Persönlichkeit im Wandel der Zeit

Intro - Extra

Ändern sich Persönlichkeitseigenschaften im Laufe der Zeit? Oder bleibt doch jeder eher ein Leben lang bei seinen bevorzugten Eigenheiten – wohl wissend, dass er bei Bedarf zu flexiblen Reaktionen in der Lage ist?

Durch eine Diskussion im Mutismusforum bin ich über die Frage gestolpert, ob jemand, der in der Kindheit verstummt war, dennoch eine extravertierte Grundeinstellung haben könnte.
Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen – was natürlich nicht heißt, dass es nicht sein kann.

Beim Nachdenken über die verschiedenen Persönlichkeits-Dimensionen ist mir eingefallen, dass ich vor ungefähr sechs Jahren einmal einen Persönlichkeitstest gemacht habe und mir damals das Ergebnis auch notiert hatte. Dem Testergebnis nach war ich damals eindeutig introvertiert

Die großen Fünf

Die Persönlichkeitsentwicklung war bestimmt schon seit Jahrhunderten ein Thema für Philosophen, Autoren und Geschichtsschreiber. So richtig alltagsrelevant wurde sie aber im 20. Jahrhundert, als der Wirtschaftsaufschwung die Leute vom Land in die Städte gezogen hat. Eine neue Art Mensch wurde populär und so entwickelte sich (zunächst) in den USA der Prototyp des kontaktfreudigen Vertreters mit dem gewinnenden Lächeln und festen Händedruck, der gut mit seinen Kollegen auskommt und sie gleichzeitig in den Schatten stellt (und den Susan Cain im Buch „Still“ noch ausführlicher beschreibt).

In eben diesem 20. Jahrhundert sind auch etliche Typologien entstanden, um damit zu beschreiben, wie „der richtige“ Mensch für einen Job oder für die heutige (also damalige) Zeit auszusehen hatte.

Vermutlich am bekanntesten ist das Fünf-Faktoren-Modell. Mit den sogenannten „Big Five“ der Persönlichkeitseigenschaften meint(e) man, das universelle Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung gefunden zu haben. Es wird seit Jahrzehnten munter genutzt, um Menschen (natürlich streng wissenschaftlich) in Schubladen zu stecken.

Demnach lässt sich jeder Mensch auf den folgenden Skalen einordnen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit.

Frau Myers und Frau Briggs testen

Das war alles noch arg wissenschaftlich und unpraktisch. Daher haben die Damen Katharine Briggs und Isabel Myers für die Personalentwicklung (oder wohl eher für die Personalauswahl) den „Myers-Briggs Type Indicator (MBTI)“ entwickelt, der vor allem in den USA seit den 1970er Jahren von vielen Firmen eingesetzt wird, um Bewerber und Mitarbeiter in Schubladen zu stecken.

Getestet werden die vier Skalen Motivation/Antrieb, Aufmerksamkeitspräferenz, Entscheidungspräferenz und Lebensstil-Präferenz. Aus den Big Five sind also vier Kriterien geworden, die anders heißen und auch zum Teil anders definiert sind.

Wohin richte ich meine Aufmerksamkeit lieber?

nach innen = Introversion

nach außen auf die Umwelt = Extraversion

Wie nehme ich meine Welt bevorzugt wahr?

Sinneswahrnehmungen + Tatsachen

Intuitiv

Welche Erwägungen bevorzuge ich bei meinen Entscheidungen?

sachliche Urteile aufgrund der Logik

persönliche Urteile aufgrund von Werten

Wie gehe ich lieber mit Anforderungen der Außenwelt um?

strukturiert und geplant

spontan und flexibel

Schubladendenken – bringt das was?

Gute Frage. Ich mag Schubladen, weil sie das Nachdenken einfacher machen. Dabei ist mir aber immer klar und bewusst, dass es dann um Schubladen und nicht um die Realität geht. So schreibe ich hier immer wieder über stille Menschen und stille Eigenschaften – wobei ich mir vollkommen im Klaren darüber bin, dass jede Kombination von Eigenschaften einzigartig ist. Die Schublade ist nicht die Person und Personen leben nicht in Schubladen. Und dennoch ist es interessant, wie viel man allein dadurch entdecken kann, dass man eine Schublade öffnet und mit einer Beobachtung vergleicht.

Okay, bevor mir hier keiner mehr folgen kann: Weil es mir Spaß macht, herauszufinden, in welche Schublade ich gesteckt werde, habe ich einen Online-Test ausprobiert.

Wenn du auch Spaß an sowas hast, ist dieser Test und die damit verlinkte sehr ausführliche Auswertung bestimmt auch für dich interessant.
TIPP: Cookies müssen aktiviert sein, sonst bekommst du keine Auswertung.

Wie sehr ändert sich die Persönlichkeit über die Jahre?

Im Vergleich zum letzten Test, den ich vor sechs Jahren ausgefüllt habe, sind mir diesmal einige Entweder-Oder-Entscheidungen auffallend schwer gefallen. Damals konnte ich viel mehr Fragen spontan beantworten – diesmal habe ich oft gedacht: „Beides!“ und habe mich dann erst nach längerem Überlegen entscheiden können.

Daraus schließe ich, dass ich sich meine Vorlieben von den Extrempositionen mehr in die Mitte zwischen den Extremen bewegt haben. Ich denke aber, dass es ganz normal ist, dass man sich mit den Jahren und den währenddessen gemachten Erfahrungen flexibler auf verschiedene Persönlichkeitsaspekte einzustellen lernt.

