FAQ: Wieso soll sich ein Mutist eigentlich anstrengen, über den Selektiven Mutismus hinwegzukommen? Wenn sich die anderen alle nach ihm richten würden, hätte er ja keine Probleme!

Ich gebe es gleich zu: Die Fragestellung habe ich etwas überspitzt und stark verkürzt formuliert. Wenn mir Betroffene oder Eltern diese Frage stellen, dann erzählen sie da rundherum eine Menge erklärenden Text, warum eigentlich alles gar nicht so schlimm wäre, wenn sich einfach nur alle anderen anders verhalten würden.

Auf den Punkt gebracht steckt immer folgende Haltung dahinter: Wenn die Anderen sich alle ändern würden, würde es mir (bzw. meinem Kind) keine Probleme mehr machen, trotz mutistischer Blockade problemlos durch den Alltag zu kommen.

Ich sehe da eine ganze Reihe von Denkfehlern. Und alle machen die Situation eines selektiven Mutisten noch problematischer – wenn auch erst auf lange Sicht:

Die Erwartung, es gäbe ein Leben mit Sprechblockaden/Mutismus ohne Probleme

Meine Erfahrung aus bald zehn Jahren ohne nennenswerte Sprechblockaden ist: Es gibt überhaupt kein Leben ohne Probleme. Sind die Sprechblockaden weg, dann rücken andere Lebensthemen nach. Das ist normal, das gehört zum Mensch-sein einfach dazu.

Meine dreißigjährige Erfahrung mit mutistischen Blockaden ist: Egal, wie problembefreit der Alltag mit Mutismus zu sein scheint – das Gefühl, nicht normal agieren zu können, überstrahlt auch die schönen Zeiten.
Als Mutistin wusste ich immer, dass die nächste unlösbare Aufgabe nur darauf wartet, mich zu überwältigen. Und daher war ich nie entspannt, nie sicher, nie ich selbst.

Es gibt kein Leben ohne Probleme. Aber Mutismus darf nicht zu deinen Lebensproblemen gehören.

Ja, es erfordert eine sehr intensive Arbeit an sich selbst. Und ja, das ist es hundertfach wert.

Die Erwartung, andere könnten verstehen, wie Mutismus ist und sich entsprechend verhalten

„Ich kann’s halt einfach nicht“ ist nicht dazu geeignet, um Verständnis zu bekommen. Und es ist für die meisten Mutisten die konkreteste Beschreibung ihres Erlebens, die sie in Worte fassen können.

Niemand kann verstehen, was es heißt, in einer mutistischen Blockade zu sein und an der Interaktion gehindert zu werden, ohne es beeinflussen zu können. Nicht mal Betroffene mit vielen Jahren Erfahrung können es sich und anderen erklären.

Andere Menschen können aber nur das verstehen, was sie in ihrer Lebensrealität irgendwo einordnen können.
Was man selbst nie gesehen, erlebt, gefühlt hat, kann man nicht nachvollziehen. Wie auch?

Und weil die mutistische Blockade so anders ist, ist die Erwartung, jemand – egal wer – könnte sie verstehen, völlig unrealistisch.

Die Erwartung, dass andere Menschen dafür zuständig sind, einem die Steine aus dem Lebensweg zu räumen

Mal ehrlich – dass das Quatsch ist, liegt auf der Hand.

Und wenn du jetzt spontan gedacht hast: „Schön wär’s…“
Denke mal zu Ende, was das hieße.

Da lebe ich mein Leben lieber aus eigener Kraft.

Die Erwartung, dass das Leben leichter ist, wenn man anders als normal behandelt wird

Eines der echt belastenden Horrorszenarien für Mutisten ist, wenn sie aus der Masse hervorgehoben plötzlich im Mittelpunkt stehen. Auffallen ist unerträglich.

Sonderstatus? Nein danke.
Anders behandelt werden? Uaaaaah…

Die (versteckte) Erwartung, dass der Mutismus „vergeht“, wenn man keine Auslösersituationen mehr erlebt

Etwas, das nicht auffällt, ist nicht weg. Es ist nur im günstigsten Fall nicht mehr so auffallend.

