Prüfungspanikerinnerungen

von Christine Winter

01.06.2015

Ich freue mich, dass ich diese Woche endlich mal wieder vor einer Gruppe stehe und rede.
Genauer gesagt sind es sogar zwei Studiengruppen, die von mir abwechselnd Unterstützung bei ihren  letzten Prüfungsvorbereitungen vor den Abschlussprüfungen bekommen.

Ja, du hast richtig gelesen: Mir fehlt tatsächlich etwas, wenn ich längere Zeit keinen Einsatz als Trainerin habe. Es kostet mich zwar immer noch jedesmal einige Überwindung, vor 25 Leute zu treten und mit ihnen zu sprechen – aber es gibt mir ein unglaublich gutes Gefühl, wenn ich den Schritt dann gemacht habe. 1)

 Vor mehr als zehn Jahren war ich selber Studentin an der Hochschule, an der ich heute unterrichte, und kurz vor den letzten Prüfungen.

Ich war damals eine ziemliche Streberin und hatte wegen der acht schriftlichen Aufgaben wenig Bedenken – selbst, wenn ich ein Fach „vergeigen“ würde, waren da immer noch genügend andere, um auszugleichen.

Aber „das Mündliche“…

Obwohl ich vorher ausgerechnet hatte, dass mir die mündliche Note zwar den Durchschnitt verderben könnte, aber keinesfall meine Abschluss gefährden würde, kreisten meine Gedanken schon Wochen im Voraus nur noch um diese 45 Minuten.

Ich war mir absolut sicher, dass ich mir längst alle denkbaren Situationen ausgedacht hatte – und mit jeder weiteren Idee wurde meine Überzeugung noch stärker, dass dieser Termin mit Sicherheit schrecklicher werden würde als alles, was ich bis dahin an Prüfungssituationen erlebt hatte.

(Das war genau genommen gar nicht sooo viel, denn in der Schulzeit habe ich mich weitestgehend um alle mündlichen Noten gedrückt. Das hat damals funktioniert – ich habe halt jeweils eine schlechtere Note in Kauf genommen. Den Realschulabschluss bekam ich, ohne zu einer einzigen mündlichen Prüfung aufzutauchen. Und die Mündliche bei der Fachhochschulreife lief eigentlich ganz unspektakulär ab…)

Aber jetzt…! Die Diplomprüfung war eine Horrorvorstellung, die monatelang vor mir am Horizont stand.

Klar habe ich bestanden. Sonst würde ich ja nicht heute als Hochschullehrerin hier vor zwei Studentengruppen unterrichten. Natürlich habe ich mein Diplom bekommen und mein Abschlusszeugnis war ziemlich ordentlich – wenn auch nicht mit der Traumnote, die ich mir (perfektionistischerweise) erhofft hatte.

Du denkst, dass ich mir die Noten mit dem „Mündlichen“ vermiest habe? Ich erzähle dir, wie’s war:

Die mündliche Prüfung fand in München statt. Und zwar in einem der tausendunddrölf  Verwaltungsgebäude der Stadtverwaltung.

Mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, war keine Option. Also suchte ich mir eine wirklich frühe Zugverbindung aus und die dazu passende U-Bahn, so dass ich eineinhalb Stunden Zeit hatte, um mich noch in Ruhe in dem Gebäude zurechtzufinden und mich dann so weit wie möglich zu entspannen, bis ich dran war.

Von den anderen Prüfungsteilnehmern gab es bereits Gerüchte, dass die Prüfung in München mal wieder besonders schwer war und die Prüfer alle fies waren. Aber mich verunsicherte das nicht sonderlich, denn die meisten Inhalte konnte ich ziemlich gut. Und ansonsten galt halt: Mut zur Lücke…

Ich setzte mich in die Lokalbahn und fuhr nach Augsburg-Hochzoll. Dort musste ich in den Interregio umsteigen nach München und dort in die U-Bahn. Alles perfekt geplant – ich wusste genau, wann ich wo sein würde, hatte alles etliche male überprüft.

Und dann stand ich in Hochzoll. Mit mir ein ganzer Haufen Menschen. Langsam sickerte durch, dass der vorherige Zug noch nicht da war. Die ersten Leute fingen an zu schimpfen. Ich war einigermaßen entspannt, denn ich hatte 1 1/2 Stunden Puffer eingeplant. Und mein Zug würde schon kommen.

Was dann allerdings kam, waren spärliche Durchsagen:

„Der Regionalexpress nach München verspätet sich.“ – Mir egal, ich will ja eh den Interregio.

„Der Regionalexpress nach München verspätet sich auf unbestimmte Zeit.“ – Oh oh, das klingt jetzt nicht so gut.

„Aufgrund einer Betriebsstörung ist der Regionalverkehr in Richtung München derzeit eingeschränkt.“ – Äh, ja. Dann solltet ihr die mal ganz schnell beheben!

Und dann… Nichts mehr. Keine Durchsage.
Mittlerweile war mein Zug eine halbe Stunde verspätet. Ich bekam langsam Hitzewallungen.

Die Leute um mich herum diskutierten, ob man jetzt ein Taxi nehmen könnte und die Rechnung an die Bahn schicken sollte. Ich dachte nur: So viel Geld hab ich gar nicht dabei!

Einige gingen vom Bahnsteig in Richtung Ausgang. Keine Ahnung, wohin die wollten.

Dann die ultimative Durchsage: „Aufgrund eines Unfalles mit Personenschaden ist der Verkehr auf der Strecke Augsburg – München auf unbestimmte Zeit unterbrochen.“

Aaaaaah.

