FAQ: Warum kriegt man Selektiven Mutismus? Und wie kriegt man ihn wieder weg?

1. Woher kommt Selektiver Mutismus

Dazu gibt es viele Meinungen. Ich selber habe natürlich auch welche.

Eine wirklich verbindliche Antwort darauf, woher Selektiver Mutismus kommt, gibt’s bisher nicht.

Es gab und gibt einige Forschungsarbeiten – aber Forschung ist immer nur so gut, wie die Fragestellung, die sie untersucht. Und längst nicht alles, was Forscher interessiert, ist für Betroffene und deren Therapie relevant.

Anders ausgedrückt: Bis aus den Theorien über die Mutismus-Ursachen, die heute hinterfragt werden, zu praktisch nutzbaren Therapieansätzen (weiter-)entwickelt werden, vergeht noch viel Zeit. Und erst dann wird man sehen, ob die erforschte Fragestellung tatsächlich praxisrelevant ist – oder ob sie zwar wissenschaftlich aufsehenerregend, aber für die Praxis irrelevant ist.

Meine völlig unwissenschaftlichen Beobachtungen – die zugegebenermaßen sowohl von Fachleuten als auch von noch oder ehemals Betroffenen bezweifelt werden, sind:

  • Selektiver Mutismus tritt schon vor dem Kindergartenbeginn auf. Er fällt in der Regel aber erst danach auf, weil ein Kind vorher nicht so vielen fremden Personen/Situationen begegnet.
  • Kinder mit zurückhaltenden und introvertierten Charakterstrukturen reagieren eher mit mutistischen Blockaden als Kinder, die draufgängerischer unterwegs sind.
  • Schwierige Lebenssituationen der Eltern oder Großeltern, die noch nicht aufgearbeitet wurden und daher ein Tabu innerhalb der Familie darstellen, könnten eine Rolle spielen.
  • Traumatische Erlebnisse des Kindes selbst können eine Rolle spielen – wobei alle Situationen traumatisierend wirken können, in denen sich das Kind hilflos überfordert erlebt. Auch (aus Erwachsenensicht) banale Alltags-Ereignisse können für das Kind zur unlösbaren Aufgabe führen.
    (Das ist mir wichtig, denn beim Wort „Trauma“ wird landläufig automatisch auf „Missbrauch“ geschlossen – und das ist völliger Quatsch. Missbrauch aller Art ist zwar eine traumatisierende Überforderungssituation. Aber längst nicht jedes Trauma als Folge einer Überforderung, die psychisch nicht abschließend aufgearbeitet werden konnte, hat seinen Ursprung im Missbrauch!)
  • Mehrsprachigkeit ist ein Faktor – wobei ich persönlich nicht glaube, dass ein Kind Mutismus bekommt, weil es unterschiedliche Vokabeln für gleiche Gegenstände hört.
    Meiner Ansicht nach ist der Auslöser subtiler: In Sprache schwingen immer auch unausgesprochene Haltungen, Bedeutungen und Vorannahmen mit. Und ich glaube, dass ein Kind, das in der Familie in einem bestimmten Bedeutungsrahmen aufwächst, dadurch verunsichert bzw. überfordert wird, dass außerhalb der Familie ein (nur subtil) anderer Rahmen für die gleichen Gegenstände gilt.
    Ich betrachte also nicht die unterschiedlichen Sprachen, sondern die unterschiedlichen Denkweisen, die sich in den Sprachen ausdrücken, als relevant für die Mutismusenstehung.
  • Für mich liegt auf der Hand, dass ein Kind mit einer suboptimalen Bindung zu seiner Mutter mit höherer Wahrscheinlichkeit mutistische Blockaden entwickelt als ein Kind, das in der Beziehung mit der Mutter absolute Sicherheit erlebt. Ob Bindungsprobleme als „Begründung“ für die Entstehung des Selektiven Mutismus ausreichen, bezweifle ich – aber im Zusammenspiel mit anderen Faktoren ist die Unsicherheit, mit der ein Kind, dessen erste Bindungserfahrungen unglücklich verlaufen sind, vermutlich relevant.

Ich glaube – und die Mutismusforschung ist in diesem Punkt der gleichen Ansicht – dass ein Zusammenwirken von Faktoren entscheidend dafür ist, ob Selektiver Mutismus auftritt.

Ich glaube nicht, dass Selektiver Mutismus eine „Erbkrankheit“ mit rein genetischen Ursachen ist.

Und ich glaube auch nicht, dass Selektiver Mutismus eine Angsterkrankung ist.

2. Wie wird man Selektiven Mutismus los

Es gibt bestimmt Fälle, in denen die mutistischen Blockaden mit der Zeit von selbst verschwinden. Darauf würde ich mich niemals verlassen, denn wenn nicht, dann geht die Zeit vorüber, in der sich Selektiver Mutismus am leichtesten therapieren lässt.

Daher empfehle ich dringend, so früh wie möglich eine Therapie zu machen. Und der allerbeste Moment dafür ist immer JETZT.

Mag sein, dass du das ohne professionelle Unterstützung hinkriegst. Ich hatte auch keine Therapie (weil ich nicht wusste, dass meine Sprech-Probleme eine psychische Krankheit waren).
Ich war aber dreißig Jahre lang in meinem Alltag enorm eingeschränkt. Und ich bin mir rückblickend absolut sicher, dass das nicht so lange hätte dauern müssen, wenn ich jemanden gehabt hätte, der verstanden und behandelt hätte, was mich an einem normalen Leben gehindert hat.

Ich weiß nicht, was „die beste Therapie“ ist. Ein paar Überlegungen dazu habe ich dennoch in einer weiteren Antwort zusammengefasst.

Ich weiß aber, dass Abwarten keine Option ist. Jeder Erfolg und jeder Misserfolg auf dem Weg aus den Sprechblockaden macht deutlicher, was funktioniert – und wenn etwas funktioniert, dann mach mehr davon. Wenn nicht, dann mach etwas anderes. Aber mach was!

 


 

Nächste Frage: Ist Selektiver Mutismus eine Kinderkrankheit?

Zurück zur Übersichtsseite