Im Zweifel…?

von Christine Winter

11.08.2016

Jemand schlendert durch einen Laden, der richtig teuren Schmuck anbietet.

Der Mann sieht auffällig gelangweilt drein und sein Äußeres lässt nicht gerade darauf schließen, dass er sich irgend etwas in diesem Juweliergeschäft leisten könnte.

Der Geschäftsinhaber ist gerade in einem Verkaufsgespräch und kurz davor, ein Paar Trauringe für 14.999 Euro zu verkaufen. Das erfordert seine ganze Aufmerksamkeit. Der Typ, der wie ein Penner aussieht, streift also weiter betont unauffällig durch die Auslagen, ohne dass der Juwelier ihn genau beobachten kann.

Als der Inhaber des Juweliergeschäfts schließlich seine Trauring-Kunden nach draußen begleitet, fällt ihm auf, dass im Rolex-Regal eine Lücke ist. Da fehlt eine Uhr! Und der auffällig unauffällige Penner steht immer noch hinten im Laden rum.

Der Juwelier lässt schleunigst das Rolltor runter und ruft die Polizei. Die kommt mit Tatü-Tata innerhalb weniger Minuten um die Ecke, schnappt den Typen, packt ihn ins Polizeiauto.

Die mega-teure Uhr ist weg. Bei der Durchsuchung des verhafteten Mannes wird nichts dergleichen gefunden. Er ist bis dahin auch nie als kriminell aufgefallen und erklärt, dass er einfach die Zeit, bis sein Bus kommt, im Laden überbrücken wollte, weil es draußen so arg geregnet hat.

Die Polizei ist im Zweifel, ob diese Geschichte wahr ist. Genau genommen glauben die Polizisten dem zwielichtigen Typen kein Wort von dieser Ausrede.

Aber es gibt keine Überwachungskamera im Juwelierladen. Und es gibt auch keinen Zeugen, der gesehen hat, wie und wohin die Rolex verschwunden ist. Die Spurensicherung hat nichts ergeben. Und die Befragung des verhafteten Mannes auch nicht.

Nach einer Rückfrage bei der Staatsanwaltschaft muss die Polizei der Mann laufen lassen. Denn bis die Polizisten den Beweis seiner Schuld führen können, gilt er als unschuldig. Es gibt keine Grundlage dafür, ihn weiter festzuhalten.

„Im Zweifel für den Angeklagten“ ist ein juristischer Grundsatz, der bei Gerichtsentscheidungen, Polizeiermittlungen und Behördeneingriffen dafür sorgt, dass niemand ohne ausreichenden Beweis bestraft, festgehalten oder benachteiligt wird.

Im Zweifel ist es positiv?

Im Zweifel das Positive zu denken, ist schwierig. Auch für Ermittlungsbeamte und für Richter.

Aus irgendeinem Grund fällt es unserem Gehirn viel leichter, sich unschöne Begründungen auszudenken. Auf die Idee, dass alles auch ganz harmlos sein könnte, kommen wir oft gar nicht. Stattdessen wird ein Thema beim wiederholten Durchdenken immer schlimmer.

Es braucht echt Übung, im Zweifel NICHT in eine Argumentation zu verfallen, die beweisen soll, dass alles noch viel ärger ist, als es momentan aussieht.

So haben Nachrichten die Tendenz, immer schlimmer zu werden, je öfter sie erzählt werden. Und auch Geschichten über alltägliche Ereignisse werden mit jedem erneuten Erzählen drastischer – eine erzählenswerte Story braucht nun mal viel Nervenkitzel. (Da ist es egal, ob man erzählt, wie die Katze die Blumenvase runtergeschmissen hat oder dass man beinahe in der Nähe gewesen wäre, als der Juwelierladen ausgeraubt wurde. Damit die Geschichte interessant klingt, braucht sie spannende Wendungen und dramatische Ausschmückungen.)

Wie wäre es, wenn jeder beim Weitererzählen von Geschichten die positiven Aspekte aufbauschen würde statt die Ereignisse schlimmer zu denken? „Im Zweifel für das Gute an der Geschichte“ wäre doch auch nicht schlecht.

