Christine und Stille Stärken

Stumm
 

Wer steckt hinter “Stille Stärken” – und woher kam die Idee, darüber zu bloggen?

„Stille Stärken“ ist eine Seite für Stille Menschen – geschrieben von einem stillen Menschen, und zwar von mir, Christine Winter.

Ich habe fast 30 Jahre lang mit einer Sprechblockade gelebt, die mich in sehr vielen Situationen an der normalen Kommunikation gehindert hat. Und ich habe den Eindruck, dass es viele Menschen gibt, denen es ähnlich geht.

Auf meinem langen Weg raus aus dem erzwungenen Schweigen habe ich eine Menge Veränderungstechniken ausprobiert. Ich war mir über viele Jahre sozusagen mein eigener Coach. Und einige von den Methoden haben mir geholfen, mich Schritt für Schritt weiter zu entwickeln, so dass ich seit ein paar Jahren nicht mehr an unüberwindliche Sprechbarrieren stoße.

Ich bin immer noch ein Stiller Mensch. Aber heute kann ich frei entscheiden, ob ich mich ausdrücke oder ob ich mich zurückhalte.

Woran merkst du, dass du als stiller Mensch anders bist als die meisten Leute?

Wenn mich neue Leute kennenlernen, höre ich ganz oft: „Du bist so still. Dabei steckt doch so viel in dir. Du solltest dich mehr zeigen – geh doch mal mehr aus dir heraus. Ist doch schade, wenn du deine Stärken versteckst.“

Und ich gebe zu: Sie haben recht. Doch für mich ist es anstrengend, „aus mir heraus zu gehen.“ Deswegen tue ich es wesentlich seltener und vorsichtiger als viele andere Leute.

Als Stiller Mensch brauche ich überdurchschnittlich viel Zeit für mich allein. Gerne mit einem Buch auf dem Sofa. Oder beim Schreiben auf dem Balkon, mit Blick über das Dorf in dem ich wohne. Oder wenn ich nach draußen gehe zum „Spazierendenken“.

Als Trainerin für persönliche Entwicklung, als Coach und als Dozentin arbeitest du ja heute sehr viel mit Kommunikation. Was reizt dich daran besonders?

Ich mag es, mich als Beraterin oder bei einem Coaching ganz auf mein Gegenüber einzustellen und mit ihm gemeinsam in sein Thema einzutauchen.

Vor allem liebe ich es, wenn ich, während wir an seinem Problem arbeiten, im Gesicht meines Klienten erkennen kann, dass bei ihm gerade eine Veränderung passiert. Ihm selbst wird meistens erst einige Zeit später bewusst, dass er während des Coachings neue Handlungsmöglichkeiten für sich gefunden hat. Aber ich sehe schon während wir daran arbeiten, wie die Gesichtszüge weicher werden und die Haltung sich enspannt. Meine Klienten sitzen mir am Ende eines Coachings oft ganz verändert und sehr gelöst gegenüber.

Besonders stolz bin ich darauf, dass ich heute als Dozentin und Hochschullehrerin regelmäßig vor Gruppen spreche – ganz ohne Sprechangst und ohne Lampenfieber.

Was genau verstehst du unter „Stille Stärken“?

Jeder Mensch hat seine besonderen Fähigkeiten, jeder kann eine Menge Dinge, die ganz unabhängig von gesprochenen Worten sind. Diese „Stillen Stärken“ ins Bewusstsein der stillen und auch der nicht stillen Menschen zu rücken, ist mein Herzensthema geworden.

Und dann hat „Stille Stärken“ für mich noch eine zweite Bedeutung, nämlich die Stillen zu stärken. Mir ist es unglaublich wichtig, jemandem, der in Sprechblockaden und Ängsten festhängt, zu zeigen, dass er selbst etwas an seiner eigenen Situation ändern kann.

Es geht mir nicht unbedingt darum, jemanden, der schweigt, zum Sprechen zu bringen. Mir geht es darum, dem Menschen, der nicht an sich glauben kann, weil er sich als „fehlerhaft“ erlebt, den Wert, den er zweifellos hat, ins Bewusstsein zu bringen.

Es schwingt sogar noch eine dritte Bedeutung mit: Die Stille zu stärken und für Entspannung zu sorgen. Denn wer zum Schweigen gezwungen ist, obwohl er sprechen möchte, steht ständig unter enormem Stress. Erst einmal ein wenig zur Ruhe zu kommen und Stille auszuhalten ist ein erster Schritt hin zu einem besseren Leben als Stiller Mensch.

Was empfindest du als deine besondere Stärke?

Ich bin sehr gut im Mit-Fühlen und im Hin-Hören. Lange Zeit habe ich diese Fähigkeiten bei mir überhaupt nicht geschätzt und mich betont sachlich, logisch und abgeklärt gegeben. Aber mein Talent für den empathischen Umgang mit Menschen hat geduldig im Hintergrund gewartet, bis ich bereit war, es zu nutzen. Seit ich vor einiger Zeit begonnen habe, die Coaching-Methoden nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Klienten einzusetzen, wurde mir erst richtig klar, wie wertvoll das Talent ist, das ich da habe.

Du hast dir für “Stille-Stärken.de” ein ernstes Thema ausgesucht – was macht dir daran Freude?

Ich habe nicht den Eindruck, dass ich mir das Thema ausgesucht habe. Selektiver Mutismus und die daraus entstandene Angst vor dem Sprechen war ja mein Thema, solange ich denken kann.

Nun habe ich mich entschieden, dass ich dazu etwas sagen habe. Dass ich meine Geschichte erzählen möchte, um anderen ein Beispiel dafür zu geben, dass es möglich ist, selbst seinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Seit ich angefangen habe, über mein unfreiwilliges Schweigen zu erzählen, bekomme ich viele schöne und sehr persönliche Reaktionen. Dadurch macht es mir Freude, die Kontakte zu erweitern und zu vertiefen und noch mehr zu informieren und zu helfen.
Über das Internet kann ich mich nun auch mit stillen Menschen austauschen, die ich sonst nie getroffen hätte.

Und ich kann Eltern oder Lehrern oder Vorgesetzten einen Einblick in die Besonderheiten stiller Menschen geben, damit sie besser mit Schweigen umgehen können.

Was wünscht du dir für „Stille Stärken“?

Ich wünsche mir noch viel mehr nette Kontakte – über die Kommentare im Blog, per E-Mail oder auch im direkten Gespräch, wenn sich dafür eine Gelegenheit ergibt.
Und ich wünsche mir für alle Stillen Menschen, dass sie das Selbstbewusstsein finden, der Welt ihre Stärken zu zeigen. Jeder auf seine ganz persönliche Weise.