Mutismusstudie mal wieder…

Mutismusstudie - DankeschönDie Fragebogenstudie zum Selektiven Mutismus war schon öfter ein Thema im Stille-Stärken-Blog. Voriges Jahr im Sommer hatte ich euch gebeten, an der Studie teilzunehmen, wenn ihr die Sprechblockaden aus eigener Erfahrung als Betroffene oder als Eltern kennt.

Und dank eurer großartigen Mitwirkung teilt uns Jörg Beyer in seinem heutigen Gastbeitrag wirklich gute Neuigkeiten zum aktuellen Stand der Studie mit.

 

Zuerst ein Statusbericht, und dann ein Wissenschaftskrimi

Jörg Beyer Gastbeitrag von Jörg Beyer

Zum Stand unserer Mutismusstudie

Ihr habt ihn sicher auch bemerkt, genug Radau hat er ja gemacht: der Jahreswechsel. Nun wissen wir einerseits natürlich, dass Zeit weder hüpft oder springt noch in „Stufen” abläuft, sondern eher gleichförmig strömt. (Außer vielleicht morgens, kurz nach dem Aufstehen, also dem Zeitraum, in dem wissenschaftlich-objektive Beobachtung hartnäckig versagt. Weil man noch müde ist. Wir schweifen ab…) Die Idee, nach einem Jahreswechsel läge etwas vollständig Frisches, Unverkratztes und Unverbeultes vor einem, ist deshalb schon ein bisschen … schrullig.

Andererseits ist es viel zu anstrengend, sich von einer solchen lieben Wahrnehmungsgewohnheit zu trennen, und sie kann ja auch etwas Tröstliches und Ermutigendes haben. Also fügen wir uns einfach und überlegen kurz, was wir mit 2015 hinter uns gelassen haben und wie wir uns 2016 vorstellen. (2016 wird uns zur gegebenen Zeit darüber informieren, was es selbst davon hält.)

Wir freuen uns sehr und sind sehr erleichtert, einiges an Positivem über unsere Fragebogenstudie zum Mutismus berichten zu können. Nachdem wir uns ein Jahr zuvor, zum Jahreswechsel 2014/15, notgedrungen noch eine ordentliche Menge Zweckoptimismus selbst verordnen mussten („Bestimmt wird alles gut…”), konnten wir im Dezember 2015 sehr erleichtert feststellen, „Es reicht jetzt. Wirklich!”.

Eure bereitwillige und lebhafte Beteiligung seit dem vergangenen Herbst hat dafür gesorgt, dass wir unser angestrebtes Stichprobenziel in sehr kurzer Zeit erreichen und leicht überschreiten konnten. Für eine solche Studie nicht nur die unbedingt benötigte Menge an Daten zusammenzubekommen, sondern ein bisschen Luft zu haben, ist immer gut – gerade, wenn einem das Thema so am Herzen liegt.

Deshalb also noch einmal ein wirklich herzliches Dankeschön von Siebke Melfsen und mir für euer Vertrauen, euren Einsatz und eure Geduld. Mehr Fragebögen von euch Stillen werden wir für diese Studie also (voraussichtlich) nicht brauchen. Je nachdem, wie sich die Dinge weiterentwickeln, sind Anschlussstudien im Lauf der kommenden Jahre zwar gut vorstellbar, aber eins nach dem anderen.

Ebenfalls positiv ist, dass wir jetzt genau wissen, wie die sogenannte Kontrollgruppe für unsere Studie aussehen muss. Jedem eurer Fragebögen muss im Lauf der kommenden Monate eine Person zugeordnet werden, die euch in Geschlecht, Alter und Schulbildung bzw. Beruf möglichst gut entspricht. Das wird also unsere nächste wichtigste Aufgabe sein: Zusehen, dass wir passende Kontrollpersonen finden und für die Studie rekrutieren können. Nicht ganz trivial, wenn es keine Reise zu gewinnen geben wird und sich auch Ruhm und Ehre in Grenzen halten werden. Aber zu bewältigen.

Vielleicht sollten wir ausdrücklich dazu sagen, dass wir Christine und ihren „Stille-Stärken”-Blog nicht damit behelligen werden. So sehr wir die Zusammenarbeit mit ihr schätzen gelernt haben – wir müssen uns strikt an dem orientieren, was die Forschung von uns fordert, und das ist die unabhängige und zufällige Auswahl von Probanden.

