken, warum die Clownin im Schneidersitz neben dem Maler und seinem Gemälde sitzt.

Sophie fühlt sich glücklich. Sie ist so zufrieden mit all den verschiedenen Clown-Rollen, dass sie lange nicht merkt, wie sie immer mehr Münzen von Passanten bekommt. Erst als die Tasche ihrer alten Clown-Jacke unter dem Gewicht der Geldstücke durchbricht, merkt sie ihren neuen Reichtum.

Sie kauft sich einen wundervoll bunten Clown-Hut und einen großen neuen Flicken für ihre alte Jackentasche. Und dann geht sie wieder auf die Straße, um mit den Leuten zu spielen. Sie spielt und spielt – und jedesmal, wenn sie ihren Hut in die Menge wirft, kommt er voller Münzen und Geldscheine zu ihr zurück.

Sie läuft an einer Telefonzelle vorbei. Und auch an der nächsten.

Ihre unerwarteten Einnahmen investiert sie in Blumen, die sie den vorbeieilenden Büromenschen schenkt. Und in Jonglierbälle, mit denen sie Kinder zum staunen bringt. Und immer wieder in Seifenblasen – denn Seifenblasen machen alle Menschen ein wenig heiterer.

Sophie richtet sich ihr Leben in Paris ein. Sie liebt es, die Stimmung der Menschen zu verwandeln. Mal mit lustigen Späßen und mal mit nachdenklichen Gesten – gerade so, wie sie es in diesem Augenblick für richtig hält. Und die Leute lieben sie dafür, dass sie genau das zeigt, was sie gerade empfindet.

Die meisten Menschen in der Großstadt leben ihrem Alltag, ohne dabei ihre Gefühle zu erkennen. Aber in den Minuten, die sie im Vorübergehen bei Sophie Halt machen, spüren sie ihre tiefe Freude und ihre ehrliche Traurigkeit. Und dann gehen sie weiter und nehmen ein wenig von Sophies Ehrlichkeit mit sich…

Sophie nimmt sich von den vielen Geldstücken genau so viel, wie sie jeden Tag braucht. Und den Rest überlässt sie denen, die weniger haben: Dem blinden Bettler an der Kirchentreppe. Dem russischen Stehgeiger. Dem dillettantischen Studenten, der sie als Clown imitiert und versucht, von ihrem Publikum zu profitieren.

Die Clownin ist so zufrieden, dass es ihr immer schwerer fällt, in melancholischer Stimmung aufzutreten. Nur wenn sie an die Kinder in den Dörfern denkt, vor denen sie früher mit dem Wanderzirkus in dem kleinen runden Zirkuszelt den Clown gespielt hat, dann wird sie traurig.

Sophie fängt an, sich zu sehnen. Erst weiß sie gar nicht, wonach. Aber immer öfter wacht sie morgens auf, nachdem sie von dem kleinen runden Zelt und der Ziege, die sich immerzu verrechnet, geträumt hat. Und dann merkt sie, wie sie auch am Tag melancholischer wird und bei ihrer liebsten Seifenblasen-Nummer in Gedanken beim Wanderzirkus ist…

Es dauert lang, bis sie sich auf den Weg macht. Weg aus Paris, wo sie längst jeder kennt. Durch die Vorstädte, in denen sie für die Kinder spielt, ohne den Hut in die Menge zu werfen. Hinaus auf die Dörfer, wo sie in leeren Rübenhallen und in Dorfschulen jedem eine Freude macht, der kommen mag. Und schließlich findet sie zurück zu ihrem alten Wanderzirkus.

Die Ziege war verkauft worden. Der Star der Vorführungen ist nun eine Katze, die balancieren kann und von einem Podest zum anderen springt. Doch die Zirkusfamilie kann nicht länger das Katzenfutter bezahlen.

Obwohl Sophie begeistert begrüßt wird, liegt über dem ganzen Zirkus eine große Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. So hoffnungslos, dass Sophie einfach losziehen muss, um auf dem Stadtplatz einige Passanten aufzuheitern. Nach den Seifenblasen und den Jonglierbällen kommt die Nummer mit der Blume und der Biene – und weil sie so viel Spaß daran hat, improvisiert sie den ganzen Nachmittag auf der Straße.

