Ich höre Stimmen aus der Vergangenheit :-)

Ich bin nie mit mir zufrieden. Immer gibt es etwas, was ich hätte besser machen müssen. Andere können es schließlich auch besser.

Ich schaffe nie alles, was ich mir vorgenommen habe. Immer bleiben Aufgaben übrig, zu denen ich mich nicht überwinden kann. Nur ich schiebe immer jede Menge Zeug vor mir her – alle anderen kriegen das bestens auf die Reihe!

Was ich mache reicht nicht. Ich könnte mehr. Ich muss über mich hinauswachsen. Stattdessen verschwende ich meine Zeit mit Nichtstun. So wird nie was aus mir.

„Mensch, Christine, stell dich nicht so an! Jeder kann sich um sein Zeug kümmern, Telefongespräche führen, Behördenkram erledigen, ständig gute Laune dabei haben und allzeit bereit sein, sich zusätzliche Aufgaben aufhalsen zu lassen, weil nämlich jeder stinkfaul und nutzlos ist, der nicht freundlich lächelnd jeden Arbeitsauftrag übernimmt.“

Okay, danke, jetzt habe ich es begriffen.

Was ich da in mir drinnen höre, sind Stimmen, die mir in meiner Jugend so zur Gewohnheit wurden, dass sie mir längst nicht mehr bewusst auffallen.

Was ich mir da selbst unbewusst vorhalte stammt aus der Zeit, als ich selektiven Mutismus hatte, aber noch nicht wusste, dass meine Hilflosigkeit im Alltag von einer psychischen Störung kam.

Ich bin krank, also schaffe ich nicht alles

Die letzten Tage war ich krank. Nichts Schlimmes, nur eine heftige Erkältung mit Nebenhöhlen-Dingens, Husten und allgemeiner Abgeschlagenheit.

Da kamen die Stimmen, die mich aufforderten, mehr zu machen, mehr zu schaffen, liegengebliebene Aufgaben zu erledigen… „Schließlich hast du jetzt Zeit dafür!“

Und weil ich nicht sofort reagierte, wurden die Stimmen lauter und drängender.

Mit der Zeit wurden sie so laut, dass sie mir bewusst wurden. Und spontan antwortete ich: „Ich bin krank. Das geht jetzt alles nicht. Ich muss mich erst mal erholen – dann fange ich langsam wieder an. Und jetzt seid still, damit ich schlafen kann.“

Die Stimmen waren einen Moment lang sehr überrascht. Sie hatten noch nie erlebt, dass ich ihnen den Mund verbiete. Aber dann fingen sie nach dem ersten Schreck gleich wieder zu nölen und zu maulen an. Dabei wurden sie lauter und lauter, bis ich sie deutlich hören konnte.

Da wurde mir klar: Die können nicht anders. Seit meiner frühen Kindheit haben die Stimmen in meinem Kopf gelernt, dass sie mich ständig dazu zwingen müssen, mich „normal“ zu verhalten: Mit Fremden zu reden, im Kindergarten Lieder vorzusingen, mich in der Schule zu melden, einkaufen zu gehen, beim Arzt mein Befinden zu schildern, im Unterricht ausgefragt zu werden, Vorstellungsgespräche zu führen, mich im Mitarbeitergespräch gut darzustellen, Kunden zu beraten…

Meine inneren Stimmen meinen es gut mit mir

Für meine inneren Antreiber war klar, dass ich unweigerlich im Leben scheitere, sobald sie die Klappe halten. Also haben sie viel Energie aufgewendet, um mich den ganzen Tag (und nicht selten auch die halbe Nacht) zum Funktionieren anzuhalten – immer gerade so laut, dass ich den Druck deutlich spürte, ohne aber den Text genau zu verstehen.

Ich hätte vermutet, dass die Stimmen nun, nachdem ich längst nicht mehr mutistisch reagiere, in Altersteilzeit gegangen sind und mich nur noch antreiben, wenn es dafür einen guten Grund gibt.