In punkto Studie werden wir uns hier wieder zu Wort melden, sobald wir relevante Ergebnisse vorstellen können. Wie gesagt, viel hängt jetzt davon ab, wie schnell wir die Kontrollgruppe voll bekommen. Ich selbst werde ab sofort anfangen, zu programmieren, wie nicht gescheit, damit wir am Ende so viel verwertbare Information wie möglich aus den Daten herausquetschen können.

 


 

Nun aber zu etwas völlig Anderem. Habt ihr Interesse an einem diesmal sehr theorielastigen Abstecher in die Wissenschaft? Es soll um Menschenbilder gehen, beziehungsweise um ein ganz bestimmtes. Ich habe mir Mühe gegeben, es weniger öde zu machen, als es sein könnte. Es hat ein bisschen was von einem Wissenschaftskrimi, inklusive anschließender Gerichtsverhandlung. Ein Mehrteiler, aber mit Verschnaufpausen.

Über Mängelwesen, Folge 1: Arnold Gehlen

Eine der Theorien der philosophischen Anthropologie (der Lehre vom Menschen und seiner Entstehungsgeschichte aus geisteswissenschaftlicher Sicht) betrachtet den Menschen im Vergleich zum Tier als „physisch und psychisch unterlegenes, an seine natürliche Umwelt biologisch unangepasstes Mängelwesen” (Arnold Gehlen, ab 1940, vergl. z.B. diesen Wikipedia-Artikel).

Das ist ein sehr kompakter Satz, in dem etliche komplexe Annahmen, Aussagen und Implikationen drinstecken. Jedes Wort zählt. Auf den ersten Blick würden wir wohl sagen, es könnte vielleicht etwas dran sein. Frage ist natürlich, wie viel, weshalb es sich sicher lohnt, mit der Lupe hinzuschauen. An die Arbeit. Und noch einmal – bitte Geduld, ich werde ganz sachte auf die Pointe hinarbeiten.

1. Aussage: Physische Unterlegenheit des Menschen

Es ist wohl für uns alle gut erkennbar, dass wir Menschen weder besonders schnell oder ausdauernd rennen können, noch dass wir besonders scharfe Zähne oder beeindruckende Reflexe haben. Wenigstens für Hundebesitzer ist das alles nichts Neues. Wir sind nicht konkurrenzlos stark; auch mit dem Fliegen klappt es hinten und vorne nicht, egal, wie sehr wir uns anstrengen; die maximale Zeitspanne, die zwischen zwei Atemzügen liegen darf, ist eher kurz; und extreme Witterungsbedingungen sind auch nicht wirklich unser Ding.

Gehlens Fazit aus diesen Beobachtungen: Wir seien in jeder Hinsicht körperlich so unspezialisiert, dass Tiere uns über sind. Alle, grundsätzlich. So weit, so schlecht (für den Menschen).

2. Aussage: Psychische Unterlegenheit

Gehlen beobachtet im Vergleich zwischen Mensch und Tier einen weiteren Unterschied, den er als entscheidend bewertet. Er schätzt den Menschen als instinktarm bzw. weitgehend instinktfrei ein und sieht auch das als einen Nachteil. Warum? Im wesentlichen aus zwei Gründen. Erstens wegen des Tempos: Instinkte haben die Aufgabe, auf Schlüsselreize hin eine sofortige Verhaltensantwort auszulösen. Je schneller, desto besser (laut Gehlen), weil es das Überleben sichert – „schneller sein als der oder das Andere”.

Zweiter Grund: Eine instinktive und deshalb prompte Reaktion ist per Definition quasi „festverdrahtet” – standardisiert, wenn man so will, es passiert immer dasselbe. Solche abweichungsfreien Verhaltensmuster sind (laut Gehlen) gut, weil sie ebenfalls das Überleben sichern – funktioniert‘s einmal, funktioniert‘s immer. Die weitgehend instinktgesteuerte Tierwelt beweist (laut Gehlen) beides. Hat man das nicht (wie wir Menschen), ist man (laut Gehlen) im Nachteil, und nicht nur ein bisschen.

