FAQ: Was ist denn am Selektiven Mutismus selektiv? (Und warum redet der Doktor immer von „elektiv“?)

Zunächst mal ist „Mutismus“ der lateinische Fachausdruck für „Stummsein“.

Stumm kann man aus verschiedenen Gründen sein bzw. werden. Die Bandbreite geht von hirnorganischen Beeinträchtigungen (z. B. nach Verletzungen oder Schlaganfall) über körperlichen Ursachen (z. B. Stimmbänder oder Kehlkopf) über psychische Störungen (z. B. Autismus, phobische Angst vor dem Sprechen oder dem Hören der eigenen Stimme, Schizophrenie).

Eine wesentliche Unterscheidung bei diesen „Stummheiten“ ist, ob man ständig (= „total“) oder zeitweise bzw. situationsabhängig verstummt ist.

Die psychische Störung, die dazu führt, dass Kinder (in der Regel im Kindergartenalter oder beim Schuleintritt) immer wieder als Reaktion auf einen (oder viele) Auslöser unwillkürlich verstummen ist allgemein als „Selektiver Mutismus“ bekannt.

„Selektiv“ bedeutet, dass es Situationen und/oder Personen gibt, bei denen das Kind alles andere als stumm ist. Das Kind spricht und verhält sich wie alle Kinder – und dann kommt ein Auslöser, der das Kind ohne bewusste Entscheidung und blitzschnell zum Verstummen bringt. Davon ist in der Regel nicht nur die verbale Sprache, sondern auch der nonverbale Ausdruck betroffen, so das das Kind von einer Sekunde auf die andere „erstarrt“ wirkt und ohne Mimik und Körpersprache ist.

Das Kind hat keine Wahl, ob das passiert oder nicht – und daher mögen Betroffene es gar nicht, wenn vom „elektiven“, also von einem „gewähltem“ Mutismus die Rede ist.
Tatsächlich entscheidet der psychische „Mechanismus“, der das Störungsbild ausmacht darüber, wann die Blockade „zuschnappt“ – und wenn das passiert, gibt es keine Möglichkeit, es als Betroffene zu stoppen.

Die Diagnose nach dem in Deutschland von Ärzten und Therapeuten verwendeten „Diagnosekatalog“ (dem sogenannten ICD-10) lautet „Elektiver Mutismus“ – und deswegen taucht diese Bezeichnung ganz oft auf, wenn Ärzte oder Therapeuten vom Selektiven Mutismus sprechen oder schreiben. Gemeint ist aber mit den beiden Begriffen exakt das Gleiche.

 


 

Wenn ich hier von einem betroffenen Kind geschrieben habe, dann deshalb, weil der Selektive Mutismus in aller Regel ziemlich früh in der Kindheit auftritt. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht auch jugendliche und erwachsene Menschen gibt, die immer noch Selektiven Mutismus haben und die die Sprechblockaden noch nicht hinter sich lassen konnten.


 

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Findest du auch, dass es noch zu wenig Verständnis für Mutismus gibt?

Die neue Studie der Universitäten Zürich und Würzburg hat zum Ziel, daran etwas zu ändern.
Und alle von Mutismus betroffenen Kinder und Jugendlichen mit ihren Eltern können dazu beitragen und die Forschung aktiv unterstützen.

Was du dazu tun musst:

  1. Fordere per E-Mail die Fragebögen bei der Uni Zürich an.
    Die E-Mail-Adresse ist mut.ist.muss@kjpd.uzh.ch
    Gib in deiner Mail unbedingt deine Post-Adresse an, denn…
  2. Du bekommst per Post die Fragebögen zugeschickt.
  3. Du nimmst dir als Elternteil mit deinem Kind ein wenig Zeit und beantwortest in aller Ruhe die Fragen.
  4. Dann steckst du die Fragebögen in den Rückumschlag und bringst den zur Post.
    (Das Porto zahlt natürlich die Uni.)

Ich freue mich riesig, wenn durch deine Mitwirkung an der Studie klarer wird, was Mutismus ist und wie wir damit umgehen sollten.

Infos zur Studie (PDF)