Meine Geschichte

Christine Winter
Ich bin Christine Winter und
ich war selektiv mutistisch.

Nach viel zu vielen Jahren, in denen ich still war, habe ich mich 2014 entschieden, meine Geschichte zu erzählen…

 

Ich bin 1974 auf die Welt gekommen als ruhiges und braves Mädchen. In dem winzigen Dorf, in dem jeder jeden kannte und verstand, war das okay.

In der Kleinstadt, in die ich mit fünf Jahren umziehen musste, war es viel schwieriger. Die Kinder dort blieben mir fremd. Im Kindergarten gehörte ich nicht dazu – aber das machte nichts, denn ich hatte genügend Phantasie, um mir selbst genug zu sein.

„Sie ist halt schüchtern.“

Alle meine Zeugnisse aus zehn Schuljahren handeln von der ruhigen Schülerin, deren Verhalten sehr lobenswert war. Dass ich mich mündlich nie am Unterricht beteiligt habe, war für die Lehrer offenbar kein Problem. Schließlich war ich in schriftlichen Arbeiten zunächst eine ziemlich gute und dann später eine absolut durchschnittliche Schülerin.

Niemand hat bemerkt, dass ich tausend Tode gestorben bin, wenn ich mir im Schreibwarenladen ein Schulheft holen sollte oder eine Butterbreze in der Bäckerei. Niemand hat bemerkt, dass ich mich mehr und mehr mit mir selbst beschäftigt habe und möglichst unauffällig allen Situationen aus dem Weg ging, in denen ich außerhalb meiner vertrauten Umgebung hätte sprechen müssen.

Es war leicht, das zu übersehen, denn in der Familie war ich eher aufgedreht und geschwätzig. Dass ich dabei immer nur banale Dinge erzählt habe, hat niemanden gestört. Über das, was mich wirklich bewegt hat, konnte ich selbst mit meinen Eltern nie reden – und daher haben sie auch nie erfahren, dass ich vor der Welt verstummt war.

Zum Schweigen kam mit bem Beginn der Pubertät die Panik. Und die Angst vor dem Sprechen, vor der Öffentlichkeit, breitete sich immer weiter auf mein Leben aus, bis kaum noch Situationen übrig blieben, in denen ich mich entspannen konnte. Als Teenager hatte ich an den meisten Tagen mehrere Panikattacken – und nur allein in meinem Zimmer konnte ich bei unendlichen Selbstgesprächen ein wenig von dem Stress abbauen. Bis zur nächsten „öffentlichen Situation“.

Schule war ein Horror. Die anschließende Ausbildung war noch viel schlimmer und endete zwar mit einem ganz ordentlichen Zeugnis, aber trotzdem mit meiner Entlassung.

Damals habe ich erkannt, dass mein Leben so nicht weitergehen durfte.

Anfang der 90er Jahre waren Ratgeber-Bücher nicht sehr verbreitet. Aber als mir ein Taschenbuch aus der Reihe „Esoterisches Wissen“ in die Hände fiel, habe ich zugegriffen. Vermutlich war der Text auf der Rückseite ausschlaggebend:

„Wachen Sie auf und nehmen Sie Ihr Leben in selbst in die Hand!
Nicht die Lebensumstände, sondern Sie selbst bestimmen Ihr Schicksal!“

Ich habe damals die alleinige Verantwortung für mein Leben übernommen und geändert, was mir möglich war. Zunächst nur in winzigen Schritten, dann später bin ich bewusst über meine Grenzen gegangen. Ich habe das Schweigen zurückgedrängt, und trotzdem war es immer noch ständig präsent – bereit, mich in Panik zu versetzen.

Ich weiß nicht, wann genau die Redepanik aufgehört hat. Als ich 2008 zum ersten Mal in der lokalen Tageszeitung einen Artikel über Mutismus gelesen habe, war sie noch da. Aber nun hatte ich endlich ein Wort für das, was meine Geschichte geprägt hat: Selektiver Mutismus.

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Heute kann ich in jeder Situation sprechen. Trotzdem bin ich weiterhin ein stiller Mensch und zurückhaltend, wenn ich fremde Menschen ansprechen soll.

Ich bin sehr stolz darauf, dass ich heute als Trainerin für Kommunikation und persönliche Entwicklung arbeite. Ich mag es, vor Gruppen zu stehen und Wissen zu vermitteln. Zugegeben, das ist immer noch gelegentlich eine große Herausforderung für mich – aber eine, die mir riesigen Spaß macht.

Ich weiß, dass ich als Introvertierte viel Raum zum Rückzug und Ruhe zur Erholung brauche. Ich bin gerne allein.
Und ich bin gerne unter Menschen.

Ich habe in den letzten Jahren NLP und Hypnose gelernt und dabei entdeckt, dass ich sehr gut darin bin, als Coach Veränderungen bei anderen Menschen in Gang zu bringen. Ich liebe den Moment, in dem ich im Gesicht meines Klienten ablesen kann, dass sich neue Wege aufgetan haben. Selbst wenn ihm das erst später bewusst wird, weiß ich, dass er neue Handlungsmöglichkeiten finden wird.

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Übrigens: Das Buch, das mir als allererstes begegnet ist, als ich mein eigener Coach wurde, war „Das Robbins Power Prinzip“. Es war tatsächlich mein erstes NLP-Buch. Aber das ist mir erst knapp 20 Jahre später während meiner NLP-Ausbildung bewusst geworden. Damals waren es einfach über 500 eng bedruckte Seiten voller Möglichkeiten, mein Leben zu verändern. 🙂