Falls du jetzt denkst, dass das keine „gute Story“ ergäbe, muss ich dir Recht geben. Eine Story, bei der das Happy End von Anfang an vorhersehbar ist, weil nur total harmlose Dinge passieren, ist langweilig. Und daher machen wir sie im Zweifel lieber dramatischer, aber auch spannender.

Im Zweifel ist es noch viel schrecklicher…

Das Schlimmste anzunehmen, wenn man nichts genaues weiß, steckt also im Menschen drin. Wir agieren vorsichtshalber nicht unüberlegt oder spontan, sondern denken lieber nochmal über die Risiken nach – und nicht selten machen wir letztendlich gar nichts, weil sich da beim ausführlichen Nachdenken so eine diffuse Angst entwickelt…

Denn die „Grundeinstellung“ im menschlichen Betriebssystem ist: Wenn du nichts darüber weißt, ist es garantiert schlimmer, als du es dir im Moment vorstellen kannst.

Natürlich könnte man dieses „Default-Setting“ auch ändern – so, wie man beispielsweise am Computer bewusst und absichtlich Einstellungen machen kann, die die Darstellung der Informationen verändern. „Im Zweifel für den Optimismus“ oder so…

Absichtlich NICHT das Schlimmste denken

Du kannst natürlich bezweifeln, dass alles wirklich so schlimm ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Wenn dir bewusst wird, dass du gar zu schwarz siehst, dann kannst du bewusst gegensteuern…

„Man muss nicht alles glauben, was stimmt“ habe ich das letztens überschrieben – und damit meinte ich, dass gerade bei schlimmen Nachrichten ein gesunder Zweifel dazu führt, dass wir motiviert sind, die Situation zu ändern und auszuprobieren, was wirklich möglich ist.

So macht Zweifel für mich Sinn: Wollen wir doch mal sehen, wie sich eine ungünstige Ausgangssituation so ändern lässt, dass sie weniger ungünstig wird.

„A bisserl was geht allerweil“ sagt man dazu hier in Bayern. „Geht nicht gibt’s nicht“ sagt man anderswo.

Ich finde, das sind sehr gute „Default-Einstellungen“. Im Zweifel kann man immer etwas tun, damit’s nicht so schlimm wird wie gedacht.

Aber der „innere Zweifler“ hält nie die Klappe…

Stimmt. Die innere „Ja-aber-Stimme“ hat immer mehr Argumente für dich, warum es nicht gehen wird, als du Ideen hast, warum es doch geht.

Da hilft nur eines: Probiere aus, was geht, und beweise dem Zweifler in dir, dass seine Argumente nicht gelten.

Die Zweifel-Stimme in dir hat natürlich ihren Sinn – sie versucht, dich vor potenziell ungünstigen Aktionen zu schützen. Wer an sich zweifelt, der macht keine gewagten oder gar gefährlichen Dinge. Allerdings übertreibt die Stimme gehörig und mischt sich auch in völlig harmlose Aktivitäten mit permanentem „Ja-aber“ ein. Daraus entsteht dann erhöhte Vorsicht, aber auch übertriebenes Misstrauen. Und das ist frustrierend und demotivierend.

Insgesamt ist der „innere Zweifler“ ziemlich „anti“. Und daher braucht er eine „Job-Beschreibung“, die vor allem klarstellt, für welche Art von Entscheidungen und Tätigkeiten er NICHT ZUSTÄNDIG ist. So kann er sich darauf konzentrieren, echt gefährliche und echt ungünstige Pläne zu durchkreuzen. Und ansonsten einfach mal die Klappe halten.

A propos innerer Zweifler… Ist dir das schon mal aufgefallen?
Du hast leise Zweifel, aber keine lauten.
Du hast nagende Zweifel, aber keine satten.
Du hast berechtigte Zweifel, aber keine zufriedenen.
Du hast bohrende Zweifel, aber keinen Durchblick.

Zweifelsohne ist so ein Zweifel ein ziemlich destruktiver Typ.

Welchen Schaden verursachen die Zweifel?