Horrorszenarien in meinem Kopf. Ich sitze auf dem Bahnhof fest und fliege durch die Diplomprüfung!
Panik.
Erde tu dich auf und verschluck‘ mich. Bitte!!!

Ich hatte nicht mal ein Handy zu der Zeit. Und wenn, wen hätte ich anrufen sollen???

Mist. Mist. Mist. Mist. Mist!

Was mach ich jetzt? Was mach ich jetzt? Was soll ich denn jetzt nur machen???

Eine Frau neben mir schimpfte vor sich hin. Ich verstand den letzten Wortfetzen: „…nehm ich halt das Auto.“

In meiner Panik brauchte ich einen Moment, während sie schon zum Ausgang ging. Dann fiel der Groschen: Die hat ein Auto und fährt nach München.

Oh, Gott. Hoffentlich schaffe ich es, sie anzusprechen und zu fragen, ob sie mich mitnimmt.

Ich lief etliche Schritte neben ihr her, bevor ich einen Satz formulieren konnte. Dann stammelte ich etwas von: „Bitte Mitnehmen, weil ich hab gleich mündliche Prüfung.“

Sie hat’s erstaunlich schnell verstanden und mich geistesgegenwärtig erst mal in ihr Auto verfrachtet. So waren wir schon unterwegs, bevor ich ihr genau erklärt hatte, was eigentlich los war.

Sie war unglaublich nett und versprach mir, mich an einem Taxistand in München abzusetzen, wo ich auf jeden Fall sofort ein Taxi bekommen würde.

Wir haben uns während der Fahrt ein wenig unterhalten – aber ehrlich gesagt war bei mir nicht viel an lässigem Gespräch zu machen. Ich war starr vor Panik und zählte die Sekunden, die in einer unglaublichen Geschwindigkeit davonrasten. Wenn ich ein Taxi kriegen würde und wenn dann alle Ampeln grün wären und wenn ich mich dann sofort in dem riesigen Prüfungs-Gebäude zurechtfinden würde, dann wäre ich nur ungefähr zehn Minuten zu spät…

Aber zehn Minuten zu spät zur mündlichen Diplomprüfung – die würden mich bestimmt nicht mehr drannehmen!!! Oh Gott, ich würde die ganze Prüfung wiederholen müssen!

Um eine für mich gefühlt unendlich lange Geschichte kurz zu machen:

Es war siebzehn Minuten nach Prüfungstermin, als ich völlig durch den Wind vor dem Prüfungsraum angekommen war. Ich klopfte. Keine Antwort. Ich öffnete ganz langsam die Türe…

Drinnen saß einer von meinen Profs hinter der Süddeutschen Zeitung. Sonst war keiner da.

Ich konnte nichts sagen. Sah ihn nur entgeistert an.

„Hatten’s auch Probleme mit der Bahn???“

„Äh.“

„Ja, ich weiß schon, heut‘ ist’s echt dick. Die beiden Prüfer aus Niederbayern hängen auch noch bei Landshut fest. – Dann holen S’sich doch noch einen Kaffee. Die zwei anderen Prüflinge sind auch grad‘ in die Kantine. Ich sag Ihnen dann schon rechtzeitig Bescheid.“

Plumps. Ratter. Plumps.
Mir ist ein unendlich riesiger Stein vom Herzen gefallen. Und aller Horror hat sich in Luft aufgelöst.

Mit insgesamt einer halben Stunde Verspätung fing meine mündliche Prüfung an. Und ich war vergnügt und optimistisch. Denn egal, was hier noch passieren sollte – das Schlimmste hatte ich für diesen Tag definitiv hinter mir!

Der Prof nahm seine Süddeutsche zur Hand und schlug die erste Seite auf: „Na, zum Zeitunglesen hatten’S wohl heute keine Zeit, gell. Aber da hab‘ ich grad eine ganz interessante Geschichte gefunden, über die können wir uns gleich unterhalten.“

Haben wir dann auch gemacht. Wir führten ein total entspanntes Gespräch über den Besitzer eines Baumhauses im Englischen Garten und dessen Grundrechte sowie die Baugenehmigungspflicht für Baumhäuser im Allgemeinen und Besonderen und kamen von einem zum anderen…

Es war nicht wie eine Prüfung. Eher wie eine Diskussion unter Kollegen. Und in meiner unendlichen Erleichterung, dass ich überhaupt rechtzeitig angekommen war, blubberte mein Wissen nur so aus mir heraus.

Was soll ich sagen: Das war die entspannteste Prüfungssituation meines Lebens.

Das soll aber keineswegs bedeuten, dass Zuspätkommen am Prüfungstag eine gute Strategie zur Notenverbesserung ist.

Was ich damit sagen will, ist: Du kannst es nicht planen – auch dann nicht, wenn du dir vorher noch so viele Gedanken machst. Das Leben kommt, wie es kommt – und es ist meistens viel weniger schlimm als befürchtet.

Und: Prüfer sind auch nur Menschen. Echt! Manche davon sind sogar total nett.

So, jetzt gehe ich zu meinen Studierenden. Vielleicht werde ich ihnen die Geschichte meiner mündlichen Prüfung erzählen… 

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine

Christine

1) Das Gefühl vor dem Seminar ist ungefähr so, wie ich mir das Gefühl des Fallschirmspringers an der offenen Flugzeugtüre vorstelle. Der kleine Schritt kostet riesige Überwindung – aber dann ist es genial.

Ich glaube, ich sollte das irgendwann auch mal ausprobieren – also, das Fallschirmspringen…

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