Angenommen, du bist unter Leuten und hast einen großen Ketchup-Fleck auf dem hellen T-Shirt. So ungefähr auf Nabelhöhe, mitten auf dem Bauch.

Sowas ist peinlich. Also suchst du nach Ideen, wie du den Fleck „wegmachen“ kannst.

Du verziehst dich auf’s Klo, um Wasser drüberlaufen zu lassen. Der Fleck wird größer, nässer und noch röter.

Du überlegst kurz, dich bis zum Abend im Klo einzuschließen. Aber draußen wartet jemand auf dich. Geht also nicht.

Du versuchst die Arme so über dem Fleck zu verschränken, dass er nicht mehr sichtbar ist. Aber irgendwo kuckt immer eine Ecke raus.

Du stellst dich ins Halbdunkel am Zimmerrand hinter den Ficus und hoffst, dass dich die Zimmerpflanze unsichtbar macht. Tatsächlich fällst du jetzt erst richtig auf, weil sich jeder fragt, was du da hinten eigentlich treibst.

Egal, was du machst – der Fleck geht nicht weg. Und wenn auch du nicht weg kannst, dann wird sich daran auch nichts ändern.

Du könntest natürlich Hilfe holen. Ein netter Bekannter leiht dir vielleicht seine Jacke. Sieht nicht elegant aus, aber wenn du den Knopf zumachst, sieht man den Fleck nicht mehr. Davon geht der Fleck aber auch nicht weg. Man sieht ihn nur nicht.

Langer Rede kurzer Sinn: Du kannst Mutismus über weite Strecken deines Lebens verbergen. (Du kannst dich im übertragenen Sinn ins Klo einschließen…) Du wirst dich unterdessen ziemlich unwohl in deinem Leben „mit Fleck“ fühlen. Und der Mutismus wird immer noch da sein, wenn du wieder in eine Situation kommst, in der du ihn eben nicht verbergen kannst.

Und die Erwartung, dass es anstrengender ist, über den Selektiven Mutismus hinwegzukommen, als damit weiter zu leben

Egal, wie gut ich mir mein Leben mit den Sprechblockaden eingerichtet hatte – es war ein enormer Stress. Nicht etwa, weil ich Ziele erreichen oder Erfolge erleben wollte, sondern nur, weil ich so enorm viel Energie brauchte, um alles zu vermeiden, was schwierig sein könnte.

Dann habe ich mir zum Ziel – zu einem echten, ganz großen Lebensziel – gesetzt, dass ich alles über Kommunikation lernen würde, was ich bräuchte, um in jeder Situation normal zu reden.

Das hat mir Energie gegeben. Da war Motivation. Da entwickelte sich der Biss, etwas auszuprobieren, ohne zu wissen, was dabei herauskommen wird. Das gab mir mit der Zeit Spaß an kleinen (und häufig auch viel zu großen) Herausforderungen.

Natürlich gab es Misserfolgserlebnisse. Es ging mir alles viel zu langsam. Und Rückschritte haben mich natürlich frustriert.

Aber obwohl ich lange Zeit eher einen Schritt vor und einen zurück machte, war ich in Bewegung. Ich konnte etwas tun, und dadurch hat sich mit der Zeit etwas verändert.

„Das Leben“ hat mich während der Jahre nach meiner Entscheidung gegen ein Leben mit Sprechblockaden nicht verschont – denn weder ich noch sonstwer wusste, dass mein Problem „Selektiver Mutismus“ hieß und ein psychisches Störungsbild war, das therapeutisch behandelt werden sollte. Ich wusste nur: Ich wollte in jeder Lebenslage reden können.

Wenn du mich heute fragst, ob es anstrengend war: Ja, es war anstrengend. Und ich habe die ganze jahrelange Anstrengung von dem Moment an als positiv in Erinnerung, in dem ich die Entscheidung getroffen habe, mein Lebensziel aus eigener Kraft zu erreichen.

Wenn du mich heute fragen würdest, ob das Weiterleben mit Mutismus weniger anstrengend gewesen wäre…
Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob ich heute noch da wäre, um darauf eine Antwort zu geben…


 

Nächste Frage: Was machen Menschen, die im Erwachsenenalter noch selektiv mutistisch reagieren, beruflich?

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