Aber es geht noch weiter. Aus diesem (aus seiner Sicht) fehlentwickelten Zustand unserer Instinkte schließt er auf eine weitere psychische Benachteiligung gegenüber unseren tierischen Mitbewohnern. Weil nämlich, wo Instinkte fehlen, ständig eine ungleich höhere Informationsmenge verarbeitet werden muss, um auf ein Ereignis in der Umwelt eine Verhaltensantwort finden zu können – der Mensch muss „nachdenken”. Mehr Informationen heißt aber leider, dass das Extra-Zeit und Extra-Energie kostet, weil unser Hirn weder über-lichtschnell noch zum Nulltarif arbeitet. Langsam ist schlecht (s.o), und Extra-Energie heißt, mehr Futter finden und fressen müssen. Was der Kolibri mit den Flügeln macht, müssen wir mit dem Hirn leisten; oder so ähnlich.

Gehlen geht deshalb so weit, auf eine permanente Reizüberflutung des menschlichen Hirns rückzuschließen, und auch das kann nach seiner Auffassung im Vergleich der Arten nur von Nachteil sein. Wer der permanent auflaufenden Informationsflut immer nur hinterher rennt, weil er sie nicht angemessen filtern oder kanalisieren kann, hat keine Ressourcen mehr für planvolles Handeln übrig. Ist ja logisch.

Zwischenfazit

Eigentlich – so legen uns Gehlen und unser eigener Verstand am Ende dieser Betrachtung nahe -, eigentlich sind wir unseren Fressfeinden und Futterkonkurrenten im Tierreich so hoffnungslos unterlegen, dass wir längst ausgestorben sein müssten. Und wenn man dann noch bedenkt, dass wir ursprünglich mal, vor etlichen Hunderttausend Jahren, aus den raubtierreichen zentralafrikanischen Steppen gekommen sind, dann … … … Kann man, als Art gesehen, eigentlich auch ausgestorbener als ausgestorben sein? Nun, wir sind es offensichtlich nicht, aber wie haben wir das vermeiden können?

Schlussfolgerung: Anpassung der Umwelt

Wenn ich Gehlen richtig verstehe – gut möglich, dass ich das nicht vollständig tue -, sollen nun gerade unsere Mangelhaftigkeit und Unangepasstheit/Unspezialisiertheit der Grund dafür sein, warum wir heute die dominierende Art auf diesem Planeten sind. Statt uns unserer Umwelt anzupassen, wie andere Tiere das im Lauf der Evolution getan hätten, hätten wir Menschen stattdessen frühzeitig begonnen, in unsere Umwelt einzugreifen, um sie uns selbst und unseren besonderen Bedürfnissen anzupassen.

Das muss der Mensch (laut Gehlen), weil ihm seine fehlende Spezialisierung keine andere Wahl lässt, und das kann der Mensch, weil ihm seine Unfähigkeit, auf Reize starr, aber erprobt, zu reagieren, die Hintertür öffnet, nach anderen Lösungen suchen zu können. Stattdessen zieht er sich also was Warmes an und beginnt, Werkzeuge und Häuser und Städte und Maschinen zu bauen. Gehlen betrachtet diese Art von Weltoffenheit ausdrücklich nicht als etwas für sich genommen Positives, sondern als etwas rein aus der Not heraus Geborenes – eine Not- oder Verlegenheitslösung. Weil der Mensch es nicht besser kann; weil Tiere an ihre spezielle Lebensumwelt perfekt angepasst sind – und der Mensch nicht.

Bis demnächst

Mit diesen mutigen Aussagen (seinerseits) möchte ich euch jetzt eine Weile alleine lassen. Ich melde mich in Kürze mit Teil 2 wieder. Wenn ihr Gehlens Sichtweisen etwas abgewinnen könnt – wartet noch ein bisschen mit eurem abschließenden Urteil. Und wenn ihr das alles völlig schräg findet, oder wenn ihr euch darüber ärgert – bitte, bitte, nicht auf den Boten schießen. Was wir darüber denken, werden ich euch nicht vorenthalten. Hier und jetzt verrate ich aber natürlich noch nichts. Bis bald.

Übrigens…

Kennst du schon meine Online-Vorträge über Mutismus?

Was hindert dich daran zu sprechen?In regelmäßigen Abständen halte ich kostenlose Vorträge im Internet (sogenannte „Webinare“), bei denen ich über Themen rund um Selektiven Mutismus und andere Sprechblockaden informiere. Und du hast live während des Webinars die Möglichkeit, deine Fragen von mir beantwortet zu bekommen.

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