Ihr Hut war mehrmals gut gefüllt und so gibt es an diesem Abend im Wanderzirkus ein Festmahl für die Zirkusfamilie und auch für die Katze.

Immer, wenn Sophie der Traurigkeit im Zirkus eine Weile entfliehen will, geht sie zu den Menschen. Mal steht sie am Sonntag auf dem Kirchplatz. Dann besucht sie die Kinder während der Pause in der Schule. Und schließlich wird sie sogar in der großen Firma für den Tag der offenen Tür gebucht.

Das Geld, das sie nicht braucht, überlässt sie der Zirkusfamilie. Sie macht es gern.

Das runde Zelt ist voller Menschen, wenn Sophie auftritt. Der Zirkusdirektor strahlt ins Publikum, wenn die Manege von begeisterten Besuchern umgeben ist. Seine kleine Tochter tanzt einen lustigen Tanz, während Sophie riesige Seifenblasen durch das Zelt schweben lässt. Sogar die Katze hat Lust darauf bekommen, ihre Kunststücke zu zeigen und marschiert auf den Hinterbeinen den Manegenrand entlang…

Sophie ist zuhause angekommen. Sie ist noch glücklicher als in Paris, noch glücklicher als auf ihrer ganzen Wanderschaft. Sie ist so glücklich, dass der Zirkus einen weiteren Clown einstellen muss, weil sie einfach nicht mehr melancholisch sein kann. Das übernimmt nun der strenge Weißclown, der beim Varietè in Paris gelernt hat und dann wegen zu schlechten Applaus-Quoten entlassen wurde.

Sophie hingegen macht alles das, was sie gut kann: Jonglieren und Menschen foppen, auf der Straße Passanten aufheitern und in der Manege das Publikum berühren, in der Zirkusfamilie mithelfen und in stillen Stunden für sich selbst sorgen.

Und vor allem macht sich Sophie keine Sorgen mehr. Denn wenn sie genau das macht, was richtig ist, dann spürt sie es ganz tief in sich drin. Dann breitet sich die Zufriedenheit ganz leise in ihrem Körper aus – von der warmen weichen Stelle in ihrem Bauch ereicht sie ihr Herz, das ruhig und konstant schlägt, und ihre Zehenspitzen in den riesigen alten Clown-Schuhen… Und schließlich steigt die ruhige Zufriedenheit in ihren Kopf hinauf. Dann weiß sie mit absoluter Sicherheit, wie sie jeden einzelnen Zuschauer berühren und glücklich machen kann – und das ist überhaupt das Schönste am Clown-sein.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Super schöne Geschichte, die ich heute in der Mittagspause angefangen und gerade nach der Arbeit zuende gelesen habe! Ein schöner Appel, das zu tun, was einem Spaß macht.

    • Danke für deinen Kommentar, Daniel,
      es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt.
      Etwas, das Spaß macht, ist immer eine persönliche Stärke. Und es wäre schade, wenn wir die eigenen Stärken nicht nutzen, um uns selbst und zugleich anderen eine Freude zu machen.
      Sei du selbst, lass die anderen anders sein…

  2. Liebe Christine,
    diese Geschichte hat mich sehr berührt und zum Weinen gebracht.
    Vielleicht habe ich mir nie erlaubt, meine Stärken anzunehmen und zu leben. Dadurch konnte ich meine eigene Wertschätzung, Selbstachtung und Selbstliebe nicht mehr fühlen und somit verstummte auch mein sprachlicher Ausdruck. Wenn ich meine eigene Individualität nicht annehmen konnte oder durfte, aus bestimmten Gründen, die aus einer evtl. schwierigen Phase in der Kindheit herrührten, hat dieses Auswirkungen auf mein Denken, Fühlen und Handeln. Ich fühle nicht mehr die Wahl, so sein zu dürfen, wie Ich Bin!
    Diese Geschichte ist total genial zum NACHDENKEN über sich selbst! Vielen herzlichen Dank dafür!
    Renate

    • Liebe Renate,
      mich berührt beim Lesen deines Kommentars, dass du gerade dein „so sein wie ich bin“ wiederfindest.
      Die Geschichte ist keine zum Nachdenken – auch wenn sie dich jetzt nachdenklich gemacht hat. Die Geschichte ist zum mitfühlen und genießen und zum einfach auf dich wirken lassen.
      Schön dass du da bist.

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