Und mein Resultat ist…

In drei der vier getesteten Charakterdimensionen ist mein Ergebnis gleich geblieben. Nur bei der Grundlage von Entscheidungen bin ich von „Denken“ zu „Fühlen“ gekippt – wobei ich da schon damals nahe der Mitte war und jetzt eben etwas eindeutiger nach meinen Werten entscheide.

Am Interessantesten aber – auch im Hinblick auf die Frage, ob stille Menschen dennoch extravertierte Eigenschaften haben – finde ich mein Ergebnis bei der Dimension „Introvertiert“ oder „Extravertiert“.

Obwohl ich denke, dass ich heute viel mehr Kontakte habe und mich unter Leuten wesentlich wohler fühle, liege ich bei 94 Prozent „Intro“. Das hat mich überrascht, denn es stimmt exakt mit dem Ergebnis von vor sechs Jahren überein.

Schade, dass ich keine noch älteren Testergebnisse habe. Auch wenn ich natürlich weiß, dass so ein Test keine wirklich verlässlichen Ergebnisse bringt, hätte mich schon interessiert, was als Teenager oder als junge Erwachsene herausgekommen wäre…

Wenn du also den Test ausprobierst, dann drucke dir dein Ergebnis aus und bewahre es auf. Vielleicht möchtest du ja in ein paar Jahren nachschauen, was sich verändert hat.

Sei du selbst – und bleib ruhig auf deinen „vier Buchstaben“! Leute, die sich anders darstellen, als sie sind, gibt es schon so viele…

Deine
Christine Winter

PS: Über die Frage, ob extravertierte Kinder auch verstummen und unter Mutismus leiden, muss ich noch länger nachdenken. Falls du dir bereits eine Meinung gebildet hast, freue ich mich, wenn du mich an deinen Gedanken teilhaben lässt – gerne per Kommentar hier drunter oder über das Formular.

 

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. hab den test auch mal gemacht. da stimmt ja wirklich alles!! „(introverted, sensing, thinking, perceiving)
    (11-14 % Anteil an der US-Bevölkerung)

    Menschen dieses Typs besitzen oft ein beeindruckendes Reservoir an Faktenwissen, nicht selten auf ungewöhnlichen Gebieten. Sie sind zumeist detailversessen und akribisch bei der korrekten Zuordnung der Fakten. Ihr Wissen hilft ihnen, Vorhersagen über Entwicklungen zu treffen und klare Vorstellungen über ihre Ziele und Aufgaben zu erhalten. Sie investieren viel in die Stabilität ihrer Umwelt und setzen sich für die Beibehaltung bewährter Methoden ein.
    I – Introversion (Rückzug zur Reflexion) wird bevorzugt gegenüber Extraversion (Handeln in der Außenwelt). ISTJs prüfen die Fakten sehr genau, bevor sich zum Handeln entschließen.

    S – Die Wahrnehmung ist bevorzugt konkret. Der Buchstabe „S“ bezieht sich auf das englische Wort „sensing“, das in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie „die Welt über die Sinne ergreifen“. ISTJs verlassen sich lieber auf konkret nachvollziehbare Fakten als auf intuitive Eingaben ohne Bezug zur Realität. ISTJ ist der Eindruck, den ihnen ihre Sinne vermitteln, sehr wichtig.

    T – Denken ist ISTJs wichtiger als Fühlen. Der Buchstabe „T“ bezieht sich auf das englische Wort „thinking“. ISTJs lassen sich bei ihren Entscheidungen und Handlungen lieber von den Gesetzen der Logik leiten als von gefühlsmäßigen Erwägungen. Sie analysieren einen Sachverhalt sorgfältig und kritisch und erkennen Ungereimtheiten. Gefühle sind ihnen als Erklärung zu unbestimmt.

    J – Urteilend (engl. judging). ISTJs sind im Alltag eher organisiert und strukturiert als spontan und flexibel. Sie haben einen guten Sinn für Ordnung und Struktur. Sie erledigen ihre Aufgaben lieber routiniert auf bewährte Art und Weise.

    II. Stärken
    ISTJs sind sehr organisiert, gründlich und gewissenhaft bei der Erledigung ihrer Aufgaben. Sie analysieren mögliche Risiken lange im Voraus.
    Sie arbeiten konzentriert und geduldig bis zum Abschluss einer Aufgabe und vermeiden unnötige Wege.
    Sie sind zuverlässig, loyal und verantwortungsbewusst und halten sich an die bestehenden Gesetze und Handlungsanweisungen.
    Sie sind genau im Umgang mit Details.
    III. Schwächen
    ISTJs sind übertrieben penibel in Kleinigkeiten und übervorsichtig im Umgang mit Sachverhalten, für die keine klaren Regeln existieren.
    Sie sind manchmal so überzeugt von ihrer subjektiven Sicht der Dinge, dass sie den Input anderer bei der Erledigung ihrer Aufgaben ignorieren.
    Sie neigen dazu, die emotionalen Bedürfnisse anderer Menschen bei ihren Entscheidungen nur ungenügend zu beachten.
    Sie sind nicht sehr offen für Veränderung und haben Probleme damit, neue Ideen zu akzeptieren.“

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