Von Müssen und Mögen

von Christine Winter

09.02.2015

Ich glaube ja, dass man nichts wirklich muss.
Außer sterben. Irgendwann mal – viel später.

Eigentlich glaube ich das…

Keine Ahnung, ob es dir auch so geht: Ich mache mit Begeisterung die schwierigsten Dinge, ich eigne mir Wissen zu komplexen Themen an, ich beschäftige mich mit allen möglichen Herausforderungen. Und ich denke gar nicht daran, dass mir das zu anstrengend, zu schwierig oder zu wenig zielgerichtet sein könnte. Es macht mir einfach Spaß!

Ich bringe mir seit Jahren selber das Klavierspielen bei.

Für regelmäßigen Unterricht fehlt mir die Zeit. Und die Lust – wir kommen gleich dazu, warum.

Ich konnte schon vorher Noten lesen, aber ich hatte noch nie ein Tasteninstrument gelernt. Also habe ich mich viel mit theoretischen Beschreibungen von Handhaltung und Bewegungsabläufen beschäftigt. Es gibt sicher spannendere Literatur – aber mir hat es Spaß gemacht, denn es hat zum Klavier selber lernen dazugehört. Und am Klavier einige schön klingende, einfach zu spielende Stücke zu können, war und ist mein Ziel.

Dann besuchte mich eine Bekannte, die schon als Kind Klavier gelernt hat. Sie kann das ziemlich gut. Und dummerweise habe ich mich auf ihre Aufforderung: „Spiel mir doch mal was vor“ hin ans Klavier gesetzt und gespielt. Nicht so sicher und fehlerarm wie sonst, denn ich war ziemlich nervös.

Sie meinte hinterher: „Du hast eine völlig falsche Haltung, du MUSST dich völlig anders hinsetzten. Und dein Fingersatz ist aber schon sowas von verkehrt. Das MUSST du komplett neu lernen, sonst wird das nie was. Mach‘s gleich nochmal, ich korrigiere dich gerne so lange, bis es passt.“

Das war, als hätte jemand den Luftballon meiner Klavierbegeisterung mit einem spitzen Gegenstand zum Platzen gebracht. Peng!

Ich hatte keinerlei Lust mehr – und habe glücklicherweise geistesgegenwärtig ihr Angebot abgelehnt, mir so lange zu erklären, was ich alles falsch mache bzw. gar nicht kann, bis ich mein Klavier wegschmeißen könnte.

Denn mir geht es am Klavier nicht um „richtig“, sondern ausschließlich um „Spaß“.

Anderes Beispiel: Ich schreibe gerne. Besonders für den Blog. Es macht mir riesigen Spaß, aus einem einzelnen Gedanken einen Blogartikel zu entwickeln, ihn am nächsten Tag nochmal korrekturzulesen, ein Männeken dafür zu zeichnen und ihn pünktlich online gehen zu lassen.

Außer… Ja, außer, wenn ich mir denke: „Du MUSST unbedingt noch einen Artikel für morgen schreiben. Wenn du es jetzt nicht SOFORT machst, hast du nicht mehr genügend Zeit dafür. Also, FANG ENDLICH AN!“

Peng! Keine Lust mehr. Und schlimmer noch: Auch nicht die leiseste Idee, worüber ich schreiben könnte.
Wenn ich dann trotzdem schreibe, landet alles am nächsten Tag im Papierkorb – und ich bin nicht mehr nur lust- und ideenlos, sondern gestresst und sauer.
(Deswegen gab es letzten Donnerstag keinen Blogartikel – ich fand alles, was ich geschrieben hatte, einfach schei…e!)

Ist das nicht verrückt? Ich interessiere mich für tausendunddrölf Dinge von Astrophysik-Büchern bis zum Zinszuwächse-Berechnen – bis irgendwoher der Gedanke kommt: „Du MUSST…!“

Zum Beispiel: „Jetzt MUSST du langsam mal wieder die Fenster putzen.“ Dachte ich im Frühjahr 2014 und habe bewiesen, dass ich ein Jahr lang bequem darauf verzichten kann. (Jetzt kann ich‘s dir ja erzählen, nachdem ich sie am Wochenende endlich geputzt habe 🙂 )

Oder: „Du MUSST das Buch fertig lesen, das schon seit Weihnachten aufgeschlagen auf dem Couchtisch liegt.“ Ich könnt‘ es genausogut unfertiggelesen ins Regal stellen – dann würde es nicht auf dem Tisch einstauben. Aber irgendwie habe ich nicht mal mehr Lust, es zuzumachen und wegzupacken… (Dabei war es echt interessant. Also, bevor ich dachte, ich müsste es lesen.)

