FAQ: Wann ist man vom Selektiven Mutismus geheilt?

Die Frage ist bedeutsam, weil sie in direktem Zusammenhang mit der oft geäußerten Meinung – von Betroffenen, aber auch von Fachleuten – steht, dass Selektiver Mutsimus nicht heilbar, sondern „nur überwindbar“ sei.

Falls du das auch schon gehört oder gelesen hast: Vergiss es!

Die Einschränkungen gehen alle weg. Definitiv! Und es gibt keinen Anlass, zu glauben, dass sie wiederkommen, wenn sie erst mal weg sind.

Wenn du jederzeit entscheiden kannst, das zu sagen, was du sagen willst, dann kann es dir egal sein, ob ein Fach-Mensch den Selektiven Mutismus als „überwunden“ oder als „geheilt“ bezeichnen würde. Denn der entscheidende Punkt ist: Er ist VORBEI!

Solange du dich mit Sprechblockaden durch den Alltag kämpfst und davon träumst, was du alles tätest, wenn du es erst könntest, hast du vermutlich die Idee, dass du selbstverständlich sofort wissen würdest, wenn „der Mutismus“ vorbei wäre.

Dahinter steckt der Gedanke, dass es den einen Moment gibt, in dem alles anders wird. Gestern noch krank – heute geheilt.

Aber wenn du mal an deine letzte Erkältung denkst… Wann war der exakte Moment, in dem du wieder gesund warst? Also genau die Minute, in der du wusstest, dass die Erkältung jetzt vorbei ist?

Beim Weg aus den Sprechblockaden ist der Zeitraum, in dem du dich von „noch ziemlich schlecht beieinander“ über „geht schon“ und „geht schon ganz gut“ entwickelst, recht lang. Also jedenfalls um einiges länger als bei der Erkältung.

Hinzu kommt noch, dass du dich während der Erkältung ganz genau daran erinnern kannst, wie es war, als du keine Erkältung hattest. (Wobei dir das „Ohne-Erkältung-Sein“ plötzlich sehr viel bedeutsamer vorkommt, als zuvor, als du topfit und gesund warst.)

An eine Zeit ohne Sprechblockaden können sich Menschen, die Selektiven Mutismus haben/hatten, meist nicht erinnern. Denn die Sprechblockaden kamen schon ganz früh. Vielleicht sind sie sogar von Anfang an da gewesen.

Und weil man da selbst keinen Vorher-Nachher-Vergleich als Maßstab von „noch betroffen“ und „wieder gesund“ hat, fällt es fast allen „Nicht-mehr-Betroffenen“ schwer, sich „geheilt“ zu fühlen.

Jedenfalls gibt es nicht diese Sekunde, in der du blitzartig weißt: „Das war‘s jetzt! Das war meine letzte Sprechblockade. Von jetzt an bin ich geheilt!“

Sondern du schaust irgendwann zurück und denkst dir: „Früher hatte ich in einer solchen Situation wie der hier immer riesige Probleme. Wie lange ist das denn eigentlich schon her, dass ich zum letzten Mal nicht klargekommen bin???“

Und dann merkst du, dass du für diese Situation und für so ähnliche Situationen Möglichkeiten entwickelt hast, die du früher nicht hattest.

Das heißt nicht, dass du nie mehr nach Worten suchen wirst. Das heißt nicht, dass du in Gesprächen nie an Grenzen stößt. Das heißt nicht, dass du plötzlich mit Begeisterung Fremde ansprichst. Oder dass du eine Vorliebe für‘s Sprechen vor Menschenansammlungen entwickelst.

Es heißt einfach nur, dass du selbst entscheiden kannst, ob du sprichst.

Denn es ist normal, sprechen zu können und es nicht zu tun.

Wenn DU entscheidest – und nicht die Blockade – dann hast du keinen Selektiven Mutismus. Sondern du bist einfach du selbst. Wie alle anderen „normalen Menschen“, die schweigen, obwohl sie sprechen könnten, auch.

Wenn es keine unüberwindliche Blockade gibt, die gegen deine Absicht verhindert, dass du dich ausdrücken kannst – dann ist der Selektive Mutismus geheilt.

 


 

Nächste Frage: Warum bin ich geheilt – habe also keine unüberwindbaren mutistischen Blockaden mehr – und bin trotzdem noch so auffallend still?

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