  • Du bleibst unter deinen Möglichkeiten. Zweifellos ginge da noch einiges, wenn du nicht von vorneherein an dir und deinem Erfolg zweifeln würdest.
  • Oder du schaffst zwar viel, aber du kannst nicht stolz auf dich sein, weil immer ein Zweifel bleibt, dass du wirklich gut warst.
  • Du machst nicht, was deinen Stärken entspricht, sondern vergleichst dich immerzu mit allen anderen, um die Selbstzweifel zu umgehen.
  • Du kannst es dir nicht erlauben, einfach mal etwas zu machen, um zu sehen, ob du Spaß daran hast.

Zweifel ist das Gegenteil von (an sich) glauben.

Ich finde, das sind gute Gründe, den Zweifel immer wieder in seine Schranken zu weisen. „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt nämlich auch, wenn du von deinen Selbstzweifeln angeschuldigt wirst. Du hast bis zum Beweis des Gegenteils einen Anspruch auf die Unschuldsvermutung.

„Zweifeln kannst du später“ war der Titel einer Blogparade (auf einem Blog, der mittlerweile nicht mehr existiert). Ich hatte fest vor, an dieser Blogger-Gemeinschaftsaktion teilzunehmen. Aber obwohl mich die Überschrift sofort angesprochen hat, ist mir beim Schreiben dieses Beitrages nichts dazu eingefallen.

Erst machen, dann zweifeln… Welchen Sinn hätte das?

In der Blogparade sollten Erfahrungsberichte mit dem Zweifeln oder Nichtzweifeln gesammelt werden. Und mir ist beim Darübernachdenken aufgefallen, dass ich überhaupt keine Zweifel mehr zulasse, sobald ich eine Entscheidung getroffen habe.

Das Zweifeln könnte ich natürlich auch auf später verschieben – aber dann kann ich es gleich ganz bleiben lassen. Denn nachträgliches Zweifeln an vollendeten Tatsachen ist ziemlicher Blödsinn, finde ich.

Wobei… Wenn sich im Laufe der Zeit neue Fakten ergeben würden, die die Sachlage ändern könnten, dann wäre der Zweifel früher oder später doch noch begründet.

Offen gestanden: Mir fällt es ganz schön schwer, hinterher zuzugeben, dass ich mich vorher geirrt habe. Wenn ich mich entschieden habe, dann gibt es da für mich keinen Zweifel mehr. Manchmal selbst dann nicht , wenn längst offenkundig ist, dass meine Entscheidung Quatsch war…

Ach ja, ich war mit meiner Geschichte vorhin noch nicht fertig…

Im Juwelierladen hat sich später herausgestellt, dass die Frau des Juweliers am Vorabend wenige Minuten vor Geschäftsschluss die mega-teure Rolex einem vermögenden Stammkunden verkauft hatte. Der Verkauf war natürlich ordnungsgemäß im Kassensystem verbucht – aber die Juweliersehefrau wollte ihren Mann erst am nächsten Abend überraschen und in Ruhe mit einem Gläschen Champagner ihren großartigen Verkaufserfolg mit ihm feiern.

Ohne Spannung und Vorfreude und Überraschungseffekt wäre die Neuigkeit ja auch keine echte Story, sondern nur ein langweiliger Fakt gewesen…

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  1. Eine schöne Story, die Mut macht, dem inneren Zweifler den inneren Optimisten an die Seite zu stellen. Das mache ich manchmal mit der Methode des Inneren Teams. Bei meinen Klienten und auch bei mir selbst. Witzig, wenn sich die beiden inneren Stimmen unterhalten. Oft verzieht sich der Zweifler dann leise maulend in eine Ecke und gibt Ruhe. Denn immerhin wurde er angehört. Vielen Dank für deinen lesenswerten Blog-Artikel, Christine.

    1. So weit hatte ich noch gar nicht gedacht – den inneren Zweifler mit dem inneren Optimisten zusammenzubringen.
      Ich sehe dabei das Problem, dass mein Optimist manchmal ziemlich schüchtern ist, während der Zweifler echt forsch seine Meinungen raushaut. Daher ist es in meinem Fall wohl sinnvoller, wenn ich erst mal nur den Zweifler darüber informiere, wo ich seine Arbeit echt gut brauchen kann und seine Bedenken wertschätze – und wo er einfach nicht zuständig ist.
      Ich möchte schließlich nicht, dass mir der innere Zweifel den Optimismus „überstimmt“. 😉

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