Oder: „Du MUSST mit dem Auto in die Werkstatt.“ Was soll ich sagen – ich beweise mühelos, dass ich gar nichts muss. Vor allem, seit mir die Dame vom Autohaus den Anrufbeantworter vollquatscht, um mich an mein Inspektionsintervall zu erinnern. Dann ja schon gleich mal überhaupt nicht!

Kennst du das?
„Du MUSST unbedingt mehr aus dir rausgehen. Geh‘ doch mal unter die Leute – du MUSST doch endlich mal jemanden treffen. Hast ja gar keine Freunde und sitzt immer nur daheim rum.
Mach doch mal dies… Tu doch mal jenes…
Und vor allem: Du MUSST viel mehr reden. Steh‘ doch nicht immer stumm am Rande, wenn du schon mal irgendwo unter Leuten bist.“

Falls dir das irgendwoher bekannt vorkommt, kannst du mal überlegen, ob dir das Lust auf mehr Kommunikation macht.

Bei mir macht so etwas vor allem „Peng!“ Da platzt mir erst der Spaß an der Sache und dann recht zeitnah der Kragen. Dabei – und das macht die Sache besonders fies – meint es der Ratgeber doch nur gut. Er glaubt schließlich, zu wissen, was ich tun muss, um weniger Probleme zu haben. Was er nicht weiß: Damit wird er selber zu meinem Problem. (Und meine Lust auf Kommunikation mit dieser speziellen Person liegt ungefähr beim absoluten Nullpunkt – verständlicherweise, oder?)

Nun ist es schwierig, Menschen daran zu hindern, „gute“ Ratschläge zu geben.
Selbst die Leute, die längst wissen, dass ich nicht mehr mag, sobald ich muss – sie können es nicht lassen…
Um trotzdem den Spaß an den Dingen zu behalten, die mir Spaß machen, muss 😉 ich absichtlich kreativ und gedanklich flexibel werden.

Ich wollte zum Beispiel am Wochenende mit dem Putzlappen durch die Wohnung sausen und dabei mal eben die Wohnzimmerfenster gleich mitputzen. (Ja, ich weiß, richtig (!) sauber werden die Fenster nur mit dem von Mutter geerbten Fensterputz-Ritual. Aaaaaaber: Sie sind heute trotzdem sauberer als vorgestern. Und das, obwohl ich nicht alle Arbeitsschritte in der richtigen Reihenfolge eingehalten habe!)

Und indem ich meine drei aktuell richtig spannenden Bücher noch zusätzlich auf dem Couchtisch geparkt habe, waren in kürzester Zeit alle vier fertig gelesen und im Regal verräumt.

Ach ja, die Autowerkstatt liegt auf dem Weg, wenn ich zum Shopping in die Stadt fahre. Da werde ich gleich mal einen Werkstatttermin machen, denn ich war schon eeeeewig nicht mehr beim Einkaufsbummel.

Oh. Jetzt ist sogar noch der heutige Blogartikel fertig geworden. So einfach ist das mit dem „Mögen“, wenn mir kein „Müssen“ in die Quere kommt. Deswegen gibt es heute kein Männeken – ich mag nämlich jetzt gerade nicht auch noch was zeichnen müssen… 🙂

Deine

Christine

PS: Für Leute, die sich öfter mal dabei ertappen, sich für andere als Ratgeber zu betätigen: Es gibt durchaus Formulierungen, bei denen mein Spaß-Ballon nicht platzt. Was hältst du von: „Hast du dir mal überlegt, es anders zu machen?“ Oder: „Wie wäre es denn mit dieser Lösung?“
Oder ganz unaufdringlich - und völlig Muss-frei! - als Ich-Aussage: „Ich habe ein Problem, das vielleicht deinem ein wenig ähnlich ist, seinerzeit so und so gelöst.“

