FAQ: Was machen Menschen beruflich, die Selektiven Mutismus im Erwachsenenalter noch haben?

Erwachsene Menschen mit Sprechblockaden arbeiten in den verschiedensten Berufen. Ich kenne gleich mehrere, die interne Schulungen für die Kollegen in ihrer Firma geben. Ich kenne auch Köchinnen und Künstlerinnen. Es gibt (mindestens einen) Lager-Facharbeiter und einen Berufskraftfahrer. Gärtner und Ökotrophologin, Bürokauffrau und Altenpfleger, Erzieherin und Chemielaborant….

Die Frage, die eigentlich gestellt wird, wenn ich nach Berufen gefragt werde, ist oft eher:
Welchen Beruf soll ein Jugendlicher mit selektivem Mutismus wählen, damit er weitestgehend so weiterleben kann, wie er das aus seiner Schulzeit kennt?

Tja, einen solchen Beruf gibt es vermutlich nicht.

Das Berufsleben ist anders als das Leben als Schüler.
Erwachsen werden ist anders als Kind sein…

Natürlich gibt es auch für den Berufseinstieg alle möglichen Hilfen. Und nicht wenige Mutisten werden in Berufsförderungseinrichtungen ausgebildet oder sie arbeiten in speziellen Werkstätten, die auf besonderen Förderbedarf eingerichtet sind.

Einige landen auch in Hartz-IV. Oder sie kriegen sogar in jungen Jahren schon eine Arbeitsunfähigkeitsrente.

Das finde ich schrecklich.

Denn Menschen brauchen eine Aufgabe, an der sie sich weiterentwickeln können. Und einen Arbeitgeber zu haben, der Anforderungen stellt, ist eine großartige Voraussetzung, um daran zu wachsen.

Ich habe nach meinem (wegen der fehlenden mündlichen Noten) gerade eben so bestandenen Realschulabschluss eine Ausbildung bei einer Behörde begonnen. Das war nicht gerade mein Traumjob, aber dort war vor Ausbildungsbeginn kein ausführliches Vorstellungsgespräch, sondern nur ein schriftlicher Einstellungstest und ein kurzes Gespräch nötig – und das war damals Grund genug. 🙂

Für mich war es überhaupt nicht lustig, mit 16 Jahren in einer Behörde alle zwei oder drei Wochen in einem anderen Sachgebiet von anderen Kollegen mit anderen Aufgaben ausgebildet zu werden und zwischendurch immer wieder für mehrere Wochen im Blockunterricht mit Internatsunterbringung zur Berufsschule zu müssen.

Und ich habe dabei unglaublich viel gelernt. Ich bin dabei erwachsen geworden.

Ein paar Jahre später habe ich die Fachhochschulreife nachgemacht. Ich habe studiert und als Diplom-Verwaltungswirtin (FH) abgeschlossen. Heute bin ich Hochschullehrerin, Kommunikationstrainerin, Coach für persönliche Entwicklung – und Bloggerin. 😉

Meine berufliche Entwicklung und mein persönliches Wachstum gingen über die Jahre parallel voran. Die Herausforderungen und Anforderungen im Job waren manchmal riesig – und sie waren mein größter Ansporn, immer wieder dazuzulernen und über Grenzen, die ich vorher für unüberwindbar hielt, hinauszukommen.

Den größten Schritt raus aus den Sprechblockaden schaffte ich, als ich eine Aufgabe mit intensiver Kundenberatung am Schalter und am Telefon bekam. Denn so viel Sprech-Gelegenheit und praktische Kommunikationsübung mit immer neuen Menschen hätte ich außerhalb des Berufs vermutlich in Jahrzehnten nicht sammeln können. An manchen Tagen hatte ich mehr als 100 Kunden in kurzen Gesprächen – und ich war unendlich stolz und glücklich, wenn alle gut beraten und zufrieden rausgingen.

Es gibt keine Berufe für Selektive Mutisten.
Jede Arbeit ist geeignet, um sich daran weiterzuentwickeln.

Und wenn sich nach längerem Ausprobieren herausstellt, dass es bisher noch nicht der Traumjob war, kannst du jederzeit einen neuen Beruf wählen. Die Frage ist nicht, ob das geht. Die einzige Frage ist: Wie kriegst du es hin?

 


 

Nächste Frage: Christine, was hat dir letztlich geholfen, aus den Sprechblockaden rauszukommen?

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