Als ich vorgestern und gestern mit leichtem Fieber hustend und schniefend auf dem Sofa lag und nur meine Ruhe haben wollte, merkte ich:

Den Stimmen ist völlig egal, ob ihr Text im Moment Sinn macht oder nicht. Sie leiern einfach den ganzen Tag die auswendig gelernten Sätze herunter und versuchen, mich dazu zu bringen, etwas zu tun, was mich überfordert und stresst.

Das Spannendste dabei ist: Was ich GENAU tue, ist den Antreiberstimmen völlig gleichgültig. Sie haben in meiner Kindheit und Jugend nur mitgekriegt, dass ich immer – also wirklich immer – das tun muss, was ich gerade nicht kann.

Puh. Nachdem das in meinem erkältungs- und medikamenten-gedimmten Hirn angekommen war, musste ich erst mal eine Weile schlafen.

Tu, was du nicht kannst

Meine inneren Stimmen haben früh gelernt, dass sie mich immer antreiben müssen, das zu tun, was ich nicht kann. In meinem Fall ging es ständig darum, dass ich auf mich aufmerksam machen und mit Fremden sprechen musste.

Ich wusste nicht, warum ich das nicht konnte – schließlich gab es genügend Situationen, in denen ich ohne Punkt und Komma plapperte und es auch durchaus genoss, wenn ich Aufmerksamkeit bekam.

Für die inneren Stimmen war der Auftrag klar: Druck aufbauen, Stress erhöhen, Schuldgefühle zu spüren geben, Versagensängste schüren, Depressionen wecken…

Mehr Druck macht mehr Blockade

Was die inneren Stimmen komplett ignorieren, ist:
Druck, Stress, Hilflosigkeit verhindert, dass man ein neues Verhalten ausprobieren kann. Man greift auf die Verhaltensweisen zurück, die man am häufigsten und intensivsten erlebt hat – und das war in meinem Fall die Sprechblockade und damit verbunden das gedankliche „Verschwinden“ aus einer unangenehmen Situation.

Heute kann ich längst in allen Situationen entscheiden, ob ich spreche oder schweige. Auch bei viel Stress entsteht keine Sprechblockade mehr – ich habe nun genügend erfolgreiche Sprech-Verhaltensweisen verinnerlicht, die ich auch unter Druck abrufen kann.

Wie es scheint ist dennoch ein bisschen von der alten Reaktion geblieben:
Wenn mich meine Antreiber-Stimmen zu etwas zwingen wollen, kann es schon mal sein, dass ich aus der Situation gedanklich „verschwinde“ und entweder meinen Tagträumen nachhänge oder für eine ganze Weile vergesse, was ich eigentlich tun sollte…

Wie arrangiert man sich mit seinen Antreibern?

Offen gestanden: Ich weiß es nicht.

Mein Argument „Ich bin krank. Lasst mich in Frieden.“ hat nicht viel gebracht. Dabei finde ich, dass das ein echt guter Grund war. Aber die Antreiber nehmen ihren Job wirklich ernst.

Im Moment glaube ich, dass sie sich nicht durch vernünftige Argumente ändern lassen werden. Es liegt also wohl an mir, den Druck in mir drin auszuhalten und unabhängig davon zu entscheiden, ob ich etwas tue oder ob ich Pause mache.