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  1. Ja das Müssen, das kann einem ganz schön den Hahn zudrehen. Wenn man sich jedoch im Spasshaben-Zustand befindet, da kann man gar nicht mehr aufhören, kann Stundenlang an etwas sitzen, dranbleiben, weil man in so einem schönen Flow ist..Da kann sogar das Essen vergessen gehen…
    Hingegen die Steuererklärung ausfüllen MÜSSEN, DAS schiebt man ewig vor sich her, ich jedenfalls.
    Komments von anderen können auf einen Schlag die Freude abwürgen. Bin deshalb mittlerweile sehr vorsichtig mit erzählen. Mache es jetzt meistens umgekehrt, wenn eine Idee im Kopf rumgeistert, einfach mal ausprobieren auf „Meine Art“, wenns nicht funktioniert, anders herum probieren, das macht ja auch Spass, das Ausprobieren. Erst wenn ein Resultat da ist, erzähle ich von meiner Idee.
    So habe ich mir schon einige „Ablöscher“ erspart..Wenn ich eine idee im Kopf habe, haben die Leute ja nicht dieses Bild vor Augen (Telepathen laufen mir eher selten über den Weg), sehen nicht das Resultat, und reagieren deshalb vielleicht skeptisch…Diese Skepsis kann den kleinen Freuden-Funken, den man in sich spürt, ersticken.

    Habe kürzlich eine wahre Begebenheit gehört, die beweist, was für einen Power WORTE im guten wie im schlechten Sinn haben können. Eine Frau lag im Spital, es war ziemlich ernst. Ein Arzt sagte zu der Frau – „Sie werden wieder GANZ GESUND, KEINE SORGE“. Die Patientin hat augenblicklich gespürt, wie die Worte des Arztes sie wie eine Welle der Kraft sie umspülten.
    Später hörte die Patientin etwas Negatives über ihren Zustand, und sie fühlte sich plötzlich sehr schwach….
    Gedanken, Worte haben solche Kraft. Wenn wir also Leute um uns haben, die uns in unserem sosein unterstützen, dann gibt uns das auch Inspiration, neuen Schwung, Freude.

    Doch wenn jemand sagt, man sollte „mehr unter Leute gehen“, dann finde ich das eher schwächend, weil es ja eigentlich sagt: du MUSST DICH ÄNDERN…(???)

    Spass beruht auf FREI-WILLIG-KEIT. MÜSSEN ist STRESS.

    Habe mal eine Gitarristin/Sängerin gekannt, die sich das Gitrarrenspielen mehr oder weniger selbst beigebracht hat. Ihre „Griffe“, wie sie die Harmonien spielte, waren völlig unorthodox.Doch geklungen hats WUNDERBAR. Sie hat sich nicht beeinflussen lassen und sich ihre Freude bewahrt, obwohl ihr einige Leute gesagt haben, das man das „so“ spielen müsste..
    Warum muss immer alles „korrekt“ und „genau“ und „nach Buch“ gemacht werden? Wichtig ist wirklich, das es Spass macht.

    Manchmal klappts mit sich überlisten, wenn man Dinge nicht umgehen kann: abwechslungsweise etwas tun, das man „muss“, dann etwas tun das Spass macht, dann wieder zurück zum „muss“ und wieder zum Spass. Am Ende hat man das „muss“ hinter sich gebracht und es gar nicht richtig gemerkt.

    Ist ja auch interessant, das wir alle bis auf den primitivsten Organismus von Schlange, zu Hund, zu Mensch auch so programmiert: SPASS/FREUDE haben und SCHMERZ vermeiden. Wir lernen auch am besten in einem Zustand von Spass und Freude.

    1. Liebe Corina,

      vielen Dank für deine Erfahrungen und Ergänzungen. Es beruhigt mich, dass ich nicht die allein bin mit meiner „MUSS-Aversion“.

      Corina schreibt:
      „Wenn ich eine idee im Kopf habe, haben die Leute ja nicht dieses Bild vor Augen (Telepathen laufen mir eher selten über den Weg), sehen nicht das Resultat, und reagieren deshalb vielleicht skeptisch…Diese Skepsis kann den kleinen Freuden-Funken, den man in sich spürt, ersticken.“

      Das ist, finde ich, eine ausgesprochen wichtige Erkenntnis. Nur du selbst hast vor Augen, wo du hinwillst und wie dein Weg dorthin aussieht. Alle anderen haben ein eigenes Bild davon und andere Interessen – daher finden es wahrscheinlich die allermeisten viel unattraktiver.

      Um so wichtiger ist, dass du dein eigenes Bild so plastisch, bunt und wundervoll wie möglich gestaltest. Denn wenn die Anziehung erst einmal groß genug ist, wirst du dir dein Ziel von niemandem mehr nehmen lassen. Und du kannst immer wieder zwischendurch so tun, als ob du schon an deinem Ziel angekommen bist – bis es gar keine Frage mehr ist, dass du genau da hin kommst, wohin du möchtest.

      Sei du selbst, lass die anderen anders sein… Und viel Freude auf deinem ganz persönlichen Weg zum Ziel.

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