FAQ: Sind die Eltern schuld am Selektiven Mutismus ihres Kindes?

Zunächst mal möchte ich festhalten, dass es für die Lösung eines Problems ganz generell völlig unerheblich ist, ob es jemanden gibt, der an der Problem-Entstehung schuld war. Auch wenn ich weiß: „Der Egon war’s!“ – das ändert nichts am Problem.

Selektiver Mutismus ist ein komplexes Problem, das nicht einfach mit „Das ist die Ursache. Basta!“ erklärt werden kann. Tatsächlich ist die Erklärung von möglichen Ursachen eine Großbaustelle, in der etliche Wissenschaftler und Studierende von verschiedenen Fachrichtungen arbeiten. Nach meiner Beobachtung ist aber keine Forschungsarbeit bisher geeignet, um daraus zu schlussfolgern: „So ist es – Fall aufgeklärt.“

Das wäre wohl auch zuviel verlangt, denn Forschung stellt Behauptungen auf und beweist oder widerlegt dann diese Behauptungen. Da geht es nicht um absolute Wahrheiten, sondern um ein langsames theoretisches Einkreisen von Möglichkeiten – die dann durch eine andere wissenschaftliche Fragestellung neuerlich in Frage gestellt werden.

Und wie gesagt: So spannend die wissenschaftliche Forschung auch sein mag – für die Betroffenen ändert eine neue Hypothese nichts an ihrem Problem.

Daher ist die einzige seriöse Antwort auf die Frage, ob die Eltern verantwortlich dafür sein können, dass ein Kind Selektiven Mutismus hat oder entwickelt (selbst darüber kann man sich nämlich streiten):

Man weiß es nicht.

Das ist unbefriedigend für die Eltern betroffener Kinder.

Das war auch unbefriedigend für mich als Erwachsene mit einer Mutismus-Vergangenheit. Ich wüsste schon gerne, woher es kam, dass ich Sprechblockaden hatte. Und natürlich stelle ich dazu auch selbst immer wieder Thesen auf, die für meine eigene Biografie schlüssig sind. Bei manchen meiner Überlegungen gibt es auch durchaus Parallelen zu anderen erwachsenen Betroffenen und ihren Erinnerungen.

Trotzdem… Auch ich weiß es nicht.

Zur Frage nach der Schuld möchte ich dennoch eine Antwort geben. Und zwar eine, die auf mein juristisch geprägtes Studium zurückgeht.

„Schuld“ im rechtlichen Sinn setzt mindestens die sog. „billigende Inkaufnahme“ des Ergebnisses oder gar die ausdrückliche Absicht voraus – und kein Elternteil will sein Kind zum Mutisten machen.

Wenn Eltern in ihrer allerbesten Absicht für ihr Kind das getan haben, was ihnen zu dieser Zeit mit ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten und ihren Einschränkungen möglich war, dann trifft sie keine Schuld – egal welche Störung das Kind entwickelt hat. Sie waren die besten Menschen, die sie in dieser Zeit sein konnten, und das verdient unseren Respekt.

Das heißt leider nicht im Umkehrschluss, dass in unserer Kindheit nicht doch etwas geschehen sein kann, was als Ursache oder Auslöser für selektiven Mutismus in Frage kommt.

Es ist dann aber niemand daran schuld.

 


 

Nächste Frage: Wenn man englischsprachige Bücher liest, ist Selektiver Mutismus mit Sozialer Ängstlichkeit gleichgesetzt – stimmt das?

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Findest du auch, dass es noch zu wenig Verständnis für Mutismus gibt?

Die neue Studie der Universitäten Zürich und Würzburg hat zum Ziel, daran etwas zu ändern.
Und alle von Mutismus betroffenen Kinder und Jugendlichen mit ihren Eltern können dazu beitragen und die Forschung aktiv unterstützen.

Was du dazu tun musst:

  1. Fordere per E-Mail die Fragebögen bei der Uni Zürich an.
    Die E-Mail-Adresse ist mut.ist.muss@kjpd.uzh.ch
    Gib in deiner Mail unbedingt deine Post-Adresse an, denn…
  2. Du bekommst per Post die Fragebögen zugeschickt.
  3. Du nimmst dir als Elternteil mit deinem Kind ein wenig Zeit und beantwortest in aller Ruhe die Fragen.
  4. Dann steckst du die Fragebögen in den Rückumschlag und bringst den zur Post.
    (Das Porto zahlt natürlich die Uni.)

Ich freue mich riesig, wenn durch deine Mitwirkung an der Studie klarer wird, was Mutismus ist und wie wir damit umgehen sollten.

Infos zur Studie (PDF)