Was mir aber während meiner Erkältung klar wurde, ist: Ich muss nicht alles selber machen. Wenn mir etwas schwer fällt, gibt es immer jemanden, dem das leichter fällt. Meine inneren Stimmen finden das zwar faul und feige von mir.
Aber ich finde, dass ich mich auf meine Stärken konzentrieren darf. Ich darf mich mit lauter Sachen beschäftigen, die mir leicht fallen. Und ich darf in nächster Zeit herausfinden, wie ich das Antreiber-Rudel zur Kooperation bewege und als Chef akzeptiert werde. 🙂

 

Hast du eine Idee für mich? Wie kriege ich meine Antreiber so erzogen, dass sie mir helfen, ohne mich unter Dauerstress zu setzen? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Sei du selbst, lass die anderen anders sein.
Deine
Christine

Übrigens…

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6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Es liegt also wohl an mir, den Druck in mir drin auszuhalten und unabhängig davon zu entscheiden, ob ich etwas tue oder ob ich Pause mache.“ Ich finde das schon einen ganz guten Ansatz: Sich bewusst werden, was da in mir abgeht und probieren, das auszuhalten, und notfalls einfach mal versuchen, diese inneren Stimmen zum Schweigen bringen, indem man ein Machtwort spricht und sagt: Lasst mich in Ruhe!

    • Machtworte bergen die Gefahr, Machtdemonstrationen herauszufordern. Ich glaube, ich setze eher auf ein ruhiges Gespräch auf Augenhöhe…
      Und jetzt, da ich weiß, dass meine Antreiber mich ohne Rücksicht auf die Situation immer antreiben, werde ich selbst besser darauf achten, wann ich mich nicht treiben lassen muss.

  2. Liebe Christine,
    ich kenne diese Typen, diese destruktiven Sätze die offensichtlich auch Dir eingebleut wurden.
    Sie holen mich immer wieder ein. Oft erscheint dann ein Banner in meinem Kopf auf dem steht:
    „Laßt mich doch alle in Ruhe“. Dann weiß ich wieder das ich ins brave funktionieren gerutscht bin. Eine Lösung hab ich nicht….. Leider…..
    Ob ich es je lernen werde ?
    Liebe Grüße
    Rosemarie

    • Zu bemerken, dass fiese Antreiber uns plagen, ist schon der größte Teil des Erfolgs.
      Und wenn du dich doch mal ins Funktionieren hineintreiben hast lassen, dann findest du bestimmt eine Möglichkeit, zu zeigen, dass du auch anders kannst. 🙂
      Lass doch mal deine wundervolle Phantasie spielen…

  3. Liebe Christine,

    also ich habe das für mich so gelöst und bemerke das die Stimmen deutlich leiser werden und weniger drängend 🙂

    1. Ich heiße die Antreiber willkommen, wertschätze sie und bedanke mich das sie mich an etwas erinnern, was ihnen wichtig ist. Sie wollen nämlich gesehen und gehört werden. Dankbarkeit ist ihnen ein bisschen fremd 🙂

    2. Dann erkläre ich ihnen liebevoll, das für mich jetzt etwas anderes wichtig ist und ich bitte sie mich darin zu unterstützen. Dazu benutze ich das innere Bild einer Wippe. Auf der einen Seite sind die Antreiber und auf der anderen Seite mein neues Vorhaben: Ich wippe so lange mit beiden Anteilen in mir, bis es ruhiger wird. In Balance zu kommen, statt einseitige „Schwerlast“. Den Rest macht das Gehirn von alleine. Stichwort Neuroplastizität.

    3. Wenn sie zu drängend sind, dann werde ich etwas bestimmter und teile ihnen meine Entscheidung wiederholt mit und gehe meinen neuen Entscheidungsweg.

    Wichtig ist für mich geworden nicht in Widerstand zu gehen, nicht anzuhaften und die neue Entscheidung mit allen Gefühlen und Gedanken die in diesem Moment da sind anzunehmen.

    Fazit: Achtsamkeit – Annehmen – Wertschätzung – Dankbarkeit – Neuorientierung

    ♥lichst BeaTE

    • Liebe BeaTE,
      die Idee mit der Wippe finde ich besonders schön. Das muss ich gleich mal ausprobieren – auf einer Wippe war ich glaube ich seit dreißig Jahren nicht mehr. 🙂
      Vielen Dank für deine Tipps.

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